Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1908)
- Date
- 1908-08-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 33 des „Fsraeut". euilleton. ver knkel. Erzählung von Friedrich Mott. (Fortsetzung) ' Es war an einem Vormittag, er befand sich in dem Arbeitszimmer seines Großvaters, wo er seinen Lehrer erwartete, als seine Großmutter zu ihm trat und ihm einen eben angelangten Brief übergab. Dankend nahm er das Schreiben in Empfang, doch nicht mit freudiger Hast wie das vorwöchentliche. Lässig hielt er dasselbe in der Hand, starrte träumerisch auf die Adresse, was mochte es enthalten? vielleicht gar einen Glückwunsch zu dem von ihm verabscheuten Ereignis? — Das Blut trat ihm in die Wangen doch nur für einen Moment, dann schien er noch bleicher als zuvor. Endlich hob er den Brief, zerriß das Kuvert und entfaltete das in demselben enthaltene Blatt. Da klopfte es an der Tür und gleich darauf trat Doktor Groß mit freundlichem Gruß in das Zimmer. „Guten Morgen lieber Edwin! Sie haben einen Brief erhalten von dem hochwürdigen Herrn? — was schreibt er? Ich bin sehr gespannt auf seine Antwort." „Ich habe sie noch nicht gelesen" sagte Edwin. „So lesen Sie sie, bitte, sofort. Wir müssen doch wisien, wer von uns sich geirrt hat." Edwin entsprach der Aufforderung, der Doktor setzte sich ihm gegenüber, indem er mitleidig das bleiche Gesicht des Lesenden betrachtete. „Was ist Ihnen, Edwin? fühlen Sie sich nicht wohl?" „Danke sehr, mir ist nichts. Ich bin nur müde, weil ich in der verfloffenen Nacht wenig geschlafen habe." „Das sieht man Ihnen an. ,Aber da muß Ihnen ja doch etwas sein, müsonst verbringt man keine schlaflose Nacht in unserem Alter." Edwin schüttelte den Kops. „Mir ist nichts — aber — Sie haben doch sicher das gestrige Tagblatt gesehen — oder davon gehört." „Ach ja so, daran habe ich nrcht gedacht. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie durch meine unüberlegten Fragen verletzt habe." „Sie haben mich nicht verletzt, ich weiß es doch, Sie fragen nur aus Teilnahme." „Davon dürfen Sie allerdings überzeugt sein. Doch nun, bitte, zwingen Sie sich alle unangenehmen Gedanken zurückzudrängen, unser Studium würde sonst heute wenig heißen. Was schreibt denn der Pater Anastasius? hat er Ihnen die betreffenden Stellen angegeben?" „Nein," erwiederte Edwin. „Er schreibt zwar sehr freundlich, sehr herzlich, aber er schreibt in dieser Beziehung müsse ich mich auf sein Wort verlassen, seine Kirche gestatte den Laien nicht, die Bibel zu lesen, das wäre ausschließliche Sache der Geistlichen." „Das ist richtig", entgegnete der Doktor „von diesem. Standpunkt aus könnte er allerdings seinen Glaubensgenossen mit Recht die Antwort auf ihre Fragen vorenthalten, doch Ihnen gegenüber hätte er eine Ausnahme machen sollen. Sie sind Jude, er hat Ihre Religion angegriffen, da hätte er seine Behauptung beweisen müssen. — Gestatten Sie mir die Lektüre Ihres Briefes? Derselbe interessiert mich um so mehr, da Ihre .auch die meine ist und ich selbstverstündlich nicht ruhig zusehen kann, daß dieselbe verunglimpft wird. Dürfte ich also bitten?" „Bitte sehr," sagte Edwin ihm den Brief hinüber reichend. — Derselbe strotzte wiederum von Jnvektiven gegen die jüdische Religion, die Härte, Lieblosigkeit, Haß und Grausamkeit gegen alle Nichtjuden lehre, die die Juden gradezu auffordere, die Nichtjuden zu betrügen usw. usw. „Der hochwürdige Herr geht in diesem Brief doch noch weiter als in dem vorigen" sagte der Doktor, den Brief zurückgebend, „Sie müßten ihn doch nochmals dringend ersuchen, Ihnen die Stellen anzuführen, die alle diese schrecklichen Lehren enthalten." Edwin schüttelte den Kopf. „Das wird vergebens sein, wenn der hochwürdige Herr einmal Nein gesagt hat, dann ist kein Mensch' imstande, ihn zu dem zu bringen, was zu tun er abgelehnt hat." „Dann bleibt mir nichts anderes übrig als Sie durch die Lehren des Pentateuch zu überzeugen, daß die Behauptungen des geistlichen terrn irrig sind, und Sie zu bitten, alle die tellen, die ich Ihnen bezeichnen werde, abzuschreiben und dem Pater Anastasius zu übersenden, mit dem Bemerken, daß Sie dieselben eigenhändig aus dem ' Pentateuch geschrieben haben. Darf ich Sie bitten, das Ihnen bereits bekannte Buch herunter zu nehmen?" Edwin entsprach der Aufforderung und legte das Buch auf den Tisch. Der Doktor blätterte in demselben und deutete dann auf eine Stelle. „Wollen Sie dieses hier lesen, Edwin, und Sie könnten es gleich aufschreiben." Edwin las: „Liebet auch den Fremden, denn. Fremde wäret ihr im Lande Egypten." „Nun bitte, lesen Sie hier und dann dort —" Edwin las: „Wie ein Eingeborener bei euch soll euch der bei euch aus der Fremde Eingetretene sein. Du sollst ihn lieben wie Dich selbst — Ein Recht soll euch sein, gleich sei der aus der Fremde Eingetretene und der Eingeborne, denn ich bin euer Gott." „Nun, was sagen Sie zu diesen Lehren? glauben Sie, daß dasselbe Gesetzbuch, das diese enthält, jene schrecklichen Lehren enthalten kann, von denen Pater Anastasius Ihnen geschrieben hat?" „Nein," erwiederte Edwin „das erscheint mir undenkbar. Wenn ich auch selbstverständlich den hochwürdigen Herrn keiner absichtlichen Unwahrheit fähig halte — aber er muß sich geirrt haben." „Das scheint allerdings. Aber daraus erwächst für Sie die Pflicht, ihn auf seine offenbar irrigen Anschauungen aufmerksam zu machen. Je höher Sie ihn schätzen, umso mehr muß Ihnen daran gelegen sein, ihn von seinem Irrtum zu befreien." „Das sehe ich ein. Aber bitte, Herr Doktor, vielleicht könnten Sie mir noch einige ähnliche Vorschriften bezeichnen, auf die ich den hochwürdigen Herrn aufmerksam machen könnte." „O noch viele ähnliche Vorschriften könnte ich Ihnen bezeichnen. Da lesen Sie hier." „Und wenn dein Bruder vermögensschwach wird und es schwankt seine Hand bei dir, so unterstütze ihn, auch den Fremden, der bei dir wohnt, so daß er bei dir lebe." „Und hier: Wenn ihr die Ernte eures Landes schneidet, sollst du die Ecke deines Feldes nicht vollends abschneiden, und sollst das Aufzulesende deines Schnittes nicht auflesen, und deinem Weinberg die unferttgen Trauben nicht entnehmen, und der Beeren Abfall deines Weinberges nicht auflesen. Dem Armen und dem Fremden sollst du sie lassen. — Ich sollte glauben, daß Sie für heute mit diesen Sätzen genug haben, aber ich wäre selbstverständlich mit Vergnügen bereit, Ihnen noch eine Masse ähnlicher zu bezeichnen. Wissen Sie was — haben Sie ein Neues Testament?" „Woher sollte ich das haben? Pater Anastasius hat mir auch die Lehren des Neuen Testaments immer auswendig gesagt." „Und diese Lehren haben Ihnen so ausgezeichnet gefallen, daß Sie das neue Testament für weit herrlicher halten als das Alte Testament?" „O Herr Doktor, wenn Sie alle die Lehren des Neuen Testaments kennen würden, Sie könnten sich in der Tat nichts Herrlicheres denken." „Das gebe ich zu, denn ich kenne das Neue Testament, aber ich kenne auch das Alte, das bekanntlich um 1800 Jahre vor dem Neuen geschrieben worden ist. Morgen aber werde ich Ihnen das Neue Testament bringen und ich werde Sie überzeugen, daß sämtliche Lehren nicht nur der Liebe, sondern überhaupt der Sittlichkeit und der Moral, die dasselbe enthält, dem jüdischen Schrifttume entstammen. „Wär's möglich!" rief Edwin staunend. „Ich verlange nicht, wie der Pater Anastasius, daß sie meinen Worten glauben. Im Gegenteil, keinem Menschen sollen Sie glauben, nur Ihren eigenen Augen. Sie nehmen das Neue Testament, ich nehme das Alre, dann werden Sie sich selbst überzeugen." „Das wird mich in Wirklichkeit sehr interessieren, über alle Maßen. Aber bitte Herr Doktor, gestatten Sie mir eine Frage." „Fragen Sie und wenn ich Ihre Frage beantworten kann, werde ich es mit Vergnügen tun." „O gewiß können Sie meine Frage beantworten. Ich möchte Sie nämlich ersuchen mir sagen zu wollen, was Sie von dem Uebertritte von einer Religion zu einer andern halten." „Was ich von dem Uebertritt von einer Religion zu einer andern halte? — Ja, lieber Edwin, in dieser vagen Form läßt sich diese Frage nicht so rasch beantworten. Es kommt eben darauf an, von welcher Religion und zu welcher. Wenn z. B. ein Nichtjude zu mir kommen würde und mir sagen würde, er wolle zum Judentum übertreten, so wäre ich verpflichtet ihn aufmerksam zu machen, daß die jüdische Religion ungleich mehr Gesetzesvorschriften enthält als alle übrigen Religionen. Daß die Gesetzeslehren der Sittlichkeit und der Moral die das jüdische Gesetzbuch enthält, allerdings für die ganze Menschheit bestimmt sind und bereits auch zum Teil in die Gesetzesbücher anderer Religionen übertragen worden sind, daß aber die spezifisch jüdischen Gesetze, wie die Sabbatgesetze, dir Speisegetze, die Reinheitsgesetze und viele andere einzig und allein für die Nachkommen Jakobs verpflichtend sind. Daß es für den Juden daher ungleich schwerer ist einen gottgefälligen Lebenswandel zu führen, als für den Nichtjuden, der nur die s.g. sieben noachidischen Gesetze zn halten verpflichtet ist. Daß daher der Nichtjude, der zum Judentum Übertritt, durch seinen Uebertritt die Verpflichtung übernimmt, auch die spezifisch jüdischen Gesetze zu halten, was ihm, der nicht von Kindheit in jüdischen Sitten und Gebräuchen ausgewachsen ist, sehr schwer werden könnte. Und wenn er nicht sämtliche Gesetzesvorschriften, die er durch seinen Uebertritt übernommen hat, hält, so hätte er durch denselben sein Seelenheil gefährdet, das er als Nichtjude so leicht sich hätte sichern können. Sie sehen daher —" „Bitte um Entschuldigung, Herr Doktor, daß ich Sie unterbreche, aber auf den Uebertritt zum Judentum bezog sich meine Frage nicht, ich möchte wissen, was Sie von dem Uebertritt zuni Christentum denken." „Sie haben Ihre Frage wiederum nicht genau präzisiert. Handelte es sich um den Uebertritt eines Götzendieners oder eines Heiden, so würde ich denselben selbstverständlich mit aller Macht befürworten —" .. „Aber nein," Edwin mußte unwillkürlich