Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1908)
- Date
- 1908-07-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449330--64737-2507341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9h 31 Der JSraelit. wirtschaftlichen Verhältniffe, die den Juden aus der geliebten posenschen Heimat gewaltsam hinausdrängen, genügend bekannt sind und der trotzdem von mangelndem Heimatsgefühl spricht. Der Minister aber wird, hoffen wir, nach Einsichtnahme in das einschlägige statistische Material zu einem anderen, bester begründeten Urteil gelangen. 6in Jubiläum 9er Emanzipation in knglanö. Unsere englischen Glaubensgenossen haben am 26. Juli den Gedächtnistag ihrer politischen Emanzipation begangen. Am 26. Juli 1857 konnte Baron Lionel de Rothschild nach elfjährigem Ringen als Deputierter der City of London seinen Sitz im englischen Unterhause einnehmen, der ihm bis dahin durch die zäh festgehaltene spezifisch christliche Fassung des Deputierteneides immer wieder versagt geblieben war. Die englische Judenheit hat alle Ursache, mit einem Gefühle stolzer Befriedigung auf die politischen Erfolge zurückzublicken, die ihr die inzwischen verflossenen fünf Dezennien gebracht. Parlament und Verwaltung, Militär und Justiz bis hinauf in ihre höchsten Spitzen haben sich den jüdischen Briten weit geöffnet, und ohne ängstliche Verschleierung ihres jüdischen Volkstums, mit einem oft erfreulich in die Erscheinung tretenden jüdischen Selbstgefühl haben Juden ihr redlich Teil zur Entwickelung der wirtschaftlichen und kulturellen Wohlfahrt ihres englischen Vaterlandes beigetragen. Es liegt nahe, an diesem Gedenktage zu fragen, ob auch das Judentum als solches des Jubelfestes sich freuen darf, das die englischen Juden begehen. Das führende jüdische Blatt Englands, der „Je- - wish Chronicle" verneint die Frage. Das Blatt meint, das Problem der Versöhnung religiöser und stammestümlicher Treuemit vollkommener Emanzipation harre auch in England noch seiner Lösung. Und doch, so möchten wir meinen, könnte dieses Problem nirgends leichter gelöst werden, als in England. Eine eigentliche Reformbcwegung hat England nie gekannt, der Geist des alles unterwühlenden Radikalismus, wie ihn die Holdheim und Geiger, die Maybaum und Coblenz itt Deutschland kultiviert, findet in England mit der weit konservativeren, noch vom puritanischen Geiste zehrenden allgemeinen religiösen Atmosphäre schlechten Nährboden, und Persönlichkeiten ä la Claude Montesiore sind Offiziere ohne Soldaten. Gelänge es eines Tages einer überragenden Persönlichkeit, den überall vorhandenen pietätvollen Respekt vor der Tradition aus einem unbewußten Gefühl zu lebendiger Bewußtheit zu wecken, so könnte gerade ihnen bin ich im Leide, errette sie und bringe fie zur Ehre." Und der greise Tempeldiener, der in TalliS und Tefillin gehüllt vor ihnen stand, hatte wie verklärt ge lächelt und die fleischlosen Hände gegen die Heiligtümer ausgestreckt, die zu decken der Rest seiner Kraft nicht mehr ausreichte, als die Meute bereits im GotteShause dicht hinter ihm stand. An der Seite des treuen Tempeldieners wird man morgen die heiligen Reste, für die er das Leben gelaffen, zur Ruhe betten. Und er wird ste wieder hüten und schütz nd und betend die Hände nach ihnen ausstrecken.. . * * * Ein warmer Morgen. Ein blauer wolkenloser Himmel, der Silberstrah en zur grauen Erde sandte. Schon früh fuhren die Bauern mit den wetten Erntewagen, mit den glitzernden Sensen ins Feld hinaus. Schon früh betraten die Juden das allen Schmuckes entblößte Gotteshaus, um auf der Erde fitzend, da» Fest der Ernte zu oeg hen, das „traurige Fest, das Gott be immt hat, um zu zerbrechen die Jugendkraft." Und schauriger als das DD'in teS Abends hallten l ie Erntelieder des Morgens hinaus. Waren es doch die Edelsten und Besten, die unter der Hand des graus.men Schnitt es gefallen. „Die Zedern des Libanon, die Mächtigen der Thora." Auch der spat ren Leiden wa heute gedacht, vi fpiro, Wirmatso und Magenzo. Wie sollte man da nicht an die eigene Kinoh denken, wie dem Tränenstrom ob des eignen,selbsterlebtenTischoveawS Einhalt gebieten? Und die Trauer klang dennoch in Trost aus, säst in Jubelgesang, i te Sonne stand hoch am Himmel. Man erhob fich langsam als die letzten Töne verhallten. Und nun begann die Chewra-Kadbischo ihren heiligen Dienst. Nun begann die Feier des eignen Tischobeaw. Draußen staute fich die Menge, wortlos, gebeugt und in Strümpfen kaum hörbar auftretend. Sie weicht nun in England das gesetzestreue Judentum eine Renaissance wie nirgends sonst erleben. Diese Weckung eines spezifisch gesetzestreuen jüdischen Bewußtseins ist im Eastend ebenso nötig, wie im Westen und hier, auf Grund der psychischen Struktur der englischen Juden auch ebensogut möglich wie dort unter den russischen Einwanderern. Es wäre unter diesem Gesichtspunkte ein überaus nützliches und, wie wir glauben, auch rentables Unternehmen, wenn sich ein englischer Verleger fände, der eine englische Ausgabe der Schriften Samson Raphael H i r s ch s veranstaltete. Das würde sicherlich mehr zur Belebung des im Kerne gefunden englischen Judentums beitragen, als die vom Jewish Chronicle als Heilmittel geforderten „Rabbinerverbände", deren Tatendrang in der neueren Zeit sich immer mehr im Niederreißen und in der Zerstörung kostbarer geistiger Werte geäußert hat als in der Pflege der alten jüdischen Pflichttreue. Ule (ürhisthe Verfassung. Jubelstürme durchbrausen das Osmanenreich. Um den Reformeifer der europäischen Mächte zu überbieten und zugleich der drohenden Revolution zu begegnen, hat der Sultan die in ähnlicher Situation 1877 seinen Völkern auf dem Papiere verliehene Verfassung in Kraft gesetzt und durch eine Reihe weiterer Akte bewiesen, daß es ihm diesmal zum Unterschiede von damals mit der Durchführung der Berfassungsreform ernst sei. In der Tat darf angenommen werden, daß die Ereignisse des Jahres 1877 sich diesmal nicht so rasch wiederholen werden, daß die Türkei vielmehr vor einem entscheidenden Wendepunkte ihrer inneren Entwicklung steht. An dieser Entwicklung sind die jüdischen Untertanen des Sultans in hervorragendem Maße interessiert. Wenn die reichen natürlichen Hilfsquellen der osmanischen Länder auf Grund einer allmählich durchzuführenden Reform der Verwaltung und des geradezu sinnlosen Steuersystems endlich erschloffen, wenn bei größerer Rechtssicherheit fremde Kapitalien herangezogen und im Inneren Vertrauen und Unternehmungslust geweckt werden, so muß den orientalischen Juden vermöge ihrer Intelligenz und Beweglichkeit ein hervorragender Anteil an diesem Entwicklungsprozeßzufallen. Dabei dürften einer Anstellung jüdischer Beamten im Staatsdienste bei ausreichender Qualifikation geringere Vorurteile und auch weniger Schwierigkeiten religiöser Natur eutgegenstehen als in den christlichen Ländern des Westens. Daß sich diese Entwicklung gewiß nicht von heute auf morgen, sondern sehr, sehr langsam vollziehen wird, steht fest. Das verpflichtet aber ehrerbte.ig zur eite, um dem p-ia Platz zu machen. Und nun bewegte fich der Trauerzug, angeführt von den Pfalmen rezitierenden Schülern der Talmudthoraschule, gefo gt von einer schwarzen gebeugt dahinschleichendcn Menge duich die Straßen, die wie ausgestorben dalagen. Die Kramlä en find geschloffen. In der Monopolschenke verstummt der Lärm der Zechenden und die Fenster schließen fich, als der Zug fich nAhert Ein Polizist mustert mißtrauisch die Ansammlung und will ihr entgegenschretten. Doch weicht er, sobald er die lange Bahre und das sonderbare Trauergefolge gewahr wird, wie beschämt zurück und flüchtet sich endlich in die Schenke. — Zwei große vollbeladene Erntewagen bewegen fich schwerfällig dem Zuge entgegen. Der Zug muß einen Augenblick anhalten. Beide Wagen weichen geräuschvoll und mit vieler Mühe zur Sette. Der eitle Bauer schimpft und fluch, verstummt aber plvtz ich, als er der Bahre ansichtig wird, und springt schleunigst vom Wagen, um am Grenzgraven hinter den gruchtwellen des Wagens gedeckt, die freie Bahn abzuwarten. Der andere bleibt auf der schwindelnden Höhe seines vollbcladenen Wagens fitzen und entblößt ehrerbietig bas Haupt. Der Zug bewegt fich weiter. Die Stadt mit ihren grauen Hause.n und winkeligen Straßen liegt nun weit zurück. Hier breiren fich grüne Felder aus, erheben fich üppige Fruchtbäume, r uscht geheimnisvoll ein Flüßchen, das nicht breiter ist als ein Straßengraben und krtstalllarcs Wasser hat, das Flüßchen, in dem die Toten allabendlich baden, bevor ste die „alte Schul" betreten, um für sich und die Lebenden zu beten . . . Wie eine leuchtende Per enschnur spielt und schlänget fich das Bächlein und führt durch die grünen Wiesen und wogenden Felder vire t zun „Hause der Lebendigen." Als vo: v er Monaten die erste Bahre der Opfer, nur von ren Männern der „heiligen Bereinigung" gefolgt, den Weg passierte, stand alles im Blühen und Werden urnd em betäu- __ Seite S. 30. Juli 1903. die geistigen Führer der orientalischen Jlldenheit umso mehr, nach der Vater Weise als echte B'ttan in diesem Augenblicke imi rot v'ttN zu sein und die Jugend zu rüsten für die „neue Welt", die ihrer harrt. Es wäre ein schweres Unglück für die Judenheit sowohl wie für das osmanische Staatsganze, wenn in der Luft der heraufziehenden freiheitlicheren politischen Entwicklung nur diejenigen jüdischen Elemente zu Macht und Einfluß gelangen sollten, denen eine französische oder neuhebräische Erziehung einen gewissen Schliff gegeben, dabei aber ihr religiöses Bewußtsein getrübt und ihre religiöse Pflicht- .. treue geraubt hat. Exempla trabhut Ein Blick nach Rußland (siehe die Artikelserie „Das russische Bildungsproblem") zeigt die furchtbaren Folgen, welche vor allem der Mangel einer gründlichen Kenntnis der Landessprache für das Geschick des orthodoxen Judentums im Gefolge hat. Wer zu den Mächtigen der Erde in ihrsr Sprache zu reden versteht, der gilt als Vertreter der stummen Volksmassen, ob auch kein Auftrag, ja keine religiöse Gemeinschaft ihn mit denen verbindet, die zu vertreten er vorgibt. Weil in Rußland die jüdische Neologie das Ohr der Regierung besitzt und besaß, darum fehlt den politischen Machthabern jedes Verständnis für die sittliche Kraft und den politischen Wert der orthodoxen Judenheit — die vernichtenden Folgen dieser Tatsache sind in jenen Aufsätzen meisterhaft gezeichnet. Sollen die Juden im Orient nicht in den gleichen eirenln8 vitiosus hineingebannt werden, aus dem es nur schwer ein Entrinnen gibt, dann ist es Pflicht der'DDH in den osmanischen Ländern, als mündige Männer einen Ausbau des Erziehungswesens selbst in die Hand zu nehmen und vor allem das Erlernen der Landessprache a's eine bindende attn by pn niso zu statuieren. Sie würden — ganz abgesehen von den wohltätigen wirtschaftlichen Folgen einer solchen Maßnahme — damit — ganz nach dem Vorbilde ihres Souveräns — die fortgesetzte Einmischung der „Mächte", in diesem Falle westeuropäischer Organisationen, in das Erziehungssyftem des Orients am ehesten überflüssig machen, würden vor allem aber die ihnen anvertrauten Gemeinden von dem Fluche erlösen, ewig als stumme, geleitete und mißleitete Masse von der Vormundschaft mehr oder minder entftemdeter Wortführer abhängig zu sein. bendes sinnenumstrtckenbcs Geräusch erfüllte die Luft UNd das Flüßchen war trübe und jammerte leise und bumpf. . . Heute ist alles so klar, so voll, so reich. Die grauen Aehren schütteln das Haupt und seufzen schwer und das kristallklare Wäfferletn fingt weich und leise Echo — Echo? — Echo? — . . . . Der Pfad ist zu schmal, um die Menge zu faffen. Biele werben zur Seite auf die ungemähten Wiesen und Fel'er gedrängt. Ein stämmiger, wlld aussehender junger Bauer erhebt drohend die Hand. „Wollt ihr Jadengestndel von meiner Wiese gehen!" will er schreien, aber bas Wort erstirbt ihm auf der Zunge, alS er der Bahre gewahr wird. Er hat kein gutes Gewiffen. Hat vielleicht auch rr schon blühendes Leben mit Füßen zerstampft? Und der Bauer wendet feige das Gesicht ab. Andere Bauern treten schüchtern und neugierig dem Zuge näher, einige schließen fich ihm auch an. „Wen begräbt man da?- fragt ein alter Landmann gutmütig und teilnahmsvoll. „Die Schemaus, die zerrissenen und geschändeten Fetzen und Teile der heiligen Bücher" — erklärt ihm jemand. „Sind fie gestorben?" „Nein, sie sterben nicht!" „Und warum begräbt man sie." Es bemüht fich jemanb es bem wißbegierigen Alten zu erklären. Aber der Bauer begreift und versteht nichts, ob. er auch am Grabe mit den andern heiße Tränen weim. Einzeln und lautlos kehren die Massen, nachdem fie die Aufhäufung des neuen Grabhügels stumm zugeschaut, nachdem sie fich ain anderen Maffenarabe sattgeweint, in die vereinsamte Stadt zurück. Und wieder füllen fich die Lynagogen. Es scheint als hätte die sich neigende Sonne ein ftisches Lüftchen in die drückende Atmosphäre gebracht. Die Gesichter find heller geworbe