Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1908)
- Date
- 1908-07-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6. Nr. 29. Der Israelit. 10. Juli 1906. Lehrer, die diese kühne Anschauung vertreten, sind keine geringeren als die zwei großen Tannaim: Rabbi Elieser und Rabbi Akiba. Zu dem Verse Ex. 19, 19: „Moses sprach und Gott respondierte ihm mit lauter Stimme", sagt Rabbi ElNser: Wo ist zur entnehmen, dak Gott am Sinai nicht früher gesprochen, als bis Moses zu ihm sagte: Sprich, denn Deine Kmder haben es längst angenommen? Aus dem Verse: Moses sprach und Gott respondierte ihm mit lauter Stimme. — Da sagte Rabbi Akiba zu ihm: Ohne Zweifel verhält sich die Sache so, allein es ist noch etwas zu bemerken rc. (Jalkut Exod 284). Drastischer kann wohl der menschliche Ursprung des Osfenbarungs Inhaltes nicht ausgedrückt werden, als es vier geschieht: Moses hat festzustellen, was, entsprechend dem religionsgschichtlichen Niveau Jsraess, in die „Offenbarung" Aufnahme finden und was ausgeschlossen werden soll! Das ist die absolute Anerkennung der re'igionsgeschichtlichen Entwicklung der Menschheit . . . Die Religion ist die Sache des Menschen, ist aber auch Erzeugnis des Menschengeistes, als solches wird sie in die sogenannte „Offenbarung" ausgenommen, nich! durch die Offenbarung dem Menschen mitgeteilt . . . Dier steten die alten Rabbinen des Talmud auf dem Boden der Wiffenschaft, auf dem Boden der Anthropologie und der Reltgionsgeschichte. Nicht die „Offenbarung", sondern der Mensch als Ebenbild Gottes und als solches die Quelle der Gottese»kenntnis macht das Unterscheidende, des Judentums gegenüber dem Heidentum und gegenüber allen Religionen aus. Ja, wenn man unter „Offenbarung" alle Kulturelemente zusammenfaßt, die der Mensch nicht selbst erworben haben soll, so könnte man mit größerem, ja mit vollem Rechte das gerade Gegenteil aufftellen: das Eigentümliche des Judentums ist di«: Negation der Offenbarung.". Welche Rolle spielt nun nach Goldschmidt doch die „Offenbarung" in der religionsgeschichtlichen Entwicklung Israels? Wenn die Offenbarung nicht den Menschen vom Irrtum zur Wahrheit führt: ist fie dann nicht überflüssig? Wozu bemüht sich die Gottheit, wenn sie nur die untergeordnete Rolle eines Repetitors spielen soll? Die Frage ist gar nicht schlecht. Selbstverständlich hat der Verfasser auch darauf eine sehr ausführliche Antwort. In mannigfachen Wendungen zeigt er, wie es sich am Sinai nur um einen Bund zwischen Israel und Gott handelte, nur um eine Bestätigung der göttlichen Sendung, nur um eine Redaktion der Darstellung für alle Zeiten: „Die Erkenntnis dieses seines geschicht lichen Berufes ist ihm (Israel) aufgegangen! Es will als Volk diesem seinem Berufe seine Kräfte widmen, es will sich aufs innigste mit Gott verbinden, es will den Bund, den Gott mit den Vätern geschlossen, nunmehr als Volk erneuern und ewig unlösbar befestigen: das ist die Bedeutung deS Sinai . . .!" „Israel hat das Bewußtsein, den Gott der Menschheit in seiner Wahrheit erfaßt zu habentäuscht es sich nicht über sich selbst? Wie soll das ganze Volk ohne Ausnahme von dieser Ueberzeugung durchdrungen werdend Israel will also die Bestätigung seiner relig ösen Anschauung von Gott selbst haben . . .!" „Ferner: di° im Volk lebendigen religiösen Ideen und Traditionen haben verschiedene sprachliche Einkleidung. Bielcs ist in mehrfacher Einkleidung, vieles in un« zureichender vorhanden. Soll ein Bund geschlossen werde , so muß der Vertrag in Klarheit und Bestimmtheit vorltegen. Man muß doch wissen, worauf man sich verpflichtet . . ." Und endlich erörtert Goldschmidt die Frage: Wie vollzieht sich diese göttliche Bestätigung und die damit verbundene Bündnisschließung Israels mit Gott? „Hier tritt das . . . Wunder in die Geschichte ein' Gott tritt in die Erscheinung! Gott läßt im Aufruhr der Elemente eine gewaltige Stimme ertönen, die Zehn Sinai — Worte vernehmlich dem ganzen Volke vorrragen und den übrigen Teil der Thora in prophetischer Besprechung mit Moses von diesem niederschretben. Hier ist alles dunkel, alles Geheimnis . . .! Das demütige Herz spricht: Ich glaube, ohne zu verstehen! — Der kühne Segler auf dem Ozean des Geistes spricht: das find Symbole, die ich mir in ihre menschliche Bedeutung auflöse! — Der Bibelkritiker spricht: Ich frage die Literaturgeschichte! — Der Oberflächliche spricht: Ich leugne!" — „Aber was liegt daran? Es handelt sich ja nur um die Form der göttlichen Bestätigung, nicht um den Kern, um den Inhaltnur um das ,Wortt, nicht um den ,Geist^ . . . Alle Differerenzen zwischen Glaube und Unglaube betreffen nur das Wort, die Entstehung des Wortes. Was will denn das Work? Es will ein Zeugnis sein, daß die Religionslehre Israels ihre göttttche Bestätigung erhalten hat. Was liegt daran, daß über die Natur dieses Wortes, dieses von tausend j|eu$Ü»iffen Zeugte Zeugnis, die Stimmungen verschieden Wir wollten den Verfasser möglichst selbst zu Worte kommen laffen. Er soll sich nicht darüber beklagen können, daß man seine Anschauung entstellt wiedergegeben hat. Er tritt in seinem Vorwort sehr selbstbewußt auf und erhofft von seinen Büchern eine neue Aera, eine völlige Umwälzung in der Auffassung vom Wesen des Judentums. Nun der Leser urteile selbst. Er wird wohl mit uns zu dem Resultat kommen, daß der Berfaffer — ein psychologisches Rätsel ist. Wir können es verstehen, wenn Männer, die im praktischen Leben sich betätigen, od?r Akademiker, deren eigentliche Fachstudien sie auf dem Judentum fernstehende Gebiete führen, wenn diese Männer den klaren Blick für die Gegensätze innerhalb der religiös verschiedenen Gruppen der Judenheit verlieren. Wie aber ein Rabbiner, der von Berufs wegen mit der jüdischen Literatur und den einschlägigen Fragen vertraut sein soll, wie ein Mann, der es unternimmt, eine religionswissenschaftliche Bibliothek des Judentums herauszugeben, sich zu derartigen Paradoxen versteigen kann, das ist uns völlig unbegreiflich! Verlohnt es sich wirklich, auf Einzelheiten einzugehen und sie zu widerlegen? Wir können hier keine Religionsphilosophie des Judentums geben. Aber das ist sicher: religionsphilosophische Probleme können nicht dadurch gelöst werden, daß man Midraschstellen zu Hilfe nimmt und sieso deutet, wie sie in .den Gedankengang paffen. Uns darüber zu belehren, daß das Judentum nicht grade den Begriff der Offenbarung hat, wie andere Religionen, dazu brauchte sich Goldschmidt nicht allzusehr zu bemühen. Damit rennt er offene Türen ein. Aber er will mehr. Wir sollen annehmen, daß vor ca. 3500 Jahren Israel am Sinai in seiner religionsgeschichtlichen Entwicklung soweit getzteben war, daß es alle 613 Gebote und Verbote, auch alle o'pin natürlich, auch das Gesetz von non# ms, selb st gefunden und aus eigenerJni riative übte. Das so oft wiederholte -iDK*? rwo 'n izn'i hat nur die Bedeutung, den Kindern Israels zu bestätig e n, daß sie ihre Sache gut gemacht haben. Und all das soll die religionsphilosophische Ueberzeugung der Rabbinen, des Talmuds gewesen sein! Weiter! — Doch ich sehe nicht ein, weshalb ich den Widersinn breit treten soll. Angenommen der Verfasser hätte recht! Die ganz unmögliche Geschichtskonstruktion einmal zugegeben! Sieht er denn nicht, daß eben das, was er als „minimale Differenz" betrachtet, was er als die „Form der göttlichen Bestätigung", als das „Won und die Entstehung des Wortes" bezeichnet und als so bedeutungslos einschätzt, gerade von der prinzipiellsten ja einzig entscheidenden Wichtigkeit ist? Es ist ja eine logische Erschleichung, wenn es so dargestellt wird, als ob es sich bei dem Gegensatz zwischen Gläubigen und Ungläubigen nur um die Erklärung des Offenbarungsaktes am Sinai handelt. Darüber hat es auch unter den jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters verschiedene Meinungen gegeben. Ueber das „Wie" waren sie geteilter Ansicht. Aber die Tatsache der Offenbarung oder um einen Augenblick in der Terminologie von Goldschmidt zu reden, die Tatsache der göttlichen Bestätigung stand ihnen fest. Aber die Vertreter der Reltgionsgeschichte und die Bibelkritiker — die letzteren stehen heute fast alle auf dem religionsgeschichtlichen Standpunkt — leugnen ja eben die Tatsache dieser göttlichen Bestätigung. Und angenommen, es käme das Unglaubliche zu stände, die „Gläubigen" und „Ungläubigen" einigten sich auf das „wissenschaftliche" Ergebnis der von Goldschmidt beliebten Pragmatik, beide würden die Thora als religionsgeschichtliches Produkt der Volksseele anerkennen und beide würden den Bund am Sinai und die Verkündigungen von Mosche im Lichte der oben skizzierten Darstellung als göttliche Bestätigung sehen, so hinge 4a eben von dem Bilde, das man sich von der Form macht, in der dieBestättgungsich vollzog, die ganze religiöse Welt- und Lebensanschauung ab, zu der man sich bekennt. Gott hat gesprochen: Ihr sollt am Sabbath kein Feuer anzünden, und wer den Sabbath entweiht, ist des Todes, dann ist das Sabbathgebot für alle Zeit verpflichtend und kein Opfer ist zu schwer, um dies heilige Gut zu wahren; ganz gleichgültig, wie die Form, in der die Verkündigung Gottes ins Dasein trat, vortzustellen ist, und selbst angenommen, die Befolgung des Sabbathgebotes sei bereits nationale Eigentümlichkeit des Volkes Israel gewesen. Ist aber die „göttliche Bestätisiung" nichts anderes als ein Seelenakt, der sich im Inneren des Volkes vollzog, handelt es sich am Sinai um nichts anderes als um ein Bewußtwerden der Auserwähltheit, um eine Sicherung des vorher schon vorhandenen Gutes, um eine Redaktion von Darstellungen, die im Volke uniliefen, handelte es sich da nicht, klipp und klar gesagt, um eine im eigentlichen Sinne des Wortes göttliche Verkündigung, woher dann in aller Welt die ewige Verpflichtung auf die Gesamtheit der 613 Gebote, auf den Inhalt der Thora? Natürlich wird ein wirklicher Bibelkritiker Goldschmidt auslachen, wenn dieser ihm zumuten wollte, den Bund am Sinai in der Form, in der er uns berichtet wird, als historisches Faktum anzuerkennen. Nach der Bibelkritik sind ja alle Erzählungen der Bibel Phantasieberichte aps späterer Zeit. Genau so, wie wir nur über ihn lächeln' können, wenn er die Rabbinen als Vertreter der modernen religionsgeschichtlichen Theorien uns vorführt! Wie kommt aber ein verständiger und unterrichteter Mann dazu, uns solche absurde Dinge vorzutragen? Von einem ernsten Menschen nehmen wir doch nicht an, daß er uns zum besten halten will. Darum nannte ich ihn ein psychologisches Rätsel. Vielleicht löst sich uns das Rätsel, wenn wir berücksichtigen, daß neben den verschiedenen Formen des Fanatismus, die in der Geschichte uns begegnen, dem Fanatismus mancher Orthodoxer und dem mancher Liberalen eine neue Spielart aufgetaucht: der Fanatismus der Friedensapostel. Wer von einer Idee fanatisch beherrscht wird, der wird oft blind für das Einfachste und Sichtbarste. Das an sich durchaus löbliche und anerkennenswerte Streben, Frieden und Eintracht zu stiften, hat sich bei einer Reihe von Männern, die für die Interessen des Judentums wirksam sind, zu der Manie gesteigert, auch die disparatesten unversöhnlichsten Gegensätze, wie sie im religiösen Leben des Judentums des letzten Jahrhunderts zu Tage getreten sind, um jeden Preis in eine einzige Form zu zwängen. (Fortsetzung folgt.) und Nachrichten. Deutsch»« Kelch. Serienbriefe aus Berlin. orrespondenzen I. E. B. Berlin, 5. Juli. Weit mehr als eine Viertel Million Menschen haben in den letzten acht Tagen die Reichshauptstadt verlassen, tun in der Sommerfrische, an der See oder auf den Bergen ihren ramponierten inneren und äußeren Menschen wieder auf den Normalzustand zu setzen. Was Wunders, daß man weniger Bekannte als sonst in Schul', auf der Straße und sogar an den Erholungsorten findet/ eine Bevölkerungsabnahme von beinahe 15 Prozent geht eben auch an dem Lebensbild iwntfHSiaiiiüatiti