Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1908)
- Date
- 1908-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sethe 4. Hx. 81 Der JSrarttt 80. IM 1908 Eadllcb?? Die heftigen Stürme der Siriustage brachten unserem Redaktionstisch eine kleine Ueberraschung. Hier ist sie: Resolution. -/Durch die jüngsten Resolutionen der liberalen Rabbiner-Bereinigung haben die prinzipiellen Differenzen zwischen den Angehörigen der verschiedenen Richtungen, Üie in dem Rabbinewervanb in Deutschland bereinigt find, sich derart' verschärft, baß einem Teile derselben eine gemeinschaftliche Wirksamkeit in der bisherigen Weise nicht mehr Möglich, erscheint. Der Zentralausschuß enthalt sich mit Rückficht auf § i6 der Statuten eines Urteils übet die Resolutionen und beschließt in bin: Erkenntnis der Notwendigkeit, daß die Rabbiner Deutschlands für wichtige, allen gemeinsame Angelegenheiten geeint und organisiert seien, eine Kommission etnzüsetzen, welche nach den' gemachten Erfahrungen die Ausgabe des Rabbinerverbandes enger begrenzt und die Art seiner weiteren gemeinschaftlichen Tätigkeit festsetzt. Als solche gemeinsame Aufgaben werden insbesondere bezeichnet: '1. die Abwehr von Angriffen, welche gegen vaS Judentum und feine Einrichtungen von außen her gerichtet werden - 2. die gemeinschaftliche Arbeit an allen Einrichtungen und Bestrebungen der deutschen Zudenheit, hinfichtlich deren religiöse Verschiedenheiten nicht bestehen und an denen jetzt schon die Angehörigen der verschiedenen Richtungen Zusammenarbeiten- 3. die Gegenstände, die das Jntereffe des Rabbiner« verbändebetreffen- 4. die Fürsorge für die Relikten- und PenfionSkaffe. Die etnzusetzende Kommission hat nach Abschluß ihrer Arbettm dem Zentralausschuß Bericht zu erstatten und dieser wird sodann die von ihm beschloffenen Aenderungen an den Statuten des Rabbinerverbandes einer baldigst von ihm einzuberufenden Generalversammlung der Mitglieder zur definitiven Entscheidung vorlegen." Der geneigte Leser wird wohl schon gemerkt haben, daß dies alles eine Resolution ist, die der Zentralausschuß des Allgemeinen Rabbinerverbandes gefaßt hat, um einer Sprengung vorzubeugen, welche infolge derjüngsten Enunzrationen der Bereinigung liberaler Rabbiner dem Verband gedroht zu haben scheint. Wer einigermaßen Erfahrung in der Bewertung parlamentarischer Vorgänge besitzt, wird in dieser Resolution eine sehr schwächliche Abflauung einer Krisis erblicken. Bevor wir an eine Kritik der Resolution selbst Herangehen, möchten wir ein Bild davon entwerfen, wie sich die Sache etwa abgespielt haben mag. Als der 3. Mai gekommen war und mit ihm der sattsaui bekannte Aufruf der Liberalen Vereinigung, als kurz darauf auch Näheres über die Tagung der Bereinigung liberaler Rabbiner in die Oeffentlichkeit drang, da mochten sich die orthodoxen Mitglieder des Rabbinerverbandes die bange Frage vorlegen, ob auch jetzt noch der von uns schon lange genug als unnatürlich und wahrheitswidria gekennzeichnete enge Konnex zwischen den Rabbinern „verschiedener Richtung" im Rabbinerverband möglich sei. Es mögen dann weiter eine Anzahl ehrlicher Proteste an den Zentralausschüß ergangen' sein mit dem Ansuchen, derselbe solle als eine Art Oberinstanz gegen den „liberalen" Aufruf Stellung nehmen. Wahrscheinlich wird hierdurch eine Sitzunc des Zentralausschusses notwendig geworden' sein, als deren Frucht die oben im genauen Wortlaute angeführte Resolution uns vorliegt. Wir haben uns in der Periode der Seeschlangen auch ein ziemlich farbenreiches Bild von der Sitzung selbst zusammenphantasiert, möchten aber unsere Leser damit vorläufig verschonen, da wir hoffen, daß vielleicht der Zentralausschuß selbst einen authentischen ' Bericht der Oeffentlichkeit überantworten wird. Sollten wir uns in dieser Hoffnung getäuscht haben, dann ist es immer noch Zeit, das Produkt unserer Phantasie unserem Leserkreis zu unterbreiten. Und nun zur Kritik der Resolution selbst! Wir gehen an diese Arbeit nur ungern. Denn von unseren Gesinnungsgenoffen fürchten wir mißverstanden zu werden, fürchten, daß die Interpunktion unserer Überschrift leider durch die Tatsachen gerechtfertigt wird Aber wir halten den Augenblick für einen zu bedeutungsvollen auch für die Gestaltung der Verhältnisse innerhalb des orthodoxen Lagers, als daß wir ihn mit Stillschweigen übergehen dürften. Also die Resolution ist wirklich von allen Mitgliedern des Zentralausschusses unterschrieben? Auch von den Orthodoxen? Also haben diese anerkennen wollen, daß G setzestrene und Nicht- Gesetzestreue lediglich „Angehörige verschiedener Richtungen" sind? Nein, gewiß nichtaber in einem solch wichtigen Aktenstück — dafür halten wir es unbedingt — durfte ein solch unglückseliger, verwirrender Ausdruck unter keinen Umständen zur Anwendung kommen. Es durfte nicht dokumentiert werden, daß dieser Ausdruck, mit welchem gerade die nicht-gesetzestreuen Kreise hre Berechtigung im Judentum br vi mann zu beweisen suchen, widerspruchlos von der orthodoxen Seite akzeptiert wird. Mit diesem Ausdruck fft das A nud 0 aller betrübenden Erscheinungen der jüngsten Jahrzehnte sehr deutlich gekennzeichnet. — Wenn wir aber Mitglied der liberalen Vereinigung wären, dann würden wir den Orthodoxen antworten: „Ja, meine lieben Brüder, was ist denn eigentlich geschehen? Wozu der Lärm? Wußtet Ihr denn nicht bereits im Jahre 1897 bei der Reorganisation des Rabbinerverbandes, mit wem Ihr es zu tun habt? Hat denn nicht einer unserer Führer bereits in früheren Jahren ganz energisch und offen Front gegen die ge- I macht? Und doch habt Ihr keine Bedenken getragen, ihn in den Vorstand zu delegieren! Gehet alle Beschlüsse unserer liberalen Rabbiner- Bereinigung von dem ersten Tage ihres Bestehens an durch: Ist da irgend ein Votum, in welchem „die prinzipiellen Differenzen" nicht mit gleicher Schärfe zu Tage traten?" So würden wir sagen, und wir denken uns, diese bittere. Pille ist unseren Gesinnungsgenossen nicht erspart geblieben. - Weiter - also „in der bisherigen Weise ist eine gemeinschaftliche Wirksamkeit nicht mehr möglich." Das soll wohl heißen, daß die im Zentralausschuß vereinigten Rabbiner sich darüber einig sind, daß der Rabbiner-Verband ä tout prix bestehen bleiben muß trotz der Verschärfung der prinzipiellen Differenzen! Mit oder ohne Z 16? Wenn unsere Vermutung richtig ist, daß die orthodoxen Mitglieder eine Stellungnahme des Zentral-Ausschusses gegen die Resolutionen der liberalen Rabbiner-Bereinigung verlangt haben, dann fragen wir dieseben toppD?’>-)DDp 'KD^dV) '-OOp'tMJenes Verlangen konnte doch nur den Sinn haben, daß der Zentral-Ausschuß entweder den Mitgliedern der liberalen Bereinigung oder den protestierenden Orthodoxen die Türe weist, denn das wußten füglich alle, daß dem Zentral-Ausfchuß eine Jngerenz auf die liberale Rabbiner-Vereinigung nicht zukommt, daß ferner eine Berufung auf § 16 jede Verhandlung unmöglich machen kann. (Wir erinnern, daß wir schon vor längerer Zeit diesen § 16 als eine sehr stumpfe, unbrauchbare Waffe charakterisierten.) Wir wiederholen : wenn unsere Vermutung richtig ist, dann können wir uns wirklich des Eindrucks nicht erwehren, den Horaz in seinem parturiunt montes kennzeichnet. Und nun ngch eine kurze Besprechung der künftigen Aufgaben des umorganisierten reorganisierten Rabbiner-Verbandes. Zu 1. Siehe oben den Wortlaut der Resolution. Wenn nun „von äußern her" ein Angriff auf die jüdischen Ehegesetze erfolgt, wert etwa die modernen Begriffen aesthetischer Kultur nicht entspricht, wie wird die Mwehr erfolgen und in wessen Namen? .Wenn „von außen her" der „wissenschaftsfeindliche Charakter des wirklichen Offenbarungsglaubens" befehdet wird, wie wird da oie Verteidigung möglich sein? Wenn die Judenfeinde aller Kaliber sich mit der Resolution der liberalen Rabbiner-Vereinigung zu decken üchen im Kampfe gegen irgend eine „Einrichtung" de^ Judentums, wie darf, wie kann der dte Gestatten aufrechter, die Stimmen klangvoller. Auf dem Almemor steht der Borveter und liest aus einer funfelmeuen Thorarolle das Gebet Moses für sein Volk vor. „Warum — lieft er mit klarer volltönender Stinrme — soll dein Zorn über dein Volk entbrennen? Warum? Warum?" Und, schallt eS nun stürmt ch im Chore voll Mut und Vertrauen durch den Raum: „Kehre zurück vom Erglühen deines Zornes und halte zurück das verhängte Unglück!" — „Gott bleibt immer Gott! barmherzig und gnadend oll langmütig, voll Huld Wahrheit, Liebe bewahrend, Sünden verzeihend. — Und immer mutiger und sicherer, fester und vertrauensvoller klingt der Chor der Betenden: „Du wirst verzeihen unsere Sünden und wirst uns endlich ganz Dir zu eigen machen." Dar Trcisprucb. Bon Arthnr Kahn. (Fortsetzung.) „Sprechen Sie," munterte der Richter ihn auf. „Die Verhältnisse, Herr Pichter," antwortete Awromchen. „Ja, Die Verhältnisse waren bei uns armen Juden aus dem Dorfe früher sehr traurig, besonders drüben im Nassauischen. Biel schlimmer noch als drüben im Preußischen, wo es den Juoen viel besser ging als bei uns. Und wir waren sechs Kinder zu Haus, ich der zw?ite Sohn und der Jüngste noch ein Bub, alles andere Töchter und die Eltern blutarm, sie mögen in Frieden ruhen. Mein Vater war ein Handelsmmin in allem, was vorkam. Hatte der Bauer ein Kalb zu verkaufen, so ging er nicht selber zum Metzger; er hatte entweder auf dem Feld zu arbeiten, oder er traut', dem Metzger nicht so recht, so beauftragte er denn nieinen Bater, wenn er in die Stadt ging, sein Kalb mitzunehmen und zu verkaufen. Erst mußte ihm aber der Vater das allerwenigste geben, was er für das Kalb erlösen könnte, er mußte den Wiegeschein mitbring:», dann b:ga.iv noch ein langer Disput darüber, was er meinem Vater für seine Mühe geben wollte; und das war wahrhaftig wenig genug; weil aber mein Vater ein armer Mann blieb, so hatten die Bauern auch Vertrauen zu ihm und sic konnten es, ein so ehrlicher Mann wie mein Bater, — er ruhe im Gan Eden — war im ganzen Dorf nicht mehr. Und nicht nur ihre Kälber, sondern auch ihre Kühe, Ochsen, und was sonst zu kaufen und verkaufen war, vertrauten ihm die Leute an, auch wenn sie Frucht, Samen, Obst oder Kartoffel zu kaufen oder veickaufen hatten, alles ging durch meines Vaters Hände. Nun war aber ein Unglück bei dev Sache, nämlich daß meine Mutter immer kränkelte. Das war für arme Leute ein: böse Sache, wenn unsereins auch nicht gleich zum Doktor läuft und in die Apotheke, die ja auch glücklicherweise zwei Stunden Wegs von uns entfernt lag." Hier begann der Aktuar, dem die Sache zu lang währte, sich' laut zu räuspern, als kämpfe er gegen eine chronische Heiserkeit, worauf Awromchen ängstlich abbrach. Als ein Tadelsvotum gegen die Halsvcrschleimung des Aktuars forderte der Richter Awromchen auf, nur ruhig weiter fortzufahren. „Als ich Barmizwa getoorden, was soviel bei uns Juden bedeutet, wie zum Nachtmahlgehen der Christeukinder, und ich volle dreizehn Jahre alt war, da sagte mein Bater zu mir: „Awromchen, mein Kind, jetzt mußt du mitverdienen und wenigstens für dich schon allein sorgen, wie ich auch Hab tun müssen, wie ich so alt wie dn> jetzt bist, war. Du siehst doch, daß wir arme Leute sind und uns hart umtun müssen, nur um uns ganz kärglich durchzuschlagen. Willst du ein Handelsmann werden wie oein Bater? Es ist ein saures, ein bitteres, ein hartes Brod; aber was hat denn ein armes Judenkind für eine Präre, das ist eine Wahl, Herr Richter. Aber," hat mein Vater — er ruhe in Frieden — zu mir damals gesagt, „ioenn du ein Handwerk erlernen willst, meinetwegen, will ich sehen, wie ich das fertig kriege. Aber, mein liebes Awromchen, hat mein seliger Bater zu mir gesagt, das Handwerk ist für ein Judenkind auch eine gar harte Sache. Erstens ist es gar schwer für einen Judenknaben, einen Meister zu finden, der ihn als Lehrling aufninunt und vier Jahre lang muß sich ein Lehrbub prügeln, schimpfen und hernmstoßen lassen, jeder Gesell macht ihn zu seinem Sklaven, und alles was eine Meisterssrau von dem Lehrling verlangt, muß er tun. Und wenn du ausgeternt hast, dann mußt du ein Lehrlingsstück aus deinem Fach machen, ehe du als Gesell anerkannt wirst. Und du mußt einmal ein ganzes Jahr umsonst schassen. Da hast du schon fünf Jahre ohne einen Pfennig zu verdienen verbracht und dann mußt du schon an die Musterung denken. Hast du Glück und wirst du nicht zu den Soldaten genommen und hast du schon dein Gesellenstück bestanden, dann mußt du auf die Wanderschaft gehen. Ein jüdischer Handwerksgeselle steht aber die reine Hölle aus Erden schon aus. Er kann seine Sache noch so gut machen, er kann noch so schön und sauber gearbeitet haben, Jeder hat etwas dran auszusetzcn. Jeder was zu spötteln und zu kritteln und immer heißt es: ja, das ist Jndenarbeit! Nun sollst du schon dein Gesellenstück angenommen kriegen, so mußt du doch auch auf die Wanderschaft. Ein Gesell, der nicht in der Fremde gewesen und draußen gearbeitet hat, kriegt auch als Meister keine rechte Kundschaft und 'wird scheel aniläHliiliiiiiMMi