Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1908)
- Date
- 1908-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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«r 28 Der Israelit. «rttr 3. 9. Juli IS«. überall Kooperativgenoffenschaften gegründet und sich wirtschaftlich von der Verwaltung fast gänzlich unabhängig gemacht. Die Kosten für die Unterhaltung von Synagogen, Mikwaoth, Friedhöfen, Schlachthäusern werden von den Kolonisten selbst aufgebracht und die Gesellschaft trägt nur zu den Schulerhaltungskosten bei. Außerdem greift die J C A durch Dalehen wohltätig in den Ablauf der wirtschaftlichen Funktionen ein. — Innerhalb der argentinischen Kolonien befindet fich eine Taglöhnerbevölkerung von etwa 3000 Seelen, sodaß die Heranziehung auswärtiger Arbeitskräfte in immer größerem Maßstabe entbehrlich wird. Die Gesellschaft sucht ihren Besitz in Argentinien durch fortwährende Hinzukäufe zu vermehren. Außerordentlich knapp ist der Bericht hinsichtlich der p a l ä st i n e n s i s ch e n Kolonien, wenn er auch die ökonomische Lage als günstig hervorhebt. In Rußland erstreckt sich die Tätigkeit der J C A hauptsächlich auf die Gründung von Schulen für Allgemeinbildung, Technik und Ackerbau. Es befinden sich darin zur Zeit etwa 9000 Schüler. Besonders wohltätig wirken die zahlreichen Darlehenskassen, welche die J C A auf allen Gebieten, in denen sie tätig ist, errichtet hat. Es existierten Ende 1907 223 solcher Kassen in Rußland allein, welche beinahe sechs Millionen Rubel Darlehen gewährten. Von diesen Darlehen sind im gleichen Jahre viereinhalb Millionen Rubel zurückgezahlt worden. Dabei hat die lokale Bevölkerung diesen Kassen nahezu drei Millioneil Rubel Depositen anvertraut. Die galizischen Kassen, siebzehn an der Zahl, umfassen llOOO Mitglieder und haben etwas über anderthalb Millionen Kronen Darlehen gewährt. Was uns besonders interessiereil würde, wären nähere Angaben über den Geist der von der JCA in Rußland gegründeten Schulen. Hierüber schweigt der Bericht und man ist daher auf private Informationen angewiesen. So geringfügig das Schulwerk der J C A in Rußland bisher auch ist, so würden genaue Feststellungen über seinen Charakter doch alle denjenigen jüdischen Organisationen willkommen sein, welchen die Erhaltung der jüdischen Jugend in Rußland für das Judentum am Herzen liegt. Oberrafsbrife. An anderer Stelle verzeichnen wir das Gerücht, daß Geh.-Rat Rosin aus dem badischen Oberrat ausgeschieden sei. Wir haben Grund zu der Annahme, daß die Nachricht zutreffend ist, so sehr wir sie auch bedaiiern. Bekanntlich war es Geh.-Rat Rosin, der nach der vernichtenden Niederlage des Systems Mayer bei den Synodalwahlen durch seine vornehme und versöhnliche Art die Synode zu einer außerordentlich milden Taktik gegenüber dem besiegten Gegner zu bereden wußte. Wenn Geh.-Rat Rosin jetzt — was wir menschlich begreiflich finden — seinem allmächtigen Oberratskollegen keine Gefolgschaft mehr leisten will, während Herr Geh.-Rat Mayer unentwegt an seiner Würde sich festklammert, so bedeutet das eine ungeheure Verschärfung der Gegensätze in Baden. Die Objektivität Ros ins war das letzte Gegengewicht gegen die Alleinherrschaft M a y e r s über die badischen Gewissen — scheidet jener aus und dieser bleibt, so ist das gleichbedeutend mit dem Siege der einseitigsten Parteiherrschaft, während die jüdische Bevölkerung eben erst ein lautes, weithin vernehmbares Votum gegen die Fortdauer dieses empörenden Regiments abgegeben hatte!! Fast scheint es, als sollten die elementarsten Grundsätze parlamentarischen Lebens innerhalb der israelitischen Religionsgemeinschaft Badens in chr Gegenteil verkehrt und das System Mayer verewigt werden. Man darf gespannt sein, ob zur Nachfolge Rosins wiederum ein Mann von Mayers Gnaden berufen werden und damit der Bolkswille von oben herab aufs schärfste brüskiert werden wird. vle Refolufion Sdimiö. Wie vorauszuseben war, ist der Antrag Schmid, Erhebungen über das Zahlenverhältnis der jüdischen zu den christlichen Mittelschülern anzustellen, im österreichischen Abgeordnetenhaus durchgefallen Die Plenarsitzung des Parlaments hat ihn am letzten Freitag mit 205 gegen 162 Stimmen in namentlicher Abstimmung abgelehnt. Die Antisemiten haben die Schlacht verloren; ob sie die Juden und die ihnen zur Seite stehenden Parteien gewonnen haben! Gewiß konnten auch Schmidt und Consorten nicht im Ernste daran geglaubt haben, dem Anträge im ersten Sturmanlauf zum endgültigen Siege verhelfen zu können. Es war ihnen vorerst daran gelegen, wie etwa ihren Gesinnungsfreunden in der russichen Duma, anläßlich der Militärfrage, die Sache in Fluß zu bringen, damit die Judenfrage wieder einmal durch Aller Mund gehe und ein antijüdisches Schulgesetz wenigstens spruchfrei werde. Dieses Ziel haben die Antisemiten trotz der positiven Niederlage erreicht. Die 43 fehlenden Stimmen dürften sie kaum entmutigt haben. „Nächstens Werdens mehr" riefen sie hoffnungsvoll beim Bekanntwerden des Resultats aus und wir befürchten, daß, wenn inzwischen nicht Wunder geschehen, diese Hoffnung nicht trügen wird. Diese neue Machtprobe des politischen und nationalen Antisemitismus, die nicht als durchaus mißlungen betrachtet werden darf, brachte so manche Ueberraschung auf beiden Seiten, und die Lehren, die darin für die Juden Oesterreich's enthalten sind, so wichtig und mannigfach, daß man es nnr wünschen könnte, sie möchten nicht, wie schon so manche ihnen vorangegangene, mißverstanden oder mißdeutet, zu falschen Konsequenzen führen. Die Abstimmung bedeutete zunächst eine Kundgebung des politischen Antisemitismus und da hieß es: Deutschen voran! Die Deutschen aller Parteien, die allein 162 Stimmen ausmachten, stimmten geschloffen für die Resolution Schmid, also für die eventuelle Beschränkung der jüdischen Schüler in den Mittel- und Hochschulen. Bedenkt man indessen, daß die Juden wie allgemein anerkannt wird, überall das Deutschtum fördern und Hochhalten, und ganz besonders auch in den slavischen Ländern Oesterreichs alles aufbieten, um deutsche Interessen wahrzunehmen und zu vertreten, so würde man leicht versucht sein, vom Undank zu sprechen, wenn nicht, psychologisch betrachtet, die Worte „Dank" und „Undank" hier sehr dMaciert wären. Daß der Jude sowohl im Osten Deutschlands als unter den flavischen Nationen Oesterreichs deutsch fühlt und deutsch wählt, wird man ihm wohl kaum als dankenswerte Tat zu gute schreiben können, da er damit nur seiner inneren Neigung und Ueber^eugung gehorcht, indem er sich politisch und kulturell mit den Deutschen eins fühlt. Daß diese Neigung und Ueberzeugung so wenig Gegenliebe bei den Alldeutschen findet, kennzeichnet nur den in dieser Partei herrschenden alldeutschen Geist, wird aber an der feststehenden Tatsache, daß die Juden überall politisch mit den Deutschen einig gehen und überall auch in den entferntesten Landen deutsche Sprache pflegen und deutsche Kulturarbeit leisten, auch künftig nichts zu ändern vermögen. Allein die Resolution Schmid war auch eine bemerkenswerte Demonstration des nationalen Antisemitismus Mit Ausnahme der Polen, Jungtschechen und Ruthenen, die ein eigenes nationales Interesse daran hatten, gegen die Resolution zu stimmen, waren fast alle anderen nationelen Gruppen, von den Deutschnationalen bis zu den Südslaven, für dieselbe zu haben. Es ist eine sehr wertvolle Lektion für einen gewissen Teil der Inden in Oesterreich, im klassisichen Lande der Taufe und Mischehe, die sich wohl dem Wahne hingeben, mit der Flucht aus der jüdischen Religionsgemeinschaft sich auch ihrer Nationalität entledigen zu können. Davon werden sie ihre nationalen Feinde, die Deutschen, Slavonen und Tscheschen niemals überzeugen *]Dy nban? „Wer find die Männer bei Dir?" Bei D i r ohne Dich, wie Du in Selbsttäuschung wähnst, für ihre Zwecke gewinnen zu können? Und weiter erteilt Go t im Satz 12 Bileam den Rar □ HOJ7 ibn SÖ „Gehe nicht mit ihnen," in der Hoffnung, daß es beim harmlosen oriDJI bleiben wird, da bei schwachen Geistern und wankelmütigen Naturen nur allzuleicht aus dem oy ein n» werden muß. Allein auch dann wirst du dem Volke nicht fluchen, da es gesegnet ist." Trotz der tlarcn, keine Zweifel zulaffenden Willensäußerung Gattes, gibt doch Bileam die Hoffnung nicht auf und besitzt nicht die Kraft, um mit Rücksicht auf die Zwecklofigkeit das glänzende Anerbieten abzulehnen. Da trat Gott zu i ,m nachts (^atz 20) und sagte: DK ü'BDNn 1K3 's wenn sie auch der Einladung die denkbar mildeste Form zu geben fich bemühen und das -jniN geflissentlich vermeiden, um so den Schein der Se:bständigkeit deines Denkens und Handelns zu wahren, so wisse □ riN Dp Du w rst, sobald du ausstehst, neben ihnen herzugehen, auch mit ihnen, mit den gleichen Absichten d en gleichen Zielen entgegengehen. Gleichwohl ist und bleibr dein Unternehmen zwecklos, da du «das Wort, das ich zu dir sprechen werde vollbringen mußt." Bileam hört, wie tausend an ere vor und nach ihm aus dem Gotteswort nur das heraus, was er im Grunde leines Herzens wünscht Im Freudcntaumel ob der bernieintlichen Konzession im an# Dp, läßt er seine Maske vollends fallen. Er giebt sich aua) nicht mehr di* geringste Mühe seine Gedanken zu verbergen. Er stand am frühen Morgen auf und sattelte selber leinen Esel.. Mit so viel Liebe und Eifer trat er die Reise, gegen die er fich so lange heuchelnd sträubte, an, baß der göttlicl e Unwille erwachte, nicht über seine Reise an sich, die ihm erlaubt war, sondern jon "j^in '3 w.il er (nach Erklärung von Hirsch y^T) ein Gehender ward, ein bewußt seinem Ziele Zustrebenderer teilte nun a's skrupelloser vollends die Hoffnung seiner Begleiter trotz aller Warnung Gottes das Ziel erreichen zu können. Ec erreichte das Ziel nicht. Aber die Art, wie eres zu erreichen suchte, — die strategische Taktik unserer Feinde und die Gründe, warum er es nicht erreichen konnte — die unerschütterliche Mauer der min und niSD die Israel stützend umgibt und alle Geschosse zurückprall n läßt, sind es, die Djfai ntSHD zu einem so eminent bedeutungsvollen, ewig lehrreichen Abschnitte in der Geschichte Israels machen, zu einem Kapitel, das man von Rechtswegen fich täglich vor Augen führen sollte dy» p^3i Djfa n«nc Dwip y*pw rnn p-n (k"d niD13 ’D^WIT»)- Es mehren sich die Feinde, die ihre eigene Gehäsii, tc.t und Part ikämpfe vergessend, wie Midjan und Moab sich verbinden, um mit vereinten Kräften gegen Israel zu ziehe.,. Der Judenhaß hat oft die Völker versöhnt, die Stände und Klassen ausgeglichen, die Rangesgrenzen verwischt und sie mit dem Schlag- und Sammelworte i^i# 12 P!3J ^DIK vereinigt. Wie begegnen wir aber unsererfeils dem K.tmpfe, der uns von allen Seiten droht? Wie wollen wir grimmige Feinde entwaffnen und ihren gewollten Fluch in einen Segen verwandeln? Die Antwort erhalten wir heute v n Feindes Mund. Durch Pflege d.r Gottesfurcht, der Liebe und des Gemcinfinnes, der reinen ungetrübten Famil entreue, der Eigenschaften und Traditionen Israels, denen gegenüber selbst die Bileams nicht umhin können, begeistert auszurufen: «Was find Deine Zette, Jakob! gut, Deine Wohnungen, Israel! Wie Bäche sind sie geneiget, wie Gärten an dem Stromwie Aholsbäume, die Gott gepflanzt, wie Zedern an Gewässern!" So finden wir im wachsenden Kampfe sicherste Deckung, so parieren wir die auf unS von allen Seiten niedersausenden Schläge im Vertrauen zu Ihn,, nbbpn na ir*?v psir '3- Kleines Feuilleton. Der Tref$prncb. Von Arthur «ahn. (Fortsetzung.) Alles, oder doch vieles, hat im Leben der Fürsten und Völker seinen Ctimax. Warum trug der Großherzog den hier beschriebenen- Bart nun einmal so und nicht anders? Das hatte einen politischen, einen patriotischen und einen historischen Grund, wo wie der Groß!,erzog von .Hessen trug der weniger mächtige aber viel' reichere ~ Herzog Adolf von Nassau seinen Bart: so trug ihn der König Wilhelm und nachmalige Kaiser u,rd alle genannten nach dem damals 'allerhöchsten Vorbild, dem Kaiser von Oesterreich Franz Joseph. Mithin trugen auch die beiden Verteidiger die Rechtskonsulenten Wolf und Selig ihre Bärte in der hier beschriebenen Weile. Schade, daß Jsak Selig einen kurzen Fuß hatte, der ihn beim Gehren verunstaltete. Er wäre ohne diesen Fehler ein bildschöner Mann gewesen. Das tat aber seiner Schlau-