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Der Israelit · 1908-07-23 · Heft 30 (23.7.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 30 (23.7.1908)
Date
1908-07-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«Me 4. Kx. 80 98. Juli 1908 sie für ihr Volk auf diese Weise anfänglich erstrebten, trat ganz vor der eigenen Ehre zurück, die sie für sich selber bei gesellschaftlich hoch stehenden Nichts uden und der Regierung zu erlangen suchten. Da erwiesen sich Thora und Mizwoth als lästiges Joch, das sie nun öffentlich abwarfen immer noch mit dem beschönigenden Borwand, ihrem Volk damit zu dienen und ihnen die Gleichberechtigung zu sichern. So arbeiteten sich die Gebildeten und die Reichen gegenseitig in die Hände. Gemeinschaftlich übten sie dann ihren verderblichen Einfluß auf die breiten jüdischen Volksschichten, die sie erst durch schöne Worte und dann mit unverhüllten Drohungen durch Hinweis auf ihren Einfluß in den höchsten Regierungskreisen für ihre Mache zu gewinnen suchten. Die Zügellosigkeit der Gebildeten und die maßlose Ehrsucht der Reichen drängten mit Riesenschritten zur Katastrophe. Ihre Söhne ließen sie die Gymnasien besuchen, ohne auch nur danach zu fragen, ob sie neben ihrem Studium noch das Religionsgesetz respektierten, ob sie Sabbath, Tesilla und die Speisegesetze noch heilig hieltenja, viele von ihnen hatten es geradezu darauf abgesehen, die jungen Leute vollständig dem Judentum zu entfremden. Sie erblickten in der Erfüllung der jüdischen Lebenspflichten . ein Hindernis, zur Aneigyung wahrer Bildung, sie zögen eine Scheidewand zwischen ihnen und ihren christlichen Mitschülern und erschwerten so die Assimilierung mit den Nichtjuden' durch die sie das Los derJudenheit zu verbessern trachteten. Wie Eltern ihre Kinder dem Judentum und seiner Thora mit Gewalt zu entfremden suchten, dafür sei hier nur auf das Zeugnis eines jüdischen Gymnasiasten Saul Äünzburg vom Gymnasium zu Minsk hingewiesen, der im „Hamagid" vom Jahre 5643 Nr. 9 schreibt: „Herr Brilmanik beklagt sich darüber, daß sich die jüdische Jugend, und vor allem, daß wir Gymnasiasten uns der jüdischen Bolksliteratur und überhaupt dem ganzen geistigen Leben unseres Volkes fern hielten. Aber eins hat der geehrte Herr übersehen, nicht wir haben uns entfremdet, sondern man hat uns entfremdet. Es ist wahr, unsere Sprache, die Kenntnis unserer eigenen Geschichte ist uns fern und fremd geworden (von der Thora ist selbst im Augenblick eines solchen Bekenntnisses schon gar keine Rede mehr. Dek' Äebersetzer), aber ist das unsere Schuld? Das haben die Eltern verschuldet, die unsschon in frühester Jugend von unserem Volke fernhielten, die uns sagten, nur die Bildung des neunzehnten Jahrhunderts sichere uns die höchsten Güter, sie allein bringe uns Glück und Reichtum. Aerzte, Juristen, Ingenieure sollten wir werden, das sagte man uns Tag für Tag, aber von Liebe zu unserem Volk hat man uns kein Wort gesagt, die Kenntnis unserer Vergangenheit hat man uns vorenthalten, was alles unser Volk betroffen, wissen wir nicht, wir sehen seine heutige niedrige Stellung, ohne daß wir eine Ahnung seiner einstigen Glanzzeit haben, ohne daß wir die Kette der furchtbaren Schicksale und Leiden kennen, die unsere glänzende Vergangenheit mit der trüben Gegenwart verbindet, wer will uns deshalb schuldig sprechen, uns, die wir nichts als der Thon in der Hand des Bildners sind?" Die beredten Worte entheben uns der Notwendigkeit, noch weitere Beweise für diesen geistigen Notstand zu bringen. Der Abfall schritt immer weiter. Die von den Eltern systematisch großgezogene Freigeisterei und Geringschätzung der jüdischen Lebenspflicht bei den jüdischen Gymnasiasten wurde ihnen durch die Gewöhnung zur zweiten Natur. Auch das Volk stieß sich nicht mehr an dem öffentlichen Aergernis, das jüdische Gymnasiasten erregten, wenn sie öffentlich den Sabbath entweihten und die sonstigen Mizwoth wie lästige Fesseln abwarfen. Die Gottesfürchtigen wußten ja, daß die Eltern gerade deshalb ihre Söhne ins Gymnasium geschickt hattenso wurde auch die große Masse gegen diese Ungeheuerlichkeit abgestumpft und immer mehr an sie gewöhnt. So galt es denn mit der Zeit als ganz selbstverständliche Regel: Wer studiert, muß das Religionsgesetz über Bord werfen. Das Judentum eines solchen besteht nur dem Namen nach, er schwärmt für den Geist des Judentums und das genügt. In wenigen Jahren vollendeten diese Gymnasiasten ihre Studien und überschwemmten das Land als Mediziner, Advokaten und Techniker, die auf Grund ihrer Wissenschaften sich von der Erfüllung des Gottesgesetzes vollständig dispensiert und für berechtigt hielten, sich vor aller Oeffentlichkeit darüber hinwegzusetzen. Unsere Aufgeklärten verkündeten jubelnd, wie auf diese Weise unsere Achtung und Ehre bei der außerjüdischen Welt immer höher steige. Der Student Soundso hat beim Verlassen des Gymnasiums sich vor allen Mitschülern ausgezeichnet und erhielt als Preis die goldene Ehrenmedaille, N. N. hat im Klub mit einer Tochter aus adligem Hause getanzt, Kaufmann L. ist von Fürst 9). Z. zur Tafel geladen worden, an der diese und jene Fürsten und Barone teilnehmen usw. Es widerstrebt einem, die einzelnen Daten und Notizen aus ihrer alles Heilige persiflierenden Tagespreffe aufzuzählen, mit welchen sie den Nachweis erbrachten, daß durch diese fahnenflüchtigen Elemente das Judentum zu Ansehen und Ehre gelange, während es durch die zäh am sage derfe? Und do, das Awromche kenn' ich schon seit." Weiher ftmrbe zu einer Ordnungsstrafe notiert, dann wandte sich der Richter, der jetzt strenger wurde, an den Beklagten: „Angeklagter Abraham Mühlstein, Ihnen ist die Klageschrift ordnungsmäßig zugestellt toorbeit und Sie wissen, weshalb Sie heute hierher geladen sind?" „Nein", antwortete Awromchen und sah den erstaunt zu Selig hinblickeirden Richter, treuherzig an. Doch sah er auch, daß sein Verteidiger rot im Gesicht wurde und sofort bemerkend, daß er Selig mit seiner Antwort diskreditiert hatte, fuhr er schnell fort: „Der Herr Selig hat mir die Schrift vorgelesen und sehr sein auseinandergesetzl. Aber ich Hab doch nicht so recht verstanden, warum ich auf einmal nach mehr als vierzig Jahren so ganz plötzlich eine polizeiwiderliche Wohnung haben sollte, weil jetzt statt des Rosenwald nun der Ammelburg drin wohnt." * „Ich will Ihnen nach gesetzlicher Vorschrift nochmals den Inhalt der gegen Sie gerichteten Anklage erklären", sagte der Richter, freundlicher als bisher. „Sie sind nämlich angeklagt, seit dem Tode der Frau Rosenwald, die eine Schwester der mitbeklagten Schenchen Merle, deren richtiger Name Jeannett; Bicnenseld ist, in illegaler Weise zusammengelebt zu haben und daß diese Beziehungen vom Tode der erwähnten Frau Rosenwald an seit also bald zwei Jahren bis heute bestehen geblieben. Daß Sie dadurch gegen die Moral und guten Sitten in so anstößiger Form verstoßen haben, daß der Kläger und Ihr früherer Logisgeber Rosenwald es für feine Pflicht hielt, dieses Ihr sträfkiches Verhältnis zu Jsannette BienenfHd Mp Anzeige zu bringen. Sie hätten also, falls ZM/eUteren, Verhandlungen und Zeugenvernehmung^WU WMstm:> der wider Sie erhobenen Anklage ^WMrspllte, ' ''r> ■ L ' . sich gegen den Paragraphen 1100 bis 1299 vergangen, um> sich einer fortgesetzten Reihe von Delikten, das heißt, strafbarer Handlungen schuldig gemacht. Bevor ich Sie frage, was Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen haben, mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie ohne irgendwelche Beschränkung in Bezug auf Zeit und Inhalt, alles Vorbringen dürfen, wvdrrrL> Sie glauben sich rechtfertigen und die gegen Sie erhobene Beschuldigung widerlegen zu können. Ich frage Sie nun nochmals: Wissen Sie jetzt, wessen Sie angektagt und warum Sie heute vor dieses Gericht vorgeladen worden sind?" „Jawohl, Hein: Richter", antwortete Awromchen lächelnd, alleweil weiß ich's noch genauer wie vorhin. Ich bin angeklagt, daß ich Scheuchen nicht geheiratet Hab, und daß ich, seit die Gelle, oleho w'schplom tot ist, nicht ausgezogen bin, weil Schenchen mit Gelles Enkelkind, das nebbich von seinen schlechten Eltern verlassen worden ist und an welchem Schenchen Mutterstelle versieht, auch wohnen geblieben ist. Ich hält' nicht geheiratet? Hat man mich denn heiraten lassen?" Der Richter, der mit einem Federkiel spielte, sah erstaunt auf. „Wer konnte Sie denn am Heiraten hindern?" „Wer mich daran hindern konnte?" frug um noch einige Grade erstaunter Awromchen zurück. Herr Richter, wenn Sie mich gefragt hätten, wer mich nicht gehindert hätte, dann hätte ich Ihnen kürzer antworten können. Gehindert hat mich mein Heimatsort, wo ich geboren bin, oder um's noch deutlicher zu sagen, unser Ortsschnltheißenarnt, weil er keinem Juden erlauben darf zu heiraten, wenn schon ein älterer Bruder im Ort verheiratet wohnt. Verhindert zu heiraten, hat mich das Amt, zu dessen Bezirk mein Geburtsort gehört und weil dort erst neun oder zehn Juden,, die verheiratet waren, hätten vorher, sterben Ueberkommenen festhaltenden Stockfrommen immer tiefer herabgewürdigt werde? Auf diese Weise fälschten sie die jüdische öffentliche Meinung, indem sie eine weitschichtige belletristische Literatur schufen, welche ganz inr Dienste dieser verwerflichen Tendenzen stand. Die Sujets, die Persönlichkeiten, die Charaktere, die in diesen seichten Erzählungen dargestellt werden, laufen alle darauf hinaus, daß das treue Festhalten an Thora und Mizwos nichts als lichtscheue Rückständigkeit sei, der man nicht entschieden genug entgegentreten könne. Der Abfall von diesem veralteten, in unsere Zeit nicht mehr passenden Judentum ist der wahre Fortschritt, ist die reinste Toleranz und Menschenliebe, alles zeitgemäße Errungenschaften, die mit dem verrotteten, alten Judentum schlechterdings unvereinbar sind. Wo die Feuilletons einen Juden alten Schlags schildern, wird er als Ausbund aller Hartherzigkeit, Heuchelei und schmutzigen Geizes dargestellt. Die Männer ihres Fortschritts und dieser Afterbildung werden dagegen als die verkörperten Ideale aller Mildtätigkeit, Redlichkeit und Selbstlosigkeit verherrlicht, während doch alle Welt weiß, daß es in Wirklichkeit gerade umgekehrt ist. Aber es war und ist vollständig. unmöglich, gegen diese Fälschung und Vergiftung der öffentliche Meinung auszutreten, weil die Herren die Zensur in Händen haben, sie lassen nicht ein einziges Wort drucken, das auch nur eine Masche dieses Lüaennetzes zerreißen könnte! Die Verheerung dieses Lug- und Trugsystems beschränkt sich aber nicht auf die Vergiftung der öffentlichen jüdischen Meinung. Die höchsten Kreise der Regierung sind bereits davon infiziert. Dort hat man bis zur obersten Spitze einen wahren tief sitzenden Haß gezüchtet gegen alle diejenigen, die noch in unentwegter Treue an dem Heiligtum ihrer Väter festhalten. Dieser Haß äußerte sich oft in furchtbarer Weise. Wer am Atten sesthält, gilt unbesehen als Fanatiker. Ein Fanatiker ist aber bei dem Bureaukratismus des russischen Beamtentums der größte Verbrecher, den sich diese Beamtenphantasie ausdenken kann. Weil die russischen Vaterlandsverräter meistens Fanatiker sin?, so ist ihnen auch umgekehrt jeder Fanatiker ein Vaterlandsverräter, den man nach Sibirien schicken, jedenfalls aber des Landes verweisen sollte. Daß dies keine harmlose, graue Theorie ist, daß hervorragende treue Söhne ihres russischen Vaterlandes nur von den jüdischen Fortschrittsmännern als Fanatiker bei der Regierung denunziert zu werden brauchten, um des Landes verwiesen zu werden, dafür ließen sich konkrete Beispiele in Hülle und Fülle anführeu. Wir beschränken uns hier nur auf folgende markante Fälle. (Schluß folgt. müssen, ehe der Heiratskonsens an mich kam. Sie wissen dochwie das drüben in Nassau ist, wo nur ei n Kind aus der Familie heiraten darf und die anderen so lange ledig bleiben müssen, bis am selben Ort, oder im selben Amtsbezirk ein verheirateter jüdischer Mann gestorben ist. Das ist das nassauifche Jndengesetz. Freilich ist das Gesetz später so gemildert worden, daß ein Jude, der in Nassau geboren ist und dort heiraten wollte, die Erlaubnis dazu erhielt auch wenn schon ein älteres Geschwister verheiratet war und noch lebte, wenn er zuvor ein Handwerk erlernte. Aber wenn schon ein Judenknabe ein Handwerk erlernte, so konnte er in neun unter zehn Fällen kein Geselle werden, durste kein Meisterstück machen, bekam keinen Gewerbeschein und fand auch keine Aufnahme in die Innung. Was nutzte das Handtverklernen? Nun bin ich von Nassau hierher, habe hier aber keine Annahme als Bürger gekriegt und wurde so als Ausländer angesehen, und als ich endlich die Annahme bekam, da war's mit oem Heiraten schon nichts mehr." Während Awromchen die ihm in den Weg gelegten Heiratshindernisse aufzählte, legte er den Zeigefinger der rechten Hand abwechselnd an die Finger der linken, als wolle er so nummerisch die Zahl dieser Hindernisse sesttegen. Und der Richter blickte jetzt nicht mehr so zerstreut bald auf die vor ihm liegenden Akten oder in den Saal und spielte auch nicht mehr mit dem Federhalter. Der alte Mann, der in halbgebückter Stellung ehrerbietig vor ihm stand, begann ihn jetzt nicht nur wogen des kuriosen Falles allein zu interessieren. Freilich war seit langem kein solcher Gerichtsfall wie der vorliegende mehr verhandelt worden, und das Komische daran war eigentlich mehr ftir ein Lustspiel als für eine ernste Gerichtsverharchlung geeignet. 'Aber was der Alte in diesem Augenblick vorgebracht hatte, war eigentlich doch nichts Scherzhaftes.,

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