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Der Israelit · 1908-07-09 · Heft 28 (9.7.1908) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 28 (9.7.1908)
Date
1908-07-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage M Nr. 28 des „Fsraelit". euilleton. ZW mm Der €«ktl. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung) Edwin hatte vortrefflich geschlafen, war frisch nnd froh erwacht und hatte mit den Großeltern und seiner jugendlichen Tante gefrühstückt. Dann hatte sich Gotthold ins Kontor begeben und Clementine war in die Schule gegangen. Irma saß am Fenster vor ihrem Nähtischchen, mir einer Handarbeit beschäftigt, Edwin setzte sich ihr gegenüber. „Armes Tantchen!" sagteer lächelnd,' „heute ist sie gar nicht gern fortgegangen, aber so gern ich auch mit ihr plaudere, so habe ich mich doch mehr danach gesehnt, mit dir, liebe Großmama, allein zu sprechen." „Les beaux csprits se rencontre,“ erwiderte sie, ihm liebevoll zulächelnd, „ich habe mich auch nach einem L lete mit dir gesehnt" Wirklich, Großmama? Das freut mich. Aber ich möchte dich um deine Ansicht in einer mir sehr am Herzen liegenden Angelegenheit bitten, beziehungsweise um deinen Rat." „Sprich, liebes Kind, meine Ansicht werde ich dir in jedem Falle sagen, und wenn ich dir mit einem Rat nützen könnte, würde es mich freuen." , Aber es währte eine geraume Zeit, bevor Edwin mit der Sprache herausrückte, es ward ihm doch schwerer als er geglaubt hatte. „Nun, liebes Kind, warum sprichst du nicht? Mir gegenüber brauchst du dich in doch in keiner Hinsicht zu genieren, also sag's frisch heraus, was liegt dir auf dem Herzen?" Edwin ward bald blaß, bald rot, endlich begann er zögernd, hin und wieder stockend: „Ach habe zwar damals nicht mit dir darüber gesprochen, aber der Großpapa wird dir's wohl gesagt haben — wodurch ich damals unwohl geworden — damals — kurz bevor ihr mich zu dem Doktor Hasenfeld gegeben habt." — „Ja, liebes Kind, das hat der Großpapa wir gesagt — aber ich habe auch gestern gehört, daß du gesagt hast, du glaubst deiner Mutter damals Unrecht getan zu haben." „Das ist's ja eben, worüber ich mit dir sprechen möchte. — Ich weiß es ja, es ist nicht recht — ihm verdanke ich ja doch die wertvollste Bekanntschaft meines Lebens, ihm verdanke ich's, daß jener edle herrliche Mann mein Lehrer und wein Freund geworden ist — und dennoch hasse ich ihn, hasse ihn mit aller Glut meines Herzens — wie man nur die Sünde hassen sollte." Irma erschrak über die Leidenschaftlichkeit, die aus dem ganzen Wesen des sonst so sanften, harmlosen Jünglings sprach, seine Hände hatten sich zu Fäusten geballt, seine Augen schienen Feuer zu sprühen. „Du hast ganz recht, liebes Kind, hassen darf man nur die Sünde — nicht die Sünder." „Ich weiß, ich weiß," murmelte Edwin, „aber —". Er stockte wiederum. „Du hast mir noch nicht gesagt, gegen wen sich deine Erregung richtet — ich glaube jedoch, du meinst Baron Brandow." - „Kennst du ihn, Großmama?" „Ich habe ihn ein einziges Mal in Alihof gesehen und flüchtig gesprochen, glm übrigen ist er eine stadtbekannte Persönlichkeit, von der je doch nicht viel Gutes geredet wird." „Das ist's ja ehen. — Ich weiß zwar eigentlich nichts Böses von ihm, aber ich könnte mir alles mögliche Böse von ihm denken. Und dennoch behauptet nicht nur Mama, sondern auch Pater Anastasius, daß ich - ich -- daß ich ihm Ehrfurcht schuldig wäre." Irma ließ die Handarbeit sinken und blickte betroffen zu ihm hinüber. „Du wärst dem Baron Brandow Ehrfurcht schuldig? - Was soll das heißen?" „Ja io — du weißt nicht — Mama will ihn heiraten, da wird er doch mein Stiefvater." Irma war bis auf die Lippen erblaßt, ihre .Stimme war seltsam heiser als sie sprach: „Das ist unmöglich, Kind. Deine Mutter ist Jüdin, der Baron ist Christ, eine Ehe zwischen Juden und Christen ist undenkbar." „Entschuldige, liebe Großmama, ich glaube, du bist im Irrtum, die Ehe zwischen Juden und Christen nennt man Zivilehe. Aber die will der Baron nicht, darum wird Mama sich taufen lassen, dabei ist doch nichts." „Edwin!" schrie Irma auf, „unglückseliges Kind, wie kannst du so gottlos reden!" Er war ausgestanden und hatte den Arm um ihren Hals geschlungen und blickte mit überlegenem Lächeln zu ihr nieder: „Liebe, gute Großmama, sei unbesorgt, ich spreche nicht gottlos. Wenn etwas mich mit der unglückseligen Angelegenheit versöhnen könnte, so' wäre es Mamas Absicht, zu der Religion der Liebe übeezutreten, was doch auch meine Absicht ist Irma unterdrückte einen Ausruf des Entsetzens, sie wollte ihn ausreden lassen, und ohne zu ahnen, daß jedes seiner Worte sie wie ein zweischneidiges Schwert traf, fuhr er fort: „Ich weiß gewiß, wenn du die unvergleichlich schöne heilige Religion kennen lernen louiC' best, wie ich dieselbe kenne, so würdest du auck» zu derselben übertreten und der Großpapa auch und ich habe mir fest vorgenommen, alles aufzubieten, den Großpapa Schröder zu bewege», gleichzeitig mit der Mama überzutreten. — Aber wenn ich nur wüßte, wie die Mama davon abzubringen wäre, den abscheulichen Menschen zu heiraten — dem sollte ich Ehrfurcht erweisen? - Den sollte ich Vater nennen! — Ich glaube, ich würde ersticken, wenn ich es tun wollte. - Weißt du mir darin keinen Rat, Großmama?" Irma fuhr mit der Hand über die Stirn und atmete schwer auf. „Ich habe heftige Kopfschmerzen, augenblicklich bin ich nicht imstanoe irgend etwas zu überlegen." „Das sieht mau dir an, Großmama, verzeih' daß ich dich mit meinen Angelegenheiten belästigt habe." „Das hat nichts zu sagen, Kind, komm nur mit allem, was du auf dem Herzen hast, zu mir. — Pur im Augenblick muß ich mich niederlegen, wenn der Kopfschmerz vorüber ist, sprechen wir weiter darüber." „Ach, das eilt ja nicht, das hat Zeit bis morgen. Kann ich dir irgend etwas besorgen, Großmama? Sodawasser, Eau de Eologne oder dergleichen?" „Danke sehr, liebes Kind," erwiderte Irma, die Hand gegen die pochenden Schläfen drückend, „ich bedarf nur der Ruhe, dann wird es gleich wieder gut sein. — Aber um Eins möchte ich dich ersuchen, Edwin. Ueber all das, was du mir jetzt gesagt hast, sprechen wir entweder Nachmittags oder morgen weiter. Aber ich möchte dich sehr bitten, inzwischen mit keinem darüber zu sprechen, weoer mit dem Großpapa, noch mit Clementine, noch —" „Das hätte ich ohnehin nicht getan. Aber nun bitte, lege dich nieder, Großmama, damit der böse Kopffchmerz vorübergehl. Ich gehe indessen in des Großpapas Studierzimmer, dann hast du hier vollständige Ruhe." Er nickte ihr grüßend zu und begab sich in das anstoßende Zimmer, die Verbindungstür in's schloß drückend. Irma hatte sich unwillkürlich niedergelegt, aber gleich daraus richtete sie sich wieder auf, es duldete sie^ nicht lieaeitö, sie wollte nicht gleich dem Vogel Strauß den Kopf in die Polster wie in den Sand stecken, wollte nicht die Hände in den Schoß legen, sie wollte handeln, handeln. — Aber wie?" — Das Entsetzliche, was ihr Liebling da so hannlos ausgesprochen hatte, hatte sie doch nicht unvorbereitet getroffen, seit damals sein Brief aus Singapore gekommen war, hatten sie Ähnliches erwarten müssen, und dennoch hatte es sie nahezu niederschmetternd getroffen. — Und wie mußte es ihren Gatten treffen! — Sie hatten ja oft und oft darüber gesprochen, daß der Knabe entführt worden war einzig und allein zu dem Zwecke, um mißleitet zu werden, um systematisch auf Abwege geleitet zu werden. Es war nur eingetroffen, was sie hatten erwarten müssen. Unzählige mal hatte Gotthold sich angcklagt, daß er Edwins wiederholten Bitten nicht entsprochen uno ihn nicht durch geeigneten Unterricht gegen jegliche Verführung gestählt hatte. - Edwin gehörte zu den reichsten Grundbesitzern des Landes, hätte er nicht für ihn einen geeigneten Talmudgelehrten besolden und nach B. schicken küunen? Daß ihm das nicht eingefallen war.' Und der Knabe hatte doch so oft um Unterricht gebeten. Und Irma war es auch nicht eingefallen. Waren sie denn mit Blindheit geschlagen gewesen? Sie preßte beide Hände gegen die Stirn jetzt war's nicht an der Zeit zu überlegen, was sie vor Jahren hätten tun müssen, jetzt galt es nur zu erwägen, was jetzt geschehen nrußte. Nicht früher wollte sie mit dem Gatten von d?r traurigen Angelegenheit reden, bevor sie nicht wenigstens einen Vorschlag machen konnte. Aber Gotthvld wußte in ihren ausdrucksvollen Zügen zu lesen. Als er zur Essenszeit nach Hause kam, erschrak er über ihr Aussehen, obgleich sie ihn lächelnd begrüßte. „Tu scheinst dich nicht wohl zu fühlen," sagte ec sorgend, „wenn du es mir auch verheimlichen möchtest." „Sorge nicht, ich Verschtveige dir nichts, wenn ich auch in Gegenwart der Kinder nicht über alles reden will." „Nun dann bis nach dem Essen. Schröder hat doch gestern gejagt, daß Edwin Nachmittags zu ihm kommen soll, wenn Clementine nicht in die Schule muß, kann sie ihn' begleiten. - - Hast du dich Vormittags mit Edwin unterhalten?" „Selbstverständlich." „Nun?" „Er ist noch dasselbe liebe, herzige Bürschchen wie ehedem." „Gott sei Dank!" sagte er. „Da ist das junge Volk, laß' uns zu Tische gehen." Das Essen verlief bei heiterster Unterhaltung, dann machten sich die Kinder auf den Weg, den alten Schröder zu besuchen. „Nun?" sagte Gotthold zu seiner Frau, als sie allein waren, „jetzt mußt Du mir sagen, worüber du in Gegenwart der Kinder nicht sprechen wolltest." „Ach, das ist nicht von solchem Belang, halte nur erst dein gewohntes Nachmittagsschläfchen, dann werde ich dir alles sagen, was du zu wijsen wünschest." „Nein," entgegnete er, „ich werde heute nicht schlafen. Einerseits bin ich nicht schläfrig, andererseits möchte ich gerne hören, was du mir in der Kinder Gegenwart nicht sagen wolltest. Tenn wenn du auch so leichthin sagst, das ist nicht von Belang, so sehe ich dir's doch an, daß es keineswegs unwichtig ist. — Komm, setze dich zu mir und sage mir, was dp hast."

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