Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1908)
- Date
- 1908-07-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 28. Der JSräelit. 9. Juli 1008. eine derartige, nach meiner Ueberzeugung übertreibende Ausdrucksweise, die ich gerade bei einer solchen Gelegenheit am allerwenigsten am Platze finden kann. Ich mSchte also dringend mit dem Herrn Referenten und Abgeordneten Dr. Schädler mich einverstanden «klären und kann zusagen, daß natürlich von unserer Seite aus unbedingt dem Antrag des Finanzausschusses zugestimmt werden wird. Es wäre dringend zu wünschen, daß die Staatsregierung sich dem einstimmigen Wunsche der Kammer sobald wie möglich anschließe.?Hamburg, 3. Juli. Der Israelitische Unterstützungsverein für Obdachlose hielt seine diesjährige Generalversammlung unter Vorsitz ds Herrn Rechtsanwalts Alexander ab. Der Vorsitzende begrüßte die Anwesenden und wies bei Erstattung des Jahresberichts darauf hin, daß das verflossene Jahr der Vereinstätigkeit wiederum aegen das Vorjahr ein verändertes Bild biete. Er konstatiet vor allem eine merkliche Abnahme -er Auswanderung. Es waren gut ein drittel weniger jüdische Passagiere in den Auswandererhallen als 1906. Betreffs der Beherbergung der Durchreisenden in der Stadt, ist der Vorstand nach wie vor der Ansicht, daß die Erbauung eines eigenen Hauses eine unbedingte Notwendigkeit ist. Wohl sind dem Vorstande von verschiedenen Korporationen und Wohltätern größere Beträge teils, gegeben, teils zugesichert für den Bau oder Ankauf eines eigenen Heims, allein -ie Summe genügt noch nicht. Der Vorstand hofft, -aß er in die Lage gefetzt werde, das im Jahre 1909 stattfindende fünfundzwanzigjährige Bestehen -es Vereins durch Einweihung des eigenen Heims würdig begehen zu können. Was die Bereinstätigkeit im einzelnen anbelangt, so wurden in den Auswandererhallen der Amerika-Linie an 29007 jüdischen Emigranten 118 759 Portionen Mittagessen aus der rituellen Küche auf Kosten des Vereins verabfolgt. Die größte Frequenz zeigte der Monat Juni mit 3503 Personen, während im September nur 578 Emigranten vorhanden waren. Ferner erhielten in der Stadt 1948 Personen Anweisungen für unentgeltliches Nachtquartier. Des weiteren wurden 3986 Portionen Kaffee und 2415 Portionen Mittageffen verteilt. Wenn man dann noch in Betracht zieht, daß an 1352 durchreisende Personen eine Reiseunterstützung gewährt und 4300 Personen mit warmer Kleidung versehen wurden, und aus dem Krankenfonds des Vereins 526 Berpflegungstage im Hospital bestritten wurden, so erhält man einen kleinen Einblick in die vielseitige Tätigkeit / des Vereins. Unter den größeren Ausgaben figuriert an erster Stelle für Reiseunterstützungen 5293,75 Mk. und für Speisung 5468,70 Mk., für Nachtquatier wurden 1119 Mk. und für Bekleidung 729 Mk. ausgegeben. Hamburg, 30. Juni. Die vom Vorstand und Repräsentantenkollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde beschloffene neue Gemeinoeverfaffung ist jetzt vom Senat genehmigt und damit rechtskräftig geworden. Die neue Berfaffung enthält gegenüber der aus dem Jahre 1866 stammenden alten manche wichtige Aenderung. Nach der neuen Verordnung bedürfen neue sich innerhalb der Gemeinde bildenden Verbände der Genehmigung des Gemeindevorstandes und des Repräsentantenkollegiums,' ihre Mitgliederzahl ist auf mindestens 300 festgesetzt. Neu ist in dem Statut auch die Einsetzung einer aus Mitgliedern des Gemeindevorstandes und Gemeindeangehörigen gebildeten Kommiffion für das Wohlfahrtswesen. In die Armenkommiffion, die Wohlfahrtskommiffion und in den Vorstand der Israelitischen Töchterschule können auch weibliche Mitglieder der Gemeinde gewählt werden. Freiburg, 8. Juni. Hier kursieren Gerüchte, wonach Geh. Rat Prof. Rosin aus dem Oberratskollegium ausgeschieden ist und bereits Verhandlungen wegen seiner Nachfolge schweben Oestewetch. Wien, 20. Juni. Am 9. Juni wurde hier eine konstituierende Versammlung der jüdischen Wohltätigkeitsvereine zwecks Schaffung einer Zentralstelle für das Armenwesen einberufen. Der zahlreich beschickten Versammlung präsidierte das Kultusvorstandsmitglied Dr. Steiner. Nach einem allgemeinen Referat des kaiserlichen Rates Dr. Krüger über die Notwendigkeit der Zentralisierung wurde das vom vorbereitenden Komitee ausgearbeitete Regulativ zur Diskussion gestellt. Die lauten Zwischenrufe einer Anzahl von Delegierten, ' daß ihnen dieses Regulativ überhaupt nicht bekannt sei, machten eine sachliche Aussprache unmöglich. Auf Verlangen des Tr. Zipfer wurde das Regulativ, nach einigem Widerstreben der Versammlungsleiter, verlesen. Dr. Zipfer bemängelte, daß im Regulativ, das den Zusammenschluß der Vereine ordnet, nicht angegeben werde, welche Wohltätigkeitsvereine eigentlich gemeint seien, ob nur jüdische oder auch interkonfeffionelle und beantragte, die Beschränkung auf jüdische Vereine offen auszusprechen. Auch die Bedingung einer Zulassung durch das Kuratorium könne seiner Ansicht nach wegfallen, weil andernfalls sich leicht ein geschlossener Kreis bestimmter Vereine bilden, könne, der die abgewiesenen Vereine zur Bildung einer Gegenzentrale drängen würde. Es seien grundsätzlich alle jüdischen Vereine zuzulaffen und' nur deren nachträgliche Ausschließnng aus bestimmten triftigen Gründen vorzufehen. Das Regulativ wurde zuletzt mit einem Abänderungsvorschläge Dr. Zipfers angenommen. Die wesentlichen Bestimmungen des Regulativs sind: die Bildung eines Zentralarmenkatasters, sowie die Errichtung einer Zentralauskunftsstelle, sowohl für die Vereine und Wohltäter, als auch für die Hilfsbedürftigen. Prag, 5. Juli. Am 15. Juni weilte eine Deputation des Landeslehrervereines, bestehend aus dem Obmanne Oberlehrer Springer und dem Schriftleiter Rabbiner Freund, in Wien, um im Kultusministerium einiges über das Schicksal der am 4. Juli 1905 überreichten Petition zu erfahren, in der angeregt wurde, die Kultusgemeinden durch Schaffung neuer größerer Sprengel zu kräftigen, in denen die Rabbiner, die Religionslehrer als Wanderlehrer zu wirken hätten/ leider ist bis heute der seit 2 Jahren eingeholte Jnformationsbericht von der. Statthalterei nicht eingelaufen, da dieser infolge vieler zu berücksichtigenden Umstände nicht allzu leicht zu lösen ist. Die Petition an das Abgeordnetenhaus war zuvor bereits an alle jüdische Abgeordneten abgesandt worden, dieselbe enthielt die Bitte um Zuwendung eines Betrages aus der Kongrua für den bestehenden Pensionsfond. Dem besonderen Bemühen. des Abgeordneten Dr. Mahler gelang es endlich, die Deputation dem Unterrtchtsminister vorzuführen und in kurzen, bündigen Worten trug der Obmann den Zweck des Erscheinens vor. Der Abgeordnete schilderte die Verhältniffe der Gemeinden und die aller Menschlichkeit hohnsprechenden Verhältniffe bezüglich der Anstellung, Entlohnung und Altersversorgung der Kultusbeamten. Der Minister ließ sich eingehend instruieren und versprach durch Zusammenlegung einzelner materiell schwacher Kultusgemeinden eine Besserung der Verhältniffe zu erzielen. Dr. Mahler wiederholte nochmals das Ansuchen um Staatssubvention für den Pensionsfond. Er glaubt mit Bestimmtheit, daß pro 1909 eine solche staatliche Subvention zu gewärttgen sei. Karlsbad, 5. Juli. Eine große Zahl jüdischer Wähler in Karlsbad hielt Donnerstag den 2. d. M. eine Versammlung ab, in welcher folgende Resolution gefaßt wurde. „Die jüdischen Wähler Karlsbads sprechen dem Reichstagsabgeordneten der Stadt Karlsbad, Herrn Professor Rudolf Lössl anläßlich seiner Abstimmung für die Resolutton des Professors Schmid ihre schärfste Mißbilligung aus. Sie hatten erwartet, daß derselbe als Jugendbildner einer Resolutton nicht zustimmen werde, welche die Bildungsmöglichkeit einschränken will. Diese Erwartung konnten sie um so eher hegen, als es ihm als Vertreter eines Weltkurortes besonders schlecht ansteht, einen bildungsfeindlrchen rückschriftlichen Standpunkt einzunehmen." Ungarn. Papa, 1. Juli. Die hiesige Gemeindevorstehung wurde vonseiten des Kultusministeriums aufgefordert, die vakante Rabbinerstelle im Sinne der bestehenden gesetzlichen Normen bis Ende d. I. zu besetzen, da die Gemeinde, sonst ihres Charakters als Muttergemeinde verlustig gehe. Die Gemeindevorstehung ersuchte daraufhin, den Besetzungstermin bis Ende des Jahres 1909 zu verlängern, da Aussicht vorhanden ist, bis dahin eine friedliche Einigung betreffs der Kandidaten zu erzielen. . Russland. Petersburg, 1. Juli. Auf die eigentliche Judenfrage einzugehen, zeigt die dritte Duma keine sonderliche Luft. Und doch vergeht fast kein Berhandlungstag, an dem nicht auf die eine oder andere'Weife den Juden Erwähnung getan wird. Bei der Beratung der Militärvoriage sprach man tagelang über die Juden. Die Budgetverhandlungen brachten alle Tage Reden gegen die Juden. Nur bei einem Punkte sollten die Juden totgeschwiegen werden, beider Beratung des Schulgesetzes. Die Sache war ziemlich weise eingerichtet. Purifchkewitz sprach volle vier Stunden, von keiner Präsidentenglocke behelligt, über alle möglichen und unmöglichen Dinge, die zum SchulgeseLe in einem Verhältnis standen, wie etwa er, Purischkewiz, zum Engel Michael, den er als Schutzheiligen für den von ihm gegründeten Verband gewählt hat. Nach dieser rhetorischen Dauerleiftung mußte die Zähl der noch vorgesehenen 43 Redner auf 6 reduziert werden. Einerderselben, Redizow von der Kadettenpartei, streifte dann in seiner Rede auch die Schulverhältniffe der Juden und die Sache schien damit, nachdem die Vertreter aller Nattonen mit Ausnahme der Juden zu Worte kamen, abgetan, als noch im letzten Augenblicke, kurz vor Debattenschluß der jüdische Deputterte Nisselowitz 10 Minuten für eine kurze Aeußerung zur Verfügung erhielt. Nisselowitz erklärte, daß er im Namen seiner jüdischen Wähler nicht wie die Vertreter der anderen Nationen die Gründung eigner nationalen Schulen wünsche, sondern lediglich für die Abschaffung der Prozentnorm und für die freie, uneingeschränkte Zulassung der jüdischen Schüler zu sämtlichen öffentlichen Lehranstalten eintrete. Ueber diese im Namen der russischen Judenheit von Herrn Nisselowitz in öffentlicher Dumasitzung geäußerte Meinung ist man nun in allen jüdischen Kreisen Rußlands sehr ungehalten. Die jüdischen Zeitungen in Rußland begreifen nicht, woher Herr Nisselowitz das Recht für sich in Anspruch nahm, im Namen der russischen Judenheit auf die Gründung von jüdischen Volksschulen zu verzichten. Tatsächlich haben die Worte Niffelolwitz auch in den gut jüdischen Kreisen, in denen man alle Hoffnung für die Zukunft auf die früher oder später zu gründenden jüdischen Volksschulen setzte, große Verstimmung hervorgerufen. (Wir werden auf die Sache zurückkommen. D. Red.) Kiew, 3. Jnli. Der jüdische Metzger Pinchas Kusel in Lutzk wird beschädigt durch Verkauf vergifteten Fleisches einen Mordanschlag gegen den Polizeiobersten seines Wohnortes, Swidioski geplant zu haben. Kusel ist allgemein als ruhiger friedlicher Bürger bekannt und geachtet, der wie die Verhandlung ergab, von den revoluttonären Umtrieben nicht einmal die leiseste Vorstellung hat. Gegen den Beamten, der aus unbekannten Ursachen nach dem Genüße des von Kusel gekauften Fleisches Unwohlsein verhütte, konnte der Angeklagte unmöglich etwas im Sinne geführt haben, da er als friedlicher Bürger fast niemals mit der Polizeibehörde in Berührung kam und bis jetzt nicht vorbestraft ist. Auf Grund dieser Tatsachen und der Beweisaufnahme wurde Kusel vom Militärgerichte in ersterJnstanz freigesprochen. Auf Appellation des Staatsanwaltes wurde jedoch der jüdische Metzger nochmals vor das hiesige Militärgericht , gestellt, das den Verdacht der Polizei als begründet erklärte und Kusel zu zehn Jahren Zwangsarbeit