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Der Israelit · 1908-07-16 · Heft 29 (16.7.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 29 (16.7.1908)
Date
1908-07-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Der JAraettt 16. Juli 1S08 «Me s. «r. « ___ orthodoxen Judenheit der ganzen Welt für alle Zeiten gesegnet und heilig gehalten wird, so reiht sich diese Tat des Barons Edmund dem Leben seines unvergeßlichen Schwiegervaters würdig an und weckt die Erinnerung an das alte jüdische Weisheitswort: NN« riyera Wiy nnp vn Württemberg. Wir beginnen an leitender Stelle mit der Besprechung des neuen württembergischen Judengesetzes und halten es dabei nicht für überflüssig, zu bemerken, daß der Verfasser dieser ausführlichen Würdigung des neuen Gesetzgebungswerkes mit den Verhältnissen in Württemberg aufs genaueste vertraut und zu einem maßgebenden Urteil besonders berufen ist. Der prinzipiell ablehnende Standpunkt, den w i r aus Grund der religionsgesetzlichen Bestimmungen gegenüber jeder Beschränkung der Gemeindeautonomie und daher jeder Konsistorial-Verfafsung gegenüber einnchmen, ist bei der Besprechung des Berfassungsentwurfs mit Vorbedacht außer Acht gelassen worden, weil es sich darum handelt, gerade diejenigen Kreise zu einer sachgemäßen und fruchtbaren Kritik des Gesetzentwurfes anzuleiten, die an den G r u n d z ü g e n der nun einmal vorhandenen-württembergischen „Kirchen"-Versassung festhalten und nur i n n e rhalb derselben gewissen elementaren Anforderungen des Religionsgefetzes und der Gewissensfreiheit Geltung verschaffen möchten. Die gesetzgebenden Faktoren in Württemberg werden solchen Abänderungsvorschlägen gewiß nicht unzugänglich sein. Die Oberrafshrife. Der badische Oberrat hat eine traditionelle Vorliebe für das „Berichtigen", aber es scheint, daß es ihm jetzt nach dem Ausscheiden des Herrn Geh.-Rat Prof. Dr. Rosin an den notwendigen juristischen Fachkenntnissen gebricht, um Grundgedanken und Anwendbarkeit des S 11 des Paßgesetzes mit genügender Klarheit zu ermessen. Der Oberrat schickt uns nämlich unter Berufung auf diesen § 11 eine sogenannte Berichtigung zu unsrem vorwöchigen Artikel „Oberratskrise" ein, die eine vollinhaltliche Bestätigung aller von uns angeführten Tatsachen bietet und von unsrer Auffassung nur durch die — begreiflicherweise — wesentlich verschiedene Beurteilung dieser Tatsachen abweicht. Welche Gedanken und Gefühle die Brust des Herrn Geh.-R. Prof. Dr. Rosin bewegten, als er seinem Amte Valet sagte, und Mit welchen Empfindungen sein allmächtiger Kollege vor der letzten Tagung der Synode sein Amt niederlegen „wollte", das er dann „auf Ersuchen des Kollegiums" schleunigst wie vermittelnd dazwischen rief: „So genau kimmt's jo nit druff an!" Jetzt schnellte der Richter aus seiner vorgebcugten Stellung empor und rief mit strengem Gesichtsausdruck: „Herr Ammelburger, Sie haben jetzt zu schweigen, bis Sie gefragt werden, sonst lasse ich Sie aus dein Saal verweisen." „So?" rief der Mann aus dem Volke dreist zurück, „warum bin ich denn als Zeuge gelade? Do kann ich lieber gleich gehe." * „(Sie werden schon erfahren, wenn Sie hier sprechen sollen," lenkte der Richter ein. Solche kleine Zwischenfälle ereigneten sich in der Zeit vor 1866 nicht selten in den Räumen der kleinen Friedensgerichte, ohne daß sie als ein besonderes Vergehen beachtet oder gar bestraft, sondern nur mehr oder weniger streng gerügt wurden. Und trotzdem sie in den hessischen Gerichtssälen nicht sofort zu Freiheits- und Geldstrafen 0er Jnkulpaten führten, litt darunter die richterliche Autorität und die Rechtssprechung nicht im mindesten. Noch wehte der frische Lustzug von 184{? und 1849 der den Klassengeist stark erschüttert hatte, durch die Räume der Justiz. Und weil derartige Vorkommnisse nicht unerhört waren, wurde auch der Gang der Verhandlung nicht weiter gestört. Nachdem der Zeuge Ammelburger zur Ruhe verwiesen worden, fuhr der Richter int Verhör tveitcv fort: „Wo sind Sie geboren?" „Natürlich hier, wo denn?" frug Schenchen mit naiver Verwunderung. „Wovon leben Sie? Ich meine, wie Sie sich ernähren?" fuhr der Richter fort. „Streng koscher", antwortete die Frage mißverstehend Schenchen, woraus dann das lang verhaltene Lachen endlich fesfellos durch, den Saal brauste. Etwieder beibehielt — das sind Dinge, über die wir mit genau derselben Kompetenz zu urteilen vermögen wie das „Sekretariat des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten", welches im Auftrag richtigt" des Ministerialkommisiars also be- 1. Es ist nicht wahr, daß im Oberrat eine „Krise" besteht. Das Ausscheiden eines Mitglieds wie des Geh.- Hofrats Dr. Ros in bedeutet allerdings einen schweren Verlust für das Kollegium. Er war durch den schon beim Ablauf der letzten Dtenstperiode des genannten Herrn (Ende 1906) ausgesprochenen Entschluß, nach kurzer Zeit endgültig zurückzutreten, unabwendbar. 2. Es ist nicht wahr, daß von den Herren Geh.- Hofrat Dr. Rofin und Geh.-Oberregierungsrat Dr. Mayer oer erstere ein „Gegengewicht" des letzteren im Kollegium bildete. 3. ES ist nicht wahr, daß Herr Geh.-Hofrat Dr. Rofin ausgeschieden ist, weil er „seinem allmächtigen Oberratskollegen keine Gefolgschaft mehr leisten will". Die Unterstellung eines solchen Verhältnisses im Oberratskollegium überhaupt und unter den genannten Herren insbesondere muß als den Tatsachen widersprechend zurückgewiesen werben. Neue, mit dem akademischen Berufe zusammenhängende Aufgaben und Pflichten veranlaßten Herrn Geh.- Hofrat Dr. Rofin, auf das kirchliche Ehrenamt, das ihm stets viel Arbeit und Berantwortlichkeit gebracht hatte, zu verzichten. 4. Es ist unwahr, daß „Herr Geh.-Rat Mayer unentwegt an seiner Würde sich festklammert". Er hat dieselbe schon vor der letzten Tagung der Synode niedertegen wollen und ist nur durch das Ersuchen des Kollegiums bestimmt worden, fie deizubebalten. Karlsruhe, den 14. Juli 1908. Sekretariat des Großh. Oberrats der Israeliten. D r i e s e n. Wir konstatieren also: 1. Die Oberratskrise besteht, denn Herr Geh.- Rat Rosin ist in der Tat zurückgetreten, ohne daß bis jetzt ein Nachfolger ernannt wäre. 2. Herr Geh.-Rat Mayer bleibtes ist also keine Aussicht vorhanden, daß die von Rosin vertretene objektivere und versöhnlichere Tonart die Oberhand gewinne. 3. Ueber die inneren Motive und demgemäß über die Folgen des Rosin'schen Rücktritts und des Ausharrens des Herrn Geh.-Rat Mayer ist der den Oberrat leitende Herr Ministeralkommiffar anderer Ansicht wie wir und zahlreiche Kenner der badischen Imponderabilien. Diese Verschiedenheit der Auffassung ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, daß der Herr Minifterialkommiffar seine Jnforinatiouerr über jüdische Dinge — bisher wenigstens — ausschließlich von einer der beiden Parteien, nämlich vom Oberrate selbst, bezogen hat, und daher kaum in der Lage ist, sich ein objektives Urteil zu bilden. , Interessanter und politisch wertvoller wäre was schwerhörig, wie Schenchen war, hörte sie wohl das Lachen nur halb, und fuhr, weil sie vermutete, daß ihre Aussage nicht vollen Glauben gefunden habe, beteuernd fort: „Bor Ihren Augen will ich untcrgehen, wenn mir je ein trefener Bissen über meine Lippen gekommen." Als Schenchen, gekränkt von dem vermeintlichen Mißtrauen, daß man ihr eine solche Sünde zutrauen konnte, laut ausschluchzte und die hervorstürzenden Tränen mit ihrem Tüchlein auffing, sah der Richter zum erstenmale das vor ihm stehende Weibchen genauer an. Ein Schimmer von Mitleid flog über sein blühendes Gesicht und mit sanfterer Stimme als bisher, frug er weiter: „Wo haben Sie bisher gewohnt?" Nun öffneten sich bei Schenchen, welche durch das mildere Wesen des Richters nun mehr Mut gefaßt hatte, die Schleusen weiblicher Beredtsamkeit. Fast ihr ganzes Leben hatte sie bei ihrer Schwester, der verstorbenen Frau Rosenwald gelebt und bis zu deren Tode die ganze Schwere ihres eigenen Schicksals nicht so tief empfunden, wie späterhin. Ihr Schwager Rosenwald hatte - bis zum Tode der Frau ziemlich einträchtig mit Schenchen gelebt, denn sic hatte sich als Nähterin, im Haushalt, beim Waschen und Kochen überaus nützlich gemacht, was .umso höher anzuschlagen war, als Schencheus Schwester, Frau Rosenwald, jede Woche vier Tage Kopfweh hatte, und ihre obere Gesichtshälfte stets dann in ein Tuch verwickelte, sich einschloß und minoestens zwei Tage im Bett liegen blieb. Dann, als die Madel (Maria) tot war, fing der Unfriede an. Zuerst forderte Rosenwald mehr Miete, und Kostgeld von Awromchen, der doch beinahe mit ihm verwandt geworden wäre; dann wollte er die Ersparnisse Awromchens, dreihundert Gulden vermacht haben, die doch längst für Schenchen bestimmt waren. es jedenfalls gewesen, wenn der Oberrat, statt eine seiner formalen „Berichtigungen" in die Welt zu schicken, uns lieber mitgeteilt hätte, ob Herr Geh.-Rat Rosin vielleicht schon versucht hat, die der siegreichen Synodalmehrheit offiziös in Aussicht gestellten politischen Konzessionen zur Ausführung zu bringen und welches Maß von Gegenliebe er damit bei dem rnaßgebenden Herr»: Kollegen fand?.' U. A. w. g. Vas ruffifch-iüdifche Bitöungsproblem in 9er Sriffen Duma. Die dritte Duma hat ihre erste Session beendet. Sie brachte im allgemeinen das, was man von ihr erwartet hat, oder richtiger gesagt, sie brachte nicht, was man von ihr nicht erwartet hat und auch nicht erwarten konnte — die Lösung der Judenfrage. Daß man der Juden in dieser Session überhaupt erwähnte, war in erster Reihe der äußersten Rechte zu verdanken, die jede vaffende und unpassende Gelegenheit benutzte, um Ausfälle gegen die Juden zu unternehmen und der Ausrottüngspolitik im Sinne Dubrowins und Pureschkewitschs das Wort zu redeil. Die Ausfälle waren oft so brutal und raffiniert zugleich, daß die Kadetten, die wie die Oktobriften am liebsten die Judenfrage im russischen Parlamente totschweigen möchten, nicht umhin'konnten, Programm- und Pflichtgemäß einige Worte der Verteidigung verlauten zu lassen. Verteidigung. Nichts ist so sehr imftarlde die Farce der Volksvertretung in der dritten Dllma zu kennzeichnell als diese fortwähreud heraufbeschworene Verteidigung derJnden. In der ersten Duma führten Juden ergreifende, Gewissen erschütternde Anklage-Reden über Druck und Entrechtung. Die Juden und deren Vertreter in der dritten Dunra sind auf die Defensive angewiesen und müssen durch die obwaltenden Verhältnisse sich aus Verteidigung beschränken, da sie zur Erhebung bitterer Allklagen gutes Recht und vollen Grund hätten. Man behandelte den Justizetat, ohne daß jemand nur ein Sterbenswörtchen über die rühlulichft bekannte Führung der Pogrvmprozesse und über die Begnadigungen der Paar verurteilten Pogromhelden gewagt hätte. Mail verhandelte über eine Militärvorlage und die Anklagen der Juden über ungerechte Aushebungsnorm, über Zurücksetzung und Mißhandlung aller Art mußtell sich in einigen schwachen Berteidigungsworten gegen Anschuldigungen des Landesverrates, der Untreue und Disziplinlosigkeit erschöpfen. Mit der Debatte über das Schulgesetz schloß die Session, und da gelang es allerdings dem jüdischell Abgeordneten So kam es täglich zu Zank und Streit, bis sich der Hauseigentümer ins Mittel legte und Rosenwald die Wohnung sündigte, die dieser fast während seiner ganzen Ehe innegehabt hatte. Rosenwald, dessen beide Töchter verheiratet auswärts wohnten, geriet in große Verlegenheit. Ta brannte der ältere Schwiegersohn seiner Frau, Oie kein eintvandfreies Leben geführt hatte, durch und Rosenwald bezog nkit der von ihrem Manne verlassenen Tochter in eine andere Wohnung und überließ Awromchen und Schenchen ihrem Schicksal, nicht ohne beiden vorher Rache geschworen zu haben. Rosenlvald, der ein Gewohnheitsschnorrer feinerer Art war, sich untertvegs in den kleineren oder «uch großen Gemeinden als ein ins llnglück geratener Kaufmann, Lehrer oder Lamdon (Gelehrter) ausgab, je nachdem die Situation das eine oder das andere vorteilhafter erscheinen ließ, gerierte, war den größten Teil des Jahres abwesend. Wenn er dann nach Hause kam, hatte Schenchen keine Ruhe vor ihm. Sie mußte für den Schwager besonders kochen uiid backen und wurde dann wie eine L-klavin behandelt. Mit dem Wohnungswechsel hatte das nun ein End?. Kaum hatte Nosenwald die Wohnung geräumt, da kam schon die neue Mieterin, eine christliche Witwe mit ihrer blutjungen Tochter ins Haus, verteilte mit ein paar handfesten Männern ihre ganze Mobitiareinrichtung in die verschiedenen Stuben und bis Abends war alles wieder in Ordnung gebracht. Schenchens Kämmers erhielt bessere Möbel und auch Awromchens Mansardenstüchchen ein freundlicheres Ansehen und die beiden Alten blieben in den ihnen liebgewordenen Räumen. Mit der Beköstigung entstanden allerdings für sie jetzt größere Schwierigkeiten, denn sie konnten nicht fürsich allein kochen: Schenchen war schon zu alt und wenn sich mich die Witwe Kloos, Ammelburgers

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