Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1908)
- Date
- 1908-08-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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6 «ugust 1908. Der^JSraeltt. Seite 9. No. 32 „reaktionäre Gesinn ung" des Oberrabbiners angegeben. Das scheint die Vermutung unseres Korrespondenten zu bestätigen.) Amerika, flmerihanifdie Kongreffe. Newyork, 20. Juli. Wir leben wiederum im Zeitalter der Kongresse. Das Hauptinteresse beansprucht die in F r a n c s o r t - Michigan stattgehabte Konferenz der russischen Reformrabbiner, welche vom 2. bis 9. Juli tagte. Die Haüptleistungen -er Konferenz sind literarischer Natur. Abgesehen von ihrem uinfangreichen Jahresberichte, der immer ein ziemlich vielseitiges Spiegelbild von den religiösen Interessen der amerikanischen Judenheit gibt, wirkt der Verband fortgesetzt für die weitere Verbreitung seines Reformgebetbuches, das jetzt von beinahe 300 Gemeinden benutzt wird. Es ist aber charakteristisch, daß man bei einer Neuauflage eine Rückrevision in konservativem Sinne beabsichtigt, wenn es auch natürlich bei den grundlegenden „Prinzipien" des Refortnjudentums sein Bewenden haben soll. In dieser letzteren Beziehung hat die Konferenz die Ankündigung eines neuen Kompendiums der Resormtheologie gebracht. Der Wunschsich über die positiven Grundsätze des Reformjudentums klar zu werden, herrscht in amerikanischen Kreiselt schon lange, aber man fürchtet natürlich das Odium, eine neue Dogmatik zu schaffen. Das Werk, das unter dem Namen einer systematischen Theologie erscheinen soll, findet aus diesem Dilemnra nur den Ausweg, daß die verschiedenen Kapitel, welche in Wirklichkeit ebenso vielen Dogmen entsprechen, von verschiedenen Verfassern behandelt werden, sodaß also jeder nur für sein eigenes Dogma verantwortlich ist. In Wirklichkeit wird auch dieses Kompendium zeigen, daß der gesamte geistige Gehalt des Resormju.dentums lediglich in der Verneinung des Christentums und in einigen allgemein menschlichen Prinzipien besteht. An Borträgen brachte die Konferenz ein Referat von Dr. Maximilian Heller über Samson Raphael .Hirsch, von Rabbiner Mendel Silber über Mischehen, Dr. Julian Morgenstern über die „Bedeutung der Bibel für das Reformjudeutum im Lichte der modernen wissenschaftlichen Forschung", sowie einige rein wissenschaftliche Referate. Die Federation der amerikanischen Zionisten hielt ihren elften Verbandstag am 12. Juli in Atlantic City ab. - Der Vorsitzende, Dr. Frieden tvald, hielt eine längere Ansprache, in der er gegen die Gegner des Zionismus in den verschiedenen religiösen und politischen Lagern polemisierte. - Den Bericht erstattete Tr. M a g n e s . Darnach umfaßt die Federation in Amerika 225 Ortsgruppen, wovon nahezu hundert im letzten Jahre hinzugekommen sind. Tie Eingänge waren infolge "der wirtschaftlichen Lage naturgemäß geringer als im vorangegangenen Jahre. In der abends stattgehabten Volksversammlung wurde als Sensation der Anschluß des bekannten Zeitungsbesitzers Samuel Strauß aus Newyork bekannt gegeben. — Von Dr. Schechter gelangte ein längeres Begrüßungsschreiben zur Verlesung. vermischter. Marburg, 2. August. Bor einigen Wochen wurden wir durch eine Verfügung der Königl. Regierung zu Minden überrascht, wonach „Anordnung zu treffen sei, baß den hiesigen Israeliten das b.täubungslose Schlachten ihrer Schlachttiere im hiesigen Schlachthofe nicht ferner gestattet werde". Hierauf richtete die jüdische Gemeinde eine eingehend motivierte Eingabe an die Königl. Regierung, in der sie um Aufhebung der Verordnung nachsuchte. Die hiesige Gemeinde verwies darin auf die im Jahre 1888 ergangene gleiche Verfügung der Regierung für die Städte Paderborn und Marburg, die auf erhobene Vorstellung dieser bedrohten Städte nach ganz kurzer Zeit wieder beseitigt worden sei. Sie hob hervor, daß eine solche Verordnung eine Einschränkung der freien Religionsübung involviere, eine Poltzeiverordnung aber nicht die gesetzlich gewährte Religionsfreiheit teilweise .lluforisch machen könne. Es wurde ferner darin bemerkt, ellen Beretnsabende standen tm Zeichrn S. R. Htrsch's daß in letzter Zeit gerade außerordentlich günstige Gutachten für das rituelle Schlachten seitens westfälischer Autoritäten ergangen seien, so von dem Regierungsbeamten Beterinärasseffor Hinrichsen, Dr. Rosemann, Prof, der Physiologie rc. in Münster und Dr.'Ballowitz, Direktor er Anatomie rc. cb ndort. Die Gu.achten, welche in Abschrift beigelegt wurden, hatte Herr Dr. Hirsch Hildesheimer-Berlin dem Lehrer Alexander in Marburg, der die ganze Angelegenheit bearbeitet, in freundlicher Weise zur Verfügung gestellt. Bevor die Regierung di- Eingabe der Gemeinde beantwortete, erließ sie unter dem 16. Juli eine zweite Verfügnng an die hiesige Schlachthofverwaltung, daß den Metzgern das rituelle Schlachten verboten und jeder Fall der Uebertreiung mit Sttafe belegt werde; es solle jedoch, o besagt die Verfügung weiter, „von der nw ndung irgend welchen Zwanges zur Verhinderung des beiäubungslosen Schlachtend der nach jüdischem Ritus zu schlachtenden Tiere bis zum Ergehen einer Gerichtsentscheidung höchster Instanz Avstand genommen werden", vielmehr solle auf erhobenen Wderspruch seitens der Metzger eine gerichtliche Entscheidung herbeigeführt werden Da die Königl. Regierung in ihren Verfügungen ständig Bezug auf den 8 1v der Schlachthausordnung vom 8. 3. 88 nimmt, so schien es geboten, die hiesige Polizeiverwaltu g zu veranlagen, diesen Paragraphen, der bte Betäubung vor dem Schlachten fordert, aufzuheben, resp. da in zu ergänzen, baß von dieser Bestimmung die nach jütischem Ritus zu schlachtenden Tiere auszunehmen sind. Die dem Schlachte erbot sehr ungünstige Stimmung der gesamten hiesigen Metzger benutzend, wurde bei der Polizeiverwaltung ein entsprechender Antrag, unterstützt von einem seitens der christlichen wie jüdischen Metzger Unterzeichneten Gesuch, emgebracht. Die Stadtverordnetenversammlung beschloß daraufhin am 29. Juli den qu. § dahin zu ergänzen, daß von seiner Schlußbestimmung die nach jüdischem Ritu zu schlachten en Tiere auszunehmen sind, doch lönne von dieser Bestimmung jeder Bürger bei Schlachten seiner Tiere Gebrauch machen. Diese letztere Hinzusügung wurde für opportun gehalten, da das Oberverwaltungsgericht bei gleicher Angelegenheit in Rheydt i. Rhld. einen solchen Zusatz nur für zulässig erklärte, wenn jeder Bürger davon Gebrauch machen könne. Inzwischen haben die hiesigen Metzger für jede Uebertretung — es wurde selbstverständlich weiter geschachtet — eine Strafverfügung erhalten, gegen welche sie, da in 6 Wochen an die Königl. Regierung über die Zahl der ergangenen Slrafv r ügungen und der dagegen erhobenen Widersprüche zu berichten ist, auf Veranlassung der jüdischen Gemeinde Widerspruch erhoben, sodaß die Frage der Rechtsgiltigk it des qu. 8 demnächst die Gerichte beschäftigen wird. Bon diesen Vorgängen abgesehen, hat die jüdische Gemeinde, einem Wunsche deS hiesigen Kreistierarztes als Inspektor des Schlachthauses Rechnung tragend, einen neuen Niederlegeapparat für Großvieh nebst verstellbarem Kopfyalter angeschafft, um dadurch dem auch in dem Schächten günstigen Gutachten öfters ausgesprochenen Einwurf zu begegnen, daß die Vorbereitungen zu dem Schlachtakt, wie sie gemeinbin noch gehandhabt werden, nicht als einwandsfrei bezeichnet werden können. Kissinge«. 30. Juli. Ein hochherzig gesinnter Kurgast aus Hamburg hat der Israel. Kmderhei statte den Betrag von 1000 Mk. überwiesen. Pieschen, 29. Juli. Der vor einigen Wochen in Breslau verstorbene Rentier Moritz Brandt hat die hiesige Synagogengemeinde mit einer Schenkung im Betrage von 5000 Mk. bedacht. Mommenheim, 29. Ju'i. In der Sonntagnacht wurden auf dem jüdischen Friedhofe zirka 40 Grabsteine umgeworfen und teilweise zerstört. Die ruchlosen Täter sind letder noch nicht ermittelt. Für ihre Entdeckung hat die jüdische Gemeinde eine Prämie von 100 Mk. ausgesetzt. Prag, 27. Juli. Gestern vormittag besuchte der Erzherzog Leopold Salvator die Altneu-Synagoge, wo er längere Zeit verweilte und großes Jntereffe für dieses Aitertumsdenkmal an den Tag legte. Bon hier begab sich der Erzherzog auf den alten jüdischen Friedhof, den er über eine halbe Stunde in Augenschein nahm und wobei er fich anerkennend über die Ordnung und Instandhaltung der alten Grabsteine äußerte. Karlsbad, 1. Aug. Der berühmte Jargon Dichter Morris Rosenfeld, der hier zur Kur weilt, ließ sich am letzten Mittwoch auf Drängen seiner zahlreichen Verehrer zu einem Vortragsabend bestimmen. Der große Kursaal war dicht besetzt. In einleitender Rede stellte Herr Dr. Ziegler den Dichter vor. Er schilderte, wie dieser schon frühzeitig die Leiden der russischen Juden mit angesehen und mitempfunden und schon als Kind kleine Gedichte geschrieben habe. Er erzählte, wie Rosenfeld in einer Amsterdamer Diamantschleiferei schwere Arbeiten verrichten mußte, wie er trotzdem seine Eindrücke dichterisch verwertete, wie er später nach New 3)ork kam, wo er sich nur mühsam burchzuringen vermochte. Nun >ei er krank und sei nach Karlsbad gekommen, um hier Heilung zu suchen. Nachdem Dr. Ziegler seine Ansprache beendet hatte, erhob sich Rosenfelo mühsam und trug einige seiner Gedichte tm Jargon vor. Man muß Rosenfelds Vortr ig nicht nur hören, sondern auch sehen. Jedes Wort, das er spricht, ist Leidenschaft und so wie er dichtet, versteht er es auch wiederzugeben. Unter den zum Bortrag gebrachten Gedichten wäre zu erwähnen „Mein Kind und die Arbeit." Um den Vortragenden nicht allzu stark tu ermüden, trug Herr Walter Teinowitz einige Gedichte Rosinfelbs vor. Der Eindruck der Veranstaltung war ein gewalttger. Petersburg' 60. Juli. Dieser Tage hat der Justizminister auf Vorschlag deS KonseilS der RechtSanwälte des Petersburger Appellationsgerichtsbezirks die Aufnahme von 4 jüdischen Rechtsanwälten genehmigt. Diese vier Ausnahmen werden mehr als eine Regel und Maßregel zu bestätigen haben. Leeds, 2. August. Am letzt n Sonntag hielt Herr Rabbiner Dr. Joet Herzog in der rollbesetzten großen Synagoge New Briggate einen ergreifenden -ec” über den Tod der zwei Rabbi Michel Epstein Oberrabbiner von Nowogrudok und Rabbi Noach Isaak Dtsktn Pn rp"' tffcO von Lomza (der Bruder te8 allge- _„.„IT ■' Uerclttswesett. Frankfurt a. M, 5. August. Wie uns von der hiesigen „Misrachigruppe mitgeteilr wird, findet hier im Börsearestaurant, Schillerstraße, am 24. August eine Misrachi-Konferenz statt, mit folge'der Tagesordnung: 1. Bericht der Bureaux in Lida und Frankfurt a. M. 2. -Unsere Aufgabe in Palästina. (Referent Herr Rabb. Fischmann.) 3. Organisation). (Referent Herr Zx. Ludwig Franck, Altona.) 4. Propaganda und Agitation. (Referent Herr Dr. I. Bamberger, Nürnberg) 5. Presse. (Referent Herr Ruöen Cohn Antwerpen.) Frankfurt a. M., 4. Aug. Ueber die Wirksamkeit des Vereins Lemaan-Zion im 2. Quartal 1908 wird aus Jerusalem belichtet. In der Poliklinik des Vereins wurden im ganzen 5556 Kranke gratis behänd-lt, denen die nötigen Medikamente und das Verbandzeug gegeben wurden. In -er Apotheke wurden 3875 Rezrpte teilweise gratis oder zum Preise von 20 und 30 Pfennig abgegeben. Für 2 Lehrlinge war das Lehrgeld bezahlt. 91 Personen w irden mit Brillen, Bändern usw. gratis versehen und an 140 Personen wurden Krankenutenfilten leihweise überlassen. Zehn Pers nen erhielten durch entsprechende Beiträge Gelegenheit, Arbeit nehmen zu lö.men. Bon russischen Emigranten wurden zehn mit Werkzeugen versehen. Bei der Mazzesverteilung zu Peßach wurden nur die Aermsten der Armen berücksichtigt, d. h. solche, die am Erew-Peßach noch nicht im Besitz von Mazzes waren. Im ganzen waren es 2500 Kilo, die zur Verteilung kamen, außerdem ließ der Verein in 9 verschiedenen Stadteilen Jerusalems gutes Mel zu reduzierten Preisen verkaufen, um auf diese Weise die Not, die durch die Teuerung entstanden war, einigermaßen zu mildern. — Ueber die Tätigkeit des Herrn Dr. Erlanger wird berichtet, daß im Monat Juni 2352 Behandlungen durch denselben in der Augenklinik und 15 Operationen ausgeführt wurden. Marburg a. L., 29. Juli. Mit dem heuttgen Tag beschließt die Bereinigung Jüdischer Akademiker zu Marburg a. L das dritte Semester ihres Bestehens. Die Hoffnungen auf Vergrößerung der Mitgliederzahl bestätigten sich, indem der Verein während des Semesters 15 ordentliche Mitglieder zählte. Eine reiche wissenschaftliche Arbeit gab den Mitgliedern geistige Anregung au den verschiedensten Gebieten. Es wurden sieben Borträge gehalten, an die sich stes eine rege und lehrreiche Diskussion schloß. Die Themata lauteten: „Rabbi Jomtof Lippmann Heller" (Herr Dr. Schlesinger). .Ueber die Entstehung der mtfy n3DW' (stud. med. Michael). „Leben und Wirken S. R. Hirschs y'jR zum Andenken an den 100 jährigen Geburtstag von Samson Raphael Hirsch" (Herr cano. I. Kaufmann-Frankfurt). „Ein Blatt aus der jüdischen Sozialgesetzgebung Tay) ’HDJJ)" (stud. med. Levh.) „Auswüchse des Antisemitismus" (stud. med. Frank). „Zedokohpflicht und Gemilus Chasodim im Talmud" (sind. med. Dzialowski). „Religion imb Zionismus" (stud. med. Zuntz). Auch wurde ein Lektüre- und Diskussionsabend über den 17. Tamus veranstaltet. Außexhem trat mit diesem 2 emster zum ersten Male dieJnstitution des Fuxenunterrichts in Kraft, der für die jüngeren' Mitglieder bestimmt, diese u. a. mit der jüdischen Welt und Lebensanschauun i und jüdischen Zeitfragen vertraut zu machen. Ferner fanden allwöchentlich statt: ein zweistündiger Schiur, zwei einstündige rtiWD Schiurtm und ein etnstündiger -j''3n Schiur. Außer dieser wissenschaftlichen Be ätigung wurde auch edle Geselligkeit gepflegt, durch g.mütliche Zusammenkünfte, gemeinschaftliche Ausflüge und gemeinsame- Rudern, wodurch sich ein enges Freundschaftsbanum die Mitglieder schloß. Für das nächste Semester wurden in den Borstand gewählt: stud. med. dokt. H. Zuntz (Vorsitzender), stud. med. P. Frank (Schriftführer) stud. med. H. Bähr (Kassenwart. (Während der akademischen Ferien sind Zuschriften zu senden an Herrn stud. med. dokt. H. Zuntz, Marburg a. L. Elisabethstraße 10). Würzburg, 1. August. Der unverzagte Mut und das Vertrauen au unsere gute, jüdische Sache, mit dem wir zu Beginn des vorigen Semesters hier eine „Bereinigung jüdischer Akademiker" trotz nur ganz geringer Beteiligung ins Leben gerufen halten, hat auch in diesem Semester in erfolg- und segensreicher Arbeit seinen schönsten Lohn gefunden. Unermüdliches Streben, durch mm llD’H/ wie durch echt jüdische Geselligkeit dem jüdischen Akademiker einen sicher n Wegweiser an die Hmd zu geben, war auch dieses Mal das Programm, dem die einmütige Arbeit unserer Mitglieder galt. Unsere offtzi-