Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1908)
- Date
- 1908-07-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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l ff cf) JW* <KrWerkstoff moderner lleligi-nrpdiisrspdev. Bon Dr. I. Wohlgemutin Berlin. (Fortsetzung.) Ueber diesen Einheits-Fanatismus ist schon so viel gesagt worden, daß es einem widerstrebt, das immer wieder vorzubringen. Aber ich sehe für das neue Buch vom „Wesen -es Judentums" keine andere Erklärung, als daß eben der Verfasser unter dem suggestiven Banne dieser Friedensidee stand, als er seine merkwürdigen Thesen in die Welt setzte. Man sieht ja auch, und er spricht es deutlich genng aus, daß alle seine Ausführungen auf den letzten Abschnitt hin angelegt sind: rovrosa nttryo *po nVnn, „das Judentum der Gegenwart" soll darüber belehrt werden, daß es auch in religiöser Beziehung eine geschlossene Einheit bildet, innerhalb deren die verschiedenen Richtungen durch eine lächerlich kleine, völlig bedeutungslose Differenz voneinander abweichen. Es ist schade um das Buch, denn es enthält Öu blendende Geistesblitze und prachtvolle »eiten, und ich habe eS mit Wehmut aus der Hand gelegt, mit dem Bedauern, daß so viel Geist an eine durchaus verlorene Sache verschwendet wird. * * * Freilich, es ist ein Charakteristikum unserer Zeit, daß geistreich, sein mehr bedeutet, als reich an Geist, daß auf die Form mehr gegeben!wird als auf den Inhalt, auf die Einkleidung mehr als auf-das Wesen,, auf die^Faffung mehr, als aus den Stein. Auf naturwiffenschaftlich - technischem Gebiete, da sehen wir freilich die empirischen Errungenschaften berechtigte Triumphe feiern und den gründlichen und ernsten Untersuchungen das Feld eingeräumt. Aber in den Geisteswissenfchaften, besonders auf den Grenzgebieten zwischen der Philosophie und den verwandten Disziplinen, da ist mit der Popularisierung auch eine mehr oberflächliche Betrachtungsweise eingekehrt. Von wenigen Büchern gilt das mehr als von dem Werke Ellen Keys, deren voluminöses Buch „Der Lebensglaube" mir zur Besprechung vor liegt.*) Eüerr Key zu kritisieren und sie scharf zu ^kritisieren gilt wohl bei der heutigen gebildeten Jugend als Staatsverbrechen, ja als Sakrilegium an der geheiligten Idee des Fortschritts. Sie ist sicher die populärste, vielleicht auch die gelesenste Schriftstellerin der Jetztzeit. Sie hat es vortrefflich verstanden, ihren Ruhm zu begründen und was noch mehr ist, in unserer schnell- *) -Der Lebensglaube. Betrachtungen über Gott, Welt und Seele von Ellen Key. Uebertragung von Francis Mar". 3. Auflage. S. Fischer, Verlag. Berlin 1907. 8° 362 Seiten. lebenden, schnell vergeffenden Zeit diesen Ruhm stets jung zu erhalten. Sie hat ihren Namen den Zeitgenossen ins Gedächtnis geprägt durch das Schlagwort: „das Jahrhundert des Kindes" und sie sorgt dafür, daß sie nicht in Bergeffenheit gerät, indem ne sich jedes Jahr, manchmal auch ein paar Mal im Jahr, mit einem neuen Buche vorstellt und in Vortragszyklen immer von neuem wieder der aufhorchenden Menschheit, zumeist sehr jungen Menschheit, alle Fragen, die sie quälen, spielend löst. Ich freue mich nun, meine jungen Freunde und Freundinnen aus dem Leserkreis auf zwei Artikel, die in der „Bossischen Zeitung" und der „Welt am Montag" erschienen sind, von Alfred Klaar und Dorothea Göbeler**) aufmerksam machen zu können. Das sind zwei Blätter, die wahrlich nicht im Verdacht stehen, die Ideen des Fortschritts bekämpfen zu wollen, sie sind sehr freiheitlich gesinnt, oft ein bißchen sehr frei. Und die beiden Autoren sind anerkannte Persönlichkeiten: Alfred Klaar, ein bedeutender Kritiker, Dorothea Göbeler, eine sehr verständige und völlig vorurteilslose Frauenrechtlerin. Es ist mir an sich freilich nicht angenehm, lange Zitate zu bringen, es sieht so aus, als wollte man Deckung suchen. Aber ich habe so den Verdacht, als ob auch unsere gesetzestreue Jugend sich nicht ganz dem Bann entziehen könnte, in den die Begeisterung für Ellen Key die deutsche Leserwelt schlägt. Und wenn so ein Schwarzer, der im „Israelit" schreibt, gegen die Bolksftimme, gegen das allgemeine Vorurteil protestiert, dann ist sicherlich, so denken auch die Getreuen vielleicht in ihrem Herren, sein Urteil als voreingenommen zu beanstanden. Ich kann nur zwei Zitate bringen. Siegeben durchaus kein Bild von dem ausgezeichneten Inhalt der Artikel. Die einleitenden Bemerkungen bei Klaar, die noch sehr milde gegenüber seinen sonstigen Ausführungen gehalten sind, lauten: „Ellen Key, die gemütlichste aller Weltverbefserinnen, hat das hübsche Wort vom „Jahrhundert des Kindes" geprägt, ein kurzes Wort, das vermutlich länger leben wird, als ihre sehr ausgedehnten Bücher und Reden, und daS mit einem so anmutigen Namen bedachte Säkulum könnte und sollte stch bei der redseligen Schwedin durch ein Gegenkompliment bedanken und fle zum Kinde des Jahrhunderts ernennen, und zwar zum großen Kinde des bislang noch kleinen Jahrhunderts. Das Märchen vom Zurückleben erfüllt stch an dieser phantastischen Dame und müßte fie allein schon einem großen Teil ihrer Geschiechtsgenosiinnen, der bekanntlich nicht altern will, sympathisch machen. Fast Jahr für Jahr kommt fie aus deui Norden, aus der Region des ewigen Lichts, als gern gesehener Gast zu uns, um ein paar Strahlen heller Naivetät in unser düsteres Alltagsleben zu werfen. Und jedesmal, so oft fie wiederlehrt, erscheint fie kindlicher und entzückt immer mehr die Kinder, die fie in gar zu rührenden Redensarten von KinbeSkindern berauscht. WaS sie mit **) „Ein Spiel mit dem Feuer" von Alfred Klaar in der „Bofl. Zta.", Morgenblatt vom 17. Aprtt. „Ellen ften und der Wille zur Mutterschaft" von Dorothea Göbeler in der „Welt am Montag" vom 21. April. verschwenderischen Händen bietet, daS holde exvttsche Märletn von ein bißchen Muttervfiicht und sehr Md LebdnSwoNne, von einem erträumten Lebensbaum «vflWtln Sentenzen mit einer dünnen unverdaulichen HMe unfr einem großen süßen Kern, etwa wie die Bananen, von denen man die Schale leicht herunterzieht, um ln das volle Fleisch zu beiße«, gewählt all den lieben ^schöpfen, die ihr zugehören und fanatisch applaudieren, eS find weniger Mütter als solche, die es vielleicbt noch werden sollen, in der Kinderstube daS intenfive Vergnügen, daS einer genäschigen Phantasie bereitet wird, wenn man ihr die Erfüllung aller Wünsche mit Hinwegräumuna aller Hindernisse aus die Tafel setzt. Die Bananen hängen hoch im Wölkenkuckucksheim und selbst, wenn fie tiefer hingen, würden stch die woblerzogenen Damen, die daS Publikum unserer BortragSsäle bilden, noch ein Weilchen besinnen, so ohne weiteres hineinzubeißen. Aber eS ist doch so hübsch, so von der Erde abzustoßen und auf Wolkenstufen, wo nichts im Wege steht, in einen Wundergarten emporzusteigen, wo auf der sublimst« Höhe der Theorie, die alles erklärt, die Früchte genau so auSfH«, wie die erträumten Herrlichkeit« in diesem niedritzest Erdental. DaS Vergnügen mutet harmlos an, daß man eS am liebsten gar nicht stören und all die lieben Kinder ohne Kontrolle, vor allem ohne die unerwünschte männliche, einem holden Stündchen der Täuschung überlasten möchte." Und dann folgt eine kurze Skizzierung der Ideen Ellen Keys über Ehe und Mutterpflichten. Obwohl Klaar meint: „Es fällt mir nicht eim dieses kindliche Phantasiestück ernst oder tragisch zu nehmen, oder vollends mit der Entrüstung eines Fastenpredigers auf das Gefährliche solcher Heilslehren hinzüweisen", sieht er sich doch genötigt, einmal dem Widersinn energisch entgegenzutreten und zu zeigen, daß „das Spiel mit dem Feuer", das Ellen Key treibt, nicht ganz so harmlos ist, wie es dem überlegenen Beurteiler erscheinen könnte. Deutlicher wird Dorothea Göbeler. Auch hier können wir nur den Anfang, des Artikel bringen; „... Also Ellen Key ist da, und Berlin W. jubelt ihr z«. Zu ihren Borträgen drängt man stch, als erwarte man Hunderttausende von Weisheit« und Offenbarung«,' in dm Salons »st fie das Tagesgespräch, und in d« Zeitung«, die in dm Salons gelesen werdm, bringt man spaltmlange Berichte über fie, über ihre Umstände, ihre Anfichten über Berlin usw. usw. Der Ell« Key-Rummel steht wieder einmal in vollster Blüte. Denn weiter als ein Rummel ist es nichts, das muß einmal offen gesagt werden, eine jmer Modesachen, die man voll Ekstase mitmacht, weil fie ebm Mode find, die man aber vergißt, sobald der Anlaß vorbei ist, und die keinerlei nachhaltige Wirkungen bei der groß« Menge hinterlassen. Wie wär's auch anders möglich? Wer und waS ist Ell« Key? Sicher eine sehr liebenswürdige Dame, die auch sehr viel kluge und warmherzige Worte gesprochm und sehr viel vernünftige Gedankm gedacht hat. Die bahnbrechende Bedeutung aber, die man ihr in gewiss« Kreis« zusprechen will, hat fie nicht, und das Originelle ist dabei, daß fie ihr fast nur im Ausland rntgegengebracht wird, während ihr Sie« in ihrer nordisch« Heimat bereits im Untergehm begr,ff« ist. Ihre Berliner BerehrerMnen woll« bas r atürlich nicht wahr haben, und wmn Ell« Key spricht, lausch« fie mit so verzückt« Mienen, als kämen ihn« Berkundt» gungen aus einer ander« Welt. 'ES war großartig, eS war wunderbar!* schwärmt«