Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1908)
- Date
- 1908-07-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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»ft. 30. Der JSraelit. «eite S. 23. Juli 1»«. Nr. 26 des „Israelit" zum Abdruck gebrachte Korrespondenz aus Prag ein Schreiben des Schriftführers des dortigen „Volksvereins", Herrn Slonitz, in dem versucht wird, alle Behauptungen, die die Beerdigungsbrüderschaft zu ihrer Rechtfertigung und zur Begründung ihres geplanten Bauunternehmens anführte, zu widerlegen und den Nachweis zu erbringen, daß die Integrität des Friedhofes in den Händen dieser Vereinigung nicht als gewahrt und für alle Zeiten gesichert betrachtet werden kann. Daß wir diese Meinung nicht teilen, vielmehr das Vertrauen zu der „Brüderschaft" haben, daß sie, im Bewußtsein ihrer Pflicht gegenüber der ihrer Obhut anvertrauten heiligen Erde, ihrerseits keine Entweihung derselben zulassen wird, haben wir bereits in unserem ersten Artikel über diese Angelegenheit ausgedrückt. Unser Vertrauen wurde aber durch den erwähnten Brief, dessen Angaben, soweit sie die Leistungen und Verdienste der Brüderschaft betreffen, ja von keiner Seite bezweifelt werden, noch wesentlich befestigt. Der heroische Kampf, den der Vorstand der Brüderschaft um den ungestörten Bestand des Friedhofes zu führen hatte, die Opferwilligkeit, die er anläßlich der zwangsweisen Enteignung eines Friedhofsteiles und der dadurch bedingten Exhumierung an den Tag legte, all dies sieht doch wahrlich nicht nach der Pietätlosigkeit aus, deren er heute vom Volksverein beschuldigt wird. Indessen fcmu auch der Brüderschaft ein Vorwurf nicht erspart bleiben — und darin müssen wir dem Volksverein, so sehr wir sein scharfes, allzuscharfes Vorgehen verurteilen, entschieden recht geben: Das Ansuchen beim Magistrat, um Genehmigung eines Bauplanes, der mehr oder weniger Friedhofsgrund erforderte, hätte unter allen Umständen unterbleiben müssen. Was nützte der heroisch geführte Kampf, wenn nachträglich dem Feinde auf diese Weise vom Verein selbst eine so gefährliche Waffe in die Hand gespielt wird? Schon durch die bloße Einreichung der Pläne ist ein verhängnisvoller Präzedenzfall geschaffen worden, der durch die nachträgliche Zurückziehung derselben nicht, mehr aus der Welt geschafft werden kann, ein Präjudiz, auf das allerdings die hochmögenden Herren Gemeinderäte, denen die Assanierung der alten Judenstadt so sehr am Herzen lag, seiner Zeit nicht erst warteten, das aber nun, als Zugeständnis von jüdischer Seite aufgefaßt, sie zu neuen beliebigen Experimenten mit dem jüdischen Friedhofe eines Tages ermutigen könnte. Nachdem die Brüderschaft übrigens zur besseren Einsicht gelangt ist, und die Baupläne zurücklagert hatte, wo er geweint und wo er gejauchzt, wo sonnige Gefi de seiner harrten und wo er, kaum angelangt, von den Schalt n des Todes verfolgt, schon weiter flüchten mutzte. Auch bei dieser Wanderschaft mutzte man zumeist — und dieses Mal soll es nicht wie ein Borwurf, sondern wie der Inbegriff e ner welthistorischen Tragödie klingen — DiTWflD^ DD^DD .verzeichnen, war die wilde Flucht, das ziellose Entrinnen einziger Zweck des Aufbruches. Wer aber in den Gedenktagen der drei Trauerwochen noch nicht genügend das große lyp^, mit dem vor 1839 Jahren das neue, längste Kapitel in der Leidensgeschichte unseres Volkes eingeleitet wurde, erfaßt, wem Verständnis und GefÜdl für tausendjährige Leiden abgeht und fie, a's von der Zeit geheilt, aus dem Bereiche seiner Gedanken und Empfindungen ausschaltet, der bemühe fich an die Grenziialionen, die Auswanderungshäfen und auf die Landungsinseln der Zufluchtsländer und ehe das Elend an der Quelle und lerne das große fchauervolle ohne folgendes urw in Jsrae ls Gegenwartsge schichte kennen, der erfahre, daß man heute noch ohne Vorwurf und Tadel, aber voll brüderlichen Mitgefühls sagen muß, nn'tvnnb onwo rrm Siehe, die Heimatlos en, von brutaler Gewalt oder wirtschaftlicher Not Verfolgten. Der Aufbruch ist der Zweck ihres Wetterzugcs. Klar und to esficher ist die Not, der fie entrinnen, düster und unklar ist aber das Ziel, das ihnen aus weiter, unbekannter Ferne entgegenwlnkt. lirPl.Wp1! deuten aber nicht nur die zeitliche Aufeinanderfolge der Wandergeschicke Israels an, sondern fie können uns auch den - chlüflel bieten zu einer anderen charakteristischen Erscheinung in dem von Gottes Vorsehung geleiteten Leidenswege des jüdischen Volkes Während der eine Teil der jüdi chcn Exulanten fich unter dem Zeichen des be- ,and, elang es c em andern auf irgend einem Punkte der Erde vorübergehend un’l Rast zu erwerben. Wie oft gezogen und aufgegeben hat, sollte man glauben, und hoffen dürfen, daß die Streitaxt nunmehr. begraben wird und endgiltige Beruhigung in die Gemüter einzieht. Wir möchten unsererseits die Diskussion über die Angelegenheit hiermit jedenfalls schließen. Das russische SilSungsproblrm. (Fortsetzung.) Der ganze damalige Zug der Zeit leistete zudem diesen Gelehrten mächtigen Vorschub. Nach dem Krim-Kriege schien für das russische Reich eine neue Aera anzubrechen. Ein Geist der Freiheit, der Menschenverbrüderung, die vor keiner Konfession und Religion Halt machte, ein mächtiger Drang nach Wiffen und Aufklärung und ähnliche Regungen machten sich damals in allen Schichten zettend. Die gedankenlose Maffe glaubte an den Ernst dieser Bewegung, die Einsichtigen erkannten sie sofort a!s Farce eines allgemeinen Rausches und eines dahinsiatternden Traumes. Unsere „Gebildeten", die bis jetzt gegen die jüdische öffentliche Meinung mit Hilfe der Regierung und ihrer Dekrete ihr Aufklärungswerk betrieben hatten, änderten plötzlich ihre Haltung. Sie gaben sich den Anschein, als ob sie den neuen Kurs für ernst nähmen und stellten sich auf die Seite des Volkes. In allen Tonarten schrieben, sprachen und beschworen sie die jüdische öffentliche Meinung dem neuen Zug der Freiheit und Gleichheit rückhaltlos zu folgen. Diese Gefolgschaft werde uns die Emanzipation und den uns gebührenden Rang unter allen Völkern sichern. Der ganze Kern ihrer jungen Weisheit, die sie nur dürftig mit ihren täuschenden, gleißenden Redensarten verhüllten, war: „Die ganze Schuld an allem Haß, den uns die außerjüdische Welt entgegenbringt, liegt ausschließlich auf unserer Seite. Warum schließen wir uns auch ab, wo uns die Völker an all ihren Gütern teilnehmen lassen möchten, warum halten wir uns fernundfremd,wo man uns näher treten und die Bruderhand reichen will? Man möchte uns japhetitische Kultur und europäische Bildung bringen, das Volk, wie die Regierung und ihre Beamten, möchten uns moderne, geordnete Verhältnisse und Zustände schaffen, während bei uns Juden alles in regelloser Unordnung daniederliegt, und selbst unsere guten Seiten unter dieser jüdischen, asiatischen Berwildung leiden. So sind wir es, die den Haß der Völker hat dieses Bild gewechselt! Die durch mittelalterlichen Wahn bedrohten Juden des Abendlandes flüchten nach dem Osten. Dje im Oriente Verfolgten ziehen von den Sonnenstrahlen der Toleranz angelockt ins glückliche Spanien. Die spanischen Juden entfliehen den Schrecken der Inquisition und fiedeln sich in Holland, in England und in der neuen Welt an. „In zwei Gruppen hatte Bater Ja ob sein Esau entgegenziehendes Lager geteilt, damit, wenn der eine aufgerieöen, der andere zur Rettung übrig bleihl". „Wenn — so betete Jakob nach der Erklä ung der Weisen — einst Leiden über mewe Kinder Hereinbrechen, so mögen diese wenigstens nicht auf einmal das ganze Volk in all seinen zerstreuten Teilen umfaffen, so mögen fie zumindest partiell und so verhängt werden, daß dem einen ruhenden Teile die Mögligkeit und Gelegenheit gegeben ist, dem andern ziehe»den Teile htlfteich zur Seite zu stehen." Die dem ahnungsvollen Baterherzen entsprungene Bitte wurde er Mt und seitdem haben tyD'} in der Leides- und Wanbergeschichte Israels stets abgewechselt und fich ergänzt. — Ist es darum ein Zufall, baß iyoDl mt3D nicht nur aneinander gereiht, sondern auch zu einem Abschnitte zusammengefaßt an einem rotf verlesen werden? New,die Jdeenv.rbindung, der inhaltliche Zusammenhang dieser beiden Abschnitte tritt gar deutlich he vor. Mit der aufopferungsvollen uneigennützigen Tat der Söhne Gads und Rubens schließt niMD/ mit der Wanderung des gesamten Volkes beginnt yDD- Die Söhne GadS und Rubens, die bereits zu den Ruhenden gehörten, deren Heimstätte bereits diesseits des Jordans gefichert war, kämpften nicht für fich, sondern für die noch ruhelosen Brüder der anderen Stämme. ..Wir wollen zu unseren Häusern nicht eher zurückkehren, bis J-raelS Söhne zur Ruhe gelangt und ihr Erbe angetretcn" — gelobten fie, und wie hielten fie dieses Ge« lübde! auf uns laden und es der Regierung unmöglich machen, uns die Menschen- und Bürgerrechte ungeschmälert zuzuerkennen!" Als höchstes Ideal feierten sie das Studium moderner Wissenschaften und diejenigen, die sich diesem Studium hingeben. Diese verherrlichten sie als Sprossen der Leiter, die aus der tiefsten Tiefe in die höchsten Regionen der Regierungskreise führt, um von dort die bürgerliche Gleichberechtigung für ihr Volk holen zu können. Wenn also ein Student durch diese seine Karriere auch wirklich an der gewissenhaften Erfüllung des Religionsgesetzes verhindert sei, so habe das nichts zu bedeuten, wenn man sich die großen Errungenschaften vergegenwärtigt, die nur auf diese Weise für die jüdische Gesamtheit zu erreichen find. Wenn es nun einmal vorkam, daß ein solcher „Studierter" durch seine Fürsprache einen jüdischen Gefangenen aus seiner Haft befreite, in die er durch irgend eine der buntscheckigen Paß- Plackereien geraten war, oder wenn er gern für irgend ein Anliegen der Gemeinde sich mit Erfolg verwandte, Dinge, die bis dahin jeder schlichte Jude bei jeder Gelegenheit tat, ohne baß man ein Wort darüber verlor, so wurde der Ruhm dieser Großtat, ausposaunt und in allen Tonarten daraus hingewieseu, was unsere Gebildeten leisten, im Gegensatz zu denjenigen, die ihr Leben im Bes-Hamidrasch verbringen und sich auf nichts anderes verstehen, als das Leben des Volkes durch fortgesetzte Erschwerungen noch unerträglicher zu machen. Natürlich spickten diese Verführer ihren Verrat durch fromme Talmud-Zitate, wie z. B. mit dem Ausspruch: „Wer nur eine jüdische Seele erhält, hat eine ganze Welt ethalten." Da nun unsere Gebildeten durch ihr Studim die Erhaltung der jüdischen Gesamtheit erreichen, so dürfen sie darin schon einen Freibrief für jede Gesetzlosigkeit erblicken, und wie die frommen Sprüche und die daran geknüpften Trugschlüffe alle heißen. Mit solchen Mitteln zogen sie die so plötzlich zu Wohlstand gelangten Reichen immer mehr in ihren Bannkreis. Das Streben nach Ehre und Anerkennung, diese gewöhnliche Begleiterscheinung des WoWandes, kam allen diesen Schritten aus halbem Wege entgegen. Man ließ sich bereden und beredete sich dann selber, daß nur durch Aneignung von Bildung der Weg zum Anschluß an die höchsten außerjüdischen Kreise geöffnet sei und daß man durch solchen Verkehr für die Judenheit Großes erwirken könne. Aber als sie sich so dem Geist der Thora und hem Kreis ihrer Verehrer immer mehr entfremdeten, wurde ihnen das Ein- und Aufgehen in hochgestellte außerjüdische Kreise Selbstzweck. Die Ehre, die Mit ernsten Gefühlen lesen wir alljährlich in diesen schweren Wochen trauriger Erinnerung von dm 42 Wanderstationen Israels in der Wüste, und wandem im Geiste weiter mtt unseren Vätern durch die sonnenarmen, freüdlosen Gefilde des weltumfassenden GoluSlandeS. Sind wir aber an den *03 '3JDD in der Gegenwart an-, gelangt, dann mög' es uns tief in die Seele dringen, daß MV12 und -»JJCD zusammengehören: die Aufgabe der Söhne Gads und Rubens, fie harrt auch unsrer, sie ist primitivste Pflicht der zur Ruhe Gekommenen gegenüber den wandernden Brüdern! Kleines Feuilleton. Der fnbpmb. Bon Arthnr «ah«. (Fortsetzung.) „Der Bäcker Weiher", antwortete Jemand aus der fernsten Saalecke. Weiher, ein „Achtundvierziger", dazu ein reicher, daher auch selbstbewußter Bürger und Junggeselle, und höchst respektlos gegen obrigkeitliche ittnrichtnng, erhielt eine Vermahnung, sich ruhig zu Verhalten, ansonst er in Sttafe genommen werde. „Awwer ich bin aach als Zeiche gelade", verwahrte sich der revolutionär gesinnte Ääcker in der breiten rheinyessischen Mundart, die selbst bei wichttgen Gelegenheiten dem Hochdeutsch gegenüber ihre Superiorität bewahrt. Und ehe er noch weiter zurechtgewiesen werden konnte, fuhr er fort: „Ich bin e hiesiger Bärjer, bezahl mei' Steier nn Umlage, und loß' die Gaß, jede Woch' kehre, do wer' ich doch aach emol mei' Meinung