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Der Israelit · 1908-07-16 · Heft 29 (16.7.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 29 (16.7.1908)
Date
1908-07-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Der JSraeltt. Nr. LS. Seite 5 1« Juli 1908._ Nisselowitz einige Wünsche und Forderungen auszusprechen. Indessen blieb auch diese einzige Gelegenheit unausgenutzt. Denn was Herr Nisselowitz im Namen seiner Wähler sagte, war seine eigne Meinung und darf keineswegs als Willensäußerung der russischen Judenheit, als Ausdruck ihrer Wünsche und Forderungen gelten. Herr Nisselowitz verzichtet — wie in einer Korrespondenz aus Petersburg in letzter Nummer ausführlich mitgeteilt — aus die jüdische Volksschule, während sie die Polen, Litauer, Letten u. s. w. als erste Forderung aufstellten. Er will nur die Abschaffung der Grenzen und Schranken, die heute noch den Juden den Weg zur Mittel- und Hochschule versperren und meint, sich damit im Sinne seiner jüdischen Wähler vollständig zufrieden geben zu können. Das ist unserer Meinung nach — und die Stimmung im jüdischen Rußland hat diese Meinung bestätigt — weit gefehlt. Wir halten ein bescheidenes, nicht allzuanspruchsvolles Auftreten der jüdischen Miniaturfraktionen in den Parlamenten gewiß für klug und zweckmäßig. Wir begreifen und billigen es auch durchaus, wenn die jüdischen Abgeordneten nicht in einer Reihe mit Polen und Letten nationaljüdische Forderungen vertreten, sondern ihr Hauptaugenmerk auf die Erringung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung für die vor allem durch ihre Religion geeinten ruffischen Juden richten. Allein gerade im Namen der jüdischen Religion hätte Herr Nisselowitsch die Pflicht gehabt, die autonome jüdische Volksschule mit allem Nachdruck als einziges Rettungsmittel für die i cligtöfe Zukunft der russischen Juden zu fordern, eine Volksschule, die jüdisch sein, d. h. von den Verti auensmännern der Gemeinden, den Rabbinen, geleitet und die autonom, d h. unabhängig, sein müßte von dem durch jüdisch-neologe Einflüsse oft mißleiteten und falsch informierten russischen Beamtentum. Das russische Bildungsproblem wird noch lange seiner Lösung entgegenharren. So lange die jüdische Jugend am Cheder als Elementarschule und an der Jeschibah als Mittel- und Hochschule Genüge fand, war das jüdische Bildungsproblem unabhängig und unbeeinflußt von allen anderen Volks- und Bildungsfragen, gab es, richtiger gesagt, überhaupt kein jüdisches Bildungs- Problem in Rußland. Dieser Zustand gehört nun — wir können die Tatsache tief bedauern, aber leider nicht mehr bestreiten - der Vergangenheit an. Und auch Herr Niffelowitz dachte, als er für die unbegrenzte Zulassung der jüdischen Studenten zu den Hochschulen so energisch eintrat, sicherlich nicht au Cheder- und Jesich ibahzäglin ge. Wie aber denkt sich der Herr Abgeordnete die Zukunft des Judentums in Rußland, nachdeln seine Wünsche und die seiner Kollegen aus den anderen nationalen Fraktionen erfüllt sein werden? Nachdem also alle andern Nationalitäten— mit Ausnahme der Juden — Elementarschulen erhalten, nachdem Cheder und Jeschibah ihre volkserzieherische Kraft eingebüßt? Was wird der aus der nationalrussischen oder polnischen Elementarschule ins Leben oder in die Hochschule tretende jüdische Jüngling noch von Juden und Judentum wissen, wissen wollen? Ist es nicht geradezu beschämend, daß neben allen nationalen Vertretern Inder Duma, die mit Wärme für eigene Schulen eintreten — einzig und allein der Vertreter der Juden den Wert der Volksschule als elementarste Bedingung jedes religiösen Sonderdaseins verkannte? Noch haben die zum Schuletat gehaltenen Reden keinen andern Wert, als den einer mehr oder minder guten Rhetorik. Regierung und Volksvertretung sind noch weit davon entfernt, auf die frommen Schulwünsche der einen oder anderen Nation ernstlich einzugehen, und es wird bis dahin den jüdischen Vertretern noch mehr als einmal Gelegenheit geboten werden, sich über diese Frage zu äußern. Wir zweifeln aber nicht, daß sie nach reiflicher Ueberlegung und Fühlungnahme mit den geistigen Leitern des Volkes, zu welchen wir in erster Reihe die Rabbiner zählen, bald selber zur Einsicht gelangen, daß alle Hoffnungen für die Zukunft der Juden und oes Judentums in Rußland auf einer guten jüdischen Volksschule, die Jünglinge zu treuen Juden und erwerbsfähigen Bürgern heranerzieht, ruhen. Einen kleinen Ansatz zu solchen Elementarschulen bilden ja auch die auf die D'"Hn bezüglichen Punkte in den Statuten des Verbandes DDir. Daran anzuknüpfen wird die nächste Aufgabe derjenigen sein, denen eine günstige Lösung des jüdischen Bildungsproblems in Rußland am Herzen liegt. flu$ der Werkstatt moderner ftellglonspbilosopden. Bon Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. (Fortsetzung.) Der vierte Abschnitt enthält den Wunsch, den offenbar Goldschmidt im Innersten seines Herzens trägt, und dieser Wunsch war der Vater des Gedankens, den er uns mit allem Ernste des Fachgelehrten und dem Rüstzeug der Wissenschaft im zweiten Abschnitt vorträgt. Der vierte Abschnitt nämlich, betitelt: „Das Judentum der Gegenwart", erzähle uns, „daß die Differenz zwischen „Orthodoxie" und „Reform" im Judentum alle prinzielle Bedeutung verloren und zu ganz minimalen Dimensionen zusammengeschrumpft sei und knüpft daran die Hoffnung, auf eine friedliche Verständigung zwischen Orthodoxie und Reform. So hätten denn die Bestrebungen, die in den letzten Jahren den Gesetzestreuen soviel Sorgen gemacht, die alle darauf hinausliefen, für das Gesamtjudentum eine Organisation zu schaffen, die mit Hilfe einer bereits vorhandenen Organisation die religiösen Bedürfnisse der „Orthodoxie" und „Reform" gleichmäßig befriedigen zu können Vorgaben, so hätten diese Bestrebungen nun endlich auch ihren religionsphilosophischen Theoretiker gefunden. Oder besser ihren religionsgeschichtlichen. Denn Goldschmidt unternimmt es im zweiten Abschnitt allen Ernstes „nach Bibel, Talmud, Tradition und religiöser Praxis darzustellen", daß zwischen den beiden „Richtungen" im Judentum keine prinzipielle Verschiedenheit herrscht! Es stehen sich, meint er, im Judentum die beiden Auffassungen gegenüber: die eine erkennt die Ergebnisse der Religionsgeschichte an, sieht in der jüdischen Religion in gleicher Weise wie in jeder anderen nur das Produkt des Volksgeistes, den Niederschlag der geschichtlichen Entwicklung. Die andere geht von der Offenbarung aus und betrachtet nur diese Offenbarung als eine Quelle aller religiösen Verpflichtung. Der Vefaffer belehrt uns nun darüber, daß das Judentum den Begriff der Offenbarung gar nicht kennt, daß all das, was die fogenannte Offenbarung am Sinai dem Volk verkündete, tatsächlich von ihm seit Väterzeiten her bereits geübt wurde. Viele Midraschim berichten uns, daß die Vorschriften der Thora schon früher von den Stammvätern befolgt worden sind. In dem Dekalog ist nichts enthalten, was nicht vernunftgemäß als ethisches Gesetz in dem Bewußtsein des Volkes lebte,' das einzige „Ceremonialgesetz", das hier vorkommt, der Sabbath, ist in der Tat schon vorher in Marah geboten weide. Er sucht den Beweis zu führen, daß die Lehre von der „Offenbarung" widersinnig ist, zu einer dem modernen Bewußtsein unerträglichenAuffaffung von derBevorzugung eines bestimmten Volkes führen mußte. Israel verdankte vielmehr alles sich selbst, und erst als es in seiner inneren Entwicklung die Stellung errungen habe, in der es sich zu all den Forderungen Gottes aus eigenem Antriebe bekannte, wurde ihm am Sinai die göttliche Bestätigung zuteil. Als ein Beispiel dafür, wie — seltsam der Verfasser die Midraschim verwertet, mag hier eine Stelle zitiert werden: »Ja, die Weisen haben die Kühnheit soweit getrieben, zu erklären- Gott hate die „Zehn Gebote" von MoseS vor ge sagt bekommen,- nur waS MoseS vorher aus dem BolkSgeist Israels heraus für gut befunden hatte, daS hat Gott vom Sinai herab Israel vorgetragen! — die Schwester anerbot, ganz extra koscher kochen zu wollen, so ging das doch nicht an. Jedoch bot dieses Dilemma vor 40 Jahren keine lanDe Verlegenheit für die alten Menschen in einer Gemeinde von über hundert Familien. Noch am selben Abend traten einige Frauen zusammen und berieten sich über diesen heiklen Fall, der auch bald, ohne große Debatten in der schlichten und praktischen Weise erledigt ward, wie er für die jüdischen Frauen von damals noch charakteristisch war. Da war Rebb Wolf's Madel in der Judengasse, die Sette Bär, die Jette Blad, des Tischlers Eis kleine, aber tapfere Frau, Maier Levis Frau, Evchen Simon, wahre Gdelsrauen, die allerdings weder Schopenhauer gelesen, noch sich um Goethes Wahlverwandtschaften je gekümmert hatten, so wenig wie die Keile Psendersheim, die überhaupt nicht lesen konnte, sich je um etwas anderes als um ihren Mordche und um die, nicht wenigen Waisenkinder, die ihre Spezialität bildeten, bekümmert hatte. Gerade Keile nahm die wichtige Nahrungsfrage sofort in die Hand. Waren doch Awromchen und Schenchen nebbich auch arme Jessaumin^ wie das bei ihreur Alter auch nicht ungewöhnlich sein konnte. Da war die resolute Sette Bär, der, während sie hart und unwirsch die armen Leute anfuhr, das edle Herz in überquellender Liebe und zartem Hilssdrang den Leidenden und Armen hoch cntgegenschlug. Die Sette besann sich nicht lang aus eine wohlgeordnete Rede, in der die Satzfolge, die Syntax und Grammatik zu ihrem Rechte kamen, sondern erklärte dem zitterigen Schenchen, es sei schon zu schwach, um selber über die Gassen zum Einkäufen zu gehen, beim Feueranzünden könnte es ein Unglück anstellen und gar Kochtöpfe zu heben und zu tragen, sei es völlig außer Stande. „Umsonst zu essen besorgen? Davon hat Niemand gesprochen Wenn mal das erste Vierteljahr um ist, während dem alles gewissenhaft ausgeschrieben worden, wird abgerechnet." Sette Bär hatte gesprochen und eine Gegenrede gab es dann nicht. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte nun der Friedensrichter durch mancherlei Fragen an Schenchen erfahren, was ihn hier interessieren mußte. Jetzt sollte auch der Kläger, aus dessen Anzeige hin, heute die spannende Gerichtsverhandlung stattfand, vernommen werden. In befehlendem Tone ries der Gerichtsvollizeher nach dem Kläger Jakob Rosenwald. Als kein „hier!" antwortete, meldete mit gemäßigter Stimme wieder der Gerichtsvollzieher: „nicht anwesend." „Das war ihm auch geraten", ließ sich wieder eine Stimme in drohendem Tone vernehmen. „Wer sprach hier schon wieder?" frug der Richter ärgerlick». (Fortsetzung folgt.) (Tierschutz.- Eltern, die mit ihren Kindern ins Seebad reisen, seien gewarnt vor einer Lieblingsbeschäftigung ihrer Kinder, dre geeignet ist, das wichtige Gefühl des Mitleides, welches dem Menschen einen hohen Wert gibt, allmählich abzustnmpsen und zu ertöt ui. Wir meinen das Fangen der kleinen Fischlein am Strande. Man sage den mindern lieber, daß es ein großes Unrecht sei, die kleinen, unschuldigen und harmlosen Tierchen aus dem großen Meere hcrauszunehmen und in einen kleinen, engen Bebälter zu stecken, an dessen Wänden sie sich fortgesetzt stoßen und dessen Wasscrerncuerung gar zu bald vergessen wird. Eine ernste Belehrung und Ermahnung genügt, und sie achten das Leben dieser kleinen Meeresbewohner und erfreuen sich um so mehr an dem fröhlichen und munteren Spiel derselben in ihrem großen, unendlichen Element. Sie werden sogar dann ohne Aufforderung verirrte Fische aus den sich bei Unruhe des Meeres stets bildenden großen und kleinen Tümpeln herausfangen und wieder ins Meer Hineinsetzen, damit die Tierchen bei der Austrocknung der Tümpel nicht elend umkommen. Wir diirfen diese Mahnung auch besonders jüdischen Eltern ans Herz legen. Ter Tierschutz ist ein Gebot der Tl)v»n NrpnNio QTin ’bjn -ij«. (Jüdische Musiker in Rußland.) Die große Verbreitung der Musikkunst im russischen Ghetto dürfte allgemein bekannt sein. Die meisten Musikkapellen, selbst diejenigen ,die vor den höchsten Herrschaften zu musizieren haben, bestehen zum großen Teil aus Juden. Die Direktion des „Klubs der 'Adeligen" in Jekaterinoslaw, der seit undenklicken Zeiten ebenfalls eine eigene jüdische Kapelle hatte, wollte diesem „schmachvollen Zustande" ein Ende machen und gab den Auftrag, eine judenreine Kapelle zu organisieren. Trotz aller Anstrengungen uiiö der glänzendsten Bedingungen gelang es jedoch nicht, ein Orchester ohne Zuhilfenahme jüdischer Kunstkräfte znsannnenzubringen. Der Klub beschloß daher, in dieser Sommersaison lieber auf die musikalische Unterhaltung zu verzichten. Auch im Pawlowsker großen Sommerorchester find zahlreich« jüdische Musiker, besonders Schüler des Petersburger Konservatoriums werden herangezogen, die während des Sommers aber in Pawlowsk wohnen. In diesem Jahre jedoch, da der bekannte Polizeiertaß, durch den den jüdischen Studenten das Wohnen in Petershof, Zarskoje Selo, Gaschina und Pawlowsk verboten wurde, bereits in Kraft ist, ist aiuch den jüdischen Musikern! das Wohnen in Pawlowsk nicht erlaubt. Die Konzerte an diesen beliebten Sommerfrischen sollen seitdem ziemlich verstimmt fein, die vornehmen Kurgäste nicht weniger.

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