Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1908)
- Date
- 1908-07-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage M Nr. 30 des „Hsraelit". euilleton. ver knlrel. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortfetzuug) „Es ist noch kein Plan, es ist nur eine Idee, die mir im Augenblick durch den Kopf geflogen ist, aber dieselbe wäre vielleicht nicht zu verwerfen/ «"Wen«» Swmich nämlich ihrem Enkel als beit für ihn bestimmten Lehrer vorstellen würden und mich in seiner Gegenwart auffordern würden, den jungen Herrn, der nahezu zwei Jahre ohne geregelten Unterricht verbracht hat, in allen Gegenständen, sowohl religiösen als profanen, die ein auf Bildung Anspruch erhebender Mann inne haben muß, zu prüfen und etwa vorhandene Lücken im Wissen des Betreffenden auszufüllen." . Gotthold nickte ihm verständnisinnig zu. „Das scheint mir in der Tat eine ausgezeichnete Idee." „Ich hätte dann ein freies Feld, könnte nehmen, was ich wollte, anfangen wo es mir wünschenswert erscheint. Mit Geschichte würde ich nicht grade anfangen, aber doch sehr bald damit kommen, denn ich bin überzeugt in diesem Fach würde ich dem jungen Herrn sehr bald die größten Lücken Nachweisen können. Der Jesuitenpater hat doch sicherlich kein Geschichtswerk bei seinem Unterricht zur Hand genommen, ich aber, obgleich ich Geschichte auch sehr wohl auswendig unterrichten könnte, würde Ihrem Enkel nur mit den Werken der bedeutendsten Geschichtsforscher in diesem Fach unterrichtenmit seinen eigenen Augen müßte er mir die Spezialgeschichte der spanischen Inquisition, der Bartolomäusnacht, der massenhaften Judenverfolgungen zur Zeit der Kremzüge usw. usw. lesen, dann würde er doch vor allem die Vertreter der von ihm so hochgepriesenen Religion auch in einem andern Lichte kennen lernen, als in dem seines Jesuitenpaters." Gotthold atmete tief auf, als wäre eine schwere Last ihm vom Herzen genommen. „Herr Doktor, ich kann nur wiederholen, Sie hat Gott uns zugeführt. Wenn es Ihnen nicht gelingt —" „Hoffen wir, daß es mir gelingen wird, mit Gottes Beistand. Ich habe Ihnen da nur gesagt, lvas mir im Augenblick eingefallen ist, aber eine derartige Angelegenheit muß doch reiflich erwogen werden." „Allerdings, und daß Sie an Ueberlegung und Erwägung nicht fehlen lassen werden, davon haben Sie uns bereits überzeugt. Also zu welcher Zeit wollen Sie morgen den Unterricht beginnen?" „Wann es Ihnen beliebt. Ich habe noch keine andern Pflichten übernommen, meine Zeit ist ausschließlich meinen Studien gewidmet, die ich jederzeit unterbrechen kann." „Falls Sie Wert darauf legen, daß ich Sie mit Ihrem Schüler bekannt mache, so müßte ich Sie ersuchen, sich vor halb zehn Uhr herbemühen zu wollen. Aber falls es Ihnen später besser paffen sollte, so könnte ich ihm vorher das Erforderliche Mitteilen und meine Frau könnte Ihre Bekanntschaft mit ihm vermitteln." „So will ich nicht länger stören" sagte der junge Mann, indem er aufstand rmd dem Andern die Hand reichte. „Ich habe die Ehre, Herr Gotthold." „Leben Sie wohl, Herr Doktor" versetzte Gotthold, gleichfalls aufstehend und die ihm dargereichte Hand kräftig schüttelnd, „es war mir ein außerordentliches Vergnügen — nein, das wäre zu wenig gesagt, denn es war mir ungleich mehr als ein Vergnügen, Ihre werte Bekanntschaft zu machen. Sie haben mir bereits einen Stein von der Brust genommen und ich hoffe alles von Ihnen." „Seien Sie versichert, daß ich mein Möglichstes tun werde, die Hoffnung, die Sie in mich setzen zu verwirklichen. Ergebener Diener gnädige Frau!" „Auf Wiedersehen Herr Doktor!" Gotthold begleitete den sich Entfernenden über den ganzen Korridor bis zur Stiege, dann erst kehrte er in das Wohnzimmer zurück. „Nun, wie gefällt Dir Doktor Groß?" fragte seine Frau. „Wie er mir gefällt? die Frage kann Dir nicht ernst sein. Der junge Mann ist ein Phänomen wie ich noch keines gesehen. Glaubt man da einen harmlosen Knaben vor sich zu haben — mit einem mal hebt er die Augen und man sieht sich einem hochintelligenten reifen Manne gegenüber. Und sein rasches, sicheres Urteil —" „Freilich, freilich. Wenn wir uns nicht absichtlich über uns selbst täuschen wollen, so können wir uns nicht verhehlen, daß wir seit mindestens dreiviertel Jahr nahezu dasselbe gewußt - haben, was wir heute wiffen und.trotzdem sind wir uns nicht darüber klar geworden, wie dem zu begegnen. Das einzige, was wir tun zu können glaubten, war, ihn wieder im Talmud unterrichten zu l äffen. Aber der junge Mann, der jetzt zum ersten mal von dem allem hört, trifft sofort den Nagel auf den Kopf, indem er erklärt, daß der Talmudunterricht im Augenblick nicht zu raten ist, da Edwin vorläufig keine Lust dazu haben wird, von einem erzwungenen Unterricht aber werng Erfolg zu erwarten ist. Hätten wir uns das nicht selbst sagen können? „Freilich hätten wir uns das selbst sagen können, sagen müffen. Aber die Sache steht uns zu nahe, dadurch ist unser Urteil getrübt, was der Fernstehende sofort erkannt hat, darauf mußten wir erst durch ihn gebracht werden — Aber jetzt fällt mir erst ein, was ich noch mit ihm hätte überlegen sollen. Edwin erwartet Brief von dem Pater Anastasius) er hat mich heute morgen gefragt, ob mit der Post nichts für ihn gekommen, ich habe ihn gefragt, von woher er Brief erwarte. Er sagte, von Innsbruck, er habe mit dem Pater einen regelmäßigen Briefwechsel verabredet. „Das dürfen wir nicht zugeben," erklärte Irma rasch, dem Pater würde es nur allzuleicht gelingen, den ganzen Unterricht des Doktor Groß illusorisch zu machen." „Der Ansicht bin ich auch, doch ich wollte in dieser Sache keinen Schritt t»n, ohne denselben mit dir beraten zn haben. Darum habe ich Edwin gar keine weitere Antwort gegeben, aber auch nicht den Brief, der bereits mit der Mittagspost gekommen ist. Ich zweifle jedoch nicht, daß in einigen Tagen, in denen der Pater vergebens auf Antwort gewartet haben wird, ein zweites Schreiben von ihm kommen wird. Es fragt sich nun, wie sollen wir uns demgegenüber verhalten? Soll ich ihm klar und offen sagen, daß ich eine Korrespondenz mit dem Pfaffen nicht dulde?" „Das würde mir eigentlich am meisten Zusagen, freilich nicht in dieser schroffen Weise-" „Das hätte ich ohnehin nicht getan, ich habe noch nie ein schroffes Wort an ihn gerichtet. Aber wenn ich mich auch noch so freundlich und milde ausdrücken würde, ich fürchte, die Sache an sich wird ihn dennoch erbittern. Er hält den Pater ja gradezu für einen Heiligen." „Um so weniger dürfen wir ihm den briefichen Verkehr mit ihm gestatten." Das meine ich auch, ob es aber nicht richtiger wäre, die Briefe einfach zu verbrennen?" „Und wenn er danach fragt?" „Ihm einfach erklären, daß ich keinen Brief für ihn habe." „Das wäre eine offenbare Lüge." „Das mag sein, aber was sollen wir tun? Ihm den Brief übergeben und damit seine weitere Verbindung mit dem Pater gestatten, das ist doch ausgeschlossen." „Allerdings, das ist ausgeschloffen. Du könntest vielleicht den Brief der Post zurückgeben und darauf schreiben „wird nicht, angenommen." „Das könnte ich freilich tun, aber was hätte ich damit erreicht? Das könnte Edwin vielleicht noch leichter erfahren und würde dadurch nichz weniger erbittert sein." „Weißt Du, du hast vorhin sehr richtig gesagt, die Sache geht uns zu nahe und grade dadurch ist unser Urteil beeinträchtigt. Es ist vielleicht das Beste, wir lassen die Beantwortung der Frage bis morgen und fragen vor allem den Doktor Groß um seine Ansicht. Außerdem haben wir im Augenblick keine Zeit weiter zu überlegen, die Kinder sind da, hörst du nicht Clementine lachen? ich glaube während der ganzen verflossenen zwei Jahre hat sie nicht so herzlich gelacht." Gleich darauf ward die Tür aufgeriffen und noch immer lachend sprang das munter? Kind in das Zimmer, Edwin folgte. --- * Es war in den Bormittagstunden des folgenden Tages, Gotthold hatte das Morgenblatt bereits gelesen und schickte sich eben an, iu's Contor zu gehen, als ihm Doktor Groß gemeldet wurde. Mit ausgestreckter Hand ging er dem Eintretenden entgegen. „Seien Sie willkommen, Herr Doktor, es freut mich außerordentlich Sie noch zu treffen. Nun, haben Sie bereits einen Unterrichtsplan entworfen?" „Als vollständigen Plan nröchte ich's noch nicht bezeichnen. Ich weiß zwar jetzt, was ich will, beziehungsweise, was ich muß, einen bestimmten Plan könnte ich jedoch erst entwerfen, nachdem ich den jungen Herrn kennen gelernt habe." „Das leuchtet mir ein. Doch möchte ich Sie bitten, Herr Doktor, Ihren Schüler nicht als jungen Herrn bezeichnen zu wollen, namentlich ihn nicht so zu nennen. Er ist zwar eben so groß wie Sie und nur um drei, höchstens um viertehalb Jahr jünger, aber eben wegen dieses geringen Altersunterschiedes erscheint es mir richtiger, daß Sie ihn einfach bei seinem Vornamen nennen." „Auf dergleichen lege ich wenig Wert," versetzte der Andere lächelnd „doch werde ich selbstverständlich Jh.em Wunsche entsprechen." „Ja, ja tun Sie das. Doch nun möchte ich noch in anderer Beziehung um Ihre Ansicht bitten. Edwin hat mit dem Pater Anastasius einen regelmäßigen Briefwechsel verabredet und ist bereits gestern ein Brief von dem Geistlichen an ihn angekommen, den ich ihm selbstverständlich nicht übergeben habe, denn ich werde doch nicht zugeben, daß er auch jetzt noch mit dem Pfaffen in Verbindung bleibt. Nun aber entsteht die Frage, soll ich ihm einfach den Briefwechsel mit dem Geistlichen verbieten, ihm erklären, daß ich jeden Brief, der von demselben anlangen wird, zurückschicken werde oder soll ich stillschweigend, alle von dem Geistlichen anlangende. Briefe ins Feuer werfen. Darüber erbitte ich mir Ihre Ansicht." Der Doktor blickte einige Augenblicke sinnend vor sich nieder, dann sagte er kopffchüttelnd: „Ich könnte weder zu dem einen noch dem andern raten. Das Verbot mit dem Geistlichen zu korrespondieren würde Ihren Enkel sehr erbittern,