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Der Israelit · 1908-07-30 · Heft 31 (30.7.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 31 (30.7.1908)
Date
1908-07-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette t. Nr. 31 30. Jul 1908. Träne auch der Gegenwart gelten, die der ins Exil gewanderten Gotteslehre zwar neue Bewunderer und halb schon entfremdete Söhne wiedergewonnen, aber doch auch neue Verkennung und neue Schmach gebracht.hat. Sollen wir dereinst, sollen unsere Kinder der Wiedergewonnenen sich freuen dürfen, sollen nicht gerade sie, diese neugewonnenen Söhne, der alten Mutter Zion das schmerzlich st e, härteste Goluthgeschick bereiten — dann gilt es die Wahrheit der alten jüdischen Tischobeaw - Trauer, so weit nur die öffentliche Rede zu dringen vermag, einer suchenden Zeit mit jedem Tage, und erst recht an jedem Tischobeaw, aufs neue ins Bewußtsein zu rufen. Mag Verkennung und Schmähung auch diejenigen treffen, die dieses öffentliche Wort der Mahnung zu sprechen wagen, sie werden ans der. Träne des neunten Aw den Trost und die Stärke schöpfen, welche die rechte jüdische Trauer mitten i n der Trauer gewährt, weil fia in EinzelgefchiL und Volksgeschichte nichts als den Finger der liebenden Gotteswaltung zu erblicken lehrt. E. a. 8H5 Mo4«mm§fcha«. fieimafgefühl. Gelegentlich einer vor längerer Zeit stattgehabten Konferenz preußischer Gymnasial-Direktoren in der Provinz Posen hat ein Herr von Sanden sich bewogen gefühlt, den Juden der Provinz Posen das Heimatgefühl abzusprechen. Die Ausführungen des Redners hatten zwei Stunden gedauert.' Gewiß hat der redegewandte Bolksbildner in diesen zwei Stunden auch noch manches Andere gesagt, was mit den Gefühlen der Juden in keinem Zusammenhänge steht. Aber die gedrängte Zusammenfassung des Protokolls, die für eine weitere Oeffentlichkeit bestimmt ist, stellte nach Form und Inhalt zweifelsohne eine schwere Beschuldigung der Posener Juden dar.' Der Kultusminister Dr. Holle hat nun auf eine von seiten des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" dieserhalb eingereichte Beschwerde eine Antwort ergehen lassen, die nichts weniger als eine Genuatuung für die in ihrer Ehre jo tief gekränkten Glaubensgenoffen ber Ostprovinzen enthält. Wir sind allerdings _Der JSraelit_ weit davon entfernt, in dem Antwortschreiben des Ministers eine B ill igu ng der antisemitischen Aeußerungen des Herrn v. Sanden zu erblicken. Herr Dr. Holle als wohlwollender Vorgesetzter hält vielmehr offenbar einen Gymnasial-Direktor einer antisemitischen Anrempelung in offener Sitzung nicht für fähig und es klingt wie eine — allerdings etwas gezwungenen — Entschuldigung, wenn der Minister gleich zu Anfang seiner Antwort sagt: „Das Protokoll der Direktorenkonferenz gibt in gedrängter Zusammenfaffung Ausführungen wieder, die etwa zwei Stunden dauerten. In seiner Kürze und aus dem Zusammenhang losgelöst, klingt der beanstandete Satz anders und schärfer, als er gemeint und gesprochen worden ist." Die Erklärung des Referenten, daß ihm jede Absicht einer Beleidigung völlig fern gelegen habe, genügt dem Minister, und er ist, im Vertrauen zu den ihm unterstellten Behörden und Lehrerkollegien, davon überzeugt, daß diesen die Neigung „vollkommen fern liege", sich einer Beleidigung der jüdischen Staatsbürger schuldig zu machen. Auf das Meritorische der Beschwerde ist der Minister so gut wie gar nicht eingegangen. Er begnügte sich damit, der Aufstellung des Herrn v. Sanden, daß der Jude der Provinz Posen Heimatsgefühl vermiffen laffe und selten in Posen bodenbeständig werde, Erwähnung zu tun, ohne zu derselben seinerseits Stellung zu nehmen. Der Grund dieser reservierten zu Mißverständnißen und Mißdeutungen aller Art führenden Haltung, kann nur darin liegen, daß dem Herrn Minister die nöttgen Unterlagen zur Stellungnahme in dieser Angelegenheit fehlten. Um somehr wird er der Presse Dank wissen, die durch diese scheinbar ministeriell beglaubigte Ungerechtigkeit veranlaßt, alle Zahlen und Daten herbeizuschaffen sich bemüht. Dieses Material spricht wirksamer und.beredeter als alle Beschwerden und Proteste und ist geeignet, die Ausführungen des Herrn Gefühlsrichters in Posen ins richtige Licht zu rücken. Ein BerlinerBlatt führt unter Berufung auf die im Aufträge der Regierung gehaltenen Vorträge des Archivrates Dr. Warschauer, des wie offizell anerkannt besten Kenners der Geschichte der Provinz Posen, ungefähr folgendes aus: „Was die Beteiligung der Inden in der Provinz Posen am politischen und speziell kommunalen Leben anlangt, so war dieselbe stets eine überaus rege. Die Stadt Jarotschin hatte 24 Jahre lang in der Person des tatkräftigen ehemaligen Klenipner-- meisters Golden ring einen oas Deutschtum nach allen Richtungen hin fördernden Bürgermeister, der Nachbarort Borch ebenfalls lange Zeit hindurch einen jüdischen Kämmerer, Werner, der sein Amt zur allgemeinen Zufriedenheit verwaltete. Auch jiwischc stellvertretende Bürgermeister im Ehrenamte, zur Vertretung bei Vakanzen in Kräntheitsfällen und so weiter sind durchaus nicht selten, desgleichen jüdische Stadtälteste, Stadlväter, Kreis- und Provinziallandtagsabgeordnete. Auch in das preußische Abgeordneten- Haus sind ja neuerdings wieder drei jüdische Abgeordnete durch das Vertrauen der Wählerschajt hineingewählt worden. Die Zahl der jüdischen Stadtverordneten in der Provinz Posen ist Legion. Die Provinzialhauptstadt Posen hatte seit drei Dezennien nur jüdrsche Stadtverordnetenvorsteher. Schließlich sei noch auf die große Zahl landsmännischer Vereine, die ans Städte in der Provinz Posen ihren Ursprung zurückzuführen sind und von ehemaligen jüdischen Bewohnern derselben in Großstädten wie Berlin und Breslau begründet worben sind, hingewiesen. Vereine, wie der Hilfsverein der Posener, Rawitscher, Meseritzer, Größer, Posener, Schrimmer, Ostrower usw., die ihre Hilfstätigkeit nicht bloß auf ihre am Orte wohnenden Landsleute, sondern auch nach der alten Heimat erstrecken, beweisen zur Genüge das Heimatsgefühl der Juden in der Provinz Posen, über das es nach dein Borhergesagten unnötig ist, noch ein Wort zu verlieren. Wenn ihnen seit zlvei Dezennien in einem steigenden Maße der Aufenthalt auf dem Boden, in dem sie wurzeln, durch den „Hakatismus" und die ganzen wirtschaftlichen, politischen Und gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere den unerträglichen Beamtendünkel und Kastengeist unmöglich und unerträglich gemacht worden ist, wenn sie als Mühlsteine im wirtschaftlichen Kampfe zwischen Nationalpolen und Deutschen, die das patentierte Deutschtum in Erbpacht genommen zu haben sich einbildcn, Plenen, so ist dies nicht ihre Schuld, sondern die der Verhältnisse, an denen sie unschuldig sind. An' ihrem Patriotismus und Heimatsgefühl ändert dies aber nicht das geringste." Eine nicht mehr zu erschütternde Bestätigung und Befestigung erhalten diese Ausführungen durch die von Prof. Dr. Böckh, dem ehemaligen Direktor des Berliner statistischen Amtes, einer anerkannten Autorität, in den Preußischen Jahrbüchern von 1894 in einem Artikel über die „Verschiebung der Sprachenverhältnisse in Posen und Westp r e lt feen" aufgeführten Ziffern. In beiden Provinzen beträgt danach die Gesamtzahl der deutsch-sprechenden Einwohner2636862, darunter sind 2 213948 Evangelische,' 357 383 Katholiken und 65531 Juden. Polnisch sprechen in beiden Provinzen insgesamt 1547 425, darunter 23088 Evangelische, 1 523 832 Katholiken und 515 Juden. Die Abnahme der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Posen bedeutet naturgemäß einen empfindlichen Rückgang des Deutschtums, einen Verlust, den alle Ostmarkenvereine zu ersetzen nicht imstande sein werden. Allein den Grund dieser Abwanderung des deutschtreuesten Elements in Mangel an Heimatsgefühl zu suchen, dazu gehört schon eine gewisse Dosis äntisemitischer Verblendung, aus der allein sich eine solche Verkennung und Verdrehung der Tatsachen erklären läßt. Wir meinen selbstredend damit Herrn v. Sanden, dem doch die politischen, sozialen und Kleines Feuilleton, kcdo . . . Eine Tischobeaw-Skizze. Bon S. Schachnowitz. Ein winzige» Talglichtlein flackert melancholisch zitternd und zeichnet schräge Schatten auf dem unverhüllten Borbeterpult, alles ist grau und dunkel, die Wand an der heiligen Lade, die sich ihres goldgestickten Vorhanges entledigt, der Borbeter, der ohne TalliS am entblößten Borveterpulte steht. Leise und gedämpft entringen stch die Klagetöne der Brust deS Vorbeters, die zur Erde gesenkten Köpfe bewegen stch kaum bemerkbar wie £ chatten und wie aus ber tiefen Erbe hervor dringt Seufzen und Klagen und erftlllt den dunklen Raum. ES ist der alte Raum, aber wie hat er stch doch verändert, wie schaurig weihevoll wirkt er durch seine graue Nacktheit. ES ist der gleiche Borbeter, die wohlbekannte Stimme, aber wie ergreifend wirkt sie heute in ihrer Tiefe und Trauer. Es find auch die üblichen Gebete, aber auch ste haben heute ihren Schmuck abgeworfen und stch in Trauer gehüllt. Israel trauert und Gott mit ihm. . . . „Er ist barmherzig, vergibt die Sünde und vertilgt nicht, er ruft wiederholt sein Zürnen zurück und läßt seinen ganzen Unwillen nicht erwachen." „Ewiger hilf!« betet die Gemeinde stch erhebend und auch das „Borchu" kommt leise und traurig aus gepreßter Brust. Wie sollen wtr froh dich lovm, wenn wir schmerzerfüllt, trauergebeugt vor Dir fitzen und über alte und neue Leiden, vernarbte und frische Wunden klagen? DaS GÄet ist vollendet imd nun wirb es für eine Weile noch stiller und düsterer. Jetzt — aber fitzt auch der Borbeter auf dem Boden und, von der unheimlich flackernden Kerze beleuchtet, fingt er das herzergreifende alle Erinnerungen wachrufende Echo. Es war in diesem Jahre ein neues Echo, eine neue Kinoh hinzugekommen, ste stand noch in keinem Buche, fie war noch nicht in Worten zusammengefaßt, aber jeder sah st«, empfand fie, las fie aus jedem Echo heraus. Echo... Wie war es gekommen, wie hatte stch das zugetragen? ES konnte es ketmr so recht sagen. Und es war doch noch nicht so gar lange her. Der Frühling hatte seine ersten Strahlen vorausgeschickt, die Sonne hatte zum' ersten Mal der noch grauen halberstarrt n Erde zugelächelt. Dann verbarg ste schleunigst ihr Angeficht und alles war in eine schwere düstere Wolke gehüllt. Echo... Wie mag daS all gekommen fein? An jenem schwülen Morgen, der auf eine lodessttlle, unheilschwangere Nacht folgte, als die Glocken läuteten und auf der Sttaße Kirchenlieder ertönten und die Juden Türcn und Fenster schlosien, die aber bald wieder von außen eingeschlagen und aufgebrochen wurden. Dann verwandelten sich die lieblichen kristallhellen Glockentöne in ein furchtbares Sturmgeläute, die Chorgesänge in ein wildes Kampfgewühl. Morbgeheul und Angstgeschrei erfüllten die Lust. Und dann breiteten stch langsam die Schatten aus, ein Nebelschleier bedeckte und verhüllte alles. Was war geschehen? .... Echo... Wie traurig und todesstill war es doch, als nach einigen Tagen stch die Fensterlucken der Bodenräume wieder leise au,taten, die schwer verbarrikadirten Kelürtüren wieder aufgirgen und die Geängstigten in ihre leeren, verwüsteten Däuser zurückkehrten. Und bann zog der lange schwarze Wagen durch die rotgefärbte schmutzige und federnbesäete Gaffe, ber einige Dutzend Helden und Märtyrer zur ewigen Ruhe hinausführte. Kein Klageton erhob stch an der Bahre, kein Laut deS Jammers wurde an diesem Maffengrabe vcrnommen, keiner pries den Ruhm der Helden, die für die Ihrigen ihr Leben ließen, keiner schilderte die Leiden d r Märtyrer. Denn Demonstrationen waren untersagt. Und die nächsten Angehörigen trau rten stumm auf dem Boden sitzend in ihren leeren Häusern. Tage, Wochen, Monate sind verstrichen, die Zeit hat die Wunde nicht geheilt und wird fie nicht heilen. Die Spuren sind auch noch nicht verwischt und an allen Ecken bemerkbar. Waisen und Witwen als zersplitterte Reste cineS glücklichen Heimes belagern die Gemetndekaffen, Hunderte führte am Bettelstab oder am Wanderstab die schreiende Not in andere Städte oder entfernte Länder hinaus. Und Wahnsinnige erzählen unter Lachen und Stöhnen rn phantafiereichen Farben von den Ereigniffen und t em erlebten Grauen in den Schreckenstagen. Und nun war der neunte Ab, der erste Ttschobeaw ber eignen Zerstörung gekommen. Ganz im Hintergrund unweit der Türe steht auf einer Bank ein langer ungehobelter Kasten, von schwarzem Leichentuche ganz umhüllt. Der Anblick der schwarzb deckten Kiste erfüllt den Zuschauer mit unsäglicher Angst. Und doch können es die Meisten nicht kaffen, immer und wieder stch nach ihm umzusehen. Ein matter Schein fiel vmr der daneben^ brennenden Talgkeze und huschte espensttsch aufleuchtend über das lieffchwarze Tuch. Jetzt schien die Kiste sich zu bewegen, ste hob das Haupt und weinte unter dem schwarzen Schleier leise mit dem Betenden Echo — Echo — Echo. Echo. — Auch als cs draußen stürmte unter der Frühlingssonne, waren sie, die hetligenThorarollen, die geschändet und zerrissen nun aufgebahrt der feierlichen Beisetzung harren, dabei gewesen. Ruhig batten fie in ber Labe gestanden, majestätisch schön uno erhaben in den leeren Raum himmterbltckend: nl!D 'SM DP. „Mit

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