Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1908)
- Date
- 1908-07-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der JSraeltt. Gelte 1». No. 30 23 Juli LdyS._ __ Tag galt in der Gemeinde und Umgebung als allgemeiner Fasttag und in sämtlichen Synagogen wurden auf Anordnung der Rabbiner nirpte gesagt. AZrUlrrrd. Amsterd am, 20. Juli. In Amersfoot haben mehrere holländische Damen eine Aktion eingeleitet, um an die Königin von Rumänien eine Adresse gelangen zu lassen, in welcher dieser ans Herz gelegt wird, sich für eine gerechtere Behandlung der Inden in Rumänien einzusetzen. Die Adresse ist von vielen Tansenden der besten -Gesellschaft Hollands angehörenden Damen unterfertigt worden und bereits an die Königin von Rumänien abgegangen. Rumänien. Bukarest, 17. Juli. Die Ausweisungaus dem Lande ist in Rumänien für die Miliärbehörden keine Veranlassung, von der Einziehung der Taxen bei Ausgewiesenen abzusehen. Es werden aus diesem Grunde die Angehörigen der Betreffenden dazu aufgefordert und werden nicht eher in Ruhe gelassen, als bis sie sich fügen. Die diesbezüglichen Beschwerden der betreffenden „Fremden" sind alle abgewiesen worden.. In Jassy kam der vom Dr. Sümuleanu, dem Direktor des chemischen Institutes, 88 jüdischen Schankwirten gemachte Prozeß zur Verhandlung. Dr. Sumuleanu inspizierte 88 jüdische Schankwirte in Jassy, wozu er gesetzlich berechtigt ist. Nun ist aber dieser Chemiker einer der eifrigften Anhänger der sogenannten „nationalen" Partei der berüchtigten Universitätsprofefforen A. C. Cuza (Nationalökonom in Jassy) und N. Jorga (Historiker in Bukarest). In seiner Eigenschaft als Antisemit deklarierte Herr Sumuleanu alle Getränke für gefälscht, konfiszierte sie deshalb und ließ sie auf die Straßendämme ausgießen. Das „Eigenartige" bei diesem Vorgehen ist das Unterlassen jedweder Inspektion bei christlichen Schankwirten. Nur die jüdischen Getränke — und zwar alle ausnahmslos — wurden für gesundheitsschädlich befunden. Eine einzige Ausnahme hätte des Chemikers Vorgehen weniger parteiisch erscheinen lassen können. Es hatte aber genügt, daß der Wirt einen jüdischen Namen hatte, um seine Getränke, in denen er sein ganzes Vermögen stecken hatte, auf die Straße gegossen zu sehen. Gegen eine solche Brutalität protestierten die Leute in einem an den Minister des Innern gerichteten Memorandnm. Die Preffe erfuhr hiervon und veröffentlichte das Gesuch, was Herrn Sumuleanu nicht besonders, angenehm war. Er fühlte sich beleidigt und verklagte alle Gesuchschreiber wegen Verleumdung. — Verteidigt wurde er von den Führen des rumänischen Antisemitismus, Professor A. C. Cuza und Abgar Buicliu ^nebenbei bemerkt einem Armenier). Als Zeuge funktioniert — Herr Prof. N. Jorga! Die Jaffyer Behörden merkten, worauf es den Prozetzführern ankäme und trafen alle Vorsichtsmaßregeln zur Verhütung von „Ordnungsstörungen". Als Beweis, daß solche Maßnahmen gerechtfertigt erschienen, mag die Angabe des Anwalts Abgar Buicliu dienen, welcher ganz offen erklärte, daß die jüdischen Wirte nur den Christen gesundheitsschädliche Speisen und Getränke vorsetzen und daß aus diesem Grunde ein Rückgang in der christlichen zu Gunsten der jüdischen Bevölkerung zu beobachten wäre. Diese lügenhafte und blödsinnige Behauptung hatte natürlich den Zweck, die Maffen gegen die Juden aufzureizen und Krawalle zu verursachen. — Es ist ihm diesmal aber noch nicht gelungen, weil der Prozeß nicht zu Ende geführt werden konnte. Die Verhandlung wurde infolge eines Formfehlers nach wenigen Debatten vertagt. — U ecltt Mnrr Der yemenifen-Konflibf. Jerusalem, 14. Juli. Die aus Berlin stammende Mitteilung, daß die zwischen der sephardischen Hauptgemeinde und den Jemeniten seit längerer Zeit herrschenden Zwistigkeiten friedlich beigelegt wurden oder daß die Mißverständnisse zwischen denselben beseitigt seien, ist zumindest sehr verfrüht. Wahr ist bloß soviel, daß die Jemeniten durch die Presse und Privatb-riefe die Nachricht verbreiten, daß sie eine selbständige und von der sephardischen Muttergemeinde ganz unabhängige Kehilah bilden, und daß ihre Autonomie auch von der türkischen Landesregierung bestätigt sei. Eine derarttge Beilegung des Stteites wäre aber sehr einseitig. Noch sind eine Anzahl yemenitischer Familien der Muttergemeinde und dem Grandrabbinat treugeblieben. Auch handelt es sich in diesem Streitfälle nicht bloß um administrative Angelegenheiten, sondern um sehr wichtige Momente religionsgesetzlicher Natur. Als die Jemeniten nach Jerusalem kamen, wurden sie von der portugiesischen Hauptgemeinde trotz ihrer großen Armut als gleichberechtigte Mitglieder anerkannt. Die Jemeniten haben sich auch in religiösen Dingen der sephardischen Gerichtsbarkeit unterworfen und ein yemenitischer Chacham, den sie aus der fernen Heimat mitgebracht, hatte auch immer Sitz und Stimnie im Gerichtshof des Chacham Baschi und tvurde auch von der Sephardimgemeinde besoldet. In dieser Gemeinsamkeit lebten die Jemeniten mit den Sephardim über zwei Jahrzehnte. Es ist wahr, daß in den jüngsten Jahren die Jemeniten, deren wirtschaftliche Verhältnisse sich einigermaßen gebessert haben, obwohl die Mehrzahl ihrer Mitglieder noch immer in drückender Armut leben, viel über Verkürzung in Geldunterstützung seitens der Muttergemeinde klagten, aber gestachelt wurde diese Unzufriedenheit von unberufener Seite, insbesondere erst anläßlich der Wahl des Rabbi Jakob Mcir zum Chacham Baschi, die soviel Unheil in Jerusalem gestiftet und auch den Grundstein für unaufhörliche Zwistigkeiten in dieser schwergeprüften Gottesstadt gelegt hat. Die armen Jemeniten unterstehen noch dem Einflüsse und den Folgen dieser unglückseligen Wahl, berufen sich auf die Versprechungen und Privilegien des Salonikier Chacham Baschi und fordern nunmehr kategorisch: Anerkennung der von ihnen einseitig durchgeführten Separation. Bei Herrn Dr. Paul Nathan haben die Jemeniten seinerzeit vorgesprochcn, aber auch seinen Bemühungen ist es nicht gelungen, eine friedliche Verständigung herbeizuführen. Als Herr Rabbiner Horovicz die Leitung des Amsterdamer Paläftinaamtes übernommen, wurde er von den Jemeniten und Sefardim gleichzeitig ersucht, vermittelnd zu wirken. Es stellte sich aber bald' heraus, daß die Aemenitenführer nur einer solchen Intervention beipflichten, die mit der Separation als mit einer vollendeten unabänderlichen Tatsache rechnet. Hierzu wollte Oberrabbiner Horovicz nicht eigenmächtig die Hand bieten und proponierte, daß ein von beiden Parteien zu wählendes Beth-Din in dieser Frage by rrnnn 'S entscheide. Inzwischen haben die Streittgkeiten größere Dimensionen angenommen, und die führenden Rabbiner Jerusalems sahen sich veranlaßt, nach gemeinsamer Beratung beide Parteien aufzufordern, innerhalb 2 Wochen ihre selbstgewählten Dajanim zu nominieren. Für den Fall, daß die Parteien keine Richter wählen sollten, wurde schon im Vorhinein ein aus fünf aschkenasischen Rabbonim bestehendes B^th-Din bestimmt, dessen Aufgabe es sein wird, in den aufgetauchten Differenzen ein rechtskräftiges Urteil rninri 'S Vy zu fällen. Dieses Beth-Din wird auch die Hauptfrage entscheiden, ob die Jemeniten als autonome von den Sephardin losgelöste Gemeinde zu bettachten find. Mitglieder dieses Beth-Din sind je ein Bertteter der offiziellen Bothe-dinnn, ferner Rabbi CH. Sonnenfeld und Rabbi I. Horovicz. Dem Vernehmen nach werden beide Parteien ihre Zustimmung zu diesem Beth-Din geben, dessen Entscheidung in allen gesetzestreuen.Kreisen mit der größten Spannung entgegengesehen wird. Man wird es allenthalben mit der größten Genugtuung begrüßen, wenn dieser unglückselige Hader nicht mehr den Frieden in der Hauptgemeinde bedrohen wird. Es ist jedenfalls bezeichnend für die Begriffsverwirrung und Beurteilung der Situation, daß ivahrend die Fahnenttäger des Rabbi Jakob Meir sich als Gönner der Jemeniten gerieren, diese selbst der Persönlichkeit und Autorität des von den Gesetzestteuen hochverehrten Großrabbiners Panisel allen Respekt entgegenbringen. Hoffentlich bin ich demnächst in der angenehmen Lage, von der definitiven Beilegung des Stteites berichten zu können. Nebstbei sei noch bemerkt, daß die Jemeniten, obwohl sie fast in sämtlichen Ritualangelegenheiten mit den portugiesischen Juden ubereinftimmen, doch nicht als Abkömmlinge der aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden zu bettachten sind. Nach den eigenen Traditionen sind sie versprengte Reste aus dem Zehnstämmereich, die auch zur Zeit des zweiten Tempels in T eman geblieben sind. Die yemenitischen Chachamim selbst erzählen die Ueberlieferung, daß ihre Väter sich weigerten, dem Rufe Esrah's zu folgen. Weder hier noch in der alten Heimat gibt es auch nur halbwegs gutsituierte Jemeniten. Sie sind aber auch in wirtschaftlicher Beziehung mit ihrem Geschick zufrieden. Ein echtjüdischer Geist herrscht bei allen ihren Gliedern. Sie sprechen unter sich hebräisch oder arabisch. Es fehlt ihnen aber an Wohlfahrts- und Unterrichts-Anstalten, die im Kreise dieser sehr bescheidenen Elemente vielfachen Segen stiften könnten. Vielleicht wird der Ausgang dieses Stteites auch diesen Segen im Gefolge haben. Jerusalem, 12. Juli. Eine Feuersbrunst, deren Ursachen noch nicht aufgeklätt sind, hat vorgestern Nachmittag innerhalb weniger Stunden etwa vierzig dicht zusammen gebaute Häuser der Urfa-Juden in Asche gelegt. Die Häuser, welche zumeist aus alten Holzbrettern hergestellt und mit Wellblechen verschalt waren, liegen einige Minuten vom allgemeineinen jüdischen Krankenhause „Schaare Zedek" entfernt, besten Angestellte mit Hilfe der dem Hospital gehörigen ausgezeichneten Feuerlöschaparate die erste HM leisteten und so ein Weitergreifen des Brandes verhinderten. Mährend gottlob Menschenleben nicht zu beklagen sind, ist materielle Hilfe dennoch nötig, weil 150 Seelen ihr Hab und Gut verloren haben und obdachlossind. (Wie uns mitgeteilt wird, hat das Frankfurter Hilfs- Komitee für die notleidenden Brüder im Auslande, Schützenstraße 14, sofort 1500 Fes. als vorläufige Hilfeleistung telegraphisch angewiesen. D. Red.) In Petach-Tikwah starb vor Kurzem einer der Gründer der Kolonie Herr S. Stampfer. Stampfer kam vor Jahren aus Ungarn nach Palästina, von dem Wunsche beseelt, mit eigener Hand die Palästinacrde zu bearbeiten. Er ließ sich in Petach-Tikwah nieder und ward infolge seiner unermüdlichen Energie und seines Zielbewußtseins bald zum Führer der Kolonie. Stampfer blieb auch auf seinem Posten, als die Kolonie ihre schwierigste Zeit durchmachte und man befürchten durste, daß das ganze Unternehmen Fiasko erleiden werde. Bis in die letzte Zeit war Stampfer Präsident des Bertrererkollegiums der Kolonie. An dem Leichenbegängniffe hat die ganze Kolonie und eine große Zahl fremder Trauergäste teilgenommen. Das Bertreterkollegium beschoß, um den Verstorbenen einen Monat lang Trauer zu halten. IlmnrUtii New-Aork, 1. Juli. In die allgemeine Trauer um den Tod des früheren Präsidenten der Bereinigten Staaten Grover Cleveland haben die Juden allen Grund mit einzustimmen. Grover Cleveland den das amerikanische Volk zweimal zum Präsidenten gewählt hat, war ein ausgesprochener Freund der Juden und er nahm sich ihrer bei jeder Gelegenheit an. Als die österreichische Regierung 1885 einen von ihm ernannten Gesandten wegen seiner Beziehungen zu Juden ablehnte, sagte er, nachdem er diese Engherzigkeit mit markanten Worten bezeichnete: