Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1908)
- Date
- 1908-08-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sekte 4 6. «uguft 1908 auch da, wo es sich um die Erringung des notwendigsten Lebensmittels handelt,' um's Stückchen Brot. Auch hier eine „Hawdoloh", eine spezifisch jüdische Weltanschauung, eine ausgeprägt jüdische Lebensauffassung. Von der Weltschöpsung an sind mit dem Begriff des Brotes ethische Momente verbunden, es steht in höherem Dienste als dem des bloßen Stoffwechsels zur physischen Regeneration der Lebenssäfte. Ein Genuß verbot war die erste Probe auf die Willensstärke des ersten Menschen. Bon der Frucht eines einzigen Baumes sollte er sich zurüühalten, und er unterlag seiner Schwäche. Dem ersten Sündenfall folgte in ewiger Geltungsdauer das Strafwort: ,,^2Kn nyn noitin bs izw or6, im Schweiße Deines Angesichts sollst Du das Brot genießen, bis Du wieder zurückkehrst zu dem Erdreich, aus dem Du genommen bist." In Konsequenz dieser Auffassung finden sich zahlreiche Stellen, an denen die Gewährung des Brotgenufses in ursächlichem Zusammenhang gedacht ist mit der Treue gegen die göttlichen Pflichtgebote. So im zweiten Abschnitt von ytw: „Und es wird geschehen, wenn ihr auf meine Gebote hören werdet, die ich euch heute gebiete, den Ewigen euren Gott zu liehen mit eurem ganzen Herzen und mit eurer ganzen Seele, so werde ich Kraut geben auf deinem Felde für dein Vieh und du wirst essen zur Sättigung. Regen werde ich geben eurem Lande zur rechten Zeit - - Früh- und Spätregen — und du wirst einsammeln dein Getreide, deinen Most und dein Oel." Für den Ungehorsam wird als Gegenteil Dürre und Untergang in Aussicht gestellt. - Als Jsak seine ungleichen Söhne segnete, macht er in den Worten an Jakob einen bemerkenswerten Unterschied gegenüber den Wünschen für Esau. Mit ]rh„ Cp1?# iS" leitet er den Segensspruch ein. Gott als „D'pW' als gerechter Richter gebe dir Himmelstau und Ertrag. Als Richter kann er dir beides auch versagen, je nach deinem sittlichen Verhalten; die Schuld hast du dir dann selbst zuzuschreiben. Aehnlich in der r-inznn, der großen Strafpredigt Leviticns 26. In dem bekannten Psalm 136 mit Dem immerwährend wieder kehren den Refrain 1NON üViyV' werden gewaltige Gottestaten be sungen, wie der Auszug aus Egypten, das Spalten des Schilfmceres, die Besiegung der Riesenkönige Sichon und Og u.s.w. Und doch wird als der bedeutsamste Vers dieses Psalmen das schlich.e Sätzchen bezeichnet : iwz bzb Gl"6 non üViy1? '2", er gibt Brod allem Fleische; denn ewig währet seine Güte." Ja nach Pesachini 118 a wird dieser Psalm geradezu in meinen Kindertagen, wieder beisammen geschlafen. Mein Vater seufzt und stöhnt die halbe Nacht und doch fühlte er sich nicht unwohl. Da sagte ich: „Vater, dich drückt was, sag mir was es ist; ich bm doch dein Kind und du bist mein Vater!" Da gibt er mir zur Antwort: „Ja, es drückt mich was, aber so lang das Licht gebrannt hat, Hab' ich mich nicht getraut davon zu sprechen." Da dräng' ich in ihn und sage: „So sag' es jetzt." Darauf begann er ganz langsam und halblaut, als ob er fürchte, es könnte Jemand horchen: „Das Hannchen könnte eine feine Partie machen." „Wer?" frag' ich ihn wieder. „Der Joseph von Hammelshausen." Den kannte ich gut; ein sehr braver, fleißiger Mensch, aus guter, unbescholtener Familie. „Und wieviel will er?" Es dauert lange bis mein Vater Antwort gibt; er getraute sich nicht recht. Endlich sagt er: „hundert fünfzig preußische Taler: sehr viel für mich, aber für ihn noch zu wenig. Doch er hat deine Schwester sehr gern und daher weil sein Vater es nicht billiger tut, will er mit der Hälfte, was er vom Oppenheimer aus Ruppertshofen kriegen könnte, zu frieden sein." „Ich kann aber auch keine hundertfünfzig Taler aufbringen: woher? Ein Taler, den man nicht erschwingen kann aber den man haben muß, ist soviel wie eine Million, die man nicht hat." Mir klopfte das Herz vor Freude. Ich sage jum Vater — er ruhe im Gau Eden, wie er's an uns Kindern verdient hat — ünd deswegen brauchst du so zu seufzen? Morgen früh, so Gott will, schasse.ich dir die hundertfünfzig Taler; du mußt mir aber versprechen, kein Wort weiter darüber zu verlieren." Und gleich daraus hat mir Gott ven Lohn gegeben. Hier machte Awromchen eine kurze Pause. ÄAne PoZ Mhrurch chu zttdym, aK H" '-rr deshalb Vnin genannt, das „große Rühmlied." aam *nn ttrnprw 'isv ma ninw p*?nDi oViy W idi-o, tveil Gott in der Höhe des Weltalls thront und jeglichem Geschöpfe Nahrung zuteilt, (das.) Welch erhabener Gedanke! Die Tendenz des bedeutungsvollen Psalmes, der die Größe und Machthöhe der göttlichen Waltung in Natur und Geschichte so herrlich besingt, läuft aus in das bzb onS smi", er gibt Brot allem Fleische! Dagegen treten alle Großtaten und Wunder zurück. „Hier wird die Wahrheit gelehrt, daß ein jedes Stückchen Brot, das ein Mensch in redlichem gewissenstreuen Streben für sich und die Seinigen gewinnt, nur als das Produkt aller der großen Waltungsweifen Gottes zu begreifen ist, wie sie immer nur die großen Gottestaten in Natur und Geschichte offenbaren, und die zusammenwirken müssen, wenn ein redlicher Mensch auf redlichem Wege sein tägliches Brot aus der Hand der liebend fürsorgenden Gotteshand empfangen soll. Daher der Satz der Weisen: pwp jnu 3'roiD rjiO w nynpn on« bw vnwTD ornA f)iD o\ im1? m1? tos bzb ©nV „die Ernährung des Menschen ist gleich wunderbar wie die Teilung des Schilfmeeres; darum stehen beide Tatsachen unmittelbar hintereinander erwähnt. (Ps. 136) die Ernährung des Menschen erfolgt keineswegs bloß nach physischen mechanischen Gesetzen, ist vielmehr ebenso wie das Spalten des Schilfmeeres die Wirkung eines freien, persönlichen Eingreifens Gottes in die Entwickelungsgänge der Erscheinungen. (Hirschs Psalmen-Kommentar.) Nach alledem ist es leicht begreiflich, daß das religiöse Fühlen, Denken und Handeln des Juden so oft und so innig mit dem Begriff des „jüdischen Brotes" zusammenhängt. Jnr Heiligtume ruhten auf goldnem Tische die 12 Schaubrode, das O^S."I an1?. Noch heute nennt der Jude seinen Tisch einen Altar; rein wie Gold sei die Unterlage, auf der er sich sein Stück Brot verschafft. Und er führt das Stückchen Brot nicht zum Munde, ehe er sich die Hände priefterlich geweiht durch mm seinem Schöpfer dankend, daß er ihn durch seine Gebote geheiligt vroxon wn "wk. Aber noch mehr. Das jüdische Brot löst, eine Fülle erhabener Gedanken aus, die sich im Tischgebet vereinigt finden. Das ist bei Leibe nicht eine bloße Dankesabstattung für die eingenommene Mahlzeit. Wenn der Jude „benscht" schweifen seine Gedanken auf das Gebiet des Geistigen weit ab, weil die Stärkung des Körpers den seelischen Kräften geweiht sei. Er dankt für den Auszug aus Egypten, den Besitz des gelobfuhr: „Da hat mein Baker mich im Dunkeln am Kopf gefaßt und mich geküßt und ich habe gefühlt wie naß sein Gesicht war und wie er . leise weinte, als er zu mir sagte: „Awromchen! du mein bestes, gutestes Kind, womit Hab' ich von Gott soviel Gnade verdient, daß er mit ein so braves Kind geschenkt hat! So sollst auch du einmal Kinder kriegen, Amn,'." In den Augen des Richters pinkelte es gar seltsam, als der Greis, dieser unscheinbare Jude, der so bescheiden vor ihm st nid, und doch so groß und erhaben in seiner Schlichtheit tu bie Höhe wuchs, mit solcher Rührung die Szene erzählte, die eine unvergleichliche Episode seines Lebens ward, vor der alle eigenen Wünsche zurücktraten. Und dieser unbedeutende Mensch, der kein; Hochschule besucht, keine seinen Gesellschaftsformen gelernt hatt:, und als dreizehnjähriger Knabe schon aus sich selber angewiesen, zwischen den Dörfern ausgewachsen war, gedachte nach so vielen Jahren noch mit solcher Liebe und Freude seines Vaters. Der ganze Lebensinhalt dieses einfachen Menschen bestand irr Selbstverleugnung und Nächstenliebe. Dazu hatte er keine Bücher gebraucht und für ihn gab es ja überhaupt nur ein verständliches Buch, 'aus dem er leine Lebensrichtung entnahm. * (Fortsetzung folgt.) Nr. 82. teu Landes, für die Gesetzgebung auf Sinai, das abrahamitische Bundeszeichen; (mia) er fleht für Jerusalems und des Tempels Wiedererstehung, um Israels Erlösung, (am) er bittet um Abwendung der vieleil und mannigfaltigen Golntleiden (jomn), um Glück und Segen für' die Seinigen, um Frieden für VfcOttO Va, an die er auch denken muß, wenn der eigne Tisch gedeckt ist. Drum ladet der glaubenstreue Jude so gerne ^(rme zu Tisch und würzt das Mahl durch nmn '"am Er weiß, fein Tisch ist erhabener als die Tafel des Fürsten. O2nVwv *?T"ü "pnVttW baä jüdische Brot erquickt mit dem Körper auch die Seele, es entzweit nicht die Menschen, es verbrüdert sie. Ein trockenes Stückchen Brot — drei jüdische Männer, und sie verrichten gemeinsam das Tischgebet, repräsentteren im kleinen Maßstabe Jsroels Gesamtheit! Sind sie zehn, dann gestaltet sich der Akt umso weihevoller, sie fühlen Gottes Majestät in der Nähe, sie „benschen mit denl OlV" O, das jüdische Brot mildert die Gegensätze, gleicht sie aus, trennt nicht, entzweit nicht, erweitert nicht die soziale Kluft, sondern will versöhnen, verbinden, verbrüdern. Der Schulchan Aruch empfiehlt den lobenswerten Brauchs »ägttch «nsch dem Morgengebete fön NL'is zu lesen, den Abschnitt vom Manna. Dasist charakteristisch für die jüdische Lebensanschuuung! Die Erinnerung an jenes wunderbare Himmelsbrod, das täglich die leeren Gefäße aller erwartete, um sie zu füllen; das nur einen Tag sich hielt, um stets neues Gottvertrauen zu wecken: das in gleichen Quantitäten jeder Hütte zufiel; das alle Standesunterschiede verwischte, das bei der Suche nach Brot die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des dokumentierte und dem Schwachen bewies, daß der Allgütige am Freitag zu geben verstehe, was uns am Sabbath nicht wird: die Erinnerung an all dieses empfiehlt der Weisen Wort dem Juden, ehe er nach seiner Morgenandacht sich dem beruflichen Leben zuwendet, ehe er sein Brot verdienen geht! Dieselben Weisen, welche die Nahrungserringung in eine Parallele mit dem Ereignis von rffv EZ>' njmi? stellen und so den „Ernst des Lebens trefflich bezeichnen, dieselben Weisen reichen uns als Paüiativmittel „im Kampf ums Dasein" pan nunE. (Schluß). (Die Juden im East-End von London.) Aus einem soeben von hem staatlichen Gesundheitsbeamten der Londoner Judenstadt erstatteten amtlichen Berichte sind einige interessante Ziffern hervorzuheben. Die Geburtsziffer von Stepn-ry (es ist das der Hauptwohnsitz der jüdischen Einwohner) ist 33,1 pro Mille . _ der Bevölkerung, während M analoge Ziffer für s undZpäter inBombay eMeüLadeuaüf hnb^b ganz London nur 25,6 beträgt. Allerdings ist auch hier wahrzunehmen, daß die Geburtszahl in fortwährendem Sinken begriffen ist. Ein außerordentlich ehrenvolles Zeugnis bietet die Statistik bezüglich der illegitimen lÄrbnrten. Es waren in Stepney nur 14,1 pro Mille gegenüber einer Ziffer von 37 pro Mille für ganz Lonbon. Die Ziffer der Sterbefälle beträgt ir>,8 pro Mille. Das bedeutet einen Rückgang von 10 pro Mille seit dem Jahre 1890. &in deutliches Zeichen für die Verbesserung der hygienischen Bedingungen, unter denen die Bevölkerung des East-Eud lebt. Daß unter den Todesursachen der Alkohol keine Rolle spielt, nimmt nicht weiter Wunder. Bedauerlich ist jedoch die große Zahl von Opfern, welche die Tuberkulose im East-End fordert. Hier müßten verstärkte Bemühungen einsetzen, um durch bessere Wohnungs- und Arbeitsbedingungen, durch vernünftige Prophylaxis und scharfe Kontroll-Maßregeln eine Besserung herbeizuführen. (Die Juden in Bagdad.) lieber die Inden in Bagdad berichtet die „Tour du Monde" folgendes: Die jüdische Kolonie ist nicht nur zahlreich, sondern auch mächtig und hält.sich abseits von der jibrigen Bevölkerung, während die christlichen Chaldäer, Syrer und Armenier (etwa 10,000 in Bagdad) sich sozial mit der mohammedanischen Bewohnerschaft mischen. Bis ins vorige Jahrhundert hielten die häufige,! Kriege und die Feindseligkeit der umwohnenden Stämme dir Inden innerhalb der Mauer ihres Stadtviertels eingeschloßen. Mit dem Fall der Mameluken wurden sie frei- Manche wurden Makler der Defterdare und mit der Finanzverwaltung der Provinz beauftragt. Ein Jude namens David Sussun verließ 1837 infolge erurs- Zwistes mit feinem Chef Bagdad, machte in " " "