Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1908)
- Date
- 1908-08-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449332--64780-2507386- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Sette 8. Nr. 33. Der Israelit. fei bisher nur auf jioet beschränkt gewesen usw. Da es sich hier nicht uni einen Austritt aus einer Reformgemeinde handelt, sondern nur um eine Absonderung von der großen vniznv- Gemeinde, die ebenfalls auf traditionell gesetzestreuem Boden steht, so wird in den hiesigen einsichtigen Kreisen das Vorgehen der Chassidim sehr mißbilligt. Umsomehr, als sie tatsächlich schon längst von der Gemeinde abgesondert, die Möglichkeit und Gelegenheit haben, ihren ouwv nach “PSD NOU vollständig Rechnung zu tragen und eine formelle Trennung, zu der somit gar kein Anlaß vorlag, nur neue Chikanen und neue Steuerbelastungen seitens der Behörden heraufbeschwören würde. Neben den vielen Beschränkungen, die die Juden hier zu Lande zu erdulden haben, kam dieses Jahr noch die Beschränkung der frischen Luft hinzu. An vielen Bade- und Kurplätzen wurde den Juden der Aufenthalt untersagt, und wo ein formelles Gesetz für diese Maßregel nicht vorhanden war, wurde cs von den „schwarzen Männern der Tat" mit Hilfe der Polizei in der Praxis geschaffen. Die Höhenluft im Kaukasus durften von jeher auch kranke und heilbedürftige Juden ohne Einschränkung genießen. Selbst die Jgnatiewschen Maigesetze haben daran nichts geändert. Dieses Jahr wurden zum ersten Male das bisher stillschweigend anerkannte interkonfessionelle „Privileg der Krankheit" aufgehoben. Zunächst wurde von den Juden, die zu Heil- . zwecken den Kaukasus aufsuchen wollen, die Erbringung von komplizierten Bescheinigungen und fast unerschwinglichen Dokumenten verlangt. Dann aber wurde der Kuraufenthalt des so zugelaffenen Juden demE rscheide und Ermessen der Polizeioerwaltung des betreffenden Kurortes anheimgestellt. Ein ausgiebigeres Mittel zur Uebung von Willkür und eine beffere Einnahmequelle für Bestechung hätte sich die Polizei wahrlich nicht ausdenken können. Um den Glücklichen, denen es nach ungeheuren Schwierigkeiten endlich gelungen ist, zwei Monate im Kaukasus bleiben zu dürfen, möglichst das Leben zu erschweren, wurde von brr Polizei eine andere List ausgedacht. Erlaubt sei nur den kranken Juden, sich zu Heilzwecken im Kaukasus aufzuhalten, nicht aber sich zu Handelszwecken dort niederzulassen. Folglich darf auch kein jüdisches Restaurant während der Saison eröffnet werden. Die Juden also, die noch solche sind, und als solche leben wollen, sind, wenn sie nicht die Luftkur durch eine Hungerckur ersetzen wollen, von der Benutzung der kaukasischen Badeplätze so wie so ausgeschlossen. In Moskau wurden die Judengesetze so verschärft, daß fortan ein Jude den heiligen Boden der Stadt auch nicht mehr zum Zwecke der Durchreise betreten darf. Das Diebesgesindel, das auch sonst nirgends in der Welt so erfolgreich arbeitet als auf dem Moskauer Bahnhof, kann nun vollends sicher seinem Werke nachgehen, denn das wachende Auge des Gesetzes ist jetzt dort ausschließlich auf aussteigende Juden gerichtet, um die staatsgefährlichen Reisenden ins Gefängnis zu befördern- Cherson, 3. Aug. Unter den vielen Rabbinerkonferenzen, die wie inKiew in allen Großstädten Rußlands dieser Tage stattfanden, nimmt diejenige, die vorige Woche hier tagte, wohl die bedeutendste Stelle ein. Diese Versammlung zeichnete sich schon dadurch vorteilhaft vor all den anderen Rabbinerversammlungen aus, daß nicht nur Kronrabbiner, sondern auch wirkliche Rabbonim an derselben teilnahmen. Die Verhandlungen, die unter Vorsitz der Rabbiner Temkin (Jeliswetgrad) und Schernowitz (Odessa) stattfanden und drei Tage dauerten, nahmen einen recht lebhaften Verlaus und boten viel Jntereffantes. In der Hauptsache wurde über die Autonomie der Gemeinden beraten, über das einzuführende Gemeindeftatut und einen auf demokratische Prinzipien aufzubauenden Wahlmodus. Es soll aber in erster Reihe danach getrachtet werden, die staatliche Anerkennung der Gemeinden zu erwirken. In einem längeren Referat wies dann Herr Temkin auf den unhaltbaren Zustand, der sich aus der Fleischsteuer ergibt, und auf all die Ungerechtigkeiten und Anomalitäten, die mit derselben verbunden sind. Die armen Leute, die dadurch am meisten belastet werden, hätten nicht den geringsten Vortel von dieser Steuer, während die sogenannte Hochintelligenz, die zur Koscher-Fleischsteuer bekanntlich so gut wie gar nichts beiträgt, über die einigen Abfälle, die den Juden aus diesen Einnahmen zuteil werden, unbeschränkt verfügen und sie für ihre problematischen Kulturzwecke verwenden. Die Fleischsteuer solle, nach Ausführung des Referenten gänzlich abgeschafft werden, an deren Stelle eine nach den Vermögensverhältniffen anzulegende Kultussteuer eintrelen, aus der die Gemeindeinstitutionen erhalten werden sollen. Eine Resolution in diesem Sinne wurde nach kurzer Debatte mit Stimmenmehrheit angenommen. Ebenso soll auf Abschaffung der Lichtsteuer, die den sehr reformbedürftigen jüdischen öffentlichen Schulen, besonders dem jüdischen Lehrerseminar, zugute kommt, gedrungen werden. Gegen diese vom Staate gegründeten und von ihm durch Judenbesteuerung erhaltenen jüdischen Lehranstalten herrschte nur eine Stimme der Klage und Unzufriedenheit. Eine rege Debatte knüpfte sich an die Beratung des Verhältnisses der Kronrabbiner zu den Gemeinderabbonim. Die anwesenden Kron- Rabbiner zeigten sich in anerkennenswerter Weise sehr nachgiebig und wollten in vollständiger Anerkennung und Wahrung der Autorität der Rabbonim ihnen die Ausführung aller religiösen und rituellen Angelegenheiten überlassen wissen. Der Kronrabbiner solle nur als Vermittler und Wortführer der Gemeinde den Behörden gegenüber fungieren und den Vorsitz in der Gemeindeverwaltung führen. Auch die Führung der Matrikel soll nach Legalisierung der Gemeinden den Rabbonim, als eigentlichen Geistlichen der Gemeinden, übertragen werden. Es wurde ferner eine Kommission gegründet, die aus Fachleuten und Sachkennern bestehend, die Prüfung der Melamdim in die Hand nehmen soll. Ohne eine von dieser Kommission zu erteilende Konzession soll künftig keinem Lehrer das Recht zustehen, ein Cheder zu eröffnen. (Dagegen wird, insofern die Kommission aus wirklichen pädagogischen Fachmännern und n*n'1 min 'Vjn besteht, gewiß nichts einzuwenden sein. Red.) Wilna, 1. August. Hier existiert ein Jnformationsbureau für jüdische Auswanderer, das sich in äußerst zweckmäßiger und nützlicher Weise betätigt. Im Jahre 1907 haben sich insgesamt 1106 Emigranten an das Bureau gewendet, denen Rat und weitgehendste Auskunft unentgeltlich erteilt wurden. Für 195 Personen gelang es dem Bureau unter großen Schwierigkeiten Auslandspässe zu erhalten. Für 29 Auswanderer wurden auf Bemühen des Bureaus Schiffskarten zu reduzierten Preisen bewirkt. 49 Prozent der Petenten waren Handwerker, 5 Prozent Handlungsgehifen, 5 Prozent Handelsleute und die übrigen ohne bestimmten Beruf. Mehr als 77 Prozent der Auswanderer hatten als Reiseziel Amerika, von denen 52 Prozent in New- Ä)ork zu bleiben beabsichtigten. Die hiesige Kunstgesellschaft beschloß auf den Namen Autokolski's ein industrielles Kunstmuseum zu gründen, dessen Kosten von einer zu diesem Zwecke arrangierten Lotterie vollauf gedeckt werden. Das Museum soll aus drei Abteilungen bestehen, und zwar 1.) für industrielle Kunstwerke, 2.) für Kunstgewerbe und 3.) für jüdische Kunsterzeugniffe. Die Einzelheiten, die jetzt vom Dopprlbrande in Telsch einlaufen, sind erschütternd. Auch einige rauen und Kinder haben in den Flammen den od gefunden. Bon allen Städten und Städtchen Littauens werben Geld und Naturalien nach der unglücklichen Stadt geschickt. An; den Sammlungen beteiligen sich selbst die Aermsten Her Armen, oft auch Städte, die selbst erst Feuer¬ __13. August 1908. katastrophen erlitten. Die Jeschiwoh wurde vorläufig nach Plungian verlegt. ifcantar#i4y. Paris, 1. August. Daß die Zeiten der „Libre Parole" vorbei sind, zeigte nun auch wieder die Armeeverwaltung, die wie als Protest gegen die durch die Affäre Ullmo heraufbeschworene wüste Judenhetze einer ganzen Reihe von Juden höhere Auszeichnungen zuteil werden ließ. Oberstleutnant der Colonial - Artillerie Bernhard (ein Bruder des verstorbenen Bernhard Lazare) wurde zum Kommandanten der Ehrenlegion ernannt. Das „Journal-Officiel" sagt über seine Verdienste: „Vierundzwanzig Dienstjahre, zehn Schlachten, einmal besondere lobende Erwähnung im Tagesbefehl, hervorragende Dienste geleistet als Präsident der Commission zur Feststellung der französisch - siamesischen Grenze (Dezember 1904 - Mai 1907), welche zur fttedlichen Beilegung des Konfliktes zwischen Frankreich und Siam geführt haben. Oberstlieutnant Bernhard, der der Jüngste seines Ranges in der ftanzösischen Armee ist, ist jetzt auch der jüngste Kommandant der Ehrenlegion. Ferner wurden ernannt zum Offizier der Ehrenlegion Herr Henri Aron, Deputirter des zweiten Arondiffements von Paris; zum Chevalier der Ehrenlegion Herr Schramek, Direktor des Departements für Disziplinarangelegenheiten im Ministerium des Innern." Nalkistina. Jaffa, 1. Ab. Das hiesige jüdische Gymnasium hat den „Kohanimsegen" für den Sabbathgottesdienft wieder ausgenommen. Es wird also auch im Gymnasium geduchent. Die Gesetzestreuen haben die Schlacht gewonnen. — Die Weinlese ist in vollem Zuge. In den Kolonien herrscht reges Leben. Man knüpft an die diesjährige Ernte schöne Hoffnungen. Auch das Esrogimgeschäft hat einen lebhaften Anlauf genommen. Es unterliegt gar keinen: Zweifel, daß unsere Hafenstadt berufen ist der Mittelpunkt für diesen Artikel zu werden. Ein erfreuliches Sympton ist es jedenfalls, daß der Vertrieb dieses Artikels, obwohl er ausschließlich dem rituellen Zwecke dient, rein geschäftlich und von tüchtigen Kaufleuten gehanohabt wird. Zu bedauern ist es nur, daß Rabbiner und Gemeinden hier und in Europa noch nicht Maßnahmen ergriffen haben, daß dem vertrauensseligen züdischen Publikum auch wirkliche Erez Jisroel Ware verkauft werde. Man weiß es ja in Europa und Amerika, daß der Triester Markt für Korfuer Esrogim noch garnicht abgenommen hat. Ebenso ist es bekannt, daß die Esrogimhändler — Ehre den Ausnahmen — die schlechten Korfuer Esrogim für palästinänsische Waare verkaufen, indem sie dem jüdischen Publikum suggerieren, der Erez-Jisroel Esrog habe keinen Pitum, könne « nicht schön wachsen etc. Es wäre höchste Zeit, daß dieser Mystifikation von autoritativer Seite gesteuert werde. Man wird so mit der Zeit darauf angewiesen sein, Ritualen, für welche religöse Zuverlässigkeit notwendig ist, auS Erez-Jisroel zu beziehen. Selbstredend müffen auch hier die Garantien für diese Zuverlässigkeit geboten werden. Amerika. Americana. (Sott unserem Korrespondenten.) New-Aork, 31. Juli. Das amerikanisch-jüdische Leben bietet seit einiger Zeit wenig des Interessanten 12NLV2 D*?iy anil Wir haben unsere regelmäßige Anzahl von Jahreskonventen, aber keiner davon hat etwas Besonderes gezeitigt. So haben sich dir Zionisten in Atlanttc City versammelt und die orthodoxen Rabbiner in Paterson, aber weder an dem einen noch an dem andern Konvent ist irgend welcher wichtige Schritt unternommen worden. Zwei erfreuliche Tatsachen giebt es zu berichten. Die Sabbat-Bewegung fängt jetzt an, sich über das 8&nb zu verbreiten. In Chicago toircbe unlängst