Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1908)
- Date
- 1908-08-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449332--64783-2507389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Crzid^üfig und E»eJ> Pädagogische Beil Demagogisches Treiben. Als wir jüngst die Vermutung ausiprachen, -aß sich demnächst wieder ein Ui'Wetter über uns entladen lverde, da hatten wir ein feines Gefühl für die Witterung bewiesen. Im Grunde genommen war es aber sehr leicht, den Wetterpropheten zu spielen. Der Schriftleiter des Verbandsorgans beehrt den „Israelit" mit seiner allerintimsten Feindschaft, sodaß man nach jeder längeren Pause mit Sicherheit Voraussagen kann : es ist ein Gewitter im Anzug. Wir sind aber nicht gewillt, unserem Kollegen von der Feder die Antwort auf seine Angriffe in Nr. 31 der „Bl. f. Erz. u. Unterr." schuldig zu bleiben. Wir tun das zwar nicht mit der hoheitsvollen Miene des dupicer tonans, die unseren Gegner so gut kleidet, wohl aber mit der Ueberzeugung -es Mannes, der sich seines Rechts bewußt ist.j Wir sind ihm nämlich zum Danke verpflichtet, daß er uns eine so günstige Gelegenheit gegeben, überzeugend nachzuweisen, daß nicht wir es sind, die den Streit, der für uns ein prinzipieller ist, verschärfen, sondern die Gegenseite, daß wir in Gegenteil nach Möglichkeit bestrebt sind, dem Kampf zwischen den beiden Lagern jede Schärfe zu nehmen. ~ Um was handelt cs sich denn im vorliegenden Falle? Auf dem Verbandstage in Hannover hat es Herr Hauptlehrer Andorn-Crefeld für notwendig gehalten, in seinem Referate „Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Lehrerschaft int Deutschen Reiche" die in Reins Enzyklopädie abgedruckte Ansicht eines christlichen Schulmanns über die Vereinigung von Lehramt und Schächterdienst wiederzugeben. Dieselbe lautet: „Als unwürdig und als eine Erniedrigung und Demütigung des ganzen Lehrerstandes wird von den jüdischen Lehrern mit Recht der Schächterdienst empfunden, der ihnen mehrfach noch zugemutet wird." Nebenbei bemerkt: gleich scharfe Bemerkungen wie über die nö'ritP macht Fr. Körnig, der Verfaffer des betreffenden Artikels über den niederen Kirchendienst (Küster- und Meßnerdienst), der noch in manchen deutschen Staaten ein Nebenamt des christlichen Lehrers ist, nicht, wenn er ihn auch als des Lehrers unwürdig bezeichnet. Andorn aber fügt dem zitierten Urteil die Bemerkung bei, Körnig könne zu dieser Bemerkung nur durch Umhören unter jüdischen Lehrern gekommen sein. Leider, wollen wir hinzufügen. Es sind aber neologe Kreise und nur solche, die sich zu solch einem wegwerfenden und für die ganze Institution der Schechitah gefährlichen Urteil Hinreißen laffen. Daß es aber auch für uns Lehrer verhängnisvoll werden rann, das zeigt ein Vorkommnis aus der jüngsten Zeit. . Die hessische Regierung hat bekanntlich die definitive Anstellung der jüdischen ReligionSlehM:, mit der staatliche Alterszulagen, Pensionsberechtigung und Reliktenversorgung verbunden sind, von der Bedingung abhängig gemacht, daß die Betreffenden die Schechita nicht ausübe . Dadurch wurde eine ganze Anzahl Religionslehrer, die den übrigen Anforderungen genügen, von den genannten Wohltaten ausgeschloffen. Schon war die Regierung auf die Vorstellungen des „Unabhängigen Lehrervereins" hin geneigt, die obige Bestimmung fallen zu lassen, als sich ein Ministerialreferent auf die Aeußeruug eines neologeu Rabbiners berief, daß der Schächterdienst des jüdischen Lehrers unwürdig sei, wodurch die Sache in einem für uns ungünstigen Sinne entschieden wurde. Als im Jahre 1891 die hessische Regierung in einem von einem neologeu Rabbiner inspirierten Organisationsentwurf, der, nebenbei gesagt, die ungünstige Lage der jüdischen Lehrer noch bedeutend verschärfte, den Religionslehrern die Ausübung der Schechita untersagte, da billigte -er um ein Gutachten angegangene k'. I. G. B. nicht nur diese harte ui d unausführbare Bestimmung, sondern er wünschte auch noch eine Verschärfung des betreffenden Artikels dahin, daß auch ein Kantor nicht schachten dürfe.*) Zu jener Zeit erhoben sich wenigstens die sämtlichen jüdischen Lehrer Hessens wie ein Mann gegen die geplante Maßregel, die Ausführungen Andorns aber sind bisher, soweit wir bemerken tonnten, ganz ohne Widerspruch geblieben. War es da nicht unser gutes Recht, ja unsere Pflicht, unserer abweichenden Meinung Ausdruck zu verleihen und dafür zu sorgen, daß neologe Anschauungen nicht Gemeingut der gesamten deutschen Lehrerwelt werden. Und nun vergleiche man die milde, ja, wir möchten sagen, zahme Art, in der wir das getan. Die bayerische Denkschrift hält sich frei von allen Tiraden gegen die Schechita, sie erklärt es vielmehr als eine Wohltat für die kleinen Gemeinden, daß selbst Volksschullehrer, für die ein Zwang nicht besteht, diese Funktion ausüben. Sie sieht es also gleich uns für selbstverständlich an, daß der Le,rer überall da vmv ist, wo eine Notwendigkeit dafür vorliegt. Das haben wir lobend hervorgehoben. Daß wir einer prinzipiellen Vereinigung von Lehr- und Schächtamt, d. h. auch da, wo kein Bedürfnis dafür vorhanden, das Wort geredet, ist eine lächerliche Unterstellung, deren Grundlosigkeit jeder einsehen wird, der unsere Ausführungen gelesen. Wir haben ja ausdrücklich darauf hingewiesen, daß für viele Gemeinden und Lehrer ein gewiffer Zwang besteht, und diesen erkennen ja die „Bl. f. Erz. u. Unterr." ebenfalls an. Nun hätten wir aber fortfahren können: Wozu das ewige Gerede, daß die Schechita des Lehrers *) Welche Geringschätzung und Berächtlichmachung einer für das religiöse Leben so wichtigen Einrichtung liegt in diesem „frommen" Wunsche! unwürdig, daß sie eine Erniedrigung und Demütigung für den ganzen Lehrerstand sei! Wir haben uns, wie erwähnt, viel milder ausgedrückt, obwohl die Gelegenheit sehr günstig war, die maßlosen Uebertreibungen der Gegenseite ins rechte Licht zu setzen. Zur Sache selbst, ob nämlich das Schächtamt das Ansehen des Lehrers schädigt oder nicht, eine Frage, die wir übrigens offen gelaffen hatten, läßt sich nur wenig sagen. Uns sind viele Lehrer bekannt, die sich des höchsten Ansehens in allen Kreisen erfreuen, trotzdem sie die Schechita ausüben. Bei einer vor ca. 15 Jahren veranstalteten Umfrage wurde uns von allen befreundeten Lehrern überein st immend bestätigt, daß ihr Ansehen nicht darunter leide. Die „Bl. f. Erz. u. Unterr." führen als Beweis für dcyK Gegenteil die Roheit der Metzger ins Feld! Das ist eine sehr seltsame Beweisführung. Dann würde wohl auch das Ansehen des christlichen Kollegen durch das rohe und flegelhafte Benehmen mancher Fortbildungsschüler herabgedrückt, eine Behauptung, die bisher noch niemand gewagt hat,. Mit Widerwärtigkeiten mancher Art mag die Schechita an vielen Orten verknüpft sein, aber das Ansehen des jüdischen Lehrers wird kaum davon beeinflußt. Wenn dagegen maßgebende neologe Kreise in alle Welt Hinausposaunen, sie bedeute eine Erniedrigung und Demütigung für den Lehrerstand, dann drücken sie allen Kollegen, die diese Funktion ausüben, den Stempel der sozialen Inferiorität auf, und verekeln ihnen ihren Beruf nnd verbittern ihnen dadurch das Leben. Zurr Frage des „trauenden Lehrers" haben wir bisher noch keine Stellung genommen, wir billigen aber ausdrücklich die Ausführungen des Herrn Rabbiner Dr. Wolf-Köln in Nr. 6 des „Jüdischen Volksfreunds". Der Artikel „Trauungen" atmet das tiefste Wohlwollen für den jüdischen Lehrersland und er zeigt einen gangbaren Weg, um einen beklagenswerten Uebelstand abzustellen, der zu den schwersten D'VipVp führt. Nur in einem nebensächlichen Punkte sind wir abweichender Meinung. Es ist tatsächlich nicht das Honorar allein — von der Unkenntnis abgesehen —, das gesetzestreue Lehrer dazu verleitet, ohne Kenntnis der nsin pcmpl Trauungen zu vollziehen, sondern häufig ein falscher Ehrgeiz. Der Vorgänger im Amt hat es so gemacht, der Kollege in der Nachbargemeinde traut ohne Gewisseusskrupel, schädige ich nicht mein Ansehen in den Augen meiner Gemeinde, wenn ich es ablehne? So denkt mancher und folgt dem schlechten Beispiel. Da ist es denn ein höchst verdienstvolles Werk, wenn dem Lehrer auf der einen Seite in ernster, eindringlicher Weise vor Augen geführt wird, welch schwere Verantwortlichkeit er auf sich lädt, wenn er ohne weiteres Trauungen vollzieht ttttb