Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1908)
- Date
- 1908-08-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8. Nr. 32. Der Israelit. 6. August 1908. sehen wurden. (Als ob in dieser Frage vom jüdischen Standpunkte aus noch etwas zu beraten wäre. Die Redaktion.) Ungarn. Budapest, 2. August. Unter dem Namen „Landes-Rabbinerverein" taten sich vor einigen Jahren eine Anzahl neologer Rabbiner zu einer Bereinigung zwecks Förderung ihrer Standesinteressen zusammen. Dieser Verein gibt nun seit Anfang April ein eigenes Monatsblatt heraus. Der Redakteur dieses Blattes ist der neologe Rabbiner in Groß-Kanizsa Dr. Neumann. Was diesen Verein zu dem stolzen Namen „Landesverein" berechtigt, wissen wir freilich nicht. Zählt doch derselbe nach der eigenen Mitteilung in der Julinummer seines Organes im ganzen 116 Mitglieder — darunter wenigstens ein ym, welches den Titel „Rabbiner" nur euphemistisch führt, in Wirklichkeit aber aus sogenannten \""c besteht, — also nicht einmal l/4 der ungarischen Rabbiner. Zur Orthodoxie gehört kein einziger unter denselben. Ehrenpräsidenten des Vereins sind: der gewesene neologe Rabbinerseminar- Direktor Bloch und der neologe Oberrabbiner in Pest Dr. S. Kohn. Der Verein besitzt auch mehrere Sektionen. So eine Sektion für Religionsangelegenheiten, eine andere für Unterricht, und schließlich eine für Pettsionsangelegenheiten. Trotzdem, daß der Verein fast ausschließlich aus ehemaligen Zöglingen des neol. Rabbinerseminars in Pest besteht, sah man sich dennoch veranlaßt zum Präses der halachische Angelegenheiten behandelnden Relwionskommisfion den Rabbinatsassessor in Pest, M. Feldmann, zu wählen, der in orth. rvQiV ausgewachsen und als Rabbiner einer orthodoxen Gemeinde sein talmudisches Wissen sich angeeignet hat. Dieser Umstand ist charakteristisch genug für das große talmudische Wissen der Herren Seminarzöglinge. . . . Unter den „hochwichtigen Entscheidungen," welche die Religionskommission bereits getroffen hat, verdient diejenige Erwähnung, wonach es den Anhängern dieses h m, gestattet ist, über Selbstmörder Trauerreden halten zu dürfen. In der letzten Nummer des Vereinsorgans wird auch der Badener Gebetbuchkampf ausführlich behandelt. Doch ist auch bei dem objektiv sein wollenden Bestreben des diesbezüglichen Artikels der rw irr5; Ton recht gut bemerkbar, was doch dem Redakteur, der ein Tochter Kayserlings also eine Enkelin Philippsohns zur Frau hat, gar nicht zu verübeln ist. Auch werden in der letzten Nummer die Bestrebungen der „Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland", mit großer Ausführlichkeit und Behaglichkeit dargestellt, während der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" bloß miteinpaarWorten als paffender Folie gedacht wird. Man merkt also gar zu gut woher eigentlich der Wind bläst. — Interessant ist auch das Selbstbekenntnis einer schönen Seele in der letzten Nummer erwährten Vereinsorganes. — „Nach allgemeinster Auffassung ist Schweigen unsere, der Rabbiner, Aufgabe, so oft von den Landesangelegenheiten der Juden die Rede ist," — so schreibt der neologe Rabbiner Dr. Steinherz in Stuhlweißenburg. Wahrlich eine herrliche minn TOD/ eine prachtvolle Würdigung und Verehrung des Rabbinerstandes im Kreise der Neologen. Auch des Hirsch-Jubiläumsfestes wird in letzter Nummer gedacht und zwar mit folgenden charakteristischen Worten: „Die deutsche Orthodoxie hat im Monate Juli die 100 Jahreswende der Geburt ihres flammengeistigen Begründers S. R. Hirsch zefeiert. Auch diejenigen zollen den Fähigkeiten und der Bedeutung dieses Mannes Anerkennung, die dessen Ideen nicht billigen und deffen Wirksamkeit, wie auch die Tätigkeit seiner Anhänger vom Standpunkte des Fortschreitens des Judentums für schädlich halten. Unter den aus Gelegenheit dieser Jahreswende erschienenen Schriften sind erwähnenswert: „Unter seinem Banner" von Dr. R. Breuer und die Festnummer des Israelit: „S. R. Hirsch-Jubiläumsnummer." Mit diesen Ausführungen glauben wir unsere publizistische Pflicht gegenüber dem „Rabbiner-Verein" und seinem neubegründeten Organe, enug, vielleicht auch mehr als genug erfüllt zu aben. . . * RuMand. Kie w, 25. Juli. Am 22. Juli tagte hier die schon lange vorher angekündigte Rabbinerconferenz des Gouvernements Kiew. Die Versammlung wurde vom hiesigen offiziellen Gemeinderabbiner Dr. Hurwitz einberufen und von 14 Kronrabbinern der Provinz besucht. Die Verhandlungen dauerten zwei Tage und boten viel des Interessanten und Beachtenswerten. Daß die Unordnung in der Führung der Matrikel leider viel Verwirrung und Unheil angerichtet und das Leben des russischen Juden in vielen Fällen noch schwerer macht, als es schon ohnedies ist, indem sie ihn den Schikanen der Behörden erbarmungslos ausliefert, ist genugsam bekannt und es ist nicht mehr als natürlich und begreiflich, daß die H?rren Kronrabbiner, deren rabbinische Aufgaben sich in der Führung der Familienregister erschöpfen, einmal darüber ernstlich beraten, wie in der Sache Wandel zu schaffen ist. Bedenklicher ist aber, schon, wenn diese offiziellen Geistlichen auch in j'v^und pttWp machen und auch solche tief ins religiöse Leben eingreifende Fragen in den Bereich ihrer Verhandlungen ziehen, was hier in Kiew der Fall war. Da hier zu Lande der zweifelhafte Kulturfortschritt des „Zivilstandamtes" noch unbekannt ist, so haben auch der Behörde gegenüber nur die von rabbinischer Seite vollzogenen Trauungen und Scheidungen Rechtsgiltigkeit. Es kann sein, daß die Regierungsorgane etwas zu weit t-nöinS gehen, indem sie den pto's die n'W ,//y vollzogen werden, prinzipiell und unter allen Um ständen als ungiltig erklären. Aber jedenfalls wäre es eine Rechtsfrage, die den Gegenstand einer Beratung und eventuellen Intervention seitens der wirklichen o'Jan bilden sollte. Tatsächlich aber erfahren wir, daß die Vorversamlung der einberufenden Commision eine diesbezügliche Vorstellung bei der Behörde beschlossen hat. Vor dem Plenum der Versammlung fand jedoch dieser Beschluß keine Gunst und seine Ausführung wurde verschoben. In der Matrikelfrage schlägt die Commision die Abschaffung der doppelten Namen vor, da dadurch öfters zwei Personen in den Registern figurieren und zum Militär gerufen werden, während nur eine existiert und oft für den einen Namen dreihundert Rubel Strafe entrichten werden müssen, während die gleiche Person unter dem anderen Namen Militärdienst versieht. Dagegen traten einige Mitglieder der Versammlung ganz energisch auf, indem sie an Hand von krassen Beispielen nachwiesen, daß nicht die Doppelnamen, die ja auch bei anderen Konfessionen gang und gebe sind, an all der heillosen Verwirrung die Schuld tragen, sondern einzig und allein die himmelschreiende Nachlässigkeit und Unfähigkeit vieler Kronrabbiner, die ihres Amtes sehr gleichgiltig und durchaus unkorrekt walten. Ordnung und Wandel, meinten sie, könnte nur durch eine bessere Amtsführung der Kronrabbiner geschaffen werden. Da sich die Herren gut kennen, erhob sich auch kein Widerspruch gegen diese Anklage und auch dieser Antrag fiel ins Wasser. Wichtig ist der Beschluß der Versammlung, darauf zu dringen, daß die Fl ei sch- und Lichtsteuern, die die Juden sehr belasten, ohne ihnen nennenswerte soziale Vorteile zu bringen, abgeschafft werden. Lebhafte Erregung rief die zur Diskussion gestellte Frage, betreffs der Gründung eines Rabbinerseminars hervor. Herr Goldenberg — Wenigorod ok meinte, man solle vor allem eine Commission von berufenen Männern bilden, die die jeweilig anzustellenden Kronrabbiner auf ihre wissenschaftliche und sittliche Qualifikation zu prüfen hätte, da leider bisher nicht die besten Elemente für dieses Amt verwendet worden wären. Darob enstand ein großer Tumult. Auf Vorhaltung des Vorsitzenden milderte der Redner den Ausdruck, ohne jedoch seine Ansicht im Prinzips zu ändern. Der Beschluß, von der Regierung die Eröffnung eines Rabbinerseminars zu verlangen, wird endlich angenommen, ebenso ein Beschluß, der die Einführung des jüdischen Religionsunterrichts in den Mittelschulen und die Herbeiführung der rechtlichen Anerkennung der Gemeinden betrifft. Zum Schluffe wurde noch eine Resolution gefaßt, die der Rabbinereommission zur Pflicht macht, alle Mittel und Gelegenheiten wahrzunehmen, die zur Erreichung der Gleichberechtigung der Juden in Rußland führen könnten. Italien. R o m, 28. Juli. Dr. Jaques Faitlowitsch, der, wie bekannt, im Aufträge des italienischen Pro- Falaschas-Comitees in einer Spezialmiffion nach Abessynien entsendet wurde, ist daselbst angelangt. In Sawara versicherte ihn der Gouverneur der Erythreischen Kolonie seiner Unterstützung und auf Empfehlung des Königs von Italien gab ihm Kaiser Menelik die Erlaubnis, das ganze Land zu bereisen und versah ihn mit besonderen Empfehlungen. an die einzelnen lokalen Behörden. Der Kaiser betonte, daß er Herrn Dr. Faitlowitsch mit derselben Bereitwilligkeit seine Unterstützung gebe, wie er es einige Monate vorher dem Emissär der Alliance Jsraelite Universelle, Herrn Nahum gegenüber getan hat. f&üvkteh Konstantinopel, 27. Juli. Die Freude die in der Stadt infolge der Proklamierung der Konstitution herrscht, ist unbeschreiblich. Der Jubel ist allgemein und wird von der ganzen bunten Bevölkerung ohne Unterschied der Rasse und Konfession gleich geteilt. Die Juden der Türkei, die niemals Grund zu Klagen hatteu und schon ohne geschriebene Gesetze mehr und weitgehendere Rechte besaßen als ihre Glaubensbrüder in manchem konstitutionellen Lande Eurovas, und die daher an allen politischen Wirren der letzten Jahren auch völlig unbeteiligt waren, freuen sich nichtsdestoweniger ob des Erfolges der Gesamtheit und des Fortschrittes des geliebten Vaterlandes. Daß die Verfassung allen Völkerstämmen der Türkei, somit auch den Juden kulturelle und wirtschaftliche Vorteile bringen wird, daran zweifelt man nicht und wie im Abendlande so denkt man auch hier in erster Reihe an das heilige Land, das nun, wills Gott, die reichen in ihm schlummernden Kräfte unter günstigeren Verhälnissen wird zur freien Entfaltung bringen können. Die Verfassung sichert die freie Religionsübung aller Konfessionen, bestimmt das allgemeine Wahlrecht und es steht zu hoffen, daß die Judenheit im türkischen Parlamente eine starke zielbewußte Vertretung erhält, die es alle Zeit verstehen wird, mit Eifer und Verständnis für die Interessen der Juden sowohl als für j ü d i s ch e Interessen einzutreten. Auch im Senate, dessen Mitglieder vom Sultan gewählt werden, werden mehrere JudenSitz haben. Wie man hört werden, sobald sich die Gemüter etwas beruhigt haben und die Straßenkundgebungen, die jetzt noch täglich stattsinden, aufhören, auch Dankgottesdienste in den Synagogen veranstaltet werden. Konstantinopel, 30. Juli. Der hochverdiente Chacham Baschi der türkischen Juden, Rabbi Moife Halevy, soll von der neuen Regierung ab gesetzt worden sein. lieber die Nachfolge verlautet nichts Bestimmtes,- es ist aber zu erwarten, daß es den der Alliance israölite nahestehenden Kreisen diesmal gelingen wird, getragen von der jungtürkischen Strömung einen Mann ihres Vertrauens in das für den ganzen Orient wichtige Amt zu bringen. (Nach einer uns soeben bei Redakttonsschluß aus Konstantinopelzugehenden telegraphischen Mitteilung ist die Absetzung des Chacham Baschi noch nicht vollzogen, steht aber bevor, und zwar wird als Motiv dieser Absetzung die r«f mmtääääms&mm