Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1908)
- Date
- 1908-08-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette s. 9t& 32 Der JSraelit 6. «noust 1906. Ein besonderer Abschnitt, Kapitel X, behandelt -Le KviMinalitätsverhältnisse. Das Ergebnis ähnelt den für Deutschland vorliegenden Resultaten: An den Verbrechen sind die Ju^en in wesentlich geringerem Maße beteiligt, als die nichtjüdische Bevölkerung, während bei den Vergehen das Umgekehrte Verhältnis obwaltet. Eine besondere Beachtung verdient das die Taufbewegung behandelnde Kapitel des Heftes. Bekanntlich ist unsere Neologie gegen keinen andern Vorwurf so empfindlich wie gegen den, daß die überhändnehmenden Taufen und Mischehen auf ihr Schuldkonto zu buchen seien. Wenn man toa* Führern der Neologie vorhält, daß sie das aetptge Erbe des Judentums verschleudern, daß sie die ihnen anvertrauten Gemeinden und die Heranwachsende Jugend in. völliger Unkenntnis des Mischen Gesetzes belassen, so haben sie für diese schweren Vorwürfe nur ein kühles, abweisendes > Lächeln. Und warum auch nicht? Braucht denn die Herde mehr zu wissen als der tirte? Wenn man denselben Herren aber die ahlen vorhält, die hie Statistik alljährlich, über die Mischehen und von Zeit zu Zeit über die Taufen veröffentlicht, dann verlieren sie ihre kühle- Gelassenheit, dann werden sie nervös und in der Furcht, das Bischen Kredits daß sie noch in ihren eigenen Reihen genießen, ganz zu verscherzen, verfallen sie auf die wunderbarsten Dinge. So hat bekanntlich einer der Väter der „Liberalen Bereinigung" der streitbare Rabbiner der Frankfurter Gemeinde, Herr Dr. Seligmann, die — Kühnheit gehabt, die Zunahme der Taufen der Orthodoxie zur Last zu legen (s. Allg. Ztg. d. I. Nr. 1). Wir glauben nicht, daß der verehrte Herr für diese Behauptung, für die er den Beweis selbstverständlich schuldig geblieben ist und bleiben mußte, unter seinen eigenen Freunden viel Gläubige gefunden hat/ indessen keine Behauptung ist so töricht, daß sie nicht im Kampfe gegen die verhaßte Orthodoxie willkommen wäre und zeitweise Verwendung fände. Wir find daher genötigt, auch jenen Angriffen unserer Gegner unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, die, wie der hier in Rede stehende, einer Widerlegung ob ihres Widersinnes eigentlich nicht recht bedürfen. Da bietet nun die österreichische Statistik uns die Möglichkeit an einem drastischen Beispiele zu zeigen, wie die vordringende Reform den Boden für Taufen und Mischehen ebnet. Wir beginnen mit Wien, in dem die Neologie seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Herrschaft in geradezu unbeschränkter Weise ausübt. Sie herrscht im Kultus wie in der Schule so ausschließlich, Kleines Feuilleton. Der?rei$prncb. . Bon Arthur Kuh«. (Fortsetzung.) Me Leute wurden stutzig über den überaus mildert Ton, mit dem der Richter mit Awromchen gesprochen hatte; auch daß er den Angeklagten aufgesordert hatte oder richtiger, erlauben wollte, sich za setzen, was aber Awromchen mit dem Bemerken ablehnte, das verbiete ihm doch schon der Respekt vor dem Herrn Friedensrichter; Awormchen setzte hinzu, auch sei er gewohnt am Bersöhnungstog von früh bis zur Nacht stehend seine Andacht zu verrichten. Dann fuhr er fort: „Sehen Sie, Herr Richter, wie mein Vater mir die Geschichte von dem verunglückten Fleckenschmuhl und dem Mord, der stn dem Schirnholz verübt und nie an den Tag gekommen ist, erzählte, dr kam es über mich, wie ich es nicht recht beschreiben kann. Wie ich dann, indem mein Vater so nkit mir spricht ihn aufmerksamer als je zuvor betrachte, merke ich zum erstenmal wie alt und hinfällig er geworden und ich kann mir nicht helfen, ich muß an den toten Schmuhl denken, wie er an dem Strick, den er sich um den Leib gebunden hat und von dem wild gewordenen Rind geschleift wird und dann an dm armen Elias, den sie auf dem Rücken liegend tot «eben seinem Hund gefunden haben. Da kam eine schreckliche Angst Um den Vater über mich und ich -? j'-sraviäikiX^L.a daß das kleine Häuflein der Gesetzestreuen neben ihr nicht in Betracht kommt. Die nachfolgende Tabelle der Austritte aus denl Judentum zeigt uns die Früchte dieser Herrschaft. Jahr Austritte Jahr Austritte 1868 7 1886 272 1869 14 1887; 93 1870 39 1888 257 1871 45 1889 303 1872 57 1800 302 1873 64 1891 349 1874 59 1892 814 1875 55 1893 406 1876 41 1894 389 1877 54 1895 410 1878 88 1896 443 1879 80 1897 453 1880 * HO 1898 434 1881 126 1899 482 1882 182 1900 561 1888 201 1901 551 1884 235 1902 601 1885 282 1903 582 Die Tabelle zeigt mit aller wünschenswerten Deutlichkeit zwei Dinge: erstens, daß Juden, die selbst aus einem gesetzestreuen Milieu hervorgingen, auch wenn sie sich der Neologie zuwenden, gegen die Gefahren der Taufe noch ziemlich gefeit sind, daß aber die nächste Generation, die Länder dieser dem praktischen Judentum Entfremdeten, von der Fahnenflucht nicht mehr abzuhalten find. Ein ganz anderes Bild ergibt sich dort, wo statt der assimilationslüsternen Neologie das alte unverfälschte Judentum noch die Massen beherrscht. Stellen wir Wien die beiden galizischen Hauptstädte: Lemberg und Krakau gegenüber. Wohl hat auch dort schon die Neologie ihren Einzug gehalten, aber es sind nur die dünnen oberen Schichten, die ihr anheimfallen und auch diese verschwindende Minorität kann sich dem Einflüsse der am Judentum festhaltenden Massen nicht entziehen. In den Jahren 1897—1902 schieden aus dem Judentum aus: in Lemberg (jüd.Bevölkerung 44258) 157 Personen in Krakau ( „ „ 25570) 191 „ in Wien („ „ 146926)8088 „ Während also die Bevölkerungsziffern der Städte sich verhalten wie 1 zu 2. ergeben die Austritte aus dem Judentum ein Verhältnis von 1 zu 9. Nun ist aber aus der sehr genau geführten Statistik der Stadt Krakau ersichtlich, daß nur eine Minderzahl der Austretenden aus Krakau selbst stammt, nämlich 10,4"/»/ die Mehrzahl — 66,2 % stammt aus dem Übrigen Galizien, während beinahe ein Viertel (23,4°/°) aus anderen Ländern, hauptsächlich Russisch-Polen, herrührt. Wir müssen also, um obige Ziffern richtig zu würdigen, der Zahl der in Wien lebenden Juden — 146926 — die Gefamtziffer der Juden Galiziens — 811371 — gegenüber stellen Es ergibt sich denn, daß während rn Galizien erst auf 10000 Juden ein .Austritt, in Wien schon auf je 260 — 270 Indien eine Taufe entfällt! Diesen Zahlen gegenüber wollen wir es in Ruhe abwarten, ob die führenden Männer der Neologie es auch in Zukunft wagen werden, die Verantwortung für die Zunahme der Taufe von sich abzuwälzen. Das mürftembergtsdie 3u9engese6. Wir möchten die Aufmerksamkeit unsrer Leser an dieser Stelle noch einmal auf die eingehende Besprechung lenken, die unser schwäbischer Mitarbeiter dem neuen württembergischvn Judengesetz gewidmet' hat, und divsir unsrer heutigen Nummer zuEnde geführt wird. Die württembergische „Verfassungsrevision" wird in Preußen, Hessen, Bayern, Baden, kurz überall, wv die vorhandene Gemeindeorganisation von der einen oder ändern Seite als verbesserungsbedürftig empfunden wird, aufmerksam verfolgt, und sie hat darum eine über die Württembergischen Grenzpfähle weit hinausgehende Bedeutung. Allerdings wird derjenige, der von dem neuen Gesetzgebuttgswerk irgendwelchen schöpferischen Gedanken erwartete, auch bei gründlichstem Studium dem Entwürfe enttäuscht den Rücken kehren, denn er entbehrt jedes religiösen oder kirchenrechtlichen Prinzips, beschränkt sich vielmehr darauf, unter Aufrechterhaltung einer weder jüdischen, Noch volkstümlichen Konsistorialverfassung dem Gedanken der religiösen Gewissensfreiheit und der demokratischen Selbstbestimmung einige Scheinkvnzessionen zu machen. Zwei Schritte vorwärts — einen zurück, das ist die beste Charakteristik dieses Entwurfes, der zum Schluffe kaum anders aussieht, als ob er aus dem Jahre 1828 stamme, und der dennoch nicht den Mut hat, echt historisches Recht, nämlich das gute alte Gemeinderecht des Schulchan-Aruch, zu schaffen! Dieses alte jüdische Gemeiuderecht kannte nur eine Quelle der Autorität: das Religionsgesetz und nur einen Träger dieser Autorität: die freie Gemeinde. Der wütttembergische Entwurf kennt jene Quelle ebensowenig kann mir nicht mehr helfen und muß bitterlich weinen. Mein braver Vater hat aber meine Tränen falsch verstanden und hat gemeint, es sei darum, pah ich kein Handwerker werden sollte. „Wein' nicht, mein Jüngelchen," sagte er so lieb zu mir, daß ich vermein, ich hör' es jetzt noch, „wein nicht, ich will dann sehen, wie wir's einrichten können, daß du doch einen Lehrmeister findest." Und dabei hat er mir die Wangen gestreichelt und freundlich zugeredet. Da Hab' ich laut gerufen: „Väterchen, ich will ja gar kein Handwerk lernen, laß mich nur bei dir bleiben, laß mich die Rinder führen, wenn's vorkommt und schick' mich über Feld mit unserm Hund; ich bin doch jung und kann, wenn ich mich nicht wehren kann, wenigstens schnell davonlaafen. Geh', lieber Vater, verlprech mir's, Hab ich zu ihm gesagt, olow ba'scholom. Darauf hat er mich an die haare gezaust uno gesagt: „Awromchen, du bist ein gutes Kind, der liebe Gott soll dir dafür die Gnade schenken, daß einst deine Kinder dich grad' so ehren sollen, wie du deine Eltern ehren willst und heute schon sollen deine Kinder gebenscht sein, was soviel bedeutete, daß mich uni er Herrgott segnen sollte. Und so blieb ich bei meinen Eltern und half ihnen verdienen, bis mein jüngerer Bruder erwachsen war und ich danran denken mußte, etwas für meine Soldatenzeit zu verdienen, wenn ich zur Musterung kommen sollte. Dabei war es so blutwenig, was .ich in unserer armen Gegend verdiente, daß ich überall anderswo meinen Eltern mehr nützen konnte wie zu Hause. Auch mußte bedacht werden, daß wenn ich mir einmal selber einen Hausstand gründen wollte, ich doch nicht im Nassauischen bleiben konnte, wo ich keinen Consens bekommen würde. Mun da bin ich fort von zu Hause, und bin hierher. Beim Militär habe ich mich sreigezogen und das war das einzige Mal im. Leben, daß ich ohne bittern Kampf und ohne Entbehrung ein großes Glück gehabt habe." „Mas hat Sie nun veranlaßt, gerade sich hierher zu begeben, wo doch sonst Ihre Glaubensgenossen, wenn sie aus den. Dörfern izehen, in größeren Städten niederzulassen pflegen? Haben Sie doch gerade hier mehr 'Schwierigkeiten für die Erlangung des Bürgerrechts und auch nicht so sicheren Lebensunterhalt zu erwarten gehabt, wie etwa in eitler der großen Nachbarstädte." Awromchen war durch diese an ihn gerichteten Fragen sichtlich betroffen. Mit einem scheuen Blick auf das zusammengesunken dasitzende Weibchen, das offenbar teilnahmslos zum Fenster hinausblickte, sagte er ganz leise, so daß nur die nächststehenden es vernehmen konnten: „Das Schenchen ist nämlich aus meinem Ort und war hier bei seiner Schwester, der Rosenwalden, und da dachte ich damals, da hätte ich doch wenigstens schon einen Anhalt und ich könnt: seinen Leuten manchmal Bericht geben, wie es uns in der Fremde geht. Sie kann nicht lesen, noch schreiben, aber ich Hab' das gekonnt." Wieder huschte es wie ein verstehendes Lächeln über die Züge des Richters. Awormchen war in Schenchen verliebt gewesen und wollte der von ihn« Angebeteten nahe feilt. Awromchen, dem das f:htc Lächeln des Richters nicht entgangen war und cs verstanden zu habe» glaubte, sah ihn mit bittenden Blicken an und der Richter verstand auch wieder diese stumme Bitte und stellte keine Frage mehr, die die Lachlust und den, wenn auch gutmütigen Spott, der Zuhörer hätte entfesseln können. „Nun, Heer Richter," fuhr er fort, „habe ich mich sehr gevlagt, aber ich habe etwas 'erübrigen können und dachte jetzt daran, sobald die ersten fünfhundert Gulden beisamen habe, erwerbe ich mir bas NiederkassMgS- .g» L,yj