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Der Israelit · 1908-07-23 · Heft 30 (23.7.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 30 (23.7.1908)
Date
1908-07-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. Seite 5 23. Jüli 1908. _. Kritische Studenteitträume. Bon einem V. J. A.er. Der wahre Jehudi bedarf solcher Augenblicke nicht, da er „dem Weltgeist näher ist als sonst." Bringt ihn doch jede Spanne seines Lebens, in treuer, freudiger Pflichttat vor Gottes Angesicht verbracht, dem Gesetzgeber der Welten ebenso nahe, wie jenem alliebenden Wesen, das mit seinem Blicke in die tiefsten Herzenskammern des Menschen kleinste Anliegen umfaßt. Und doch! Auch des Jehudi Leben kennt Momente apathischer Mutlosigkeit, in denen er, ach, so gerne, Einblicke gewinnen möchte in die göttliche Waltungsweise, Momente, die sich wie ein Alp auf die Brust legen und ein dumpfes Gefühl namenlosen Elends erzeugen, das momentan alle geistigen Kräfte laymkegt und nur die übermächtige Sensucht aufkommen läßt — zu träumen. Ein solcher Augenblick ist's, der mich im Abenddämmern aus dem Lärm froher Komilitonen und Freunde, der mein Gemüt bedrückt, im schaukelnden Boote entführt in's weite Reich der Träume. Unter dem Banne der gleichmäßig eintauchenden Ruder schwärmen meine Gedanken empor zum prächtig bestirnten Himmel. Sehnsuchtsvoll. gleitet mein Auge zu den Sternen. Der Blick geht mit jeder Minute weiter' in die Runde, umfaßt immer mehr, und während ich unwillkürlich, als getreuen Ausdruck meiner Stimmung den Schluß eines Abendliedes, in dem sich so innig und rein der Mensch in seiner Ohnmacht begreift, summe, überlaffe ich willenlos die sich drängenden Wahrnehmungen und Gedanken ihrem zügellosem Spiel. ... Körperhafte Gestaltungen tauchen überall aus dem Dunkel hervor und ziehen doch wiederum geheimnisvolle Schleier um sich. Leuchtende Sternschnuppen sausen aus ftemden Höhen wieder hinab in dunkle, unbekannte Tiefen, glänzenden Fanalen gleich, werden hier Sterne sichtbar, um dort wieder zu verschwinden und andern Platz zu machen, dabei ein Schimmern und Flimmern erzeugend, daß ich die Augen schließen muß. rnn«^ Vffl! Sie seien Euch Wahrzeichen! Isthas nicht eine Ergänzung des tröstlichen „und sie werden sein wie des Himmels Sterne"? Sind wir denn nicht in der Tat zu vergleichen mit jenen glänzenden Lichtern? Wie erinnern sie doch in ihrem irrenden Dasein an unsere heimatlosen Brüder, die, einem unbegreiflichen Willen ihres Gottes folgend, von Osten nach. Westen, von Süden nach Norden yj umherwandern! Und jene Sterne, die trotz ihres veränderlichen Lichtes still und unverrückbar standhalten, wie gleichen sie doch in ihrer anbetungswürdigen Schöne und Ruhe jenen erhabenen, großartigen Gestalten, jenen crmn die Die Prozesse, die hier verhandelt zu werden pflegten, waren einander immer ziemlich ähnlich; nur die Personen wechselten darin ab; oft genug, auch erschienen dieselben Personen ziemlich häufig, Juden gegen Juden oder Bauern gegen Bauern oder beide gegeneinander. Darm ift's nicht der Hunger und die Liebe, die hier das Getriebe des Justizwesens in Bewegung erhalten, sondern meist recht prosaische Dinge. Gesähäftsdifferenzen, Verbalinjurien, Prügeleien, Schuldeinforderungen oder Ableugnungen, Uebertretungen von Polizeivorschriften — und das Repertoire ist erschöpft. Der Richter schien einen Augenblick den Faden verloren zu haben, während es um ihn her ganz stille geworden war. Dann srug er: „Warum versuchten Sie es nicht einmal anderwärts, wenn man Ihnen hier so viele Schwierigkeiten bereitete, um die Annahme zu erlangen?" Der Angeklagte sab hilflos bald auf den Richter, bald zu der Mitangeklagten Greisin, die mit ihrem weißen Tüchelchen häufig über ihre rotgeränderten Augen fuhr, sodaß man nicht wußte, ob sie sich Tränen fortwischen oder nur ihre Verlegenheit verbergen wollte. Uber die Züge des Richters huschte ein feines, humorvolles Lächeln. Er fing an, den inneren Zusammenhang zu verstehen und fuhr, ohne die Antwort auf seine Frage abzuwarten, und wie sie selber beantwortend, fort: „Nun ja, Sie fanden ja fürerst hier ein ganz leidliches Fortkommen und Ihr Brod, und außerdem tvohnte ja auch Ihre Landsmännin, oie Mitangeklagte hier, was vielleicht für Sie mitbeftimmend war, sich hier ansässig machen zn wollen, nicht wahr, Herr Mühlstein." Zum ersten Mal hatt^ der Richter Awromchen mit seinem Namen angesprochen und ihn nicht mehr „Angeklagter"' apostrophiert, ihn dabei so gütig an- Der J-rattit. .__ unberührt von dem Leben um sie her, nyi G^yb täglich und stündlich auch nach Abwegen und Verirrungen den Weg zum Rechten und Wahren weisen. Und jene Kometen, die uns den .Gruß aus fernen Welten bringen, wie gleichen sie doch der glühenden jüdischen Seele, die bald hier, bald dort zum Leben erwacht — der jüdischen Jugend! . . . . Ich blicke auf. Das ganze Tal ist in ein weißes Lichtmeer getaucht. Ueberall ein Silbergertesel, auf den Wellen schimmert der Widerschein, rechts und links an den Ufern fließt's hell beglänzt die Waldabhänge herab. Da.. „Fahre wohl, du kühler Trank, Lindenwirttn, jung und schlank, Schönste Augenweide, schönste Augenweide." Tief beschämt schließe ich die Augen. „Was geschah, ich tu's euch kund, Auf der Wirtin rotem Mund eiß ein andrer brannte, eiß ein andrer brannte." Ich muß lachen, wenn ich an meinen Traum von vorhin, an meine Kometen denkedas ist jüdisches Leben, jüdische Freude! „Vor ihm stund ein volles Glas, Neben ihm Frau Wirttn saß Unter der blühenden Linde, Unter der blühenden Linde." So sang der Brüder Chor! Wenn man wenigstens dabei erröten könnte, dann hätte es doch wenigstens etwas Prickelndes an sich, dann würde es doch nicht so an öden, so gar fade und komisch, ja lächerlich anmuten, dieses plumpe Bild von der Lindenwirttn, oder von dem Krambambulisten, der beim Ausbleiben eines Liebes- oder beim Eintreffen eines Trauerbriefes nicht „wie das liebe Vieh Wasser sauft." Und solche Gedanken, die abseits, so weltenferne geschieden sind, von jedem tieferen, ernsteren Streben, Wollen und Wünschen, werden genährt, ja sogar andächtig, womöglich, besungen- und von wem? Nicht etwa von verbummelten und verbummelnden Bohemen, nein, von Juden, von deren innerem Leben gerade der Dia, die Art und Weise der überschäumenden Freude, nicht das unmaßgeblichste Zeugnis ablegen soll - von einer Jugend, diesonst mit dem starken Willen der Durchführung an die altjüdischen Ideale herantritt! Kann, soll das sein? Man ist doch sonst so krittsch in der Kontrolle darüber, ob man sich auch über alle seine Handlungen Rechenschaft abzulegen vermag! Gilt denn das Wort löiy nn*t ’ö ^a? yn wirklich nur für den Tempeldienst, für einzelne gehobene Momente des Lebens? Und wie kann man einem gesehen, daß sich Awromchen plötzlich wie von einem Alp befreit fühlte. Wie im stummen Dank sah er zu dem freundlichen Manne auf dem Richtersessel hin. Der Richter fuhr dann fort: Es ist aber doch eigentümlich, daß ein Mann, der sich wie Sie, eines so vorzüglichen Leumundes erfreut, der für einen streng religiösen und frommen Mann gilt, überhaupt sich auch nur einem solchen Verdacht aussetzen konnte, der sich dann zu einer solchen Anklage verdichtet bat. Wie verhält sich das nun?" „Verzeihen Sie gütigst, Herr Richter", antwortete Awromchen in bittendem Ton, „was heißt fromm? etwa weil man sich an die Zehngebote hält? und sonst nichts tut, weil die Polizei dahinter steht? Darf ich hier mal was sagen, was ich mir so ausgedacht habe?" Der Richter machte eine ermutigende Bewegung mit dem Haupt und sah gespannt auf den Sprecher, während der Verteidiger Selig sich sehr laut dre Nase schneuzte, weil er fürchtete, sein Ment könnte etwas sagen, was in seiner bereits wohl memotterten Verteidigungsrede enthalten war. Und diese Rede sollte döch ein noch nie dagewesenes Meisterwerk bilden und seinen Ruhm durch alle Zeitungen ttagen . Aber Awromchen schien das Trompeten des Advokaten gar nicht zu hören und fuhr fort: „Herr Richter, Sie haben vorhin gesagt, man halte mich für einen religiösen Menschen, weil ich die zehn Gebote halte. Nun, was sind die Zehn Gebote? Man soll nur Gott allein anbeten und keine anderen Götter neben ihm? Was ist da Schweres dran? Wenn nur die Menschen diesen einen Gott anbeten wollten! aber tun sie's denn? Wie selten beten sie so recht herzhaft zu diesem einen Gott; wie schwer wär^ es ihnen erst, zu mehr als diesem sinen Gott zu beten. Was ist s da also Großes, keine anderen Götter anzubeten? Dann heißt es im nächsten Gebot, man soll den Sabbath Menschen, der nur einmal ein eigenes, persönliches Erleben zu verzeichnen hat, ja, der nur einmal ein Blatt *002 gelernt hat, zumuten, Worte, wie die gehörten, über die Lippen zu bringen? Wie kann man solch kompleten Unfinn, wie er in vielen Studentenliedern zum Ausdruck kommt, der im letzten Grunde in den frivolen Prinzipien oder der Prinzipienlosigkeit eines Conradi wurzelt, zur Geltung kommen laffen in einer Vereinigung gesetzestreuer jüdischer Akademiker? Man hat mich belehren wollen - „damit wollte man nur an die Anschauung neu zu gewinnender Gesinnungsgenossen anknüpfen." Selbst wenn dem so wäre, wenn man dadurch Zuzug erhalten könnte, dürfte man darum etwas tun — was, das muß man mit Bestimmtheit annehmen — einen arn TO^n, der sich der Vereinigung akttv anschließen will, im Innersten verletzen muß? Aber ist's überhaupt möglich? Vermeint man wirklich damit Leute an sich zu feffeln, die Einblick gewinnen möchten in das reiche Innenleben dieser Vereinigung, für welche das Judentum nicht nur den Rahmen, sondern die Wurzel, den nie aussetzenden Pulsschlag bilden soll? Will man damit Leute gewinnen, die, von gymnasialen Hochempfindungen erfüllt, — ein unbeschriebenes Blatt Papier —der Eindrücke harren, die eine aus der reinen, sittlichen Höhe des Judentums stehende Umgebung von gleichaltrigen Genoffen auf ein unverdorbenes Gemüt hinterläßt? Oder glaubt man damit Leute zu erziehen, deren Seele, zerriffen von den Konflikten der Moderne, erfüllt von großen Daseinsproblemen in heißem Bangen nach Menschen ausschauen, im Verkehr mit denen und denen gleich, sie ihre Ueberfülle an geistigen und seelischen Kräften in den Dienst des Judentums stellen können? Ich erinnere mich, wie unzählige Male, ohne daß ich mir des Grundes bewußt gewesen wäre, ganz harmlose Leute, Arbeiter, die ihr „o Susanna" johlten, ein Gefühl des Abscheus in mir erregten. Muß es nicht jedem feinfühligen, mit etwas feinerem Ohr begabten Menschen ebenso ergehen beim Anhören jener Stuoentenlieder? Oder sucht man gar jene Leute dadurch dem Judentum zu erhalten, die in Gefahr sind, an der malsäie äu siede, an jener inneren Leere zugrunde zu gehen, die den flauen Nachschub einer entnervten Zeit auszeichnet? Dazu sind jene Lieder denn doch zu einfälttg, um Ersatz zu bieten für ein Genußleben, in dem Dekadente Betäubung zu suchen pflegen. Um Blasiertheit zu besiegen, bedarf es lebendiger Ideale, die gerade in der Gesellschaft, im heiteren Freundeskreis sich zu Gefühlswerten gestalten müssen. Langsam erhebe ich meine Augen. Und wieder schweifen sie suchend nach dem sternbesäten Himmel, nicht entweihen und an ihm von jeder Arbeit ruhen. Wie kann man ein Gebot übertreten wollen, das einem soviel Freude bereitet, einem die Sorgen wegnimmt, einen so frei von aller Arbeit und Last macht, die einen schon genug in den sechs Tagen drücken? Und hat man nicht selber die Freude davon? Auch das Gebot Vater und Mutter ehren, ist doch nichts, was dem Menschen eine große Anstrengung verursacht, und könnte selbst von einem Tier gehalten werden. Alles Uebrige ist Gesetz, das, wie schwer oder leicht es auch manchen Menschen fallen mag, doch auch zugleich von der hohen Obrigkeit aus verboten, und bestraft wird. Diebstahl, Mord, Ehebrechen, das nicht zu begehen, dazu braucht ein Mensch doch nicht fromm zu sein. Wenn ich das Bischen, was unser Herrgott von mir verlangt, nun halte, macht's mich noch lange nicht zu einem frommen Menschen. Und gar so was tun, was mir heut die Ehre verschafit, Ihre werte Bekanntschaft zu machen, das ist mir gottlob noch nie in den sinn gekommen. Aber wie gesagt, hätte ich ja gern geheiratet, wenn die hohe Obrigkeit mir es nicht gar so schwer gemacht hätte." „Wie aus den Akten aber hervorgeht," begann der Richter wieder, „ist Ihnen doch bereits vor sechszehn Jahren das Bürgerrecht in dieser Stadt verlieben worden und Sie haben den hierfür festgesetzten Betrag bezahlt. Da stand doch Ihrer Verheiratung kein gesetzliches Hindernis mehr entgegen?" „Allerdings von Gesetzes wegen keines mehr, Herr Richter," bestätigte Awromchen. „Allein meine Zeit und die meiner — nun ja, meiner damals mir, wie soll ich schnell sagen? .... also von dem Frauenzimmer, das mich heiraten wollte, ich weiß gar nicht recht, wie ich sagen soll." Awromchen fing an, über und über rot werdend, zu stottern und in umso größere Verwirrung zu geraten je mehr sich die Gesichter

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