Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1908)
- Date
- 1908-07-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der JSraeltt. Sette 12. Nr. 30. 23. Jult 1908. zwei Damen, die vor dem Klindworrh-Scharwenka-Saal am Montag abend in die Elektrische stiegen, ,fie hat herrliche, Worte gesprochen, Worte, die an Herz und Nieren, gehen? Hehr schön, was waren daS nun aber für Worte, etwa die, daß eS für Kinder nicht gut ist, wenn die Mütter sich ihnen durch gesellige Verpflichtungen und durch das BeretnSleVen entziehen? . Ich erinnere an einen gewissen Adolf L'Arronge, der schon zu OlimS Zetten ein. Lustspiel geschrieben hat: »Wohltätige Frauertt, worin dasselbe Thema durch eine charakteristische Szene eingehend illustriert wird, ganz abgesehen von unserm Familienblattschriftstellern und -stellerinnen, die das Thema in hundert Romanen zu Tode hetzen. Adolf L'Arronge ist aber frelltch nur ein Berliner Dichter und Ellen Key eine Schwedin, und darum lacht man bei Adolf L'Arronge und denkt nicht Wetter darüber nach, dagegen Ellen Keys Worte laßt man sich „an Herz und Nieren gehen" — b. h' für einen Tag oder für zwei Tage, oder wie lange der Ellen Key Rmnmel bauert, denn wenn Fräulein Ellen Key erst wieder abgereist ist, werden ihre Offenbarungen nau so vergesien werden, wie die Satire des Berliner ichters, das wenigstens haben beide gemeinsam."^ ^Dorothea Gööeler zeigt dann noch an anderen Beispielen wie all die vernünftigen Forderungen. Ellen Keys schon früher von Anderen unzählige Male ausgesprochen worden find und fährt dann fort: „Wo bleiben also die neuen Pfade, dir Ellen Key uns weisen sott? Ich kann sie nicht finden, oher halt, nein, ich kann sie doch finden, in Einem Hab' ich sie entdeckt und ich muß gestehen, daß sie hier wirklich neu waren, daß ich tatsächlich vor einzr Offenbarung stand; und diese Offenbarung war der WMe zur Mutterschaft — der nach Ellen Kev die weibliche Jugend von heute auszeichnen soll, der Wille zur Mutterschaft sogar ohne Ehe. — Mensch, haste Worte? sagt der Berliner. Alsodi:. weibliche Jugend von heute hat den Willen zur Mut terschaft — wo und wann ein Fräulein Kev das erforscht hat, weiß ich nicht — es wäre aber interessant, es zu erfahren, denn sie dürfte mit dieser Entdeckung völlig allein stehen und auch verwünscht wenig Beweise dafür bringen können.. Ich habe allen Verehrerinnen Elln, Key's zum Trotz den Mut, zu behaupten, daß niemals eine größere psychologische Unwahrheit in^die Welt posaunt worden ist, als diese, daß die Priesterin aus dem Norden, die ihre Urheberin ist, sich damit dokumentiert als die gröbste Nichtkennerin der weiblichen Seele, besonders der weiblichen Seele von heute. Was ihr als ein Zeichen der Gesundung unserer weiblichen Jugend erscheint, existiert vielleicht in der eigenen Phantasie, sonst aber nirgends." Die Proben mögen genügen. Ich hätte noch selbst allerlei auf dem Herzen über das Schlagwort „das Jahrhundert des Kindes," über die funkelnagelneue Austastung von den Mutterpflichten und wie sich in unserem Kopfe das BechAtnis von Mutter und Kind malt) darüber ein ander Mal! Kehren wir zurück zu dem vorliegenden Buche, das uns den „Lebensglauben" an Ellen Key geben soll. Ich wollte mir nur ein paar Bundesgenossen besorgen, um die flammenoe Lohe der Begeisterung die Einem fast Überall für Ellen Key entgegenschlägt, etwas zu dämpfen, unparteiische Zungen dafür anführen, daß sie auch im Kreise der Modernen nicht so furchtbar ernst genommen wird, wie die treuen Verehrer wohl glauben. (Fortsetzung folgt.) Lxegetkche Miscelleu. 4. B. M. 11. 11 und 15. Frage: Warum steht B. 11 viSf» ohne n und B. i5 nstatt,-m? Antwort: Jede unvollkommene Schreibweise des Wortes drückt eine Unvollkommenheit in der Sache aus, die durch dieses Wort bezeichnet wirb. Belege dafür zu bringen erübrigt sich. Die Talmudkundigen haben selbst Beispiele dafür zur Verfügung, und wer den Kommentar von Hirsch kennt, weiß das ebenfalls. Schon die Ausdrucksweise des ganzen B. 11 befremdet. Wir erwarten, daß Moscheh sagt: Warum habe ich nicht Gunst gefunden, daß Du mir die Last nicht auflegst. Statt dessen sagt er richtig — mit Berückstchttgung des unvollkomrnen geschriebenen ,»n!JD — „warum habe ich nicht in geringerem Maße Gunst in Deinen Augm gefunden, daß Du mir die Last dieses ganzen Bottes ausbürden könntest." Moscheh war als Lehrer des Bottes berufen, für seine geistigen, höheren Interessen zu sorgen. Für seine materiellen Bedürfnisse einzutteten, war ihm nicht möglich; das war ihm nicht gegeben. Er mochte gern dem Wunsche des Bottes Nachkommen und wünschen, er wäre mit geringerer Gunst betraut worden und wäre statt als Lehrer als Versorger des Bottes berufen worden. Dem entspricht auch das Bild im B. 12. Moscheh fragt: „bin ich denn die Mutter des Bottes, — die für dir Nahrung sorgt?" Endlich schließt fich B. 15 daran an. Wenn Du m ~ mir in weiblicher Schwäche, d.h. in geringerem Maße jetzt Deine Gunst zuwetsm wolltest, sodaß ich jetzt wirklich nur für die leiblichen Bedürstiiffe des Bottes zu sorgen hätte, dann bringe mich lieber um, wenn ich wirklich 'yttLV in vollem Maße in Deinen Augm Gunst gefunden habe. ES wäre daS eine Herabsetzung, die vttH mein Unglück bedeuten würbe." (Es braucht bann nicht als □'HQTD slpN erklärt zu werden.) 6. W. yqh OtJD Scheeltoth dMab Achai. Herausaegeben von Dr. Amand Kaminka. Heft 1 Bereschtth. Wien 1908. I. Schlesinger. Die von R. Achai Gaon angelegte Sammlung von Botträgen, welche in den Hochschulm Babyloniens gehalten wurdm, bekannt unter dem Namen WIN 211 nin^iW |UU, find schon früher ediett worden, allein die Mangelhaftigkeit der Ausgaben, die beretts Asulat beklagt, ließ eine kritische Ausgabe schon längst wünschenswett erscheinen. Daß eine solche nicht früher schon bewerkstelligt wurde, ist im Hinblick auf dm Wert dieses Werkes, dessen Verfasser man sogar mit dem Saboräer R. Achai verwechselt hat, zu verwundern. Dr. Kaminka hat sich nun an die Arbeit gemacht, an der Hand von vier Ha dfchriften und Genizah Fragmenten eine kritische Ausgabe herzustellen. Es liegt bis jetzt der erste Bogen des ersten Heftes vor, es kann sich demnach hier noch nicht um ein Urteil über das Werk handeln, sondern nur um eine Anzeige. So viel aber auS der vorliegenden Probe zu ersehen ist, dürfen wir ein gediegenes Werk erwarten, das nicht nur einm gesäuberten Text uns tiefem, sondem auch durch Anmerkungen erklärender, historischer und lexikalischer Art unS ein tieferes Verständnis deS Textes ermöglichen wird. Für die Ferttgstellung des Sefer Bereschtth ist das Ende dieses Jahres, für die des ganzen Werkes find zwei Jahre in Aussicht genommen. 8. Grundrift der Geschichte der Juden und ihrer Literatur. Bon Dr. M. Stern. 5. und L. verbessette Auflage. Berlin 1908. Verlag „Hausfreund". Es fteut uns, die in neuer Auflage vor uns liegenden Geschichtstabellen des bekanntm Historikers Stern warm empfehlen zu könnm. Ueber den unterrichtlichen Wert solcher Geschichtstabellen, die dem Lehrer als ein Merkzeichen für seinen Vorttag dienen und dem Schüler beim Festhalten des Gehörten zur Hilfe kommen, braucht nicht erst viel gesprochen zu werben. Die günstige Aufnahme, die die früheren Auflagen des vorliegenden Buches in pädagogischen Kreisen gefunden haben, ist seine beste Empfehlung. Diese Tabellen haben sowohl am Anfänge, wie am Ende Bereicherung erfahren. Der Teil, der die biblische Geschichte behandelt, ist ausführlicher gestaltet, und der Schluß fühtt uns bis in die neueste Zeit (1895) hinein, in die Zeit der Entstehung der Logen, des Zionismus und der Pogrome. Möge uns bei allem Lobe, bas wir dem Buche zollen, gestattet sein, darauf aufmerksam zu machen, daß die S. 13 fich findende kurze Bemerkung „Simtm führte die Kethuba ein", die wir in manchen jüdischen Geschichtswerken finden, zu dem Mißverständnis führen kann, als ob die Eheverfchreibung mit allen ihren Besttmmungen von Simon erst emgesührt fei, was nicht richtig ist. Ferner wärm Hildesheimer und Frankel wohl anders zu gruppieren, denn als Anhängsel jener an Hirsch, dieser an Grätz. Bei der Anführung von Namen jüdischer bekannter Philosophen, Aerzte usw. usw. (S. 66 f) wäre es besser gewesen, wenn der Verfasser fich Grätz zum Vorbild genommen hätte, der prinzipiell keinen Lebenden in seinem Werke mit Namen genannt hat. Der Gerechtigkeit wird mehr damit gedientin dem vorliegenden Verzeichnis vermißt man viele, und sogar mancher Verstorbene hätte hier ein Andenken verdient. 8. Semper der Jüngling. Ein Bildnngsroman von Otto Ernst, Leipzig 1908, L. Staackmann. Der zweite Teil des großen Ernst'schen Bildungsromans ist vom jüdischen Standpunkte auS in mehrfacher Hinsicht interessant. Die Erziehungsprobleme, die er anschneidet, und die Fragen der religiösen Weltanschauung, die unabläsfig als wirkmde Kräfte in dem inneren Entwicklungsgang des Helden auftauchen, spielen für den im Kulturlebm der Gegenwart stehenden Juden eine wichtige Rolle, und so wenig sympathisch uns die stark bibelkritische Tendenz an vielm Stellen des Romans ist, so zeugt doch dagegm manche Partie von dem relativ starken Berständnis des Verfassers für jüdische Art, Geschichte und Sitte. So die folgende: „Der Weg nach Hause führte Asmus regelmäßig durch einen Stadtteil, der stark, wenn nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und wenn er nurr von den sonnavmdlichen Feierstunden bei Meister Bruhn heimkehrte, paßte es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, wenn ihm dir Juden in Fefttagskleibung begegneten und in ihrem Gang und in ihren Menen den Sabbath erkennen ließen: Er fand es schön, den Feiertag am Abend zu beginnen mit dem Blick in ein heiliges „Morgen"; auch sein S onntag begann immer am Samstagabend, begann ott schon in der Mufikstunde, wenn er deutsche Lieder hörte, begann manchmal schon mit der Borfreude auf diese Stunde. Aber nicht fand er es schön, wie es die Juden taten, den Feiertag auch, am Abend mit Sonnenuntergang zu beschließen. Er wenigstens konnte fich auS den hettigen Geheimnissen des Säbbaths nicht zurückfinden in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer Schlaf dazwischen lag. Immer und immer riefen ihm diese festlich gekleideten Juden die Kindheit zurück, die unvergeßliche Heit, da er mitten im verschneiten Winter daS sonnige Land Abrahams gesehen und mit Elieser um RebeM . geworben hatte, am Brunnen der Stadt Harons. Wenn it sie aber gar am Laubhüttenfest mit dem Paradiesapfel und mit Myrten, Palmen und Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann verwandelte fich der Wtg nach Oldensund in die vierzigjährige Wüstenwanderung vom bitteren Wasser zu Mara und der Oase Elim bis zu dem Tage, da Jericho fiel unterm Hall der Posaunen, dann sah er die'ährensammelnde Ruth auf dem Acker deS Boas und sah die Harfe Israels hangen an den Weiden Babylons." Daß Ernst den Antisemitismus mit der ganzen Kraft seines Temperamentes haßt, ist vekannt und tritt auch in diesem Werke zutage. Pros. Baentsch üver Hoffmanns LepitieaSt" In der Februarnummer der „Oriemalistischen Literaturzeitung" reccnftert her bekannte Bibelkritiker Prof. Baentsch den vom Rektor des Berliner Rabbinerseminars, Dr. Hoffmann herauSgegcbenen Kommentar zu Levittcus. Diese Rezension ist in mehrfacher Hinsicht beachtenswert. Wenn auch der Bibelkrittker Baentsch den „dogmatischen" Standpunkt des orthodoxen Autors nicht anerkennt, so bekennt er doch, daß er „dieses oder jenes aus dem Kommentar gelernt hat und daß er es für ganz nützlich hält, wenn die alttestamenttiche Wissenschaft nicht einfach über ihn zur Tagesordnung übergeht, sondern durch ihn an mancherlei Mängel der modernen Kritik und Exegese stch erinnern läßt." Der Rezensent giebt zu, daß die gegen verschiedene btbettritische Schulen vorgebrachten Etnwänbe stichhaltig find und richtet daher.an die alttestamentltche Wissenschaft die Mahnung, ihren Bestand an Argumenten zu revidieren. Baentsch hebt dann besonders noch einen Mangel der modernen Exegese hervor, an den Hoffmanns Kommentar erinnere Er sagt: „Was nun aber den eigentlichen Wert des Kommentars auömacht, das sst die reichliche Heranziehung der jüdischen Kommentare und Tradition, die fich auf die Gesetze oes Levittcus beziehen . . . Hier sollte die alttestamenttiche Wissenschaft fich vom Verfasser an eine in den letzten Jahren recht vernachlässigte Pflicht erinnern lassen. Sie hat sich nun lang genug mit dm literar-krittschen Problemen, die das Buch Levittcus bietet, herumgeschlagen und bas Menschenmögliche getan fie zu lösen. Jetzt sollte das Interesse an der Sache wieder in den Vordergrund treten und die vornehmste Aufgabe eines LeviticuS-KommentarS sollte es sein uns ein wirklich dmtlicheS abgerundetes und gefchloffmes Bild vom iSraelittsch-jüdifchen Kultwesen zu vermitteln. Dazu genügt es aber nicht nur, kulttsche Parallelen aus den antiken Religionen Babyloniens ete. zur Illustration heranzuziehen, sondern hier muß voratlem die jüdische Tradition, wie sie namentlich im Talmud vorltegt, mitbefragt werden" Wmn die alttestamenttiche Wissenschaft diesen Rat befolgt, so werdm durch bas Verständnis des Texttnhaltes wohl an vielen Stellen die Schwierigkeiten gehoben, die .die . moderne BibellrttiL zu Textärwerungeni veranlaßt haben, sodann wird auch die Heranziehung der jüdischen Tradition, des berufensten Bibelkommentators, zur Bibelerkiärung und das dazu nötige ttesere Eindringen in den Talmud, in dem die Traditton niedergelegt ist,' bewirken, daß der Talmud endlich von jüdischer sowie von nichtjüdischer Seite die verdiente Anerkennung erhält, und daß endlich das Märchen von „rabbinischen Spitzfindigkeiten" allseitig als Märchen erkannt wird. S. Br. Literarische Notlr. Anknüpfend.an die Notiz des Herrn Ansöacher in der letzten Nummer der „Literarischen Warte" möchte ich ebenfalls auf einen Fehler aufinerksam machen, der stch auch in den revidierten Rödelheimer Gebetbuchausgaben unausrottbar eingebürgert hat. Es heißt nämlich in dem Morgengebet für Kinder: TttlON Vif) min „Die Thora soll mein Glaube sein." Das hat ja gar keinm Sinn! Dies Wort ist einfach korrumpiert und muß heißen: YÜD1N V!n min „Die Thora sei mein Beruf," entsprechend dem Gebet Talm. Berachot p. 16: W0I31N “jmin «nn^ vergl. auch Sabbath p. 11: njBIN imin, und Kidduschim Z)"£3. Berlin. Rabb. Dr. Winckler.