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Der Israelit · 1908-08-06 · Heft 32 (6.8.1908) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 32 (6.8.1908)
Date
1908-08-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Jlu$ der Werkstatt moderner lleligionspdtlosopde». Bon Dr. I. Wohlgemutin Berlin. (Fortsetzung.) lieber die 562 (Beiten des Buches von Ellen Key eingehend zu referieren, ist im Rahmen dieser Besprechung wirklich nicht möglich. Ich begnüge mich damit, den Inhalt der verschiedenen Abschnitte ganz kurz zu skizzieren. Der erste behandelt: „Das Verblühen des Christentums". Wenn man nicht wüßte, wie fern die Verfasserin jeder Form der positiven Religion steht, könnte man an diesem Abschnitte seine Helle Freude haben. Denn selten ist die Halbheit der modernen liberalen protestantischen Theologie so scharf gegeißelt worden, wie in diesen Ausführungen. Sie sind übrigens ceteris paribus auch auf das liberale Judentum anzuwenden. Die Verfasserin zeigt, daß nur die beiden konsequenten Auffassungen Daseinsberechtigung haben: die eine, die an der unverbrüchlichen Autorität der Bibel festhält, und die andere, für die das Christentum eine der Vergangenheit ungehörige religiösen «Entwicklung ist, aus der für die Jetztzeit kein nützliches, lebenssörderndes Moment mehr zu gewinnen ist. Wir lehnen es natürlich ab, aus ihren oft zutreffenden Bemerkungen irgend welches Beweismaterial für die Wahrheit des gesetzes- Lreuen Judentums zu erbringen. Würde doch die Verfafferin, wie gesagt, derartige Folgerungen ffch entschieden verbitten. Aber betonen wollen wir doch, daß Ellen Key eine ganze Reihe von Angriffen hätte unterlaffen müffen, wenn sie sich statt gegen das Christentum gegen bas Judentum hätte wenden wollen. Der alles beherrschende Gedanke, der durch dies Kapitel wie übrigens auch durch das ganze Buch geht, ist der, daß die Religion auch bei denen, die sich zu ihr bekennen, zu einer leeren Form herabgesunken. Das Leitmotiv, das David Friedrich Strauß angeschlagen: „Sind wir noch Christen," klingt auch hier in allen Tonarten wieder. Die völlige Verleugnung alles besten, was die Religion an Forderungen aufstellt, überall dort, wo es sich um praktische Betätigung handelt, der Umstand, daß das, was an wertvollen und nützlichen Momenten in der Religion noch für das jetzige Geschlecht vorhanden ist, ebenso gut von einer rein wissenschaftlichen Ethik geleistet werde, die des religiösen Gewandes entkleidet ist, das alles lege den Gedanken nahe, daß die Religion der Vergangenheit für die Gegenwart völlig entbehrlich geworden, ja durch den Ballast, den sie von Jahrtausenden her mit sich schleppt, zu einem Hemmnis für jeden Fortschritt geworden sei. Gelte dies für die verschiedenen Formen der Religion, so in ganz besonderem Maße für das Christentum. Mit seiner Weltflüchtigkeit, seinem steten Ausblick auf das Jenseits, feinem pessimistischen Grundzug steht es in unversöhnlichem Gegensatz zu den Idealen, wie sie einer lebensfrohen, rastlos sich betätigenden, von gewaltigen Fortschritten begleiteten Zeit, wie die unsere es ist, vorschweben und vorschweben müssen, will sie nicht ihre Wesensart völlig aufgeben. Man sieht leicht, daß das Judentum durch diese Anklage nicht getroffen wird. Das gesetzestreue Judentum — das liberale steht dem liberalen Christentum so nahe, daß von den beiden das gleiche gilt — das gesetzestreue Judentum macht einerseits Ernst mit der Forderung, daß Lehre und Leben sich nicht widersprechen dürfen. Hier ist die Religion in Wahrheit ein Faktor von entscheidender Bedeutung. Das ganze Leben wird beherrscht von göttlichen Geboten. Jeder Tag hat seine Pflichten, die größten materiellen und geistigen Opfer werden gebracht, wenn es sich um die Erfüllung des göttlichen Gesetzes handelt. Und andererseits ist das Judentum eine Religion des Lebens. Allseine Satzungen sind in ihren letzten Gründen auf das Ziel gerichtet, den Menschen schon hienieden zu beglücken. Es bedarf für den Leser dieses.Blattes keiner weiteren Ausführung dieses Gedankens. Er ist aus den Werken von S. R. Hirsch V'^r uns allen vertraut. Der zweite Abschnitt: „Die Umwandlung des Gottesglaubens" enthält das Bekenntnis zum Monismus. Ich glaube, ich kann nicht mehr objektiv über diesen Abschnitt berichten. Wenn man die Literatur der letzten Jahre nur ein wenig verfolgt hat und immer und immer wieder Fragen, die die Menschheit in ihrem innersten Wesen berühren, in deren Tiefen und Abgründe die größten Geistesheroen hinabgeleuchtet haben, wenn man immer wieder diese Fragen in jener tändelnden, von Bildern durchzogenen mit espritvollen Einfällen belebten Sprache behandelt sieht, dann überkommt einen allmählich ein Widerwillen, der den Blick trübt für die zweifellos vorhandenen Schönheiten, die die Darstellung bietet. Es ist keine Frage, wer von diesen Dingen nicht übersättigt ist, der wird zeitwellig unbewußt in den Bann der Deduktionen gezogen. Was Ellen Key sagt, ist nicht neu. Sie hat den Borwurf wohl schon oft zu hören bekommen. Denn sie ist recht empfindlich geworden: „Es ist eines der sichersten Kennzeichen, der geistigen Armut, weil gewisse Gedanken als früher von anderen geäußert nachgewiesen werden können, sie sogleich als jenen anderen entlehnt, anstatt aus derselben Quelle geschöpft anzusehen, aus der diese anderen sie geschöpft haben: die Quelle der eigenen Erlebnisse, der eigenen Gedankenarbeit" (S. 229). „Das kann jeder sagen", pflegt man in solchen Fällen zu antworten. Wer Gedanken vorträgt, die in gründlicheren Auseinandersetzungen und mit verttefter Beweisführung begleitet, bereits ausgesprochen sind, muß es sich gefallen lassen, daß ihm die Originalität abgesprochen wird und kann besten Falls für sich nur das Verdienst beanspruchen, zu den Popularschriftstellern gezählt zu werden. Rein, was Ellen Key uns erzählt, ist wirklich nicht neu. Dem Kundigen kommen beim Lesen immer Erinnerungen an Emerson, Bölsche, Kalthoff, Drews u. a., wenn wir ganz absehen von der vielfachen Benutzung der älteren Philosophen des Unglaubens, vor allem Feuerbachs. Aber das soll Ellen Key zugestanden werden, daß sie die Form meisterhaft beherrscht und darum in einer Zeit, wie die unsere, die den Inhalt so oft hinter die Form zurücktreten läßt, bestechend auf den mit den Problemen weniger vertrauten Leser wirken muß. Der Raum, der mir zur Verfügung steht, verbietet es, die Summe all der Einwände, die gegen den persönlichen Gottesbegriff erhoben werden, hier nur vorzuführen, geschweige denn sie zu widerlegen. Nur eines sei gesagt: Ellen Key, die hauptsächlich mit den psychologischen Erlebnissen der Jetztzeit operiert, bewegt sich in einem schlimmen Zirkel. Sie kann nicht genug Beweismaterial dafür erbringen, wie schwankend, zerfahren, unklar und unsicher der Gottesbegriff für die Geblldeten der heutigen Zeit geworden ist. Und sie vergißt, daß die „Geblldeten" der heutigen Zeit zumeist ein Produkt der Literatur sind, wie sie Ellen Key und ihre Mitstreber auf dem Gewissen haben. Die sozialen Verhältnisse haben eine ganz außerordentliche Veränderung erfahren, dadurch ist ein großer Tell der Bevö^ kerung auch in eine höhere geistige Sphäre gerückt. Andererseits sind die Wissensgebiete an Umfang und Inhalt unendlich bereichert worden. So mußte die Halbbildung nach unten und nach oben immer weitere Kreise ziehen. Alach unten, insofern die Masse Anteil nimmt an den geistigen Errungenschaften, nach oben, weil unter der Fülle des neu Aufzunehmenden die innere Durchbildung, die völlige Durchdringung des Erworbenen leiden mußte. Dazu kommt, daß in der modernen Hast des Erwerbslebens, in dem aufreibenden Kampf um die Befriedigung der gesteigerten Lebensbedürfnisse, in den fast jeder hineingezogen wird, die Ruhe und Muße verloren gegangen ist, das Ausmaß an Zeit fehlt, das die früheren Zeiten und Generationen ihrer geistigen Durchbildung widmen konnten und widmeten. Der Kreis der „Gebildeten" hat sich um ein Vielfaches vermehrt, aber der wirkliche Wert dieser Bildung ist um ein Beträchtliches gesunken. Gebildet könnte man nur die viel kleinere Gruppe derer nennen, die mit einer gründlichen Bildung auf einem besonderen Gebiete Verständnis und Kenntnis der allgemeinen Fragen verbinden. Und ob unter den Mitgliedern dieser Gruppe der Gottesbegriff eine so klägliche Rolle spielt, wie Ellen Key es behauptet, das ist noch sehr die Frage. Tatsache ist, daß, wie bei den großen Naturforschern der

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