Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1908)
- Date
- 1908-07-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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(Seite 8. Nr. 80. Ministers und wirken auf gewisse offizielle Kreise dadurch geradezu einschüchternd. Die genannten Blätter enthalten in jeder Nummer die wütendsten und unerhörtesten Beschuldigungen gegen die Süden, predigen den wirtschaftlichen und sozialen oykott und fordern zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung auf. Eine solche gewissenlose Agitation könne nur die bösesten Früchte zeitigen. Es sei unerhört, daß in einem modernen Rechtsstaat ein Mitglied der Regierung Parteien, die derartige Tendenzen verfolgen, offenkundig begünstigt. Die Interpellanten fragen, ob der Ministerpräsident veranlassen wolle, daß Minister Dr. Geßmann leine Tätigkeit in der bisher ruhigen Bukowina einstelle. Die Antwort des Ministerpräsidenten, auf die man sehr gespannt sein darf, steht noch aus. Le m b erg, 20. Juli. In den galizischen Badeorten Jwonicz, Szczawnica etc. besteht das Gros der Kurgäste aus Juden. Die Kurverwaltung, die somit von Juden lebt, läßt aber keine Gelegenheit vergehen, ohne diese zu schikanieren. Jüdischen Kurgästen wird die freie Benützung der Parkanlagen erschwert, trotzdem sie von der Kurtage nie befreit werden. Jüdischen Aerzten werden keine Wohnungen vermietet, während für die christlichen die schönsten Wohnungen im Kurhause reserviert sind. Man lockt auf jede mögliche Weise die Juden heran, und hat man sie dort, werden sie in allen Beziehungen geächtet und brutalisiert. Der edle Schachtitz in Galizien weiß,wie man auch ohne die ResolutionSchmid die Juden drangsalieren kann. Das sollten die p o lnis chen Pat ri oten jüdischen Glaubens, die ob der Stimmung der Polen gegen den christlichfozialen An trag in frenetischen Jubel ausbrechen, sich ins Stammbuch schreiben. Ungarn. Budapest, 20. Juli. Der Rabbiner der Pester Gemeinde Dr. Simon Hevest richtet im „Egyenlöseg" an die Judenschaft Ungarns einen Aufruf zu Gründung eines „Ungarischjüdischen Kulturvereines". Der zu gründende Verein soll im großen Ganzen ähnliche Ziele wie die „Israelitische Allianz" zu Wien haben, will aber im Gegensätze zu dieser Organisation auch innerpolitische Ziele ins Auge fassen. Er will den durch die Landesgesetze gewährleisteten Rechten der Juden Ungarns Geltung verschaffen, dieselben verteidigen, innere Mängel beheben und die durch die Zeitverhättniffe verursachten Schäden sanieren. Daß speziell die letzteren vielverheiße.lden Punkte des Programmes nicht dazu angetan sind das Vertrauen der Gesetzestreuen für den neuen Verein zu gewinnen bedarf kaum der weiteren Ausführung. Man ist hier durch Erfahrung gewitzigt und man weiß, was man von der „Kulturarbeit" der neologen Führer zu halten hat. So schlimm ist es aber um die orthodoxen Gemeinden im Lande auch noch nicht bestellt, daß sie der Sanierung von Setten der außerhalb Stehenden bedürften; die Gemeindestatistik weist noch erfreuliche Zahlen auf. Nach dem Ungarischen Statistischen Jahrbuch, Neue Folge XIV, gab es im Königreiche Ungarn am Ende des Jahres 1804 579 Muttergemeinden und 1769 Filialgemeinden. Von den Mutter- Semeinden waren 308 orthodoxer und 27l neo- >ger Richtung, von den Filialgemeinden 1270 orthodox und 499 reformiert. Unter den 411 Rabbinern waren 240 orthodox und 170 Anhänger der neologen Richtung, unter den Rabbinatsverwesern, deren Zahl im ganzen 1241 beträgt, gab es 864 orthodoxe und 377 Vertreter der Reform. Das gesetzestreue Element überwiegt also in Ungarn bei weitem. Der Antisemitismus zeitigt auch hier sonderbare Blüten. In einem Neutraer Blatte hat der katholische Pfarrer Johann Kaffala, unter dem Titel ^Wirtschaftliche Trennung" einen Artikel geschrieben, in welchem er nachzuweisen -uchte, wie notwendig es wäre, eine Absonderung 'ermüden auf wirtschaftlichem Gebiete herbei- Der Israelit. zuführen. Der anttsemirische Pfarrer bediente sich in diesem Aufsatze der gehässigsten Ausdrücke über Juden und Juoentum, so daß die Staatsanwaltschaft sich verünlaßt sah, gegen ihn die Anklage wegen Aufreizung gegen eine vom Staate anerkannte Religion zu erheben. In der vor einigen Tagen in Preßburg deswegen durchgeführten Schlußverhandlung erklärten nun die Geschworenen den Pfarrer Kaffala für nichtschuldig, worauf ihn der Gerichtshof freisprechen mußte. UrrMand. EDoIfffohns Hüften?. Wilna, 20. Juli. Der Präsident des zionistischen A. C. Herr David Wolfssohn besuchte auf seiner Rückreise von Petersburg unsere Stadt. Obzwar die Zionisten klugernnd bescheidener Weise nicht zuviel öffentliche und Aufsehen erregende Vorbereitungen zum Empfange trafen, verfehlte doch die Nachricht von der Ankunft des „Nachfolgers Herzls", wie man hier sagt, nicht, die Gemüter in einige Erregung zu versetzen, umsomehr als man wußte, daß Herr Wolffsohn aus Petersburg, wo -er wichtige Uuterredungen mit den Leitern der Zentralregierung hatte, komme. So etwas weiß man hier immer zu schätzen. Und selbst diejenigen nüchternen Naturen, die die Dinge sehen wie sie sind und keine allzu hoch gespannten Erwartungen an einige einem Westeuropäer gegenüber gefallenen konventionellen Artigkeiten eines ruffischen Ministers knüpfen, wissen doch dem guten Willen, der wiederholt nach dieser Richtung hin von Seiten der zionistischen Leitung bekundet wird, Dank und Anerkennung. So kam es, daß auch Wolffsohn, wie vor fünf Jahren Herzl V't nicht nur von den Parteifreunden, sondern auch von der offiziellen Gemeindevertretung sehr warm empfangen wurde, wenn auch von den stürmischen Ovationen, wie man sie damals erlebte, dieses Mal trotz aller Loyalität der Polizei (sie war von Petersburg aus dazu angehalten worden) nichts zu merken war. Immerhin mußte es auch auffallen, daß während Herzl seinerzeit von den Orthodoxen mit den berühmten''Rabbonim und Dajonim an der Spitze begrüßt wurde, Herr Wolffsohn dagegen nur vom linksstehenden Flügel der jüdischen Bevölkeruug, der sog. Aristokratie gefeiert wurde. Das ergreifende DlW des greisen Y'hn blieb dieses Mal aus, dagegen hielt der Kronrabbiner Dr. Kantor die wohldurchdachte und gutgesetzte Begrüßungsansprache. Das Fehlen der wirklichen Vertreter der großen jüdischen Massen sollte indes, wie gut Eingeweihte versichern, keineswegs als Kundgebung gegen die Person des Herrn Wolffsohn, der durch sein Benehmen hier allerseits' großes Vertrauen einflößt, ausgefaßt werden, sondern hängt vielmehr mit den bekannten Vorgängen in der zionistischen Leitung und offiziellen zionistischen Presse zusammen, die kaum dazu angetan waren, die Hüter der Thora, für das zionistische Ideal besonders zu erwärmen. Auch das Verhalten der zionistis chen und hebräisch nationalen Presse gegen den Verband 'WW nD32 mag nicht wenig zur Klärung der Begriffe und daher zu der reinlichen Scheidung beigetragen haben. Ueber den Wert und die Bedeutung der Audienz gehen die Meinungen selbst innerhalb der zionistischen Partei auseinander. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die russische Regierung dem Zionismus, sobald sie über seine Ziele aufgeklärt, sich von seinen friedlichen, nicht staatsgefährlichen Tendenzen überzeugt, keine Hindernisse in den Weg legt und wahrscheinlich auch nunmehr das Verbot der Agitation und Geldsammlung zu Gunsten der Partei aufheben wird. Diesen Erfolg mag Herr Wolffsohn errungen haben, mehr darf füglich nicht erwartet werden und wird auch, abgesehen von dem überschwänglichenFreudentaumel einiger s chwärmeris chen Gemüter nicht erwartet. Der hier erscheinende 28. Juli 1908. „Hed Hasman" erinnert in einem bemerkenswerten Leitarttkel an die „Zusammenkunft vor fünf Jahren" und an die großen Fehler, die damals dadurch begangen wurden, daß man sich der Selbsttäuschung hingab, als deute die durch und durch judenfeindliche Aeußerung Plewes, „die russische Regierung würde zur Ausführung des zionistischen Programms beitragen, sobald sie die Ueberzeugung gewinne, daß dadurch die Juden aus Rußland ausziehen", auf ein baldiges diplomatisches Eingreifen Rußlands zu Gunsten des Bafler Programms hin Die Erfahrung der letzten Jahre — meint das Blatt — sollte uns doch davor bewahren, uns anläßlich der Audienz Wolffsohns neue Enttäuschungen zu bereiten, was aber nach dem Lärm zu schließen, den diese Audienz verursacht, nicht überall der Fall iü. Das Blatt zweifelt nicht daran, daß die Hindernisse, die bislang dem zionistischen Bereinswesen in Rußland im Wege standen, nun beseitigt sein werden. Allein der Audienz eine hohe politische Bedeutung beizumeffen und gar von ihr eine Wendungfür die Gesamtlage oer Judenheit im Zarenreiche zu erwarten, sei seiner Ueberzeugung nach eine naive Auffaffung, die nur auf krasser Unkenntnis der Dinge und Verkennung der in Rußland obwaltenden PosiMchtzn Verhältnisse beruhen könne. Die Beweise, die der „Hed Hasman" aus der Geschichte Plewes und Stolypins als Belege für seine Aufstellungen anführt, sind leider allzu wahr und authentisch, um optimistischere Hoffnungen, die wir hinsichtlich der Besserung unserer innern Lage sehen möchten, zu rechtfertigen. Minsk, 20. Juli. Wie eine Oase mitten in der pfadlosen düsteren Umgebung steht das Städtchen Nowogrudok mit seiner vom echten Thorageiste getragenen Jeschiwah. Wohl nirgends im Zarenreiche ist die wirtschaftliche Not so erschreckend als bei uns und in unserer Provinz. Diese Not macht sich aber, wie überall, nicht nur durch die enorme Auswanderung und die Ueberlaftung der Wohltätigkeitsanftalten geltend, sie hat auch eine geistige Not zur natürlichen Folge. Unzufriedenheit und Unmut sind die besten Faktoren, um jugendliche vorwärtsdrängende Seelen den verderblichen Strömungen aller Art zuzuführen. Wie ein besänftigender Lichtstrahl winkt es daher dem spähenden Auge des Juden aus dieser Pflegestätte der min und D'Dtr n#T» entgegen. Von den unheilvollen Zeitströmungen völlig unbehelligt, sitzen da Hunderte junger Leute, sich aufopfernd dem Talmudstudium widmend. Und die wenigen Mußestunden werden zur Pflege jüdischer, thorageweihter Lebensanschauung benutzt, durch Lektüre der "toio '»"'SD und gegenseitige Belehrung. Nach dem Muster dieser Lehranstalt sind auch in einigen benachbarten Städten solche gegründet,» die van der Zentrale in Nowogrudok nach den glichen Tendenzen und Normen geleitet werden. Mögen sich in den sturmbewegten Zeiten diese Zufluchtstätten jüdischen Geistes auch halten können und stets die rechte Würdigung der weiten jüdischen Kreise finden. Jekaterinoslaw, 18. Juli. An die finsteren Oktobettage 1905 wurde unsere damals so hart betroffene Gemeinde wieder erinnert durch einen ergreifenden Akt der Liebe und Pietät. Die zerissenen und geschändeten Thorarollen konnten infolge von Hindernissen aller Art erst jetzt bestattet werden. Eine unübersehbare Menge folgte in ttefer Trauer.der Bahre. Die Erinnerungen an all das erlebte Grauen, sowie an die hundert Opfer, die das Massengrab neben den nun neu geschaufelten füllen, waren nun wieder wach geworden und kein Auge blieb tränenleer, als der Vorbeter am JVW in V'DK die Namen der Märtyrer aufzählte. Die Wunde ist noch so frisch und die Gefahr immer noch groß und das Seufzen und Stöhnen der dreißigtausend köpfigen Menge übertöNte die Sttmmen des Vorbeters und der Trauerredner. — Der 'y,- :V mmMüm