Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1908)
- Date
- 1908-08-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Der JSraeltt Seite 6. Nr. 33. einen Anachronismus behandelte, nicht nur zustimmten, sondec sich sogar noch dadurch beschwert führten, daß man sie, aus einem richtigen Empfinden der liberalen Gegenseite heraus, an der Initiative zu dieser Ehrung nicht habe teilnehmen lassenso verrät dies Verhalten eine Größe der Selbstlosigkeit und Weite des Gesichtswinkels, für deren Verständnis und richtige Bewertung unserer realpolitischen, egoistischen Zeit sicherlich das notwend ge Organ fehlt . . . Dann hatte die Repräsentantenversammlung noch einen „großen Tag", am 15 Irin, wo die Petition des „Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums" auf der Tagesordnung stand. Ueber diese das nächste Mal. Berlin, 9. August. Um der großen Not zu steuern, in der sich die 4000 durch den furchtbaren Brand in der russischen Stadt Telschi obdachlos Gewordenen befinden, hat der „Hilfsverein der Deutschen Juden" gemeinsam mit dem „Frankfurter Komitee für die osteuropäischen Juden" 5000 Mark zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig hat der Hilfsverein in Verbindung mit der Großloge für Deurschland eine weitere Hilfsaktion eingele tet. Straß bürg, 6. Aug. Seit kurzem existiert hier ein jüdisches Museum. Seine Entstehung verdankt es der „Gesellschaft für Geschichte der Israeliten in Elsaß-Lothringen", die sich alle erdenkliche Mühe gibt, das Museum mit interessanten Gegenständen des jüdischen Kultus zu bereichern. Das Museum befindet sich im Hause des elsässischen Museums, deren Leiter so zuvorkommend waren, der jüdischen Abteilung einen Saal zu überlassen. Es sind schon ca. 140 Gegenstände vorhanden, wobei hauptsächlich eine Sammlung geschnitzter Holzdeuter, eine Serie Schabbos- und Chanukalampen hervorgehoben seien, welche seltene Exemplare enthalten Der größte Teil der Gegenstände wurde dem Vereine freiwillig geschenkt. Außer diesen Gegenständen besitzt der Verein eine große Sammlung alter Mappos (Wimpeln), wovon eine Anzahl über 200 Jahre alt sind. Ferner eine Sammlung alter Ksubos, Schtoraus und sonstiger Schriftstücke. Die Eliiweihung des Museums wird voraussichtlich am 6. September stattfinden. eine hehrstäfte der Chors und Bildung in mähren. Ungarisch-Brod, 22. Juli. Die Gemeinde Ungarisch-Vrod erfreute sich von jeher eines bedeutenden Rufes und aus den entferntesten Gegenden Ungarns strömten viele herbei, um sich geistig und seelisch zu kräftigen und zu stärken. Fast sämtliche Gemeinden in den angrenzenden Teilen Ungarns verdanken ihr Entstehen und ihre Blüte dieser Gemeinde. Größer aber als die Freude, welche wir empfinden, wenn die Blütezeit des Talmud-Thora Studiums in Mähren als Ausdruck des religiösen Sinnes an unserm geistigen Auge vorüberzieht, ist aber die Wehmut, die unsre Herzen erfüllt, wenn unser Blick auf den gegenwärtjgen Verhältnissen Mährens ruht. Die führenden Geister sind längst dahin, und tiefe Finsternis lagert auf den Gefilden dieses einst im Gottesglanze blühenden Landes, die Liebe zur Thora ist erloschen, die Pulse des religiösen Lebens sind in Stocken geraten. Der Jndifferentismus hält die Gemüter in seinem Bann, so daß die einstige Herrlichkeit wie ein Wundermärchen aus uralter Zeit klingt. Und forschen wir nach dem Grunde dieser tieftraurigen Ereignisse und Erscheinungen innerhalb der Judenheit Mährens, fragen wir, was an diesem rapiden Niedergang des Judentums schuld ist, so finden wir hierfür die Erklärung in der Vernachläsiigung der Thora, darin, daß die mährische Judenheit die Quelle verschüttet hat, aus der allein Begeisterung für das Judentum quillt, ferner in den Umstande, daß die Jugend, sobald sie in höhere Schulen eintritt, sofort dem liefern Eingehen in das Heiligtum unserer religiösen Vorschriften entzogen wird. Nach wenigen Jahren sind selbst die in der Volksschule gewonnenen religiösen Eindrücke und die dem kindlichen Auffassungsvermögen entsprechend erworbenen Kenntnisse der Thora verwischt und vergessen, und während ihr alles Hohe und Herrliche auf dem Gebiete der profanen Wissenschaft ununterbrochen zuströmt, bleibt ihr die Erkenntnis der hohen Idealität und der göttlichen Weisheit der Thora verschlossen. Diesem Uebel läß sich daher nur dadurch steuern, daß wir unserer Jugend dem ewig sprudelnden, ewig frischen, wunderbaren Born der Thora zuführen. Mit dem Tage, da die Thorapflege aufhörte, die heiligste Aufgabe der Gemeinde zu sein, hat der religiöse Niedergang seinen Anfang genommen und nur an dem Tage, an welchenr die Kenntnis der Thora in den einzelnen Gemeinden sich zu verbreiten anfängt, können wir auf ein Wiederaufleben wahrer Frömmigkeit rechnen. Die Erreichung der zum Fortbestände des Judentums unentbehrlichen allgemeinen Kenntnis der Thora ist in Mähren, wie auch in den übrigen Kulturländern Europas, wo den Juden _13. August 1903. Gelegenheit geboten ist, ihren angeborenen Wift sensdurst in den verschiedenen Schulen zu löschen, nur durch Errichtung von Schulen möglich, und zwar solcher Schulen, in welchen humane und religiöse Materien mit gleichem Ernst und mit gleicher Sorgfalt gepflegt und gelehrt werden. Die harmonische Vereinigung beider ist der kräftigste Damm den man der mit verheerender Macht einherflutenden Zeitströmung entgegensetzen kann. Die allseitige Ausbildung der Geistesanlagen der Jugend verbunden mit der Einführung derselben in den tiefen Ideengehalt der Thora würde eine Judenheit erzeugen, welche imponieren würde, durch ihre Intelligenz, durch höhere Sittlichkeit. Während aber viele Gemeinden Deutschlands nicht zögerten, durch Umgestaltung ihrer Schulen dem Bedürfnisse, das Judentum zu erhalten Rechnung zu tragen und bereits die schönen Früchte genießen, stehen innerhalb der Judenheit Oesterreichs Parteien mit entgegengesetzten Wahlsprüchen einander gegenüber, und während auf der einen Seite alltz humane Bildung verpönt wird, verkündet man im andern Lager, daß die K nntnis der Thora nicht mehr zeitgemäß sei, und die Folge dieser schroffen Gegensätze ist der Niedergang des Judentums.' Nur auf einer Gemeinde Mährens kann unser Auge mit Befriedigung ruhen, und dies ist Ungarisch-Brod, in welchem seit Jahren eine Gymnasialanftalt besteht, in der die Jugend gleichmäßig ausgerüstet wird für das religiöse wie für das soziale Leben und die unserer studirenden Jugend auch den höheren Geist unserer religiösen Wissenschaft zugänglich macht. Wie am Schluffe des ersten, zeigte sich auch an dem des zweiten Semesters, daß die Schüler dieser Anstalt, abgesehen von der streng religiösen Erziehung, die sie. genießen, in den Lehrgegenständen des Staatsgymnasiums den Schülern der Staatsanstalten mindestens ebenbürtig sind, sie aber im jüdischen Wissen weit überragen. Der Lehrstoff erstreckte sich in der ersten Abteilung auf Pentateuch mit -"an, hebräische Grammatik, D'?nn, DTI und jüdische Geschichte. In der zweiten Abteilung außer auf die vorerwähnten Fächer auch Talmud DTIDS. In der dritten Abteilung lernte man neben den obigen Lehrfächern "wy nn, nar rcoo mit '"an und vielen nifiDin* Stellen. In der vierten Abteilung die vorerwähnten Ltzhrgegenftände. Außerdem irpyv, Stellen aus n';K aus v"2 und rviDD. Außer der Erweckung des jüdischen Geistes und der Neubelebung des Thorastudiums in Mähren erfüllt diese Anstalt eine für die Erhaltung des gesetzestreuen Judentums im Osten überaus wichtige Mission und bietet überdies den Schülern und die feit einem halben Menschenalter über alle Leidenschaften hinausgealtert waren, welche die Menschen zu Schuldigen und Sündigen macht. Längst hatte die Natur bei den beiden hier stehenden Menschen den Schlagbaum der Lebenslust nicversalleu lasten und die wider die beiden Alten erhabene Anklage, war eine Travestie des Lebens. Und wenn es einmal wahr gewesen wäre, was heute eine Lächerlichkeit war, wer war dann, für den Staat wenigstens, der wirklich Schuldige? Wie oft doch wäre es tausendmal ehrlicher und folgerichtiger, wenn der Ankläger zum Angeklagten würde und das Gesetz, das bestraft, s?lber bestraft würde'. Ein Mischgefühl von Scham und Schmerz beschlich den Richter, der in ein Grübeln versank, während um ihn her, wieder Beamte, Verteidiger und Zuhörer in mehr oder weniger lebhafte Unterhaltung geraten waren. Die Tragödie war abgetan, der Rest einer Tragikomödie vor sein Forum gebracht: mochte sie nun als das enden, was davon übrig blieb, di? Komödie. Sein Blick siel wieder auf die beiden Verteidiger, die „Advokaten" Wolf und Selig, die sicy mit ernstwichtiger Miene in ihren Akten zu tun machten. Die beiden Bolkstribunen waren sich der Wichtigkeit des Augenblicks und der ihnen darin zugetmefenen Rolle sehr wohl bewußt und legten ihr Antlitz in ernste Falten. Ist auch bereits in dieser Erzählung eine kurze Charakteristik beider Persönlichkeiten schon einmal gegeben worden, so bedarf diese doch noch einiger kurzen ergänzenden Züge, um die Rolle, die sir rn diesem so merkwürdigen und in ein allgemeines Lustspiel mündende Gerichtsverhandlung noch richtiger würdigen tiu können. Und der Richter kannte natürlich dir Beiden seht genau, ihre Vorzüge und ihre Mängel, worin sie sich ähnelten und wodurch sie sich wieder so grell unterschieden. Uebereinstimmend war bei ihnen der glühende Ehrgeiz, die ihre ungewöhnlich starke Phantasie zu den gewagtesten Vergleichen, zu den kühnsten Symbolen und zu beit verwegensten Bildern und Schilderungen verleitete. Die ganze griechische Mythologie, mit der sie erbarmungslos umsprangen und die sie aus alle nur erdenkliche Weise, wie es ihnen gerade paßte umgestalteten, das alte und das neue Testament war vor ihren Mißdeutungen keinen Tag sicher und nie zuvor vielleicht und kein Advokat zu ihrer Zeit unterstellte Schiller und Goethe solch? Zitate und Aussprüche, wie sie bei der geringfügigsten Anelegenheit taten. (Fortsetzung folgt.) (Die Berfaffurrgsfeste in Smyrna.) In einem anmutigen Stimmungsbild aus Smyrna berichtet die „Kölnische Zeitung" über die Anteilnahm? der dortigen Juden an der allgemeinen Bolksfreude infolge der Prvklamiernng der Konstitution u. a. folgendes : „Draußen klingt jetzt Musik und Freudengeschrei: die Juden Smyrnas bringen heute der Verfassung einen feierlichen Umzug; sie sind alle spanisch:r Abstammung, und rufen Kanuni essassi, die Verfassung soll leben! Dazu schwenkt ein Bündel hübscher junger Damen, die auf einem Karnevalswagen herarnchw'- ben, rote Halbmondfahnen und sie lächeln nach allen Seiten. Die Judenschaft marschiert wacker mit, reich; und arme, meist rytlichblonde Gesichter. Kein Haus, keine Hütte, dre nicht bunte Farben zeigt?, neben dem weißen Halbmond in rot sieht man oft das weiße Kreuz in blair, bie Farben Griechenlands und der Grieche», die thrMn ihr erster König aus München mitgebracht hat. Luppißmeut, Lupplymsut, schreien die Zeitungsjungen, Verhaftung der Melchmnehs, der Verräter des Volkes. Das waren die Leute vor denen man in der Türkei zitterte. Mit Behagen liest Spaniole und Christ und auch der gequälte, geduldig? Anatolier, daß nun die zittern müssen, die so groß und stark waren. Mit den Juden marschieren auch andere Völker. Dort kommt aus einer Seitenstraße im taktfesten strammen Schritt, Arm in Arm die Breite zwischen den Häusern füllend, eine Griechenfchule; das lärmt durcheinander, und die jungen Arme suchen die Arme anderer Zeitgenossen gleicher Stunde und gleichen Glückes. So bildet sich ein seltsamer Zug, neben dem Griechenknaben schreitet der kurdische Hamal, neben dem jüdischen Klernkrämer der ältliche sonngebräunte Redifmann, der zufällig des Weges gekommen war^ und nun mittun muß, der griechische Oelnutz Feigenhändler. Man schreit sich die Kehlen heiser nrit spanisch-jüdischen Hochs, mit dem griechischen Sito und dem türkischen Kanunni essassi jaschajfvn! (es lebe die Verfassung) und Hürijet jaschassyn! (es lebe die Freiheit). (Antisemitischer ReinfM.) Die in Friedverg erscheinende agrarische „Neue Tageszeitung" meldet: . Große Entrüstung erregt es unter den hiesigen Israeliten, daß einer ber jüdischen Sch ächter eine Plombe von einem gescdächtetcn Kalb an einem nicht geschächteten Kalb best stigte und dessen Fleisch zu Unrecht als geschächteteS verkaufte." Die Nachricht stimmt, nur war der betreffende Metzger ein Christ.