Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-07-02 · Heft 27 (2.7.1908) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 27 (2.7.1908)
Date
1908-07-02
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449326--64681-2507281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

2. Juli 1908. Der Israelit. Sette 23 andern Kreis bestimmt. Im Jahre 1848 hatte er als Mitglied des mährischen Landtages noch an der Erkämpfung der Gleichberechtigung der Juden in Oesterreich hervorragenden Anteil, deren Rechte er vor dem Reichstag zu Kremsier vertrat^). „Mit banger Sorge nur hatte er in diesem Kampfe gestritten und nicht zu jubelndem Frohlocken stimmte ihn die Nachricht von Hem Siege. Seinen Empfindungen über den Erfolg verleiht er in einem am 8. Oktober- 1848 erlassenen Rundschreiben Ausdruck"^) in dem sich -folgender Passus befindet: „Der erste Kettenring unserer Jahrhunderte langen Schmach ist gebrochen. — Dank dem Vater im Himmel, der uns zu jeder Zeit geführt . . . Allein dieser so sehnsüchtig von uns herbeigewünschte Sieg der Wahrheit über die Lüge, des Rechts über die Gewalt, des reinen Gottesbewußtseins über Vorurteil und Wahn, wird uns nur dann zu Heil und Segen gereichen, wir werden uns nur dann seiner in Wahrheit erfreuen können, ja wir werden uns nur dann seiner dauernd zu erfreuen haben, wenn wir als Juden aus den Kriegen um diesen Sieg hervorgehen, wenn wir als Juden die Früchte dieses Sieges genießen wollen, wenn wir mit doppeltem Ernste, mit doppelt entschiedener Kraft uns in dieser freien Zeit die Erhaltung unserer Religion und ihrer Heiligtümer, die Vollendung vieler höheren Aufgaben des Judentums anstreben und die Heiligtümer mit innigster lebendigster Liebe umklammern werden, für die unsere Väter mit solch Jahrhunderte langem Elend, solch Jahrhunderter Schmach geduldet. Denn wahrlich, meine Brüder, was hätten wir errungen, wenn wir nun, wo wir, so Gottes Wille, bald freie Juden sein könnten, aufhören wollten, Juden zu sein." In Nikolsburg war Hirsch, von einer großen Zahl lernender Jünger umgeben, die zu Tausenden aus Oesterreich und Ungarn zu ihm strömten und allerdings eine Methode des Lernens und Lehrens vorfanden, die sie fremd anmutete, die aber mit Bewußtsein gewählt war. Patriarchalisch gestalteten sich Hirschs Beziehungen zu seinen Schülern. Vater war er einem jeden und fühlte mit dem Einzelnen. Es ist rührend, wenn man den Brief liest, den Hirsch an den Vater eines Schülers richtet, dessen Mutter gestorben war. Der Schüler ist der jetzige greise Rabbiner Kuttna '"2 in Eisenstadt. Der Brief befindet sich im Original im Besitze des Herrn Rabbiner Nobel '"2 in Halberstadt Der Ruf seiner Bedeutung stand fest, seiner unerschütterlichen Ueberzeugung von der Wahrheit, die ihn sich zum Anwalt erkoren, seiner Entschiedenheit und Energie, die er überall in der Durchführung des als wahr Erkannten bewiesen, seines seltenen Organisationstalentes und der wunderbaren Kraft seiner feurigen Beredsamkeit. Seine unerbittliche Konsequenz hatte ihm Achtung, seine persönliche Leutseligkeit Liebe erworben. Gleich bei dem Eintritt in seine Laufbahn hatte Hirsch der Reform den Handschuh zugeworfen und den Fernkampf mit Erfolg auf eigene Faust geführt. Nun mehr sollte ihm seine Lebensaufgabe werden, im Nahkampf die Entscheidungsschlacht zu liefern möy -l'rnn^ der Thorahkrone den verlorenen ursprünglichen Glanz zurückzugeben. Els wackere Streiter waren *8, die im August 1851 den großen Feldherrn auf den Plan seiner unvergänglichen Tätigkeit beriefen. Nack vierjährigem Verweilen ging Hirsch, der nacheinander großherzoglicher, königlicher und kaiserlicher Landrabbiner gewesen, als Führer einer winzig kleinen Privatgesellschaft, die das Daseinsrecht sich erst gegen die schonungslose, grausam-radikale Vernichtungswut der eigenen Brüder erkämpfen mußte, nach Frankfurt. Da konnte er so recht in selbst zu schaffenden Formen wirken und im Kreise bewährter Gesinnungsgenossen und treuer Mitkämpfer nach Herzenslust im Dienst der Tauroh sich entfalten. TO Man lese einmal den Aussatz: „Villasranka und Kremsier", Jesch. V S. 593 ff. •) „Jüdische Presse" 1889, S. 2. Mit dem. Augenblick, da Hrrsch den Boden Frankfurts betritt, hört er auf Rabbiner dieser oder jener Gemeinde zu sein, mit demselben Augenblick führt ihn dieses uneigennützige Hinabsteigen von der Höhe äußerer Macht und glänzender Stellung zur Höhe der Würde pn nVan '22 zu sein, Lehrer der Diaspora auf weitem Erdenrund. Und mehr denn heute wird die Zukunft ihn als solchen anerkennen. Noch zehn Jahre, — und Hirsch wird, dreißig Jahre nach seinem Tode, austeben, wenn seine Gedanken und Worte frei von den Fesseln des Buchhandels, ihren Triumphzug durch die Welt erst antreten können. Wenn in Frankfurt Eltern gezwungen waren, ihre Kinder in der der äußersten Reform I huldigenden Gemeindeschule unterrichten zu lassen, wenn der Gemeindevorstand die Staatsgewalt anrief, um die Errichtung einer fromm geleiteten Schule zu unterdrücken, wenn er die Talmud-Torah-Schule als Winkelschule bei der Behörde anschwärzte und ihre Schließung erwirkte, wenn er Lehrer und Schüler, die sich an der liebgewonnenen Stätte sehen ließen, von der Polizei auf die Böden und in die Keller verfolgen ließ, wenn er die Chewroh, in der allsabbatlich Borträge gehalten wurden, polizeilich aufzulösen mit Erfolg beantragte, wenn bei Bauten am Gemeindehospital der Sabbath entweiht wurde, wenn die Mikwoh geschlossen ward und die rituelle Beköstigung der Gefangenen vom Etat der Gemeinde gestrichen wurde, 9) dann waren das Symptome eines neologen Radikalismus, wie er allerorten und alle Zeit das Judentum, die Tauroh, bedrohte, und Kampf und Sieg in Frankfutt beanspruchen darum das allgemeinste Interesse. Wie theoretisch und prakttsch Samson Raphael Hirsch der Tauroh wieder eine Stätte eroberte und das gerade auf dem Felde der unduldsamsten Reform — das bildet seine unverlierbare geschichtliche Bedeutung. II. „Im Kreise des Judentums soll die göttliche Lehre der Boden sein, auf dem dein Geistesleben erblühen soll, nicht aber umgekehrt, aus deinem Geistesleben erst der Boden hervorgehen, auf dem ein göttliches Gesetz seine Stätte finde." Diese Worte aus der Einleitung des Choreb bilden die Grundlage sowohl seiner Anschauung als die seiner literarischen Tätigkeit. Es ist das alte Wort, das hier zum Ausdruck kommt, n'twn 'n nktv njn „Der Anfang der Erkenntnis bildet Ehrfurcht vor Gott". „Als Juden müssen wir die Tauroh lesen,"I0) als „Gottes geschichtliche Offenbarung sie erkennen". — das die einzige Voraussetzung, die wir haben. Wir wollen ja Judentum erkennen, müssen uns darum ins Judentum versetzen und fragen, was werden Menschen sein, die den Inhalt dieses Buches als ihren von Gott geoffenbarten Lebensboden Und geht denn der kritische Beurteiler voraussetzungslos an den Gegenstand seines Studiums heran? Die Leugnung der Göttlichkeit der Tauroh ist ja doch nicht das Ergeb nis, sondern die Voraussetzung seiner Forschung, ganz so wie für uns deren Anerkennung die auf dem festen Grunde geschichtlicher Erfahrung beruhende Voraussetzung bildet."12) Für uns bedeutet aber ja auch die Tauroh etwas anderes als für ihren Gegner. Uns ist sie doch kein vergilbtes Blatt, ein Zeugnis altersgrauer Literatur, dem Juden ist sie heute das Gesetz des Lebens, wie ehedem, da seine Väter am Sinai den Ruf erschallen ließen „wir wollen tun und hören." Unsere Sittlichkeit will die Tauroh vor allem erhöhen, nicht unser Wissen von den Dingen außer uns mehren. So wird das Ziel, das die Tauroh uns steckt, durch die einfache Erfüllung ihrer Pflichten, die sie uns auferlegt, erreicht. Durch diesen Gehorsam gegen das Gesetz, den wir ihm einfach darum leisten, weil wir damit Gottes Willen Nachkommen, -?'.£ SM 9) Mrndel Hirsch a. a. O. S. 11. 10) Neunzehn Briese. S. 7. 11) Neunzehn Briefe a. a. O. ») Mendel Hirsch a. a. O. S. 193. erlangen wir die höchste Vernunft und die beglückendste Seligkeit hinieden. Es schwinden die Gegensätze zwischen Glauben und Wissen, ein einheitliches Pflichtenleben der Tat tritt an ihre Stelle. Das Glück der Welt wird hergestellt durch die Beachtung und Behandlung eines jeden Menschen und aller Verhältnisse unter dem einen Gesichtspunkt des göttlichen Willens zur Förderung und Pflege des Erdenlebens innerhalb der Menschengesellschaft. Die Freiheit der Menschen und ihre Gleichheit durch das Gesetz uud aus seiner Befolgung, sowie Erziehung der Menschen zu dieser Erkenntnis ihres Seins und Sollens, darauf war Hirschs Streben gerichtet. Auf diese sich aus den Gesetzen der Tauroh naturgemäß ergebende Ethik hin, las er sie. Mit Nichten wollte er den Grund des Gesetzes ermitteln. Auch er kannte den Satz: „wie hoch der Himmel über der Erde ist, also sind meine Wege erhaben über den eurigen und meine Gedanken über den eurigen."") Und wie sehr steht er dabei auf dem wahren Boden des Judentums. Das Taurohgesetz hat er erst dann vor sich liegen, wenn er die Bestimmungen der mündlichen Ueberlieferung mit denen der schriftlichen vereint berücksichttgt. Ihm liefern erst die gesamten Merkmale eines Gesetzes, in seiner Ganzheit bettachtet, die Erkenntnis seines nhalts. „Es gibt nur eine Methode der orschung überhaupt in beiden Gebieten der Offenbarung: der Natur und der Tauroh. Wie in der Natur die Erscheinung Faktum und wir rückwärts, induktiv, die Gesetze jedes Einzelnen und den Zusammenhang aller zu erspähen haben, und die Beweise für unsere Annahme nur wieder aus der Natur selbst zu sammeln und zu erproben sind: ganz so die Forschung der Eauroh"). Wir aber fragen, dieselbe Arbeit, die nach gleicher Methode auf dem einen Gebiet die höchste rLissenschaftlichkeit bedeutet, besonders dann, wenn sie sich des größten logischen Widerspruchs zu sich selbst schuldig macht: von einheitlichen Gesetzen zu sprechen und sie zu suchen und einen einheitlichen Gesetzgeber und Zwecksetzer und Denker doch zu leugnen — und dieselbe Arbeit nach derselben Methode unwissenschaftlich wem auf dem Gebiete der Tauroh geleistet, in den Dienst der höchsten Ethik gestellt?! Nun wohl, wenn jede Ergründung des Menschenrechtes jede Auffindung der Menschenpfiicht, jeder erhebende Gedanke über Menschenzukunft und Wahrheitsfieg nur angenehme Erbauung für Stunden müßiger Andacht ist, wer aber selbst Verzicht leistet für sich und feine Zeit an der Mitarbeit zur Erreichung des Menschheitsideals und seines jüdischen Volkes Sieg und Sang — er mag in Hirschs Werken „Homilien" sehen und auch finden, für sich und — seine „andächtigen Zuhörer." Wem Wissenschaft nur philologischeLinguistik bedeutet, die beileibe keinen Gedanken von dem ttefen Sinn des Wortes, das sie nach allen Regeln zu zergliedern und zu erklären vermag, an das Tageslicht zaubern darf, dann ist Hirsch freilich kein Mitglied solcher Professorenzunft. Wem aber eben nicht das Wissen und die Wissenschaft Selbstzweck sein darf, dem, der den jüdischen Standpunkt teilen will, „des Wissens Blüte sei das Leben" ") wem Tauroh Lebensgrund und die Lebenstat Lebensziel ist, wem jede Beschäftigung mit Tauroh und ihrem Bann nicht geringere Wissenschaft, als jede Arbeit am Baugerüst zur Tauroh gilt, dem ist Samson Raphael Hirsch einer der höchsten Vertreter der ehrwürdigsten und erfolgreichsten, von Gott gegebenen Wissenschaft. Welcher Philologe hätte noch je bei der Erklärung der Bibel so auf die Zeitformen und die Wottftettung, das xenas und den Quweras geachtet, wie die jüdischen Exegeten, und nicht zuletzt in ihren Reihen Samson Raphael Hirsch. Von wem wäre noch je ein so wahrer, tiefempfundener Gedanke zu verzeichnen gewesen, als der der Erklärung der Lauroh- ") Jesajas 55.9. 15) Neunzehn Briefe. S. 1v4,)Amn. “) Choreb § 1.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.