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Der Israelit · 1908-07-16 · Heft 29 (16.7.1908) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 29 (16.7.1908)
Date
1908-07-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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16. Juli 1908. Der JSraeltt. Sette 9. No. LS rat Dr. Weill die Höchstzahl von sämtlichen auf die 70 Kandidaten entfallenen Stimmen. Köln, 14. Juli. Am Freitag den 10. Juli, wurde der Präsident der zionistischen Organisation, Herr David Wolffsohn, vom russischen Premierminister Herr P. A. von Stolypin, im Elaainschen Palais in Petersburg empfangen. Im Laufe einer längeren Unterhaltung über die wesentlichen Punkte der zionistischen Bewegung, gab der russische Premierminister seiner vollsten Sympathie für dieselbe Ausdruck und erklärte, die russische Rigierung beabsichtige nicht, den Zionisten Rußlands Hindernisse in den Weg zu legen, sofern ihre Arbeit der Verwirklichung ihres programmatischen Bestrebens gewidmet ist. An demselben Tage hatte Herr David Wolffsohn eine längere Konferenz mit dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Herrn A. P. Jswolsky Oesterdeich. Wien, 12. Juli. Wie im »Israelit" bereits mitgeteilt, wurde in dem am 12. Juni abgehaltenen Huldigungsfestzug auch die Karrikatur eines Juden im Kaftan bemerkt, der zur Belustigung -es Publikums verschiedene Allotria, trieb. Ein Wiener Blatt brachte aulJ diesem Anlässe die Mitteilung, daß der Kaiser beim Anblick der Judenfigur gelacht und einen der kleinen Erzherzöge bei der Hand genommen habe, um ihn auf die „gelungene Karrikatur" aufmerksam zu machen. Für jeden, der die Gesinnung des Kaisers von Oesterreich kennt, war es von Vorneherein ausgemacht daß diese Mitteilung erfunden ist und daß die widerliche Szene auf den Kaiser einen peinlichen Eindruck machen mußte. Eine dem Hofe nahestehende Persönlichkeit, welche zur Zeit, als der Festzug an dem Kaiser vorbeimarschierte in der Nähe des Monarchen stand, erzählt dem Vertreter eines hiesigen Blattes über den Eindruck, welchen die Juden karrikatur auf den Kaiser machte. Folgendes: „Kaum war Seine Majestät des als „polnischen Juden" verkleideten Mannes ansichtig, wurde er sehr aufgebracht und zu dem Präsidenten Grasen Wilczek und Dr. Klotzberg (christlich-sozialer Gemeinderat) gewendet, gab er seiner Verwunderung Ausdruck über diese Geschmacklosigkeit. „Der heutige Tag" soll der Kaiser gesagt haben, „hätte eher als Friedenstag zwischen den Völkern Oesterreichs dienen sollen und nicht als Gelegenheit zu gegenseitiger Verspottung." Ungarn« Budapest, 15. Juli. Die Geistlichen des Pester reformirten Seniorats haben vorige Woche unter dem Vorsitze des Pester Pfarrers Alexius Petri eine Konferenz gehalten, die fick unter Anderem auch mit den Modalitäten der sozialpolitischen Tätigkeit des Seniorats beschäftigte. Es tauchte auch der Plan auf, Konsumgenossenschaften ins Leben zu rufen. Franz Pentek, ein durch seine Loyalität bekannter Geistlicher verwahrte sich gegen die Anwendung dieses bei den Antisemiten so beliebten Systems, welches den eingestandenen Zweck hat, die jüdische Bürgerschaft zugrunde zu richten. Die Reformirten Ungarns, sagte er, haben keinen Grund, den Inden den Krieg zu erklären. Die Konsumgenossenschaft ist überdies eine Waffe, die leicht nach hinten losgeht. Die sozialpolitische Tätigkeit muß andere Richtungen einschlaaen. Redner regte namentlich die Idee an, daß oas Seniorat mit Hilfe seiner disponiblen Kapitalien ein Geldinstitut gründen möge. Die Konferenz beschloß, diesen Vorschlag zum Gegenstände ernsten Studiums zu machen, jedenfalls von der Gründung der Konsumgenossenschaften abzusehen. Petersburg, 1. Juli. Dieser Tage starb hier in seiner einsamen, etwas fern von der Stadt gelegenen Villa Graf Jgnatjew. Jgnatjew galt in den letzten Jahren als gefallene Größe. Für die Juden hatte jedoch seine verhängnisvolle Grüße in den letzten Jahren eher zuals abgenommen. Man sprach in den letzten Jahrzehnten fast nicht mehr von diesem Staatsmann, der vom politischen Schauplatz längst zurückgetreten war. Man erwähnte seinen Namen nur dann, wenn man von den Judengesetzen sprach. Denn diese waren sein Werk, sein Werk, das ihn noch lange überdauern wird und seinen Namen zum unseligen Angedenken der Geschichte Rußlands und der der Juden erhalten wird. Jgnatjew war Premierminister unter Alexander III. und die berüchtigten Maigesetze haven sowohl ihre Initiative als ihre Durcharbeitung und Ausführung lediglich ihm zu verdanken. Diese Gesetze vom 3. Mai 1882 beschränken vor allem das Wohnrecht der Juden im heiligen Rußland und bestimmen ihre Einpferchung in dem in den wenigen Provinzen Polens und Littauens eschaffenen Landes-Gbetto. Die Gesetze verieten den Juden, sich in oen Dörfern niederzulassen oder Landeseigentum anzuwerben. Jgnatjew gilt also als der Vater des Ausrottungs-Systems, das später seine würdigen Vertreter und Ausbauer in Pobedonoszow, Durnow, Plewe u. s. w. gefunden hat. Nach dem Tode Alexanders II. am Anfang der 80er Jahre setzte das neue Regim mit gewaltigen Pogromen ein, die daraus entstanden, daß nach Erlaß und Inkrafttreten der Jgnatjewschen Maigesetze sich das Gerücht verbreitete, der Kaiser und sein Minister hätten die Ausrottung der Juden erlaubt, oder gar verfügt. Als Mittel gegen die Pogrome schuf I. neue Judengesetze, um sie, wie er sagte, von der russischen Bevölkerung mehr abzusondern und sie zu schützen. Diese sonderbare Art, Beschränkungen als Deckung vorzuschützen, wurde noch weitergepflegt, lanae nachdem der eiserne Staatsmann, wie die schwarze Verbands-Presse ihn heute verherrlichend nennt, vom Schauplatz seiner unheilvollen Tätigkeit zurückgetreten war, und wird auch heute noch geübt. Die Juden werden diesen großen Toten, der mit gewaltiger Hand so zerstörend in ihre Geschichte und ihre Geschicke eingriff, noch lange in Erinnerung behalten. Kowno, 12. Juli. Schreckliche Tage verlebten die Juden im unweit von hier gelegenen Städtchen R e m i g o l e. Am 22. Juni erschien bei einem dort wohnenden jüdischen Schuhmacher eine Bauersfrau mit einem Kinde. Während die Mutter noch im Städtchen Einkäufe besorgte, blieb das Kind im Hause des Schuhmachers und als es des Harrens müde wurde, beschloß das siebenjährige Kind, allein den Heimweg anzutreten. Nach drei Stunden kam die Bäuerin zurück und trat nun, als sie das Kind nicht mehr fand, im Glauben, es sei heimgekehrt, ebenfals den Rückweg nach dem 8 Kilometer entfernten Heimatdorf an. Dort war aber das Kind nicht zurückgekehrt Und nun war es bei den Bauern ausgemachte Sache: „Die Juden in Remigole haben das Kind ermordet." Schon Tags darauf strömten aufgeregte Scharen unter Führung der Eltern des Kindes in das Städtchen und alle Vorzeichen für einen regelrechten Pogrom waren da, der aber Dank dem energischen Einschreiten der Oberpolizeibehörde in Kowno, die gleich nach Bekanntwerden der Begebenheit ein großes Polizeiaufgebot nach dem Städtchen schickte, vorläufig vereitelt wurde. Am Donnerstag, der als Markttag gilt, sammelten sich aber ungeheuere Massen von allen umliegenden Dörfern im Städtchen, die sich bereits auf dem Marktplatz zu einer Prozession aufstellten. Die Panik unter den Juden war unbeschreiblich. Hinter geschloffenen Türen und Fenstern erwarteten sie nun das Glockengeläute, daß das Unheil künden sollte. Wie manjetzt hört, soll der katholische Geistliche seine Mitwirkung und die Herausgabe der Kirchenfahnen verweigert haben. Die Aufregung der angesammelten Massen wurde dadurch noch gesteigert, als plötzlich etwas wie wie ein Wunder geschah. Ein Bauer aus einem nahen Dorse erschien mit dem Kinde an der Hand auf dem Markte. Das Kind hatte sich auf dem Heimwege verirrt und beim Bauer Aufnahme gefunden. Die Menge zerstreute sich bald und die Juden haben sich nun etwas beruhigt. Von einer wirklichen Beruhigung kann allerdings nicht die Rede sein, wenn man sieht, von welchen Zufälligkeiten oft die Sicherheit des Lebens und Gutes der jüdischen Bevölkerung hier zu jLande abhängt. Paris, 8. Juli. Die vorige Woche stattgehabte Generalversammlung des französischen Rabbinerv er bandes war von 33 Mitgliedern besucht; den Vorsitz führte der neue Großrabbiner des Konsistoriums, Alfted Levy. Für die weite Oeffentlichkeit hatte die Tagung diesmal besonderes Interesse, weil man einen entscheidenden Beschluß in der bekannten Angelegenheit der Ehereform erwartete, die in der ganzen Diaspora so große Erregung verursacht hat. Unerwarteter Weise ist die Angelegenheit durch das Eingreifen eines Laien in erfreulichem Sinne beeinflußt worden. Während der Verhandlungen erschien nämlich Baron Edmund von Rothschild, um als Präsident des Konsistoriums der Versammlung die Grüße dieser Körperschaft zu überbringen und sich zugleich über die geplanten Ehereformen zu äußern. Baron Edmund setzte den Herren Rabbinen auseinander, daß er auf seinen Reisen während des letzten Jahres wahrgenommen habe, wie peinlich die resormatorischen Absichten der französischen Rabbinen im Kreise der gesamten Judenheit berührt hätten/ namentlich habe ihm der Chief-Rabbi in London nach dieser Richtung überzeugende Mitteilungen gemacht. Der Baron bat die Rabbinen, doch ihre Kraft der Erhaltung des traditionellen Judentums zu widmen, nicht aber auf dem Wege von Reformen und Aenderungen immer weiter zu schreiten. Obgleich der Grand-Rabbin in seiner Erwiderung sich den Anschauungen des Barons keineswegs anschloß, wurde doch der erfteuliche Beschluß gefaßt, unter prinzipieller Aufrechterhaltung der Reform dekrete ihre A u s f ü h r u n g bis nach nochmaliger Prüfung, die im nächsten Jahre stattfinden soll, zu verschieben. Gngland. London, 12. Juli. In der letzten Sitzung der Anglo Jewish Association, berichtete der Präsident ClaudeMontefiore über zwei auch in der jüdischen Presse bereits'behandelte Anregungen ans Zusammenschluß der großen jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen Eines der beiden Projekre, das in einer Kon- " ferenz zu Berlin sowohl wie auch in Amerika behandelt worden war, gipfelte in dem Vorschlag, eine ständige dauernde Verbindung unter den verschiedenen Gesellschaften herzustellen. JCA und AllianceJsraelite haben dem Vorschläge widersprochen und seine Ausführung damit unmöglich gemacht. Auf Anregung Jakob Schiffs ist man oer Idee in anderer Form nähergetreten. Es soll in jedem Lande eine der großen Organisationen als Zentralstelle bezeichnet werden, deren Aufgabe es wäre, im Falle des Bedürfnisses die anderen Körperschaften zu speziellen Konferenzen zusammenrufen. Die Herren Dr. Lachmann und Dr. Blau vom Hülfsverein haben diesem Projekte zugeftimmt. Auf den Antrag des Vorsitzenden, der insbesondere von Dr. Gaster lebhaft unterstützt wurde, wurde beschlossen, von weiteren Kommissionsberatungen in der Angelegenheit abzusehen uud den Vorschlag Jakob Schiffs zu akceptieren. Es soll der Wunsch ausgesprochen werden, das für England nicht diejA ngloJewishAffoeiation sondern das sogeaenannte „Conjoint-Comittee" als Centralstelle betrachtet werden möge. Damit ist wohl der in letzter Zeit vielfach befürwortete engere Zusammenschluß und insbesondere die Schaffung einer Art internationalen jüdischenCentral-Comiteeals erledigt anzusehen. London, 8. Juli. In unternehmungslustigem Ueberpatriotismus wird hier seit Jahr und Tag von einigen Kreisen für die Schaffung

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