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Der Israelit · 1908-07-30 · Heft 31 (30.7.1908) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 31 (30.7.1908)
Date
1908-07-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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.30, Juli 1908. Der Israelit. Seite 9. 9to. 31 In unserer Geschichte Hut die Stadt eine große Bedeutung. In anderen Ländern und Städten ist sie als Residenz Littanens bekannt. Littauen schuf Etwas in der jüdischen Psyche, es schuf die jüdisch-littauische Legende, Littauen schuf die Legende des Verstandes, der Vernunft. Die-./ Größe Littauens war der Gaon, der heilige Askete, der Mark und Blut dem Kampfe ums Dasein geopfert 02^>n yipon ovpn non^D hy Ivni) (?). Der starre Scharfsinn, die Trockenheit und Genauigkeit —das ist das Charakteristikum des Littauer Dieses Kriterium kennzeichnet die geistigen Schöpfungen, die Gestalt der Gaonim, die literarisch-nationalen Werke, kurzum alles trägt dieses Zeichen (der Trockenheit) an sich." „Und nun kamen wir, um die Starrheit zu erweichen und stoßen gerade in Wilna, wo man uns doch am meisten entgegenjubeln müßte, auf Hindernisse. Aber die Tradition des G olus steht der der nationalen Renaissance hindernd im Wege. Es ist leichter eine zionistische Agitation in den neu entstandenen Gemeinden Afrikas zu entfalten als in den altjüdischen Gemeinden. Denn diese sagen: Wir bedürfen keiner Neubelebuna des jüdischen Geistes, der ja durch uns geschaffen ist und in uns lebt. Aber dies ist ein Irrtum uirv." - Herr Sokolow prophezeiet nun der Gemeinde Wilna das Ende der früheren großen jüdischen Zentren, wenn sie nicht das ihr zugeworfene nationale Rettungsseil noch rechtzeitig ergreift. Einzig der Zionismus könnte sie noch vor dem drohenden Untergänge bewahren, wie ja auch der Gesamtheit der russischen Judenheit, die seiner Wahrnehmung nach lange nicht mehr als die Jahnenträgerin des wahren Judentums gelten kann, nur durch den Zionismus noch geholfen werden kann. Die Anwesenden, die natürlich ausgeschlossen waren, quittierten diese Liebenswürdigkeiten an die Adresse der Abwesenden mit stürmischen Applaus. Schade nur, daß der greise Rabbi Reines, der sonst vor dem weiten Weg nach Basel und Haag nicht zurückscheut, die Reise von einigen Wegestunden nach Wilna dieses Mal als zu beschwerlich fand. Er hätte es dann mit eignen Ohren vernehmen können, daß die russische Jndenheit an der vom Wilna er Gaon geschaffenen Starrheit und Trockenheit zu Grunde ginge, und daß nun diese Starrheit des Geistes, die Tradition des Golus, gebrochen werden soll, durch diejenigen, die ihn, den greisen ehrwürdigen Leiter der berühmten Jeschiwah zu Lida, Gesinnungsgenosse nennen. Kowno, 27. Juli. Zu den unzähligen Städten, die in den letzten Wochen durch Feuerkatastrophenvernichtet wurden, gehört, nun auch T e l s ch. T e l s ch hat sich, durch seine Jeschiwah, die nach der in Woloschin wohl die hervorragendste in Rußland' ist, einen Weltenruf erworben. Nun sind auch mit den 200 anderen Häusern die Räume der Lehranstalt eingeäschert worden. Mit den hunderten jüdischen Familien, die mittel- und obdachlos aus der Straße kampieren, haben auch die Thora nnd ihre nach Hunderten zählenden Jünger ihr Heim verloren. Von den 4 Synagogen ist nur der alte Beshamidrasch unversehrt geblieben. Die Kunde dieses Brandunglücks hat hier im nahen Kowno, wie auch im weiten Reiche einen erschütternden Eindruck gemacht. Eine Hilfsaktion ist sofort eingeleitet worden. Hoffentlich bleibt auch die kräftige Hilfeleistung von auswärts nicht aus. (Soeben kommt die schreckliche Kunde von einer zweiten Feuerbrunst, die die Stadt am 25. betroffen und sie nun vollends verwüstete. Der Rest der vom ersten Brandunglück geretteten täuser, darunter auch die uoch einzig gebliebene ynagoge ist nun ebenfalls bis auf den Grund abgebrannt. Tausende von Familien lagern auf der Straße. Die Not sst unbeschreiblich.) Krcmkveich. Paris, 25. Juli. Die Anklagekammer hac gestern beschlossen, den Publizisten Gregori, der am Tage der Beisetzung Zolas im Panthöon auf den Major Dretfus schoß, vor die Pariser Geschworenen zu verweisen. Darüber gibt die „Libre Parole" ihre Freude zu erkennen. Bon dem Zuchtpolizeigericht wäre der Attentäter ohne Zweifel verurteilt worden/ die Geschworenen werden hingegen, nach der Meinung des antisemitischen Hetzblattes, den Wackern, der die rächende Gebärde gegen Dreifus machte, Gerechtigkeit wiederfahren lassen, und er wird vor den Assisen den im Pantheon begonnenen Protest ergänzen dürfen.- Wir Juden, oie als französische Bürger an den Gerechtigkeitssinn der Franzosen glauben, können es ebenfalls nur begrüßen, daß der Prozeß vor einem Bürgergerichte zum Austrage gelangt. Die Zeiten der „Libre Parole" sind vorbei, was sich auch anläßlich dieses Prozesses hoffentlich zeigen wird. fjfrtlgixvien« Sofia, 25. Juli. Auch bei uns feült es nicht an spekulativen antisemitischen Versuchen, die aber in der Regel vereinzelt bleiben uno Dank der demoktatischen Regierung, die bei jeder Ge legenheit es zeigt, diß sie es mit der G eichberechtigung der jüdischen Bürger sehr ernst meint niemals festen Boden fassen. Die Politik des benachbarten Rumänien wird hoffentl ch niemals hier hinübergreifen. Die ei izige antisemitische Zeitung, die hierzulande (in Ruftschuk) ein kurzes elendes Dasein fristete, mußte nun auf Veranlassung der Behörden ihr Erscheinen ein Nellen. Auch oer regierende Fürst bat oft. so auch beim jüngsten Empfange des Grandrabbin er Dr. Ehrenpreis sein Wohlwollen für die Jud n bekundet, was natürlich auf die hoben Regierungskreise wie auch auf die niedrigen Volksschichten nicht ohne Eindruck bleibt. VrrlSMnac. Jerusalem, 30. Juni. Bor einigen Tagen unternahm der hiesige Ober-Kaimakam eine Inspektionsreise durch Beer-Seba, Gaza und Ja ffa. Auf dieser Reise hat er auch inBegleitung des Jaffaer Kaimakams und mehrerer höheren Regierungsbeamten die Kolonie Rischon L'Zion besucht. Auf dem Wege nach Rischon wurde er von zehn Kolonisten zu Pferd erwartet und feierlich nach der Kolonie begleitet, wo er in arabischer Sprache begrüßt wurde. Er begab sich hierauf in die Synagoge und sodann in die Schule der Kolonie, wo er dem Unterrichte der hebräischen und arabischen Sprache beiwohnte und den Lehrern seine Anerkennung für ihre Leistungen aussprach. Zu Ehren der Besucher wurden von den Kindern die türkische Hymne und hebräische Lieder gesungen. Nachdem der Pascha die Kolonie besichtigt hatte, wurde er mit den andern Beamten zu einem Festmahl im Verwaltungsgebäude der Kolonie, von den Gemeindeältesten eingeladen. Der Vertreter der Jka, Herr Frank, brachte ein Toast auf S. M. den Sultan aus und gab sodann in einer längeren französischen Ansprache ein Rückblick auf die Entwicklung der Kolonie, betonend, daß die bedeutende Entwicklung der jüdischen Kolonien auch dem Lande sehr großen Nutzen gebracht hat. Der Pascha sprach sich sehr anerkennend aus und versprach, die Kolonie nach Möglichkeit zu schützen und in ihrer Entwicklung zu fördern. Dreihundert Familien der sog. Bergjuden ausRußland sind dieser Tage in Jaffa gelandet, um sich im heiligen Lande als Ackerbauer niederzulassen. Man spricht hier von einer bevorstehenden weiteren Masseneinwanderung aus den Berggegenden in Kuban. Es sind muter groß gewachsene muskulöse Menschen, denen außerordentliche Energie und Arbeitslust anzusehen ist. Sie fttib zum Teil auch bemittelt. Dem Vernehmen nach erklärte sich die Jka bereit, geeignetes Land in der Gegend von Liberias anzukaufen und es ihnen auf Abzahlung zu überlassen. Jerusalem, 17. Juli. (Ausführlicherer Bericht.) Im Urphalimviertel ist Freitag um 3 Uhr nachmittags ein Feuer ausgebrochen, welches im Nu 30 Häuschen und Hütten verzehrte. Die Urpalim sind persische Juden aus Ur-Kasdim im türkischen Kurdistan, die vor vielen Jahren nach Jerusalem kamen und hier als schlichte Arbeiter, Lastträger, Steinhauer und Maurer ihr Lebert fristeten. Durch Fleiß und Genügsamkeit haben sie es im Laufe der Jahre so weit gebracht, daß jede Familie ein eigenes Häuschen aus Holz und Blech sich errichten konnte. Nun sind diese Zelte mitsamt der bescheidenen Habe der Armen.ein Raub der Flammen geworden, und etwa 30 Famllien haben dadurch ihr Obdach verloren. An der Brandstätte haben Milttär und Nachbarn sich bemüht, alle mögliche Hilfe zu leisten und auch die Löschapparate des Schaare-Zedek-Hospitals und der Allianz haben sich an den Rettungsarbeiten wacker beteiligt. Leider konnte man es nur verhindern, daß das Feuer nicht weiter um sich greife. Indem es knapp vor Sabbath war, mußte rasch dafür gesorgt werden, daß die Unglücklichen wenigstens die nöttge Nahrung und ein Nachtasyl erhielten. Unter den Nachbarn wurde sofort eine Sammlung von Nahrungsmitteln veranstaltet und dank den Bemühungen guter Menschen .waren «die Verunglückten für Sabbath und noch einige Tage mit dem allernöttgsten versorgt. Die Obdachlosen wurden teils im Beth-Hamidrasch Aram Zoba, teils unter ihren Verwandten und Bekannten untergebracht, Der Brandschaden wird auf 20000 Frs, geschätzt. Ein Unglück an Menschenleben ist Gott sei Dank nicht zu beklagen. — Unter dem Vorsitz des Chachim Baschi '"2 hat dieser Tage eine Beratung stattgefunden, in welcher Weise man den verunglückten Familien helfen könnte. ES wurde beschlossen von einer größeren Aktton im Auslande bereit noch abzusehen. Es handelt sich um strebsame Leute, die auch bisher durch Fleiß und Arbeit ihr Brod verdienten. Daran wird es auch weiter nicht fehlen. Die dringendste Notwendigkeit ist, daß diese Leute vorderhand Wohnung und die nöttge Einrichtung erhalten. Hiezu wäre ein Betrag von etwa 4000 Frs. notwendig. Dieser Betrag soll von den hiesigen Kolelim, Wohltätigkeitsanftalten und auch einigen vermögenden Glaubensgenossen aufgebracht werden. Nachher soll genau festgestellt werden, ob, für welche Familien und in welchem Maße eine weitere Unterstützung notwendig sei. Nach Maßgabe der wirklichen.Notwendigkeit sollen nachher die ausländischen Hilfsvereine in vertraulichem Wege um Ergänzung des nötigen Betrages angegangen werden. Diesen Körperschaften sei es auch anheimgeftellt, ob die private öffentliche Wohltätigkeit in diesem Falle angerufen werde. Dieser Antrag wurde zum Beschluß erhoben, worauf vier angesehene Männer unter Führung des Redakteurs I. D. Frumkin damit betraut wurden, bei den hiesigen Kolelim und Anstalten die Sammlung einzuleiten. Der Auftuf wurde von den Ravbinen, Chacham Baschi Panisel, Oberrabbiner S. Salant und I. Horoviz gezeichnet. Namens der Amsterdamer PekidiM wurden 300 Frs., vom Frankfurter Hilfskomitä 1500 Frs. angewiesen. Herr E. Kohn hat für den Hilfsverein in Berlin 400 Frs. gezeichnet. Namens der Alliance Israelit« wurden Nahrungsmittel verabreicht. Man hofft, daß diesen Unglücklichen der Schaden balo ersetzt sein wird. Im Mettel der Bukharim wurden 20 Zimmer ausfindig gemacht, um den Verunglückten Obdach zu bieten. Jaffa, 17. Juli. In hiesigen gesetzestreuen Kreisen herrscht große Aufregung. In der Hauskapelle des sogenannten jüdischen Gymnasiums wurde das „Duchenen" abgeschafft. In allen Gemeinden Palästinas wird nämlich nach uralter Gepflogenheit sowohl bei den Aschkenafim als bei den Sephardim täglich beim Morgengottesdienst, am Sabbath, Neumond und Festtagen, auch bei Muffaf und an Fasttagen auch bei Mincha „geduchent". Außerhalb Palästinas

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