Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1908)
- Date
- 1908-07-02
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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Veite 24. Ko. 27__ spräche aus sich heraus. Ein Gedanke, der erprobt ist an dem auf ihn gegründeten erfolgreichen Aufbau eines weithin leuchtenden großartigen Gedankengebäudes der Welt- und Lebensauffassung, wie es seinen Kommentaren zum tentateuch und zu den Psalmen zugrunde liegt. eine Symbolik aber, durch die ausdrücklichen Worte der Tauroh selbst begründet, vermag niemand mehr abzulehnen, der sich nur je die Mühe gegeben, die vorsichtige, gründliche und jedes Kleinste berücksichtigende Arbeit nachzuoenken, mit der er dieses originelle und gedankentiefe und gedankenreiche Gebiet angebaut hat. Oder sind an wiffenschaftlichem Wert feine kritischen Arbeiten nicht himmelhoch erhaben über denjenigen derer, die er kritisiert, seine Arbeiten, mit denen er das Geschichtswerk von Graetz, die Leistungen Geigers und die Schriften Frankels beleuchtet? Sind seine kulturhistorischen Pinselstriche, die er vom jüdischen Staatsleben gelegentlich im Jeschurun liefert, seine pädagogischen Arbeiten, seine Stellungnahme zur Naturwissenschaft in den heute erst modernen Welträtseln, seine wissenschaftlich-polemischen Angriffe, und Verteidigungsschriften, seine verschiedensten Programmschriften seiner Frankfurter Unterrichtsanstalten, sind sie nicht alle die beredsten Zeugen seiner gründlichen Wissenschaftlichkeit und seiner umfassenden talmudischen Gelehrsamkeit und Belesenheit auf allen Gebieten des wissenschaftlichen und praktischen Lebens? III. Um seine Gedanken Leben gewinnen zu lassen, dazu war er nicht nur literarisch tätig, sondern gründete er vor allem, wohin ihn das Geschick ries, Schulen. Auch die Aufgabe solcher Schulen, wie sie seinen Zielen und Zwecken entsprechen könnten und sollten, war ihm schon in sehr jungen Jahren klar. Schon im Choreb17) entwirft er einen Lehrplan dazu. In welchem Geist er aber die Unterrichtsanstalten der jetzigen Synagogen- Gemeinde Israelitische Religionsgesellschaft in Frankfurt schuf, das kann ich Ihnen nicht authentischer Mitteilen, als nach den Worten eines mit seiner eigenen Hand geschriebenen Briefes. Derselbe ist vom 24. Dezember 1852 datiert und alt einen Mann gerichtet, mit dem er seit seiner Tätigkeit in Emden Freundschaft geschlossen hatte und den er nun von Frankfurt aus bat, in Würdigung seiner hervorragenden Eigenschaften als Mensch, Jude und Lehrer, mitgründen zu helfen das große Werk der Jugendbildung. Der Brief an den seligen Herrn Kra n"y, damaligen Gemeindelehrer in Norden, beginnt: „Unsere Religionsgesellschaft hat es von dem ersten Augenblicke ihres Entstehens als ihre wichtigste und heiligste Aufgabe erkannt, eine Unterrichtsanstalt zu gründen, in welcher unsere Jugend in Zweigen des bürgerlichen und religiösen Unterrichts mit gleichem Ernst und gleicher Sorgfalt herangebildet werden solle; mm nobn ns’ l'tt OKI IpK "JY1 V« «-nrn OKI TpK “pn oy mm ptt ipK Tn; dieser im echten Judentum uralt geheiligte Grundsatz ist der Lebensnerv unserer Gesellschaft und in seinem Geiste ungetrübt und unbeirrt die Jugenderziehung zu vollenden, soll die Aufgabe oieser Schule sein. Diese Angelegenheit ist jetzt nun soweit gereift, daß wir, wenn irgend möglich, die Anstalt bereits zum 1. April d. I. eröffnen möchten und daher zur Anstellung der entsprechenden Lehrer schreiten müssen. In der Voraussetzung, daß Sie, lieber Herr Kra, noch Ihre alte Rüstigkeit und Gesinnungstüchtigkeit bewahrt und gerne als Mit-: arbeiter an dem heiligen Werke eintreten möchten^ das — wenn Gott seinen Segen dazu gibt —■ wie kein anderes sonst, berufen sein dürfte, im Herzen Deutschlands, in dem Herde der Religionszertrümmerung, wieder das Gottesheiligtum in seinem ewigen Glanze von Grund aus aufzubauen — habe ich der mit der Berufung der Lehrer beauftragten Kommission auch Sie in Vorschlag gebracht." Hat Hirsch sein Versprechen gehalten? ") Kap. 84. _„Israelit»_^ Jndeß nicht nur die E r h a l t u n g der min lag ihm am Herzen, sondern auch ihre Unabhängigkeit. Nicht nur die Rettung der Wahrheit, auch die Reinheit ihres Begriffes. Und wie Wahrheit nicht ein rein logischer, sondern auch ein ethischer Begriff ist, so mußte das als wahr Erkannte auch anerkannt werden. Ein kodifiziertes Recht ist tot, wenn es nicht zur Anwendung gelangt, eine Wahrheit ist v e r n i ch t e t, die nicht in Freiheit leben und sich betätigen darf. Dreißig lange, sorgenvolle Jahre führte in Frankfurt die verfolgte Wahrheit des überlieferten Judentums den Prozeß um das Recht ihres Daseins gegen ihre hohnlachenden Brüder, deren Herz eiskalt in ihrer Brust erstarrt, kein Verständnis nicht nur für Judentum, auch nicht für Rechtlichkeit und Billigkeit mehr hatte — fast möchte inan .ironisch sagen: „in echt modernem Liberalismus." Erst vor Parlament und Regierung kam die von den Brüdern geknechtete Tauroh zu ihrem Recht und am 28. Juli 4876 ward das Prinzip der Gewissensfreiheit auch für die orthodoxe Minderheit der preußischen Judenheit zum Gesetz erhoben durch die Möglichkeit des Austritts aus reformierenden und reformierten Synagogengemeinden. Dieser geschichtliche Moment, der keinen anderen materiellen Inhalt hat, als daß er den Austretenden Opfer, der Reformgemeinde als Veranlasserin zum Austritt nicht die geringsten Pflichten auserlegt, wird erst den Anfang eines Fortschrittes bedeutet haben. Der Austritt liegt nur aus ideellem Gebiete und ist die Konsequenz des persönlichen Rechtes zu leben, wie es einem das Gewissen vorschreibt. Hirsch selbst meint: „Der Austritt wird zuversichtlich nur allmählich und in kleinen Genieinden nur selten geschehen, und die im Interesse des religiösen Lebens so sehr zu wünschende Klärung nur sehr langsam fortschreitend)." Um so bedauernswerter ist es, wenn ein Bruder dem andern das Recht persönlicher Freiheit, das er für sich in Anspruch nimmt, nicht zugesteht. Ist es doch berfefBe Kampf, den die Judenheit in ihrer Gesamtheit nach außen, führt von dem wir im Innern soviel gelernt haben sollten, als unantastbaren Grundsatz des Menschenrechtes zu achten: Das Recht, Mensch zu sein. Wie bemitleidenswert engherzig - denken Menschen, die dem andern wegen der Wahrnehmung eines ideellen Verteidigungsrechtes gram sind, wie wenig würdig, wie wenig umsichtig und am wenigsten liberal ist eine Gemeinde geleitet, die ganzen Institutionen das größte Unrecht tut, weil ein Einzelner in ihnen das Recht will!! „Es kommt doch die Zeit, — möge sie nahe sein! — (so läßt sich am Schluffe der Austrittsbroschüre Hirsch vernehmen) wo die Wogen der Aufregung 'über das Austritts gesetz sich gelegt und dieses Gesetz seine wahrhaft erlösende Kraft für das allweite Aufblühen eines wahren religiösen Lebens in jüdischen Kreisen wird entfalten können. Dann werden die verschiedensten Richtungen unabhängig und friedlich nebeneinander bestehen und auf die Hingebung ihrer Bekenner allein angewiesen, nur noch den einzigen Wettkampf kennen, die Wahrhaftigkeit und die Wahrheit ihres innern Kerns durch die lauterste und segensreichste Verwirklichung aller religiösen und humanen Aufgaben aufs Sprechendste zu bewähren." Die Trennung hat aber noch eine Kehrseite. Sie selbst ist nur der negative Teil. Das positive Äquivalent für sie ist der Zusammenschluß der Gleichgesinnten. Einen solchen Zusammenschluß hat Hirsch für die ganze deutsche Orthodoxie geplant und hat sie durch die Begründung der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" in die Wege geleitet. Hirschs Werk ist es und wird es sein/ wenn seine heute neu erstarkte Schöpfung den erneuten Versuchen der Neologie, durch gesetzliche Zwangsorganisation das Recht der Einzelnen und „Das Prinzip der Gewissensfreiheit." S. 31. __ 2. Juli 1906 der Minderheiten zu knebeln, erfolgreich entgegentritt. Das jüdische Volk ist es, das durch ihn seiner göttlichen Kraft wieder bewußt ward, das Volk hater aufgerufen zur Selbsthilfe nach Gesetz zur Freiheit. „Wohl," so schreibt Hirsch"), unsterbliches Verdienst und Ruhmeskränze der Verherrlichung würden sich die Begüterten in Israel erwerben, denen der Notschrei des jüdischen Gesamtheiligtums zu Herzen ginge, und die mit den Gütern, die Gott ihnen gegeben, vor den Augen ihrer Nation in die Bresche ihres Heiligtums träten, und der Torah wieder die Pflanzstätten ihrer Erkenntnis und die Pflege der Erfüllung brächten. Gesegnet der Tag, an welchem nicht nur für nii^y und ohdh niVtM für Tempel und Armenpflege, an welchem auch für mm und für nun zuerst unsere Reichen wieder reich wären! Aber dreimal gesegnet der Tag, wo die Schekellehre unserm Volk wieder zu Herzen ginge, und es lehrte, nicht aus die Wühegedanken einzelner Großen zu warten, vielmehr mit seinen kleinen Mitteln voranzugehen und die Kraft zu erproben, die auch kleine Mittel in Bereinigung aller gewinnen." Diesem Ruf an das Volk folgte nach Hirschs Tode die Begründung aller der orthodoxen Vereine und Verbände, die die Erhaltung des jüdischen Heiligtums in ungetrübter Ueberlieferung bezwecken, wie unter vielen andern auch die Gemeinschaften, in deren Namen ich unseres großen Toten in Worten zu gedenken die Ehre hatte*"). Das Volk ist aufgerüttelt durch die Donnerstimme des Machtwortes eines seiner größten Söhne. Es steht unter Waffen. Weh dem, der sein Heiligtum, das Volkserbe Jakauws anzutasten wagt!! Das aber ist das umfassendste Verdienst, das Samson Raphael Hirsch als Priester im jüdischen Heiligtum sich erworben. So lange mußte der Priester nach den einleitenden Worten des gestrigen Wochenabschnittes niun litt in^yha das Licht des Leuchters anbrennen, bis die Flammen von selbst emporloderte. Das Geisteslicht des jüdischen Volkes ist entzündet und bezeugt, daß es niemals ganz erloschen, bezeugt durch sein bescheidenes, doch stetes Leuchten, daß Gottes Geist noch ruht im Volke Israel. Sein riesengroßer Sohn D'p2y2 Vtt Samson Raphael Hirsch hat gedacht und gesprochen, geschrieben, und geschaffen, bis daß er selbst entbehrlich war, er hat die volle Lösung der Aufgabe eines jüdischen Lehrers erreicht, sein Licht hat uns geleuchtet, hat uns erleuchtet und wird uns voranleuchten für alle Zukunft! o'mn T'W» yipH.n imo nvm nyi o^iy*? D'nDiDD. Der Weisheit Künder verbreiten Licht wie des Himmels taghelle Strahlung, und die frommen Jugendbildner senden wie das Sternenzelt in banger Sorgen-Nacht den milden Hoffnungsstrahl zur Erde nieder. So führen sie uns zu noch verhüllter, doch Jisroel und der Menschheit sicher bestimmter herrlicher Zukunft! LorrespsnOenren «. ßacbricbten. Köln. Am 21. Juni tagte hier eine überaus zahlreich besuchte außerordentliche Mitgliederversammlung des Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands. Es wurde dienen ausgearbeitete Satzung angenommen und auf Grund derselben der Vorstand neugewählr. Derselbe besteht aus den Herren M. L. Munk-Köln, Stadtverordneter I. B. Jonas-M.-Gladbach, S. Hanauer-Euskirchen, Dr. med. Ochs-Köln, Benno Hirsch-Köln, A. Bär-Ahrweiler, Rechtsanwalt Dr. Emanuel- Bonn, Hermann Kausmann-Eschweiler. Als stellvertretende Vorstandsmitglieder wurden die Herren Seminarlehrer Gut und N. Kahn, beide aus Köln, gewählt. '*) Jeschur. III S. 228. 20J Talmud Torah-Berein, Verband der Sabbasfreunde, Verein für öle jüdischen Interessen Rheinlandt