Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1908)
- Date
- 1908-07-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 8. Nr. 29. Der Israelit. 16. Juli 1968. Der Bericht konstatiert des Weitern eine Vermehrung der Mitaliederzahl seit dem vorigen Jahre um 500 in Berlin und um 1000 im Reiche. Die Gesamtzahl der Mitglieder der Alliance Jsraelite Universelle wird mit 33,000 angegeben. Der Bericht geht noch auf die abessinische Expedition ein, betonend, daß mit Rücksicht auf das durch die politischen Verhältnisse hervorgerufene Mißtrauen Abessiniens gegen Italien die Entsendung der Expedition Zur Erforschung der Flüafchas von Italien aus nicht geraten schien. Der Bericht schließt mit den Worten: ^Wir werden an unserem Gotteswerk mit allem herzlich.m Eifer und mit aller Liebe Weiterarbeiten, zum Preise Gottes und Israel zum Heile und zur Ehre". Berlin, 14. Juli. Zu dem vorstehenden offiziellen Berichte der Generalversammlung des Berliner Lokalkomites der „Allianee Jsraelite Universelle" erhalten wir vom Vorsitzenden des Hilfsvereins der DeutfchenJuden, Herrn Dr. Paul Nathan in Berlin, folgendes Schreiben: „Den falschen Ausstreuungen gegenüber, die seit längerer Zeit im In- und Auslande über die Tätigkeit des /Hilfsvereins der Deutschen Juden" und neuerdings besonders gesiisientlich verbreitet werden, sehe ich mich veranlaßt, das Nachstehende in Bezug auf unsere Hilfsaktion für die Auswanderer vor der Oeffentlichkeit klarzustellen. Auf Veranlassung des Hilfsvereins der Deutschen Juden fand, wie bekannt, eine Konferenz am 4. und 5. Dezember 1904 in Frankfurt a. M. statt. Auf dieser Konferenz wurde beschlossen: „daß die einzelnen Länder Vorsorge treffen, damit die osteuropäische Auswanderung von Land zu Land überwacht werde." „daß ein „internationales Zentralbureau für die jüdischen Auswanderer aus dem östlichen Europa" gebildet werde." Der Hilfsverein der Deutschen Ju den hat darauf gemeinschaftlich mit der Großloge für Deutschland in Gemäßheit der Frankfurter Beschlüffe, die Arbeit in Deutschland weiter ausgedehnt, der er sich auch bereits vor der Konferenz mit großen Opfern an Geldmitteln unterzogen hatte. Es war eine zwiefache Aufgabe zu erfüllen: als Landesorganisation für Deutschland hatten wir zu fungieren, und es mußte von uns zugleich ein internationales Zentralbureau für die jüdischen Auswanderungsangelegenheiten in Berlin, angegliedert an den Hilfsverein ins Leben gerufen werden. Das war im Jahre 1904/5. Im Jahre 1906 schlossen sich daraus die I k a und die A ll i a n c e in Paris den Arbeiten unseres Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten in dankenswerter Weise an und gewährten uns für einen bestimmten Teil der Auswanderung ihre Beihilfe und zwar die Jca mit 75 % und die Alliance mit 10 %. Es muß hervorgehoben werden, daß diese Subventionen für die von uns ins Leben gerufene Organisation als solche nicht verwendet werden durften und nicht verwendet wurden, daß alle Lasten für unsere Komitees an der Grenze, in den Hafenstädten und - im Innern Deutschlands für die von uns gegründeten Herbergen, Verpstegungsstationen und Krankenanstalten, sowie auch die Ausgaben für einen beträchtlichen näher aogegrenzten Teil der Auswanderung selbst nach wie vor vom Hilfsverein getragen worden sind. Um ein Bild zu geben von den Summen, die trotz der dankbar anzuerkennenden Subventionen der Hilfsverein aus eigener Kraft für die Auswanderung aufgebracht hat und noch aufbringen muß, sei auf die nachstehenden Zahlen verwiesen, die übrigens auch in unseren Jahresberichten klar und deutlich angegeben sind. Für die Auswanderung verausgabte das Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten : im Jahre 1904/5 rund 310000 Mk. davon Hilfsverein 310000 Mk. Jca und Alliance kein Zuschuß, im Jahre 1906 vuttb 453 256 Mk. davon Hilfsverein 253402 Mk., Jca 176 342 Mk., Alliance 23512 Mk., im Jahre 1907 rund 400000 Mk., davon Hilfsverein 221932 Mk., Jca 157119 Mk., Alliance 20949 Mk., im Jahre 1908 bisher rund 100000 Mk., davon Hilfsverein 83386 Mk., Jca 14288 Mk., Alliance 2326 Mk. Seit Ende 1904, also seitdem die große Auswanderungsbewegung einsetzte bis heute sind durch uns für die Auswanderung 1213256 Mk. ausgegeben worden.- Davon entfielen: auf die Jca 347 749 Mk., auf die Alliance 46787 Mk. und auf den Hilfsverein 868720 Mk. Laut Schreiben der Deutschen Konferenzgemeinschaft vom 25. Juni 1908 erreichte alsdann die Mitarbeit der Alliance an diesen Aufgaben am 1. April dieses Jahres überhaupt ihre Endschaft. Die Zahlen werden genügen, um die Oeffentlichkeit über unsere Tätigkeit auf dem Gebiete des Auswanderungswesens zu unterrichten und sie in den Stand zu setzen, alle falschen Ausstreuungen auf diesem Gebiete wie auch auf anderen Gebieten als das zu nehmen, was sie sind. Ich bedauere, die Oeffentlichkeit mit diesen Darlegungen befassen zu müssen; aber sie sind eine Notwendigkeit, nachdem von len verschiedensten Seiten Anfragen wegen Klarstellung an mich gelangt sind." Vas Judenedihf im bayrifdien Sinanjüusfehug. München, 11. Juli. Im Finanz-Ausschuß gelangte gestern das Kapitel „Israelitischer Kultus" zur Verhandlung. Man ist bei dem Mangel einer offiziellen Berichterstattung über die Ausschußsitzungen auf die Mitteilungen der Ausschußmitglieder selbst angewiesen, sodaß ein durchaus zuverlässiges Bild vom Verlauf der Verhandlungen erst aus dem späteren offiziellen Referate im Plenum gewonnen werden kann. Der Referent, Dr. Schädler (Zentrum) führte aus, daß das geltende Judenedikt von 1813 überaus revisionsbedürftig sei, und daß die Regierung gut tue, an die Revision gleich nach Verabschiedung der Kirchengemeindeordnung heranzugehen. Die beiden im Judentum vorhandenen Richtungen, Orthodoxie und Neologie, seien durch die tiefgehendsten dogmatischen Differenzen von einander geschieden, und es sei unnatürlich, daß durch den heute bestehenden Zwang zur Gemeinde-Einheit die Konstituierung zweier Gemeinden an einem Orte verhindert und dadurch gegenseitig Gewissensnot und Unterdrückung hervorgerufen werde. Die Regierung möge ferner ihre Aufmerksamkeit der akut gewordenen Frage des obligatorischen Religionsunterrichtes zuwenden und durch die Gewährung von Dispens unter Regelung des Zensurrechtes den Frieden oder wenigstens einen Waffenstillstand herzustellen suchen. Der Konferent Dr. C a s - felmann (liberal) schloß sich dem Wunsche nach Revision des Judenedikts an, während der offenbar von neologer Seite inspirierte Dr. Günther (liberal) behauptete, die „Richtungen hätten bereits Frieden geschlossen" und es bestehe nur der Wunsch, die jüdische Religion als eine öffentliche anerkannt zu sehen. (Daran können nur diejenigen ein Interesse haben, die den äußeren Schein der Hoffähigkeit über das Wesen lebenskräftiger religiöser Autonomie stellen. D. Red.) Der Kultusminister gab die Reformbedürftigkeit des Judenedikts zu und betonte die Schwierigkeiten der Materie bei dem Mangel jeder maßgebenden religiösen Oberbehörde im Judentum. Dank der Einsicht der Führer auf beiden Seiten habe man bei den vorjährigen Konflikten in München und Nürnberg einen offenen Kampf zu vermeiden verstanden und Vereinbarungen unter Anerkennung eines besonderen Gottesdienstes für die Orthodoxen getroffen. Doch bereite in Nürnberg die Regelung der unterrichtlichen Fragen noch Schwierigkeiten. Die Regierung werde den Antrag auf Revision des Judenedikts, wenn er an sie gelange, jedenfalls mit der gebührenden Aufmerksamkeit prüfen und im Einvernehmen mit den Rabbinaten die Grundzüge der zukünftigen Gestaltung der Dinge festzustellen suchen. Die Etatsposition (Mk. 14,000) zur Aufbesserung des Einkommens gering dotierter Rabbinatsstellen re. wird hierauf genehmigt. Es liegen Petitionen vor: des Landesvereins der israelitischen Kultusgemeinden, der Konferenz der bayerischen Rabbiner und des israelitischen Lehrervereins für das Königreich Bayern um staatliche Zuschüsse zur Erteilung des israelitischen Religionsunterrichtes. Der Referent nahm dabei auf die bekannte Dingfeldersche Denkschrift über die soziale Lage der israelitischen Lehrer Bezug. Kultusminister v. Wehner erklärt, daß die erste Petition erst nach Abschluß des vorliegenden Budgets eingelaufen sei. Eine Erhöhung der Budgetsumme wäre aber nicht bloß aus diesem formalen, sondern auch aus finanziellen und anderen Gründen nicht möglich gewesen. Der Staat könne, wie er neulich bei der Katecheten-? frage ausgesührt habe, den Religionsunterricht an den christlichen Volksschulen nicht bezahlen, geschweige denn an den Schulen einer nicht öffentlichen Kirchengesellschaft. Von den 14,000 Mk. des Etats würden übrigens alljährlich Erübrigungen erzielt, weil von den ursprünglichen 31 Rabbinaten nur mehr 22 besetzt seien. Soweit diese Erübrigungen nicht für den israelitischen Lchrerverein reserviert sind, beantrage er, sie zur Gewährung von Zuschüssen an leistungsschwache israelitische Kultusgemeinden zu verwenden. Der Ausschuß beschließt dementsprechend. Darmstadt, 12. Jnli. Der bekannte Antrag aus Aushebung der Antisemiten-Erlasse kam in der ersten hessischen Kammer vor Schluß der Session nochmals zur Beratung. Fürst Stolberg- Roßla erklärte, daß er seinen ursprünglichen Vorschlag, dem Antrag nicht stattzugeben, nachträglich revidiert habe und nun selber der Meinung sei, daß, solange wir in so ruhigen Zeiten wie eben leben, diese Erlasse keine Anwendung finden sollen. Hierzu erklärte der Staatsminister Dr. Ewald, es sei eine ganz andere Frage, ob heute ein derartiger Erlaß gerechtfertigt sei, oder ob eine derartige Bestimmung zurückzunehmen sei. Gewiß seien die Erlasse nur für vorübergehende Erscheinungen bestimmt gewesen, die heutzutage nicht mehr beständen, aber eine Zurücknahme würde den Gedanken nahelegen, daß die Regierung den ihnen zugrunde liegenden gesunden Gedanken aufgebe. Deshalb sei die Zurücknahme unzulässig. Der Oberlandesgerichts- Präsident Lippold war derselben Ansicht, worauf der Antrag mit großer Majorität abgelehnt wurde. In der Thronrede des Großherzogs, durch die der Landtag geschlossen wurde, wies der Landesherr mit Bedauern darauf hin, daß die Gesetzesvorlage über die Verfassung und Verwaltung der israel. Religionsgemeinden auch auf diesem Landtage unbearbeitet geblieben sei. Straßburg, 10. Juli. Die Gemeinderatswahlen in Elsaß-Lothringen die reich an überraschenden Ergebnissen mancher Art waren, haben auch die Zahl der jüdischen Gemeinderäte in beiden Reichsprovinzen wesentlich vermehrt, trotzdem in einigen Orten der Antisemitismus mit allen ihm zu Gebote stehenden berühmten Mitteln den Wahlkampf führte. Indes beweisen die hohen Stimmenzahlen, die viele jüdische Kanditaten erlangten, daß es sich hier nur um vereinzelte Falle des anttsemittschen Fanatismus handette. In Straßburg, wo bisher nur ein Jude im Gemeinderat faß, wurden diesmal 3 Juden gewählt. In Hagenau erhielt Sanitäts-