Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1908)
- Date
- 1908-08-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der J-raeltt. Seite 8. 3V. August -AM Nr. 84_, _ die sich alsdann für die ganze bayrische Orthodoxie ergeben würde, in unseren Kreisen kein Zweifel obwalten. Stagnation, Marasmus und Verfall all der Blühen und Gedeihen verheißenden Sprößlinge und Saaten in den beiden Großgemeinden einerseits, dauernde Berewiung der in den Friedensvereinarrzngen von München und Nürnberg fixierten unerquicklichen und beide Richtungen unbefriedigenden Zustände andererseits werden die unausbleiblichen Folgen bilden. Wie wir die Führer der Münchener und Nürnberger Orthodoxie zu beurteilen vermögen, werden dieselben die srucht- und ergebnislose Sysiphusarbeit, die jetzt nach halbhundertjährigem Stillstand von neuem begonnen wurde und von neuem scheiterte, nicht wieder aufnehmen und die Verantwortung für das Fiasko der ganzen Aktion jenen Gesinnungsgenoffen überlaffen, die ihren Widerstand gegen die Revision mit dem bajuvarischen Spruch begründen: „Nix Befferes kommt nicht nach." Jene Herren werden dann auch vor der Geschichte des Judentums die Verantwortung dafür tragen, daß die Orthodoxen in Münchm und Nürnberg die Heloten der neologen Majoritäten ad infinitum bleiben, daß die neologkn Rabbiner „auf grund der landesgesetzlichen Bestimmungen" den Religionsunterricht der orthodoxen Kinder dauernd beaufsichtigen und . inspizieren, vielleicht aus besonderem Wohlwollen und Entgegenkommen den orthodoxen „Rabbinatsassessor", oder .„Vereinsrabbiner" als besseren Maschgiach zur „Unterstützung" in der Beaufsichtigung der Schechitah heranziehen und dem-. selben, wenn er sich besonders brav und gefügig aufführt, sogar die Vornahme von Trauungen in den Famiuen der orthodoxen Vereinsmitglieder, „insolange sich keine Unzuträglichkeiten. dabei ergeben", gestatten usw. Und das Ministerium? Auch dort dürfte kein Zweifel darüber obwalten, daß, wofern die gesetzgeberische Aktion wiederum in ihren ersten Uranfängen Fiasko erleidet, Maßnahmen getroffen werden müffen, um der gegenwärtigen unhaltbaren Situation, die jeden Tag neue Differenzen und neue Schwierigkeiten für die unteren staatlichen Verwaltungsbehörden schafft, ein Ende zu bereiten. Soll das Ministerium verschränkten Armes zuschauen, wenn nach dem Scheitern der Revisionsaktion die Händel und Streitigkeiten in den israelitischen Kultusgemeinden mit verstärkter Vehemenz auf allen Gebieten des religiösen Lebens, der Vermögens- und Stiftungsverwaltung von neuem einsetzen, wenn die Zwistigkeiten, die im Vorjahre über das Kaddisch und den Almemor ausgefochten wurden, dürfen. 'Sandel Blad hätte gerade noch Zeit zu Schlome Bär zu sagen: „Einen großen Teller Gänsekrieben schick' ich dem Awromchen, wenn's freikommt. Wi? ichön advokatifch hat's geredt; 'n Rachmones wie's nebbich geschwitzt hat." Unter allgemeiner Stille begann aber n-un statt Selig's der Verteidiger Schenchens, Advokat Woli, indem er seine blaue Brille zurechtrückte und seine Gestalt hoch in die Höhe sichtete mit dröhnender Stimm:: „Hoher Gerichtshof und meine Herren Geschworenen!" Der Richter stutzte einen Augenblick. Dies: Anrede paßte doch gar nicht hierher, und war nur für Schwurgerichte gebräuästich, während hier doch eigentlich nur eine einfache Strafsache verhandelt werden sollte. Doch verriet er mit keiner Miene sein Erstaunen über Wolfs Ansprache. Der. Gerichtsdiener, der hinter dem Sessel des Friedensrichters stand, und außer den gebräuchlichen Amtsfunktionen auch sie Reinhaltung des Saales, des Ordnens der Stuhl;, im Winter des Heizens, des Füllens der Tintenfässer und der Verwahrung der Akten in dem Schrankzimmer zu besorgen hatte, grinste einen Augenblick vor Vergnügen, als er Wolfs Blicke an sich vorüberstreifen sah, dann aber nahm er, sich in die Rolle eines Geschworenen hineindeükcnd, ein: feierliche Miene an. Der Gendarm sah starr wie eine Bildsäule geradeaus, denn auch auf ihn paßte doch der hohe Gerichtshof und der Gerichtsvollzieher Zöller blickte selbstbewußt auf den .Redner. Nur der Aktuar blieb unbeweglich, als sei es selbstverständlich, daß der Verteidiger sich an einen hohen Gerichtshof wandte. Ein gewandter Stenograph, — damals noch eine selten: Kunst — ließ der Aktuar wie spielend den Bleistift in seiner Hand über das Papier gleiten, was sonunmehr über Bestattungs- und Beschneidungswesen die Gemeinden in zwei feindliche Parteien spalten, von welchen jede einzelne von dem Referenten im königl. bayrischen Ministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten als oberste Instanz den sakrosankten Schiedsspruch in diesen Dingen für sich beansprucht. Wird das Ministerium sich weiter wohl in der Situation fühlen, daß es z. B. in der Gemeinde X. auf Gutachten des Rabbiners A. die Beisetzung von Urnen, „unter Wahrung der Ritualien" als religionsgesetzliches Gebot dekretiert, und gleich- Ö in der Gemeinde A. auf Gutachten des iners B. diese Beisetzung als Sakrileg untersagt? Wir bezweifeln, daß dies der Ausgang der Revisionsaktion sein wird,' wir glauben vielmehr, daß dann der gordische Knoten in jener Form durchhauen wird, die in einem großen politischen Organ Süddeutschlands im Vorjahre als freiheitliche und demokratische Forderung einerseits, als idealer Ausweg aus dem gegenwärtigen Labyrint andererseits angedeutet wurde, und daß diese Lösung Schiffer und Kahn, Judenedikt und diejenigen, die es behüten und steuern wollen, verschlingen wird. „Und das hat mit ihrem Singen die Loreley getan". Aus diesen Gründen können wir nicht glauben, daß all unserem Ringen und Mühen des Vorjahres ein derartiger Ausgang beschicken sein wird. In dem Epilog zu den Gemeindekämpfen in München und Nürnberg schrieben wir vor wenigen Monden an dieser Stelle: „Wie es aber nicht unsere Aufgabe sein kann, bei der zukünftigen Neuregelung die Rechte und die Autorität des Rabbiners in den religionsgesetzlichen Angelegenheiten seiner Gemeinde gegenüber den derzeitigen Normen irgendwie zu schmälern und zu beeinträchtigen, so Kinnen wir unsere orthodoxen bayerischen Rabbiner auch davon nicht dispensieren, als Vertreter des religiösen Prinzips bahnbrechend für die gesetzestreue Richtung in dem unser harrenden Kampfe mitzuarbeiten und der Staatsregierung gegenüber das Mindestmaß jener Postulate aufzustellen, die für die orthodoxen Gemeinden in Stadt und Land vitale Existenzbedingungen sind. Ihnen, den Rabbinern, obliegt die Führung der orthodoxen Laien, die entscheidende Stimme bei dem Entwurf unseres Zukunftsprogramms, bei der Sichtung des einschlägigen Materials und bei der ausklärenden Pioniertätigkeit gegenüber Regierung und Landtagihre Ausgabe wird es sein, darzutun, warum die Revision dieser Gesetzgebung nicht ad calendas gr&ecas vertagt werden kann und warum auch in Bayern mit dem Gewohl von Wolf als auch von Selig nicht ohne Genugtuung wahrgenommen wurde. „Hoher Gerichtshof und meine Herren Geschworenen!" wiederholte Wolf nochmals nachdrücklicher. „Mein Kollege, Herr Selig, immer ritterlich gegen Damen, (und damit war Selig ein in überaus vielfacher Beziehung verdientes Kompliment gemacht) „hat mir für meine Klientin das Wort zuerst eingeräumt. Ich werde nun mit gütiger Erlaubnis des hohen Gerichtshofes und des Herrn Vorsitzenden mir erlauben, durch ein kurzes Kreuzverhör den Kläger aus seine Glaubwürdigkeit zu vernehmen. Herr Rosenwald treten Sie vor die Schranken und wiederholen Sie an dieser Stätte Ihre Anklage, die Sie gegen die ehrbare Jungfrau Jeanette Bienenfeld erhoben haben!" Niemand rührte sich von der Stelle und nichts unterbrach die Ruhe des Auditoriums. Da fuhr Wolf fort: „Der Kläger hat sich darauf beschränkt, seine Anklage schriftlich an die hier kompetente Behörde zu richten, aber er hat nicht den ehrlichen Ma'nnesmut. gehabt, persönlich die schwere Anklage gegen seine leibhaftige Schwägerin hier zu wiederholen. Damit, hoher Gerichtshof, hat der denunzierende Rosenwald sich selber gerichtet. Mich soll dieses Fernbleiben des Anklägers von dieser Stätte des Rechts aber nicht abhalten, durch meine hier anwesenden Zengen uud vor allen Menschen darzutun, wie die Welt, freilich eine Welt wie die des denunzierenden Rosenwald, es liebt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen. Ich beantrage, di: Zeugen Eheleute Ammelburgsr, katholischer Konfession, Frau Katharine Hertling, protestantischen Glaubens und die Eheleute Vitt, wiederum katholisch, und endlich die Eheleute Eis, Löb Menkeburg, und dir Witwen, Heß und Goldschmidt alle mosaischen Glaubens, zu wissenszwang aufgeräumt werden muß, den der preußische Gesetzgeber schon vor 32Jahren in der Bestimm ung erkannte, daß in einem politischen Bezirke nur eine einzige Synagogengemeinde existieren dürfe. Diesem Gedankengang möchten wir hiermit nochmals und feierlich Ausdruck verleihen. Wir verlangen jetzt nachdrücklicher wie je von unseren orthodoxen Führern, daß sie in dem Kampfe um die Revision der Gesetzgebung uns voranmarschieren und uns Helsen, moderne gesetzliche Normen für die freie und unbehinderte Entwicklung des alten, traditonellen Judentums in Bayern zu schaffen. Wir Laien, wollen lieber heute als morgen von der politischen Schaubühne verschwinden, wir wollen lieber heute als morgen wieder zu unseren Geschäften zurückkehren und es unseren durch ihren Beruf dazu prädestinierten religiösen Führern überlassen, durch eine neue, gerechte und moderne Gesetzgebung das Werk zu krönen, dessen Aufbau sie im Vorjahre durch ihren bewährten Rat und manche mannhafte Tat so mächtig gefördert haben. Wir sind sicher, daß dieser bescheidene Appell bei allen Orthodoxen im Lande, seien es Rabbiner, seien es Laien freudigen Widerhall findet, aus daß die bayrische Orthodoxie in geschloffener Phalanx an der unser harrenden Aufgabe mitarbeite und der große Moment der Vorbereitung einer neuen Gesetzgebung kein kleines Geschlecht innerhalb der bayrischen Judenheit vorfinde. 8. F. Ofochevnrn-schau. Licht im Offen? Tie türkische Staatsumwälzung hat sich bisher in überraschend friedlichen Formen vollzogen, und es ist ein ehrendes Zeugnis für die innere Idealität des orientalischen Bolkscharakters, daß dieses ganze große Völkergemisch von dem gewaltigen Gedanken der Freiheit und der Brüderlichkeit bis zur völligen Ausmerzung alles Blutvergießens und jeder gewalttätigen Ausschreitung ergriffen werden könnte. Auch in I e? r u s a l e m ist, wie unseren Lesern an anderer Stelle berichtet wird, der Bersassungswechsel unter tätiger Anteilnahme der Juden lebhaft gefeiert worden, nachdem, wie Privatnachrichten vernehmen; die, sämtlich im Laufe von fünfzig Jahren, nicht nur der Reihe nach im selben Haufe mit Scheuchen Bienenfehd, respektive Awromchen Wühlstem gewohnt, sondern auch reichlich Gelegenheit gehabt hatten, die Tugendhaftigkeit Schenchens gewissenhaft zu überwachen und diese Pflicht der Nächstenliebe auch niemals auch nur eine Stunde lang versäumt haben und gewiß auch bei einer.Verfehlung keinen Augenblick gezögert haben würden, sie gebührend an den Pranger zu stellen. Drei Religionen, meine Herren Geschworenen, werden hier für die Reinheit der Jungfrau Schenchen Bienenfeld ihr Zeugnis ablegen. Ich bitte die Zeugen zu vernehmen und nötigenfalls zu vereidigen." (Fortsetzung folgt.) (Der Grubeubrand i« Boryslaw.) Sett Wochen und Tagen brennt in der von Juden dicht bewohnten galizischen Stadt Boryslaw eine mächtige Naphta- Naphtagrube. In der Wiener „Neuen Freien Presse" schildert jetzt Paul Zifserer die gewaltige Feuersbrunst in überaus anschaulicher Weise. Wir entnehmen der Schilderung das Folgende: Von einem Hügel vor Tustanorvice überblickt man die ganze Landschaft. Zur rechten Hand liegen di: großen weißen und schwarzen O:lkessel in Reih und Glied wie die Steine eines Tammspicls, zur Linken stehen dichtgedrängt die Türme der Naphtagruben wie Schachfiguren bei Eröffnung einer Meisterpartie. Jede Grube hat ihren Namen. Es gibt da nüchterne und phantastische, gutbürgerliche wie hocharistokratische Schächte. Natürlich durfte, auch dre „Lustige Witwe" nicht fehlen, „Wesola Wdowka" heißt sie hier. Bis zunt „Walzertraum" ist aber die Kultur in Boryslaw noch nicht vorgedrungeü.