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Der Israelit · 1908-07-16 · Heft 29 (16.7.1908) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 29 (16.7.1908)
Date
1908-07-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Der Israelit. Rr. SS. Seite 7. 16. Juli 1808. der Großstadt nicht spurlos vorüber. Trifft man aber in dieser Zeit, einen Bekannten, der „nock hier ist", so darf man mit tödtlicher Sicherheit aü die erste Frage: „wo reisen Sie hin?" gefaßt sein. So selbstverständlich ist es geworden, daß mit Hochsommeranfang jeder, der auch nur ein wenig auf guten Ton halt, dem Treiben der Großstadt entflieht nnd die mehr oder weniger beschauliche Ruhe der Badeorte aüfsucht, daß die Unterstellung, man könnte wirklich einmal zu taufe bleiben und nicht verreisen, fast schon als eleidigung und Unterschätzung empfunden wird. Und so hört man nur selten mehr die früher übliche Fragestellung; „Gedenken Sie dieses Jahr zu verreisen?", sondern nur nach dem Reiseziel, das womöglich ausgesucht apart sein muß, wird gefragt. Merkwürdig! Sonst hört man Tag jur Tag und Stunde um Stunde nur Klagen über die sä.lechten Zeilen, über den Rückgang in Industrie und Handel und über die schlechten Aussichten für die nähere und fernere Zukunft. An dieser Zeiten Ungunst haben alle Wohltätigkeitsinstitute, alle gemeinnützigen Anstalten, Einzelne wie Vereine, schwer zu tragen, und wer immer jetzt den Geldbeutel des Nächsten für einen guten Zweck — „eine gute Sache" nannten es die nichtbadereisenden Alten — in Anspruch zu nehmen gezwungen ist, bekommt es an allen Ecken und Enden zum Neberdruß zu hören, daß in diesen „schlechten Zeiten" — ich bitte mich im Hinblick auf die „Liberale Rabbinenverein .gung" nicht mißzuverstehen! — für die Pol tik der Sammlung keine Geschäfte zu machen sind. Aber die Frequenz der Vergnügungsstätten, der Theater, der Caft-s usw hat kaum sichtbar gelittenauch der Fremdenzustrom ist, wie die überfüllten Riesenhotels beweisen, nicht geringer, eher größer geworden- und die Großstadt flucht vor der Sommerhitze ist, wie aus jener Statistik, wie aus den vollbesetzten Ferienzügen hervorgeht, in diesem Jahre sicher nicht schwächer als sonst auch. Nun soll es ja keineswegs bestritten werden, daß das moderne Leben an die Körper- und Geisteskräfte weit höhere Anforderungen als die Zeiten vor uns stellt, daß die Großstadtluft gewiß nicht geeignet ist, den menschlichen Organismus zu fördern und zu kräftigen, daß die gesteigerte Intensität, mit der in unserer Zeit alle Prozeduren und Vorgänge des Erwerbs- und des Gesellschaftslebens sich abspielen, die Neroensubsranz schneller konsumieren als je in früheren Tagen, und daß darum das Streben, der Wunsch nach Ersatz und Ausgleich begreiflich und berechtigt erscheint. Darum aber bleibt es dennoch wahr und ist aufs Tiefste zu beklagen, daß die Steigerung der Lebensansprüche, welche die Gewöhnung der Badereisen in weiten Kreisen notwendigerweise bedingen muß, das; die zum Zwang, dem der Einzelne sich kaum mehr zu entziehen vermag, gewordene Aufbringung der unter allen Umständen keineswegs unbeträchtlichen Mittel, welche die Sommerreisen fordern, ihre verhängnisvolle Rückwirkung aus das Verhältnis zur Religion äußern müffen nnd auch wirklich äußern. Gar mancher könnte den Sabbath heilighalten und den Jomim tauwim ohne Bangen wegen des Ausfalls entgegensehen; so mancher Verstoß gegen rvniDK mwürde unterbleiben, manche Stunde dem minn TiöV und dem Dienst des gewonnen werden, wenn es uns möglich wäre, die Lebensansprüche auf ihr berechtigtes d. h. mit dem Leben in der Thauroh verträgliches Maß zurückzuführen. Wir haben es auch hierbei wieder mit einer jener eireali viriosi zu tun, an denen .unsere Gegenwart so überreich ist. Die raffinierte Kultur unseres Lebens mit ihren immensen Ansprüchen an materiellen, geistigen und körperlichen Werten zwingt zu einer gesteigerten, verfeinerten und verbesserten Lebenshaltung,' diese fordert wieder neue unerhörte Anstrengungen, um den Lebensforderungen genügen zu können, und so setzt sich das anmutige Spiel wie bei den Friedensrüstunaen der Völker ad infinitnm fort. Was ist, infolge der Badereisewut, aus den „3-Wochen", diesen wehmutgesättigten Gedenktagen alter, verlorener Herrlichkeit und Größe unseres Volkes, unseres Glaubens geworden? Aus diesem Sichversenken in die einstmalige, einzigartige Stellung Israels unter den Völkeen der Erde, da noch der Gottestempel, das Zelt, in dem Er thronte unter den Menschen, in Israels Mitte stand, da noch die täglichen und die Feftopfer brannten auf dem Altar, ein Symbol der unbegrenzten Opferbereitheit des Gottesvolkes für seinen Gott, da noch Seher und Propheten die Lehre von oben empfingen, die sie den Menschen zu ihrem Heile kündigten — aus der Vertiefung der Seele in diese Geschichtsbilder mit ihrem Auf und Nieder, ihren Siegen und ihren Leiden, ihren erhebenden, stolzen Taten und ihren zermürbenden, demutlehrenden Schicksalsschlägen — aus diesem alljährlich sich wiederholenden neuen Durchleben der, ach so alten Vergangenheit, die mit der unverbrauchten Kraft eines frischen Geschehnisses auf die Herzen wirkte — aus der s o verbrachten Trauerzeit der „3 Wochen" erwuchs jene reflexionslose Liebe zum heiligen Land, die sich feine Rechenschaft ablegte, ob ihre Empfindung nationalen oder religiösen Charakter trug, dafür aber das Herz schneller schlagen ließ, wenn nur das Wort Jeruscholajim oder Zion oder Erez Jisroel ertönteerwuchs jenes selbstsichere, durch keinen noch so leisen Zweifelston entweihte Hoffen auf und in die Zukunft, die vom Menschenwitz nicht erwartete, was Gott als Seine freie Gabe verheißen, aber um so sicherer und unerschütterter aus die endliche Erfüllung der Verheißung zählle und warteteerwuchs jenes pnD2, jenes unbegrenzte Vertrauen auf Gottes Güte und Vorsehung, die sich nicht erst, nach Kinderart im Dunklen Mut zu machen brauchte, sondern so ganz und ungeteilt von Gott und nur von Ihm Alles im Leben erwartete, daß kleinmütige Zaghaftigkeit, die Frage nach dem morgen gar nicht auftauchen konnte. Und wenn damit die „9-Tage", der Tischot beaw dahingegangen, die jüdische Seele Alles, was im Laufe des Jahres sie bedrückt hatte, sich von Herzen abgeweint hatte, und es kam der Sabbath des Trostes, und es kam der Chamischo-oserbeaw und neuer Lebensmut, junge Lebenslust, die Jung und Alt erfüllte — war's ein Wunder, daß diese Wochen und Tage ihre Runen in die Seelen und Herzen ein gruben und ein Geschlecht von Männern und Frauen erzogen, stark und gesund in ihrem religiösen Handeln und Empfinden, nicht angekränkelt von des Gedankens Bläffe und der Blutleere des Empfindens, eins mit ihrem Gott und verwachsen mit der Tauroh, pflichtbewußt und opferbereit und dabei lebensfreudig und frohempfänglich für jede kleinste Schönheit, für jede noch so kleine, unscheinbare Gabe, die am Lebenswege ihnen dargeboten wird . . . Sind unsere Kinder besser, glücklicher daran, deren frühreife Blasiertheit schon der stärksten Reizmittel benötigt, um sich noch freuen, sich noch entzücken lassen zu können? Sind sie besser als jene Geschlechter für's Leben ausgerüstet, da sie Opferwilligkeit, Entsagungsfähigkeit, Verzicht auf Genüsse und Selbstdisziplin kaum vom Hörensagen kennen und nie üben gelernt? Wenn die früheren Zeiten eine wehmutsvolle Genugtuung in den Fasttagen des 17. Tamus, des 9. Ab fanden, die sie in Beziehung setzte zu dem grenzenlosen Martyrium unserer Väter, zu den Leiden, die unsere Ahnen Dtrn annp erduldet — unsere Zeit beklagt es, daß gerade die schönste Jahreszeit ihr durch die Fast- und Trauertage „zerstört" werde und ausgerechnet die längsten Tage zum rvayn gestempelt wurden ... Wir tun viel für eine rationale Körperpflege/ der Ernährung wird eine Aufmerksamkeit zngewendet, die Tafel so reichlich gedeckt, wie früher in den Häusern der grüßten Kzinim allerhöchstens am Sabbath oder Jomtow. Man rudert und turnt, macht Ausflüge und Märsche, schenkt jedem Organ und Organchen die liebewerteste Aufmerksamkeit - kurz, man tut alles, um die durch )as Sitzen vor der Gemoroh und im Beth hamidrasch, durch die unhygienische Lebensart und die Körpervernachlässigung in früheren Generationen angeblich so degenerierte Rasse zu roborieren und widerstandsfähig zu machen. Kommen aber die „9-Tage" heran, so werden tragische Lamentt angestimmt ob der unerhörten Strapazen, die die Entziehung des Fleischgenuffes für unsere schwachen Körper bedeutet,' man hantelte ab und schloß Kompromisse/ zuerst „begnügte" man sich mit der 2"v 12?nV pi2»; dann „begnügte" man sich mit 3 Tagen, und heute ist man schon so genügsam geworden, um auch mit milchding Kost am 2"v 2iy auskommen zu können. Wie überhaupt die Genügsamkeit unserer Zeit in bezug auf Opfer, die sie sich für die Rellgion auferlegen soll, zu unerreichbarer Größe emporgediehen ist! . . . Die Mode der Badereisen hat förmlich devaftierend und zertrümmernd auf die Beobachtung der onxDn pa eingewirkt. Und dann wundert man sich, daß eine Generation, die, mit dieser Auffassung im Herzen, an die teuersten Erinnerungen unserer Vergangenheit herantritt, für die Empfindung des ruwn n'fa, der Entfremdung der Menschheit von ihrem Gotte, so wenig Raum und Verständnis hat! Der Prediger in der Wüste! Die es angeht, hören seine Stimme nicht, und die sie hören, geht sie nichts an. Ein undankbares Geschäft! Ich wollte Ihnen eigentlich auch ganz etwas anderes heute schreiben/ rückschauend am Schluffe der Sommersaison, aus dem hiesigen Gemnindeleben die Ereignisse der letzten Wochen und ihre Ergebnisse würdigen. Wetz das Herz voll ist, davon läuft bekanntlich der Mund über, und so ist's ein Ferienbrief gegen die Ferienreisen geworden. Das andere nächstes Mal! Berlin, 12. Juli. Der jetzt erschienene offizielle Bericht über die am 31. Mai d. I. stattgefundene Sitzung des Berliner Lokalcomitos der Alliance Jsraelite Universelle enthält eine Fülle von interessanten und wertvollen Angaben. Wir erfahren aus dem Geschäftsberichte zunächst, daß die Unterftützungskommission des Comites an zwei Wochentagen alle größeren Gesuche prüft, die dank einer liberalen Interpretation der Normalbestimmungen, fast immer im Sinne der Bittsteller erledigt werden, während kleine Unterstützungsgesuche, die keinen Aufschub vettragen, vom Bttreau aus in der gleichen weitherzigen Weise abgefertigt werden. Die Kosten der Abfertigungsstelle für russische Aus- und Rückwanderer werden seit dem vorigen Jahre zu einem drittel von der jüdischen Gemeinde, zum andern drittel vom Berliner Comitsder Alliance bestritten während, das letzte Drittel vom „H i l fs - verein" und der Großloge gemeinsam getragen wird. Der Zuschuß des Comitäs hat sich bisher auf 10,000 Mk. jährlich belaufen. Auf die Generalversammlung der Deutschen Konferenzgemeinschaft am 25. Februar d. I. übergehend, teilt der Geschäftsbericht von dem Beschluß des Zentralkomitös der Alliance mit, für den Spätherbst dieses Jahres neben den regelmäßigen Inspektionen des Allianceschulwesens eine besondere fachmännische Kommission nach dem Oriente zu entsenden, zu welcher auch ein Mitglied der Deutschen Konferenzgemein scha ft und zwar Herr Rabbiner Dr. Porges, Leipzig gehören wird. Der Bericht bringt ferner die überraschende Mitteilung, daß die „Alliance Jsraelite Universell^ ihr Verhältnis zum sog. Konto Trio gekündigt hat. Alliance, Jca und Hilfsverein — so wird in der Begründung der Kündigung ausgeführt — hätten das Konto Trio als eine Hilfsorganisation für das Auswanderungswerk mit bestimmten Normen gebildet, zu deren Lasten die Alliance und Jca 10 und 75 Proz. zusammen 85 Proz., der Hilfsverein 15 Proz. beitrugen, „während vor der Oeffenlichkeit zumeist weder Alliance noch Jca als Konttibuenten erschienen." Die Alliance will aber den zurückgezogenen Beitrag nicht sparen und bringt ihn dirett zur Verwendung, worüber auch der Bericht genaue Rechenschaft ablegt..

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