Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1908)
- Date
- 1908-08-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ffr. 82 ___ (ist ihm ja z. B. die ^undlegendste jüdische Gemeindeinstitution, die Mikwa, eine fakultative, von der Willkür des Vorstands abhängige Institution) wie ihren Träger/ er verleiht alle Autorität dem Beamten, während die Gemeinde selbst mit dem leeren Scheine einer Repräsentativ-Verfaffung abgespeist wird. An der Spitze dieser Beamten- Hierarchie aber steht ein von der Gemeinschaft nicht erwähltes Kollegium mit noch immer fast unumschränkter Machtvollkommenheit, (der erweiterte Rat bedeutet nichts), das ohne Fachkenntnis und ohne Vorbildung als Synhedrion feines Amtes waltet. Das alles ist in unsren Aufsätzen in schlichter, ruhiger Sprache und ohne jede Voreingenommenheit überzeugend nachgewiesen. In den württemberaischen Gemeinden aber regt sich nichts. Es fehtt das Interesse an den Angelegenheiten des „kirchlichen" Lebens nicht nur bei den Neologen, sondern auch im Kreise der Gesetzestreuen, die es für unmöglich halten einen Einfluß in ihrem Sinne auszuüben. Und dennoch ist dies sehr wohl möglich. Wir sind fest überzeugt, daß bei entsprechendem Vorgehen, eine Reihe von Mindestforderungen die unsre Artikel enthalten, sehr wohl bei den Ständen durchzusetz«: sind, die sich dem natürlichen Uebergewicht der religiös interessierten Kreise über die indifferenten nicht werden entziehen können. Diese letzteren brauchen überhaupt keine „Kirchenverfassung", ja sie denken zum großen Teil vernünftig und gerecht genug, um den Wünschen der Orthodoxie gar nicht zu widersprechen. Offizieller Antisemitismus in 9er Buftomina. Unter den Kronländern Oesterreichs galt die Bukowina von jeher als ruhiger Winkel, der, von der Parteien Zwist und Kampf zumeist unberührt, nur wenig von sich reden machte. Tie Ruthenen, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, und die herrschende Nationalität sind, waren in der Hauptsache nur darauf bedacht, ihren unter dem Joche der Polen in Galizien seufzenden Stammesgenossen politisch beizustehen. Innere Kämpfe nationaler oder politischer Art schien das Land bislang nicht zu kenneil. Da aber außer Ruthenen auch noch R u* mänen, D eutschen und Juden im Lande wohnen, so war es vorauszusehen, daß es nicht mehr lang so friedlich bleiben würde, daß auch dieses ruhige Fleckchen österreichischer Erde von der Seuche des Nationalitätenhaders, wie sie im Mutterlande wütet, nicht mehr lange wird verschont bleiben können. Es kam auch früher als man glaubte. Rumänen und Deutsche reich- ____, _Der Israelit._ ten sich, getreu den Traditionen der rumänischen und der christlich-sozialen österreichischen Heimat die Hand, um sich gemeinsam aus die Beute — die numerisch schwächeren Juden, zu werfen. Die Brandfackel wurde von keinem Geringeren, als vom früheren Abgeordneten und nunmehrigen Minister Tr. Geßmann hineingetragen, und die Christlich-Sozialen in Wien, denen ja übrigens der Wind von oben auch nicht gerade ungünstig ist, haben doch allen Grund, ihren Gesinnungsgenoffen in der Bukowina das hohe Protektorat, dessen sie sich dort offiziell erfreuen dürfen zu neiden. Daß der Judenhaß auch in hohen Regierungskreisen Wurzel faßt und Nahrung findet, ist eine bekannte Tatsache, an die man sich leider bereits gewöhnt hat. Daß aber von einem Minister, von einen: Hüter der beschworenen Verfassung und der Landesgesetze Aufforderungen zum Verfassungsbruch und zu Gesetzeslosigkeiten gegen eine nationale Minorität nicht nur geduldet, sondern sogar sanktioniert und unterstützt werden, ein solcher Fall dürste vielleicht in der Geschichte der modemen Rechtsstaaten doch noch einzig dastehen. Herr Tr. Geßmann darf den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, diesen dunklen Präzedenzfall in der Völkergeschichte geschaffen zu haben. Die organisierten antisemitischen Parteien im Lande stehen unter dem Patronate des Ministers. Die offiziellen judenfeindlichen Organe in deutscher und rumänischer Sprache, die unter den wütendsten Ausfällen und Verleumdungen täglich den wirtschaftlichen und sozialen Boykott gegen die Juden predigen, und die Bevölkerung direkt zu Ausschreitungen gegen oieselben aüsfordern, diese blutrünstigen von wilden: Haß und blinder Leidenschaft geleiteten Hetzblätter machen keinen Hehl daraus, daß sie dank der moralischen Unterstützung des Ministers bestehen, gerieren sich daher auch als offizielle Organe einer K. K. Regierung und ihr Änfluß auf die höchsten wie auf die niederen Volkskreise nimmt geradezu gefahrdrohende Dimensionen an. Es ist nicht mehr als begreiflich, daß endlich einmal von seiten der jüdischen Abgeordneten, — da die anderen Verteidiger der Juden im Namen des Liberalismus und der Toleranz nichts dazu zu sagen haben — diesem unerhörten ministeriell protegierten Unfug mit allem Nachdruck entgegen getreten wird. Herr Dr. Straucher hat in seiner im österreichischen Abgeordnetenhause eingebrachten Interpellation, deren Wortlaut erst jetzt durch den Druck weiteteren Kreisen zugänglich wurde, es an Deutlichkeit und Ausführlichkeit nicht fehlen lassen, um die Tragweite dieses höheren antisemitischen Wahnes und dessen Konsequenzen erschöpfend dar- _gftte 8. 6. August 190», zustellen. Diese offene Sprache war eine unabweisbare und unaufschiebbare Notwendigkeit geworden. Ob und inwieweit sie auch auf die Abgeordneten und, worauf es am meisten ankommt, auf das Kabinett, als deffen Mitglied Dr. Geßmann seine unheilvolle Tätigkeit entfaltet, Eindruck machen wird, bleibt abzuwarten. Das iüdiscfct Brot. Bon A. Mannheimer in Dettelbach. Man hat oft die große soziale Frage, an deren Lösung die Völker und Staaten seit mehr als einem Vierteljahrhundert ruhig arbeiten, nicht mit Unrecht eine „Magenftage" genannt. Der beständige Zuwachs der Bevölkerung infolge natürlicher Vermehrung, die Verschiebungen in den einzelnen Ständen und Schichten durch den Zudrang zu lohnenderen Berufsarten, die ungeahnten Erfolge der Technik, der Auffchwung, welchen Industrie und Handel im großen Wettbewerb der Weltenvölker nahmen, sie stellten die Politik und Diplomatie vor die Frage: Wie ist unter den völlig veränderten Verhältnissen das Los des Einzelnen am günstigsten zu gestalten, und welche Aufgaben erwachsen dem Staat als solchem, sein Recht, seine Macht und sein Ansehen für absehbare Zeiten zu sichern? Das führte zur Organisation der einzelnen Berufsstände und auf dem Gebiete der Polittk zur kolonialen Betätigung in einen: Umfange, der in der Vergangenheit seinesgleichen wohl nicht finden dürften. Auch an den Toren des Jtwentums, der Judenheit pochte die Faust der sozialen Bewegung gewalttg an. Wir sahen die bleichen Scharen der Auswanderer vom Osten her ziehen, den Leiden des Hungers, der Tyrannei und barbarischer Mißhandlung entfliehend. Wir sahen und sehen Tausende unserer Brüder erliegen im Kampfe ums tägliche Brot, indem sie ihr Heiligstes preisgegeben, ratr, v"' und Speisegesetze opfern im Berufsleben. Es gilt, äußere Wunden zu heilen und gleichzeitig innere Schäden zu bessern, womöglich zu verhüten. Infolgedessen schuf die Zeit zahlreiche große Organisattonen innerhalb des Judentums, vielgestaltig nach Zweck und Ziel im Einzelnen, buntfarbig in Anbetracht der religiösen Anschauung, doch alle Kinder der Zeit, hervorgegangen aus den brennenden sozialen Problemen der Gegenwart und an deren Lösung sich Mühend. Suchen wir den jüdischen Maßstab, den Maßstab des Judentums an diese Erscheinung zu legen. Wie in so mancher Beziehung eine Grenzlinie Israel von den Weltenvölkern scheidet, so recht, dann bin ich sieben oder achtundzwanzig Jahralt und werde ich am eigenen Tisch sitzen können. Aber da kam etwas daznnschen, woran ich nicht gedacht hatte. Ich hatte das Jawort von Scheuchen und »venu ich Abends spät nach Hause kam, war es unsere größte Freude, uns Pläne auszumalen. Da kommt denn eines Tages die Nachricht, daß mein zukünftiger Schwager, der der Hauptverdiener in der Famicke war, in der Ziehung eine ganz tiefe Nummer gezogen, für tauglich befunden und. zu den Soldrten müsse, wenn er sich nicht loskaufen könne Sechs Jahre Soldat sein zu müssen, wegen dreihundert Äulnur die allerärmste Klasse, sonder»» auch nur ein 7 den, war sehr hart. Zudem diente damals nur nicht Sorte Menschen, die zu nichts mehr in der Weit zu gebrauchen war. Dazwischen einen Menschen zu wissen, der obendrein noch Jude war und mehr chikaniert wurde, als die andern Soldaten, das war schlimm. Ich sagte damals zu Schenchen, die mit ihrer Schwester zusammenhocktc. und jämmerlich weinte: „Was hilft das Weinen? Gott wird schon helfen:" sie aber hört nicht aus und sagt zu mir: „So? Ich möchl nur wissen, wie er das fertig kriegen ,oill." Ich war sehr ärgerlich und fragte blos : „Ist Gottes Hand auf einmal wegen Geldsachen zu kurz geworden? Seit wann schläft der Hüter Israels?" Andern Tages habe ich beim Bankier Marx an der Grabengasse dreihundert Gulden von meinem Gelde abgehoben und sagte zu Hause, ich muß für den blinden Meier für zwei Tage verreisen und fahre aber heim. In Nastätten habe ich das Geld aus dem Bürgermeisteramt deponiert, wofür ein Mann als Ersatzsoldat angedungen wurde. Ich sing dann wieder frisch an und Schenchen versprach mir, sich noch zwei wettere^Jahre zu gedulden. Nun hat sie ja auch durch Weißnähen immer etwas verdient. Mer bei ihrer Schwester herrschte immer König Dalles; die Gelle*) verstand nicht am rechten Platz zu sparen und nicht wann. Nun, jeder Mensch hat Fehler. Aber ehe noch die Zeit und das Geld beisammen ist, das zunr Heiraten notwendig war, da kommt wieder ein Hindernis, das noch Obendrein ein Unglück war. Im Dorf war ein Brand ausgebrochen, hat auch den Stall und die Scheuer meiner Leute getroffen und ein Stück vom Häuschen. So erschrocken wie ich auch war, dankte ich doch dem lieben gütigen Herrgott, daß Niemand von meinen Leuten dabei ums Leben gekommen war, aber der Schaden war damit doch noch nicht gut gemacht. Sechs ändere Juden waren durch das Feuer ruiniert und unser Parnes, der selber kein reicher Mann war, hat sich mit zwei Leuten aufgemacht und ist mit einem Zeugnis von der Behörde versehen, in die reichen Judengemeinden gereist und hat, weil auch die Synagoge und die Gesetzesrolle verbrannt waren, Gelder gesammelt. In Mainz, Bingen, Wiesbaden und, weil das beste immer zuletzt kommt, am Ende in Frankfurt, wo für alles in der Welt Geld hergegeben wird, haben sie gesammelt. Ich habe aber nicht zugegeben, daß meine Leute von dein so gesammelten Gelde etwas nehmen. Was hätten dann die Leute gesagt? Eher hat der Abraham Mühlstein nicht heiraten können, als bis das Oertchen abgebrannt ist und Geld gesammelt wurde.. Ich tonnte doch mein Elternhaus nicht in Schutt liegen lassen und da habe ich mit einem Maurer einen Akkord gemacht und wie alles wieder neu hergerichtet wrr, die Kosten bezahlt. So sehr auch Schenchen nun immerfort geweint hat, so war sie doch einverstanden, daß wir jetzt auch noch ein bischen länger warteten. Damals hat sie eine gute Partie machen können. *) Gertrud, Der Mosche Gaulsheim hatte ein Auge auf sie geworfen und wie das der Schimme Gensmgen gemerkt hat. wollte auch er Schenchen freien, um den Mosche Gaulsheim, mit dem er aus Gewohnheit Feind war, auszustechen. Beide waren vermögende Jungen und konnten sie vom Fleck tveg heiraten. Da kam noch Mordche Planig's Bruder dazu, der es auch nicht nötig hatte, auf Geld zu sehen und obgleich die Herren ganz gut wußten, daß das Schenchen so halb und halb mit mir versprochen war, so kümmerten sie sich doch nicht weiter um mich, und 'behandelten mich so, als ob ich überhaupt gar nicht auf der Welt wäre. Was sollte ich tun? Ich hatte doch weder meine Annahme noch genug Geld, um sie zu erkaufen. Aber das Schenchen hat einen Charakter wie Goto und Edelstein. Und ohne unbescheiden zu sein, kann ich Ihnen sagen, 'daß sie ein schönes Mädchen war, tausendmal schöner wie heute. (Hier begarmen di7 Zuhörer wieder zu kichern, einige lachten sogar.) Wie ich aber merkte, wie treu Schenchen zu mir hielt und die reichen Freier abwies, ich aber nicht weiter kam, da sagte ich mir: Gott will nun'einmal haben, daß ich noch ledig bleiben soll. Wahrscheinlich passiert noch etwas, wozu ich als Helfer von ihm ausersehen bin und gegen Gottes Willen werde ich nicht heiraten. Und ich habe wirklich richtig geraten. Drei und ein halbes Jahr waren wieder hingegangen, da schreibt mir mein Bater, er morde einmal Herkommen und sehett, wie es mir geht. Boi» Sankt Goarshausen aus mußte er das Schiff benutzen und ich holte iyn ab. Mein Herz fiel »nir in die Schuhe, wie ich den Vater wiedersehe. Ein alter Mann, mit schlohweißen Haaren, gebückt wie ein Achtzigjähriger und langsam gehend. Mir traten die Tränen in die Augen, so wenig mir das Weinen je im Leben gelingen wollte. Nachts haben wir, wie;ä I & 1 i* •'s