Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1908)
- Date
- 1908-07-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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cf)e Wart illcraris Uns der Werkstatt moderner beligtonspdriozopben. Bon Dr. I. Wohlgemnth in Berlin. (Fortsetzung.) In dem Abschnitt: „Wider den Intellektualismus" wird über den modernen Protestantismus ein Urteil gefällt, das man in gleicher Weise auf das liberale Judentum anwenden könnte: „Man kann sich aber um sein innerstes Ich und tiefstes Leben selber bringen. Und der Protestantismus hat sich in hohem Maße und weithin darum gebracht. Und zwar einfach deshalb, weil so ein rechter, echter auf- und ausgeklärter Protestant dieser Tage sich selber immer schon zum Objekt seines Intellektes zu nehmen gewohnt ist, ehe er noch wirklich Subjekt und lebendiger Träger der großen Lebensmächte und Lebensinhalte geworden ist, von denen er verständig und beizeiten schwatzen lernt, um dann so aufgeklärt über sie zur Tagesordnung zu gehen." So sehr der Verfasser aber gegen die übertriebene Wertschätzung des Intellektes eifert, so wenig ist er geneigt, den Theorien der modernen Forschungen entgegenzutreten. Er ist durchaus der Meinung, daß bei gutem Willen zwischen den Kirchlichen und Modernen eine Einigung zu erzielen ist. Er glaubt mit geistvollen Einfällen und mit warmempfundenen Friedensworten die unversöhnlichen Gegner in eine Gemeinsamkeit zusammenschließen zu können, die von derselben Kanzel und demselben Prediger religiöse Erbauung erhält und trotz mancher Meinungsdifferenzen im Einzelnen sich mit Begeisterung in den Dienst der religiösen Interessen stellt. Von diesem Grundfehler ist auch ein anderes Buch beherrscht, dem wir eine eingehendere Besprechung widmen wollen, das Buch von Goldschmidt: „Das Wesen des Judentums".*) Und dieser Grundfehler zwingt uns, trotz mannigfacher Vorzüge des Inhalts und der'Form der Darstellung, den Ausführungen des Verfassers mit Entschiedenheit entgegenzutreten. Auch er ist der schier unbegreiflichen Meinung, daß die prinzipielle Gegnerschaft, wie sie zwischen „Orthodoxie" und „Reform" im Judentum herrscht, durchaus nicht so groß ist, daß nicht auf eine friedliche Verständigung zwischen ihnen zu rechnen wäre. Dieser Irrtum ist Goldschmidt noch viel weniger zu verzeihen als dem Protestanten König. Denn in der Tochterreligion handelt es *) Religionswissenschaftliche Bibliothek des Judentums, herausgegeben von Dr. I. Goldschmidt-Offenbach. teft 2 und 3: Das Wesen de^Jubentums nach Bibel, almud, Tradition und religiöser Praxis kritisch dargestellt von Dr. I. Goldschmiot, Frankfurt a. M. Verlag von I. Sauffmann. 1907. 223 S. sich ja um Differenzen in der dogmatischen Auffassung. Hier ist viel eher die Gelegenheit geboten, durch unklare Fassung der Begriffe den Gegensatz zu verschleiern. Aber im Judentum, wo die eine Richtung theoretisch negiert und praktisch abrogiert, was der anderen als göttliches Gebot gilt, auf dessen Uebertretung nach den Bestimmungen des göttlichen Gesetzes die Todesstrafe steht, innerhalb des Judentums die unausfüllbare Kluft so ohne Weiteres schließen zu wollen, dies ist doch ein wenig zu abenteuerlich, zum mindestens originell. Politisch ist das ja in letzter Zeit nur zu oft versucht worden, aber es ist höchst interessant zu lesen, wie das nun auch religionsphilosophisch begründet wird. Freilich, es ist nur interessant, aber wie jeder von vornherein wird vermuten können, durchaus unrichtig. Die „Einleitung" läßt sich in annehmbarer Weise darüber aus, von welcher Bedeutung für die Klärung der Begriffe, für die Entscheidung prinzipieller Fragen, wie die Babel- und Bibelfrage, das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum, zwischen Kultus und Moral u. a. es ist, daß das Wesen des Judentums wissenschaftlich feftgestellt wird. Sympathisch berührt die energische Betonung des Gedankens, daß das vielbeliebte Streben, die Moral als das Wesen des Judentums zu proklamieren, durchaus auf Irrwege führt. Der erste Abschnitt: „Universelle Vernunftwahrheiten" zeigt in zutreffenden und durchaus lesenswerten Ausführungen, daß das Grundprinzip des Judentums nicht so sehr der Monotheismus sei als die Lehre: Gott das Urbild des Menschen und der Mensch ein Ebenbild Gottes. Der Verfasser steht zweifellos unter dem Einfluß Hermann Cohens, aber er folgt ihm nicht darin, daß er in Uebereinstimmung der Bibelkritik erst die Propheten den Gedanken der Einheit des Menschengeschlechtes konzipieren läßt. Sehr häufig begegnet man hübschen Bemerkungen, sie haben freilich oft einen Fehler, sie sind zu geistreich und entfernen sich von VVL So, wenn er die Stelle Dltt D*np DDK übersetzt: „Nur ihr Israeliten nennt euch Menschen, die anderen kennen sich nur als Mitglieder ihr?s Volkes, nicht als . . . Mensch". Sehr gut HM der Verfasser hervor, daß dem Judentum der schroffe Dualismus zwischen Seele und Leib fremd ist, daß im Paulinismus Platos Dualismus zu den seltsamsten Konsequenzen geführt hat. Viel Freude hat es mir bereitet, daß im Gegensatz zu anderen Apologeten des Judentums der Verfasser mutig die Blößen in der Dogmatik der Tochterreligion aufdeckt. Davon wird noch zu reden sein. Es kann aber nicht oft genug hervorgehoben werden, daß auch in der Apologetik die beste Abwehr der Hieb ist. Wenn das Christentum sich rühmt, das Sohnesverhältnis des Menschen zu Gott in den Vordergrund gerückt zu haben, so zeigt Goldschmidt, daß der Begriff Gott der Vater im Christentum überspannt worden ist und dies zur Mythenbildung geführt hat. (Ich habe schon früher in Aufsätzen diesen Gedanken betont, daß der Vorzug des Judentums vor allem darin besteht, daß es zwischen zw.'i Polen des Denkens die richtige Mitte hielt, während das Christentum in einseitig philosophierendem Denken die Idee bis in ihre letzten und darin oft seltsamen und unannehmbaren Konsequenzen verfolgt.) Paulus kämpft bekanntlich gegen das Judentum als juridische Gesetzesreligion. Goldschmidt zeigt, daß eben die Erlösungsreligion, die nach Paulus an die Stelle der Gesetzesreligion treten soll, auf juridischen Vorstellungen beruht. Es ist mir unmöglich, in dieser Besprechung all die Momente hervorzuheben, denen ich zustimmen kann, und ebensowenig kann ich hier die Einzelheiten vorführen, an denen ich Ausstellungen zu machen hätte. Im großen und ganzen kann man die Darstellung des ersten Abschnitts akzeptieren. Das Gleiche gilt von dem dritten Abschnitt: „Das Judentum und die Menschheit", den ich daher gleich vorwegnehmen will. Der Verfasser verficht hier mit viel Geschick das scheinbare Paradoxon, daß das Christentum inbezug auf den Universalismus einen Rückschritt gegenüber dem Judentum bedeutet. Das Judentum ist universalistisch. Es betrachtet sich als Lehrer der Menschheit nur für seine allgemein-menschlichen Lehren. Während es für feine Bekenner 613 Vorschriften aus der Thora konstatiert, hat es für die Heiden nur die sieben noachidischen Gesetze aufgestellt. Eine Gleichstellung der speziell nationalen*) Elemente mit'den universalen für die übrige Menschheit liegt dem Judentum durchaus fern. Das Judentum will nur eine Schule sein, der Lehrer hat eine ganze Reihe von Amaaben zu erfüllen, die dem Schüler fern liegen. Aber es will seine Schüler nicht zu einem Bekenntnis bringen, sondern nur zur Erkenntnis. Das Christentum aber will eine Kirche sein. Die Weltkirche ist das Ideal des christlichen Universalismus. Doch jede Kirche bedeutet eine Schranke, den schlimmsten, trennendften, gehässigsten Partikularismus. Muß man sich in eine Gemeinschaft aufnehmen lassen, um die von ihr gelehrten Wahrheiten zu erkennen? Warum einen Unterschied machen zwischen den Wahrheiten dev Religion und den übrigen Gebieten des Denkens? Muß man sich zumPythagoräismus bekennen, um den pythagoräischen Lehrsatz zu begreifen und anzuwenden? Muß man einem bestimmte» Bunde angehören, um seinen Nebenmenschen zu lieben, wie sich selbst? Man braucht kein Sa- •) Goldschmidt braucht diesen Ausdruck stets für hie nV'PDW niJR> ES bedarf nicht der ausdrückliche» Erwähnung, daß wir diese Bezeichnung atlehnen müsse».