Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1908)
- Date
- 1908-08-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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13. August 1908.__ <etn Zweigverein der „Jewish Sabbath Association" ^gründet. Es wurde eine stark besuchte Maffen- Versammlung in der Korvuer Synagoge, bei welchem die Rabbinen Album, Liebowitz und Dulinski Ansprachen zu Gunsten der B wegung hielten, abgehalten. Ueber zweihundert Mitglieder schlossen sich dem neuen Verein an. Es wurde ein Beschütz angenommen, nur bei Geschäftsleuten, die am Sabbat geschloffen halten, zu kaufen. Achtzehn Bäcker, die bisher am Sabbat arbeiteten, willigten sofort ein, von nun an am heiligen Tage zu ruhen. > Bon Baltimore kommt die erfreuliche Nachricht, daß sich dort achtundzwanzig orthodoxe Gemeinden zu einem Verbände unter dem Namen „Federation of Orthodox Jewish Congregations" zusammengeschlossen haben. Der Zweck des Verbandes ist wie im Programne angegeben ist, im Allgemeinen die religösen Bedürfnisse des orthodoxen Judentums zu befriedigen ,aber im Besonderen für die gehörige, dem Rrligionsgesetz entsprechende Regulirung der Schechita Sorge zu tragen. Die Organisirung dieses Verbandes ist wirklich ein erfreuliches Zeichen, und datz er in Baltimore zu Stande kam und nicht in New- Nork, wo auf diesem Gebiete ein wahres Chaos herrscht, gereicht der Judenheit der Metropole wahrlich nicht zur' Ehre. Herr B. H. Hartogensis, ein amerikanischer streng orthodoxer Glaubensgenosse, der als Rechtsanwalt einen ausgezeichneten Ruf genietzt, hat sich um das Zustandekommen des Verbandes sehr verdient gemacht. Die Ein Wanderung ist wie immerein sehr interessantes Thema hierzulande. G genwärtig ist sie infolge der hier herrschenden Geschäftskrise, sehr zurückgegangen, die jüdische, nicht weniger wie die allgemeine. Im Monat Juni langten im Hafen von New-Aork nur 3484 jüdische Einwanderer an. Im selben Monat des vorigen Jahres belief sich die Zahl der jüdischen Einwanderer auf 11807. Trotz der verminderten Seelenzahl behält die Einwanderung ihre benährte Eigenschaft der Vielfältigkeit und Verschiedenartigkeit bei und gibt ein getreues Bild der Zusammensetzung der jüdischen Diaspora ab. Das russische Element ist, natürlich, am Stärksten vertreten, aber alle andern Länder und Regionen haben ihr Contingnent geliefert. Unter den seit Kurzem angelangten Juden befanden sich viele aus dem Türkischen Reich. Diese bedienen sich des Spanischen oder vielmehr des Spaniolischen als Muttersprache, haben kein Kenntnis des Jargon's und auch nur geringe Kenntnis des Hebräischen. Sie besetzen sich nur zum Teil in New-Aork. Die meisten wenden sich nach den Süd-Staaten oder Californien. Auch viele griechische Juden wandern jetzt ein. Dieses Element wurde bisher nicht von den anderen einwandernden Hellenen unterschieden. Man wurde auf sie erst kurz vor dem vergangen Peßach aufmerksam, als zwei Familien derselben zurückbehalten werden sollten und ihre hiesigen Verwanden flehentlich um ihre Freilassung baten, damit Sie im Kreise der Ihrigen den Feiertag halten könnten. Die griechischen Juden sind stark am Obst- und Blumenhandel beteiligt. Biele davon sind im Hebräischen gut bewandert nud religiös. Auch Karäer befanden sich unter den Einwanderern. Dieselben stammen aus Rußland, haupesächtlich aus der Krim, und bedienen sich des Russischen als Umgangssprache. Sie finden hier Stammesgenossen, denn eine nicht unbeträchtliche Zahl Karäer wohnt bereits in New-Uork. Sonderbarer Weise, obwohl die Karäer in den anderen Weltteilen weder von sich selbst noch von den rabbanitischen Juden als zum Judentum gehörig angesehen werden, haben sie sich hier vollkommen der jüdischen Gesammtheit angeschloffen. Sie haben keinerlei eigene Organisation, sondern besuchen die Synagogen und sind Mitglieder in verschiedenen jüdischen Vereinen geworden, wo sie auch, ohne Anstand angenommen worden sind. Daß dies von Seiten des sN sein Bedenkliches hat, ist natürlich jedem Kenner des ReliaionsgesetzeS bekannt. Daß die Niederlaffung so verschiedenartiger jüdischer Elemente Der JSraeltt. in Amerika den eingesessenen Juden große Pflichten auferlegt, wenn dieselben als treue Glieder einer harmonischen, von jüdischen Idealen getragenen Gesamtheit erhalten bleiben sollen, ist selbstverständlich. Leider geschiet nur wenig in dieser Richtung und wir können nur hoffen und vertrauen, datz die innere Kraft der jüdischen Ueberzeugung diese vom heimatlichen Herd Losgeriffenen auch in der neuen Heimat dem väterlichen Erbe treu erhalten wird und daß sie ei;<e Quelle der Kräftigung für das Judentum in Amerika werden. Utrmiscbte*. Berlin, 4. Aug Nachdem im April d. Js. die staatliche Prüfung von 12 Schülerinnen des „Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Berlin" zum erstenmal nach dem Mimsterialerlaß vom 10. Mat 1907, betreffend Vorschriften über die staatliche Prüfung von Krankenpflegepersonen stattgefunden hat, ist nunmehr auch seitens des Herrn Polizeipräsidenten den sämtlichen genanntem Verein angehörenden 52 Schwestern, welche bereits vor dem Erlaß ausgobildet waren, das Zeugnis als staatlich anerkannte Krankenpflegerinnen übermittelt worden. An der nächsten, im November d. Js. stattfi denden Prüfung, die im hiefigen jüdischen Krankcnhause in Gegenwart der ausbildenden Aerze, der Herren Professor Dr. Israel und Lazarus vorgenommen wirb, werden 11 Schülerinnen beteiligt fetn. Köln, 5. August. Der kürzlich hier verstorbene Rentner Hr. Friedrich Drucker hat die nachstehenden jüdischen Anstalten mit Legaten bedacht : Israelitisches Asyl für Kranke und Altersschwache Köln 20 000 Mk., Israelitische Waisenstiftung Köln 15 000 Mk., Israelitisches Lehriingsheim Köln 15000 Mk., Israelitischer Unterstützungsveretn Köln 10000 Mk., Israelitischer religiöser Wohltättgkeitsverein Köln 1000 Mk., Israelitischer Wohltätigkeitsveretn „Simchas Dalim" Köln 1000 Mk., Israelitische Ktndorbewahransta't 1000 Mk., Jüdische Armenverwaltung Mayen 10l'0 Mk., Kölner Verein für jüdische Krankenpflegerinnen 1000 Mk. Der Sohn des Verstorbenen, Herr Amtsgerichtsrat Drucker in Mülheim (Rhein), hat diesen Schenkungen ansehnliche Zuwendungen zum Andenken an d:e verstorbenen Eltern beigefügt. Düsseldorf, 8. August. Bor kurzem traf bei der hiesigen Polizetverwaltung ein Telegramm aus Köln ein, nach dem einer dortigen Geschäftsfrau drei Koffer mit Inhalt entwendet worden und die Diebe wahrscheinlich nach Düffeldorf gereist seien. Als in derselben Nacht der Reisende Arndt einer hüfigen Schirmfabrik mit drei Musterkoffern auf dem hiesigen Hauptbahnhofe eintraf, wurde er verhaftet und der Bahnpolizei vorgeführt. Trotz Vorgewiesener Legitimation, wurde er in einer Zelle des dritten Polizeibezirks die Nacht über cingesperrt und am folgenden Morgen im grünen Wagen dem Amtsrichter vorgeführt, der seine Freilassung verfügte. Als Arndt auf der Bahnpolrzeiwache feine Legitimation vorzeigte, äußerte sich der wachthabende Polizeisergeant Karl Töpfer: „Das ist ja alles JudenschmusAuf Grund dieser Aeußerung hatte Arnd Beleidigungsklage gegen den Beamten angestrengt. Diese endete heute vor dem Schöffengericht mit der BerurteiluM des Töpfer aus § 185 des Strafgesetzbuches mit 10 Mark Geldstrafe. Der polizeiliche Mißgriff betreffend Festnahme des Reisenden unterliegt noch der gerichtlichen Untersuchung. Fürth, 1. Aug. Die Israelitische Realschule (frühere Israelitische Bürgerschule) in Fürth wurde in diesem Jahre von 182 Schülern besucht. Bei der diesjährigen Absoluto nalprüfung bestanden, wie fast ausnahmslos in den ftüheren Prüfungen seit 1882, alle Schüler der Oberklaffe und erlangten das Zeugnis der Reife für den einjährig-freiwilligen Militärdienst. Bon den 8 Absolventen erhielt einer in allen Fächern der schriftlichen und mündlichen Prüfung die Note I. Die Anstalt ist die einzige israelitische höhere Lehranstalt mit einjähriger Militärverechttgung in Bayern und wird bekanntlich nach streng religiösen Grundsätzen geleitet. Durch den Uebertrtlt in die neuerdtngS geschaffenen bayerischen Ober-Realschulen können fich die Absolventen den Zugang zu den meisten Zweigen der Univerfitäts» stutzten eröffnen. Hohensnlzn, 5. Aug. Der Neubau der hiesigen Synagoge geht seiner Vollendung entgegen. Gegenwärtig werden von einem Berliner Maler die Malerarbeiten im Innern ausaeführt. Die feierliche Einweihung des neuen Gotteshauses findet vorausstchtlich noch vor den hohen Festtagen statt. Göttingen, 6. Aua. Die hiesige israelitische Gemeinde hatte sich unter Berufung aus Bestimmungen des ojtt 1. April d. Js. in Kraft getretenen Schul-Unterhaltungsgesetzes entsch'offen, eine eigene Volksschule einzurichten. Nachdem die Regierung bereits den Antrag wegen ungenügender Zahl der schulpflichtigen Kinder ab- Selehnt hatte, ist der Kultusminister jetzt dleser Entscheiung im Beschwerdeverfahren beigetreten. Warschau, 5. Aug. Die Warschauer jüdischen Buchdrucker wandten fich an den Schulinspettor mit dem Ersuchen, es durchzufetzen, baß die besondere Steuer, welche für die Herausgabe jüdischer Bücher zu zahlen ist, aufgehobm werde. Der Schulinspettor wandte sich nun um Weisungen an dm UnterrichtSmtnister. Der Unterrichtsminister entschied, datz die Stmern nach wie vor zu erheben seien. Der Polizeimeister wurde beauftragt, auch die rückständigen Steuern seit dem Jahre 1905 rücksichtslos einzutreiben. Sett e p. Ro. 33 vereintwerm. Neuenahr, 2. Aug. Im vorigen Jahre wurde auf Anregung der Damen Hamburg unoMontkendam aus Amsterdam bei hiefigen Kurgästen eine Sammlung veranstaltet, um auf dem jüdischen Friedhofe eine Leichmhalle zu errichtm. Bisher wurden jüdische Leichen in der dem allgemeinen Krankmhause gehörigen Halle uniergebracht. Dank der Energie der Frau '.i'iontfenoatn wurden in dem kurzen Zeitraum von drei Wochen über 1000 Mark zusammengebracht. Das Geld wurde sodann einem Komitee übergeben, das in Verbindung mit dem Gemetnbevorstand die Errichtung der Halle in die Hand nehmen sollte. Das Komitee bestand aus den Herren H. Barth-Jllingm, Birnbaum-London, Dr med. Goldberger-Neuenahr, Sacho- Kiew, Rabbiner Dr. Wolf-Köln. Zu Beginn der Saison ward die Leichenhalle ferttggestell und konnte dem Gebrauche übergeben werden. An der inneren Ausstattung fehlt allerdings noch manches. Jedenfalls sei den edlm Be anlasserinnm und allen Spendern des In- und Auslandes der herzlichste Dank hiermit öffentlich ausgesprochen und die Hoffnung daran geknüpft, daß das von edlen Händen begonnene Werk auch einer schönen Vollendung entgegengeführt werde. Bad EmS. 31. Juli. Frau Baronin Alphonse de Rothschild und deren Tochter Frau Ephrusst aus Paris, die gegenwärtig zur Kur hier weilen, besichtigten heute unter Führung des Herrn Bezirksrabbiner Dr. Weingarten das Israelitische Zentral - Waisen- und Mädchenheim. Mit großem Interesse nahmen fie Kenntnis von den gesamten Einrichtungen und Prinzipien der Erziehung. Sie ließen fich die Zöglinge einzeln vorlühren und erkundigten fich nach deren Heimat. ES berührte fie wohltuend, daß bei der Ausnahme nicht danach geftagl würde, ob es fich um Voll- oder Halbwaise, sondern nur um arme und unbeauffichtigte Kinder handelt. Den Pogromkindern, von denen to t zwei in der Anstalt haben, bewiesen fie besondere Teilnahme. Die beiden hohen Damen verließen mit dem Ausdrucke des Tankes die Anstalt und versprachen nochmals zu kommen, nachdem fie eine größere Spende in das Fremdenbuch eingezeichnet hatten. Personalle*. Berlin, 3. August. Bon einem Freunde unseres Blattes gehen uns über den vor einigen Wochen dahingegangenen Rabbiner F. Auerbach (Plotzker Raw) noch folgende Mitteilungen zu. „Ich hatte den Borzug, das Leben und Wirkm dieses geistvollen Gelehrten eine Reihe von Jahren aus nächster Umgebung zu beobachten und es dürste bet dem allgemeinen Bedauern, bas sein Ableben hervorgerufen hat, oewtß von Interesse sein, einige Erinnerungen aus der Zeit wachzurufen, in welcher noch der große Rabbi in der Vollkraft seines Schaffens hier in Berlin seine im edelsten Sinne des Wortes verstandenen Seelsorgerpflichten auSübte. Der Plotzker Raw war in Berlin eigentlich nicht der Rabbiner irgend einer Gemeinde, und doch war der Zuspruch, dessen er fich zu erstellen hatte, größer und bedeutender als der, deffen mancheRabbiNkr der größten Gemeinden sich rühmen dürfen. ES verging wohl kaum ein Tag, an welchem sein Rat und seine Entscheidung nicht eingeholt wurden. Nicht bloß in rituellen Fragen, sondern auch in anderen wichtigen Angelegenheiten des Einzelnen sowohl, wie auch der Gemeinden wurde der Plorker Raw von Einheimisch'n und Fremden, von Osten und Westen um Rat und Entscheidung angerufen. Strenge gegen fich selbst, Mllde gegen andere waren, die Grunoanlagen seines Charatters. Daher kamen täglich Arme, Kranke, Verlassene, Witwen und Waisen, seine Hilst, seinen Rat, seinen Segen zu erflehen. Und wunderbar wsttte auf fie alle sein Wort. Sie alle, alle, die da kau en, fie gingen gelabt, fie gingen fast geheilt von dannen. _ An Abrahams Hals, so berichtet ein Midrasch, hing eine Perle, und die fie ansahen, wurden geheilt. Ich habe diesen Midrasch nie besser verstanden, als wenn ich bei dem Schiur, den ich bet dem liebevollen, klugen und vornehmen Manne lernte, die Liebe beobachttte, mit der er all den Klagenden neben dem i erständnisvollen, praktischen Rat, den er ihnen erteilte, auch daS stets auf den speziellen Fall angewandte Trosteswort, zumeist dem laufenden Wochenabschnitte entnommen, mit der ihm eigenen, hingebungsvollen Begeisterung erklärte. wd was erzählte man alle« vom Plotzker Raw aus der Zeit, da er, der geborene Deutsche, Rabbiner über Tausende von Chaffidim in Rusfisch-Polen war. Folgendes Beispiel wird am besten seinen ungewöhnlichen Scharfblick als Kenner der Menschen und Volksseele kennzeichnen. Eine chafstdische Gemeinde in der Nähe seines NabonuS war durch eine Feuersbrunst schwer heimgesucht. Man sammelte Gelder, und der Rabbi sollte entscheiden, waS zunächst zu geschehen habe. Kaustt dafür Taleisfim und Tfilin und sendet fie sobald als möglich ab, sagte er den Fragenden. Die Delegierten widersprachen und baten den Rabbi, angesichts der großen' Rot die notwendigste Kost dafür kaufen zu dürfen. „Kaufet, meine Lieben, Taleisfim und Tfilin für daS Geld und sendet fie ab." „Wir bitten den Rabbi, davon abzulaffen, und doch das zur Lebenserhaltung nötigste kaufen zu dürfen," erwiderten die Delegierten. „Teilet eS. Für die eine Hälfte, wie ich eS gesagt habe, für die andere Hälfte dcS Geldes, wie Ihr es wollt." Als die Boten von der Verteilung kämen, berichteten fie, baß viele -er umliegenden Gemeinden für Kost reichlich Sorge getragen hatten, daß die Abgebrannten jedoch nichts genießen mochten, weil fie ohne TaliS und Tfilin