Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1908)
- Date
- 1908-07-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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I Feuilleton-Beilage zu Nr. 29 des ,,Israelit". 'euilleton. ver knkel. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung) „Daß er ihm jetzt genügen würde, bezweifle ich. Der Pater Anastasius muß ein selten tüchtiger Lehrer sein, denn es ist geradezu zum Staunen, welch eine Fülle von profanen Wissen Edwi« in den letzten zwei Jahren erlangt hatin dieser Beziehung ist er Grünfeld sicherlich weit über. Das aber dürfte nicht sein, wer ihm nicht in jeder Beziehung gewachsen ist, der erlangt keinen Einfluß auf ihn. Er ergriff ihre Hand und drückte sie fest. „Ich habe längst gewußt, daß ich eine Esches Chajil habe, aber mit jedem Tage lerne ich dieselbe doch noch mehr schätzen." „Schmeichler," sagte sie, ihm lächelnd mit denr Finger drohend, „aber warte, mir fällt etwas ein!" „Deinem Gesichte nach scheint es etwas Gutes zu sein." „Ich glaube in der Tat, daß es etwas Gutes ist. Im vorigen Winter hat mir mein seliger Onkel einmal einen jungen Mann vorgestellt, von dem er geradezu mit Bewunderung gesprochen har. Daß der Betreffende schon neunzehn Jahre alt war, bezweifle ich, trotzdem stellte ihn der Onkel als Herr Dr. Groß vor und erzählte, daß derselbe schon zu fünfzehn und ein halbes Jahr die Universität in M. bezogen, wozu besondere Erlaubnis des Minifterums erforderlich gewesen wäre und daß er außerdem ein sehr bedeutender Talmudist und bereits von mehreren talmudischen Autoritäten sein Rabbinatsbefähigungszeugnis erhalten habe." „Und dabei neunzehn Jahre alt? Kaum glaublich." „Tas sagte der Onkel auch, wenn er ihn nicht selbst geprüft hätte, hätte er es auch nicht geglaubt." „Und den würdest du geeignet halten, Edwin zu unterrichten?" „Ich sollte es glauben, ich habe ihn zwar nur ein einziges Mal gesprochen, aber nach dem, wie der Onkel sich über ihn geäußert hat —" „Ob er nicht doch zu jung wäre? Bedenke, ein Neunzehnjähriger, kaum drei Jahre älter als sein Schüler. Sieht er wenigstens älter aus?" „Keineswegs, wenn man ihn nur sieht, sieht er nicht älter aus als Edwin. Wenn man aber mit ihm spricht, da tritt der Unterschied sofort zu Tage, namentlich feine Augen werden beim Sprechen immer lebhafter, sein Blick wird geradezu imponierend trotz der Bescheidenheit seines ganzen Wesens." „Du sprichst ja ganz begeistert von ihm." „Du hättest nur den Onkel über ihn hören sollen." „Aber der geringe Unterschied des Alters zwischen Edwin und ihm —" „Wäre vielleicht noch ein Vorzug, durch den er das Zutrauen seines Schülers um so rascher gewinnen könnte." „Nun, wenn du meinst —" „Nein, auf meine Meinung allein kommt es nicht an, du mußt ihn selbst kennen, lernen, um zri beurteilen, ob du ihn geeignet hältst, Edwin zu unterrichten. Schreibe ihm eine Karte, fordere ihn auf, dich zu besuchen, da du ihn eventuell ersuchen möchtest, den Unterricht deines Enkels zu übernehmen." „Besten Dank." Er nickte ihr lächelnd zu, indem er aufstand „werde genau nach Vorschrift handeln." „O du Böser! jetzt machst du dich lustig über mich." „Keineswegs, ich bin vielmehr so sehr von deiner bessern Einsicht in dieser Angelegenheit überzeugt, daß ich den Betreffenden ersuchen werde, mich in meiner Wohnung zu besuchen, damit du gegenwärtig sein kannst bei unserer Unterredung." Es war gegen Abend des folgenden Tages, Edwin und Clementine hatten wieder eine Spazierfahrt unternommen mit dem alten Schräder, der in den letzten drei Tagen um ebenso viele Jahrzehnte jünger geworden zu sein schien. Gotthold war noch nicht heimgekommen aus dem Kontor, Irma befand sich daher allein im Wohnzimmer als der alte Jean ihr eine Visitenkarte überreichte mit dem Bemerken, der betreffende Herr wünsche Herrn Gotthold zu sprechen. „Führen Sie den Herrn herein" sagte Irma, nachdem sie einen Blick auf die Karte geworfen hatte „mein Mann ist zwar noch nicht zu Hause, muß jedoch sehr bald kommen". Der Bediente entfernte sich, gleich daraus ein leichtes Klopfen an der Zimmertür und auf das einladende „herein" der Hausfrau trat ein junger Manu mit höflichem Gruße in das Zimmer. Es war Dr. Groß, eine in der Tat noch sehr jugendliche Erscheinung, man hätte ihn weit eher für einen Gymnasiasten als für einen bereits promovierten Doktor halten können. In seiner Figur hatte er sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit Edwin, er war ebenso groß und schlank wie jener und kaum breiter, auch fein Gesicht war noch glatt, vollständig bartlos. Irma erwiderte seinen Gruß freundlich. „Bitte Herr Doktor, setzen Sie sich, mein Mann wird gewiß gleich hier sein." Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als der Erwartete in das Zimmer trat, er nickte seiner Frau grüßend zu und diese stellte die Herren einander vor. Gotthold war im ersten Augenblick frappiert, trotz der ihm gewordenen Mitteilungen hatte er einen Mann erwartet und glaubte nun einen Knaben vor sich zu sehetl. Doch schon nach wenigen Minuten hatte er diesen ersten Eindruck vergessen und befand sich in lebhafter Unterhaltung mit dem jungen Manu, den er vor allem einigermaßen kennen zu lernen wünschte, bevor er auf den eigentlichen Zweck des erbetenen Besuches kommen wollte. Der junge Gelehrte begann jedoch ungeduldig zu werden, bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit bemerkte er daher: „Wie ich gehört habe ist ihnen dieser Tage eine große Freude geworden, Herr Gotthold, nach nahezu zweijähriger Abwesenheit ist Ihr Enkel heimgekommen, die ganze Stadt hat Teil genommen an Ihrer Freude." Gotthold atmete schwer auf. „Aber leider, leider ist diese Freude nicht ungetrübt." „Nicht ungetrübt?" wiederholte der andere betroffen. Gotthold schüttelte den Kopf. „Leider! leider! — Grade in dieser Angelegenheit wünschte ich mit Ihnen zu sprechen, Herr Doktor, bevor ich Sie ersuche den Unterricht meines Enkels, zu übernehmen." „In welchen Gegenständen wünschten Sie den jungen Herrn unterrichten zu lassen?" „Ich möchte'Sie vor allem mit den nähern Verhältnissen bekannt machen, dann werden Sie selbst am besten beurteilen können, wo der Unterricht einzusetzen hat." „Gestatte, Louis, daß ich den Herr») Doktor mit den näheren Verhältnissen bekannt mache, es regt dich allzusehr auf über diese Angelegenheit zu sprechen und überdies habe ich dir auch um dich zu schonen meine diesbezügliche Unter redung mit Edwin nicht vollständig mitgeteilt. Doch wenn man einem Advokaten einen Prozeß übergiebt oder einen Kranken dem Arzt, so darf man keine Schonung wallen lassen, so muß man dem Advokaten oder dem Arzt rückhaltlos alles Mitteilen, was man über die strittige Angelegenheit oder über den Kranken weiß. Und da wir durch den Unterricht des Herrn Doktors mit Gottes Hilfe die Genesung unseres Edwin erhoffen, so müssen wir rückhaltlos alles Mitteilen, was auf Edwins Charakter, auf seine Anschauungsweise sowie auf die obwaltenden Verhältnisse Licht werfen könnte." Gotthold atmete abermals schwer auf. „Du hast Recht" sagte er „das ist nnerläßlich und das kannst du besser als ich." Er stützte den Ellbogen aus den Tisch und ließ die Stirn auf die Hand sinken, mit der er die Augen beschattete, während seine Frau den jungen Gelehrten von allem in Kenntnis setzte, was er ihrer Ansicht nach wissen mußte. Aufmerksam hatte derselbe ihren Worten gelauscht, ohne sie auch nur ein einzigesmal zu unterbrechen, doch sein lebhaftes Mienenspiel verriet das lebhafte Interesse, mit der er ihre Mitteilnngen entgegen nahm. Als sie geendet hatte, atmete er tief aus. „Ich danke Ihnen gnädige Frau, für das Vertrauen, mit dem Sie mich geehrt haben und hoffe, daß es mir mit Gottes Hilfe gelingen wird, dasselbe zu rechtfertigen." „Sie wären demnach geneigt, den Unterricht zu übernehmen?" fragte Gotthold. „Mit größter Freude," erwiederte der andere lebhaft „jeder echte Jude muß sich für eine derartige Angelegenheit im höchsten Grade interessieren, mir ist sie bereits Herzensangelegenheit geworden. Einen armen Knaben, der zu denschönsten Hoffnungen berechtigte, durch die eigene Mutter nicht nur entführt, sondern geradezu verführt, den wieder auf den richttgen Weg zu bringen — ich könnte mir keine schönere Aufgabe denken." „Der arme Knabe ist Millionär," bemerkte Gotthold, der mit sichtlichem Wohlgefallen die Erwiderung des Andern vernommen. „Um so schlimmer für ihn, demi mit um so größerer Hartnäckigkeit wird sich der Jesuiten- Pater, denn für einen solchen halte ich den Pater Anastasius, an ihn anklammern, um seine Millionen dem Orden zu gewinnen." „Sie mögen Recht haben," erwiederte Gotthold seufzend." Wann wollten Sie mit dem Unterricht beginnen?" „Ich dächte, je eher, je besser. Wenn es Ihnen recht ist, fangen wir morgen an." „Das wäre mir gewiß am liebsten. Und wegen des Honorars — " „Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, Herr Gotthold, aber von Honorar kann in dieser Angelegenheit keine Rede sein. Ich habe Ihnen soeben gesagt, daß ich dieselbe als Herzensangelegenheit betrachte, oder um mich des unter uns Juden gebräuchlichen Ausdruckes zu bedienen, als Mizwah. Eine Mizwah aber ist mar. m'chabed, man will den mit derselben Betrauten ehren. In diesem Sinne übernehme ich den Unterricht Ihres Enkels, wenn Sie mich mit demselben betrauen wollen und sage Ihnen dafür jejascher Kochacho! Gott stärke ihre Kraft die Ihnen gewordene Prüfung zu ertragen und mit Gottes Hilfe siegreich zu überwinden. — Aber an Bezahlung dürfen Sie nicht denken." Gotthold ergriff die Hand des jungen Mannes und drückte dieselbe. „Ich danke Ihnen, Herr Doktor," sagte er mit merklich unsicherer Stimme, „und danke Gott, der Sie mir zugeführt — denn ich hoffe viel voil Ihnen — ich hoffe alles."