Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-07-02 · Heft 27 (2.7.1908) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 27 (2.7.1908)
Date
1908-07-02
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449326--64678-2507278
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Getre 20. Der Israelit. Nr. 27. 2. Juli irwv zurück haben wollen und weil sie nichts anderes gewußt haben, haben sie ausgesprengt, daß der alte Geizkragen gestorben ist und daß die Behörde wünsche, daß Malwine schleunigst heim komme, ihn das Erbe zu übernehmen. — Beareifft Du nun die bodenlose Betrügerei? — Uno wir sind ihnen auf den Leim gegangen! — es ist zum toll werden!" Er rannte wutschnaubend im Zimmer hin und her, während-der Oberst sich laut lachend in einen Sessel warf. „Nimm mirs nicht übel, Alex, aber die Geschichts gefällt mir ausgezeich net, das heißt meine Sympathien sind bei den Juden, nicht bei Dir und Deiner Braut." „Du hast gut reden, Du hast Dein Schäfchen ins Trockene gebracht, hast Deine Güter eingelöft, lebst in Hülle und Fülle und —" „Und hast ein liebes, herziges Weibchen und liebe herzige Kinder," fügte der Oberst innig hinzu. Der Baron zuckte die Achseln. „Um die beneide ich Dich grade nicht, die hätte ich auch schon hüben können, wenn ich gewollt hätte. Aber das übrige. — Verfluchtes Judenpack!" schrie er, indem er drohend die Faust ballte, „ich werd's Euch zeigen, daß man nicht ungestraft einen Kavalier zum Narren hält." Um die Lippen des Oberst zuckle es, als ob er sich amüsierte. „Was beabsichtigst Du zu tun?' fragte er. „Was ich tun werde? Klagen werde ich das Lumpenpack wegen betrügerischer Irreführung. Der Oberst brach in ein Helles Lachen aus. „Köstlich! köstlich! Alex, Du bist köstlich! Die Leute, denen ihr Kind entführt worden ist, die wolltest Du verklagen, weil sie sich einer unschuldigen List bedient haben, dasselbe wieder zu erlangen? — Ich halte mich zwar überzeugt/ fuhr er ernst fort, „daß Du bei ruhiger Ueberlegung von selbst das Unsinnige Deiner Idee erkennen wirst/mache Dich jedoch aufmerksam, daß Du nichts Besseres tun könntest als die Sache tot zu schweigen, anderenfalls hättest Du die Lacher nicht auf Deiner Seite." Der Baron murmelte einige unverständliche Worte. „Aber erkläre mir doch," fuhr der Oberst fort, „welchen Nutzen hast 'Du oder Deine Braut von der Entführung des Knaben erwartet?" Der Baron wechselte die Farbe, doch als sein Vetter dringender ward, erklärte er ihm eingehend, wenn auch hin und wieder stockend, den ganzen scharfsinnigen Plan, den er ausgeklügelt hätte; doch je mehr er sich darüber ausließ, desto mehr zogen sich die Augenbrauen des ihm Zuhörenden zusammen. „Aber das ist ja eine Infamie!" schrie der Oberst endlich, „eines solchen hätte ich meinen Vetter wahrlich nicht fähig gehalten." „Max!" rief der Baron mit starker Stimme, „mäßige Dich, oder ich verlasse auf der Stelle Dein Haus." „Na, das will ich nicht gerade provozieren, -kann meine Ansichten über Dein Tun auch für mich behalten, namentlich, da ich sie Dir bereits kund gegeben habe.". Der Baron biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten. „Ich weiß wahrhafttg nicht, was ich davon denken soll — Du sprichst beinahe so, als ob Dü gar kein Katholik wärst." „Ho, ho, ich bin ein gläubiger Katholik, in dieser Beziehung nehme ich's mit jedem auf." „Scheint doch nicht, wenn Du es für infam erklärst, ein Judenkind der Taufe geneigt zu machen —" „Was ich gesagt habe, halte ich aufrecht. Was Ihr getan habt, ist infam und bleibt infam und —" „Wenn es infam wäre,.hätte der Pater Anestäsius uns nicht seinen Segen dafür gegeben und die Sache selbst in die Hand genommen." „Kenne den Pater Anastasius nicht," sagte der- Oberst achselzuckend, „vermutlich ein Jesuit." .. „Pater Anastasius ist allerdings Jesuit, doch von seinem Edelmut, seiner Selbstlosigkeit, kannst Du Dir keinen Begriff machem" , „Na, Du bist mein Gast. — Mer sage mir. f wenn sich nun Euer Manöver nicht bewähren sollte — was dann?" „Ich verstehe nicht, was meinst Du, was Dann?"' - „Nun, wenn sich der junge Gotthold nicht zum Uebertritt entschließen würde?" /Er kann doch ohne Zustimmung seines Bor mundes gegenwärtig noch nicht übertreten, er ist dochnoch nicht uchrzehn Jahre. Nur kann er erklären, daß er nach zurückgelegtem achtzehnten Jahre übertreten wird." „Wer wenn er das nun nicht erklären würde?" — was dann?" „Ich hoffe, er wird es erklären. Tatsächlich ist er von der Wahrheit und Göttlichkeit unserer heiligen Religion überzeugt." „Du kannst nicht wissen, ob diese par ordre de mufti eingehauchte Ueberzeugung Stich halten wird, wo er jetzt wieder unter der Obhut seines Großvaters sich besindet. Ich frage nicht um sonst und bitte daher, meine Frage zu beantworten. Was gedenkst du zu tun, wenn der Junge sich zu der von Euch gewünschten Erklärung nicht entschließen würde?" Der Baron atmete schwer auf, seine Finger zuckten nervös. „Dann — dann — ja, für zwei bis dreimal hunderttausend Mark könnte ich mich nicht entschließen, eine Jüdin zu heiraten. - Und wer weiß, ob es noch so viel ist, die Reise muß ein Heidengeld gekostet haben." „Du hast dich von deiner Braut frei halten lassen?" „Bon meinem Geld hätte ich doch eine solche Reise nicht machen können. Woher nehmen und nicht stehlen?" „Und nachdem du nahezu zwei Jahre von dem Gelde deiner Braut gelebt hast und davon gereist bist, könntest du dich entschließen, sie nun sitzen zu lassen, wenn sie dir nicht Millionen Knöringen werde?" „Ja, du lieber Gott, was soll man tun? Bon Luft allein kann man nicht leben." „Von zwei bis dreimal hunderttausend Mark kann man leben und zwar anständig leben." „Es kommt darauf an, was man so nennt." Der Oberst machte eine bezeichnende höhnische Bewegung. „Es ist spät," Tagte er aufstehend, „morgen muß ich bei Zeiten fort, ich weiß daher nicht, wann wir uns wieder sprechen, darum will ich dir heute noch das eine sqgen, ohne Rücksicht zu nehmen, daß du mein Gast bist. — Alex, ich habe mich dir stets .als Vetter und als Freund gezeigt. — Solltest du jedoch die Niedertracht so weit treiben, deine -Braut, deren Brot du zwei Jahre lang gegessen hast, sitzen zu lassen, so sind wir geschiedene Leute. — Gute Nacht!" Ohne sich nochmals umzuwenden, verließ er das Zimmer. Der Baron hätte den GUten achtwunsch nicht erwidert. Seine Lippen hatten sich zwar bewegt, doch kein Lack hatte sich ihnen entrungen, vollständig gebroden saß er da. Was er da gehört hatte, war nichts geringes. Wenn er sein Verlöbnis lösen und sein Vetter mit ihm brechen würde, so war er ein verlorener Mensch — Doch noch hoffte er, Peter Anastasius hatte seinen gelehrigen Schüler oft genug gerühmt, seine Begeisterung für alles Hehre, Große und Edle und selbstverständlich für die Religion der Liebe, die er ihn kennen gelehrt, zu der überzutteten ihn nur seine Jugend gehindert hatte. Gewiß, er würde sein Wort halten, würde seinen Gelöbnissen treu bleiben. — Und dann war ja alles gut. -i- 4- -i- Als Malwine ihr einsames Souper beendet hatte, trat sie hinaus auf den Balkon und blickte hinüber in die Wohnung ihrer Schwiegereltern. Die ganze vordere Zimmerreihe war hell erleuchtet, die Fenster rvaren geöffnet, fröhliches Lachen, heitere Stimmen tönten zu ihr hinüber, als wäre dort eine weit, zahlreichere Gesellschaft beisammen, und,- Herr Gott im Himmel, war das nicht ihr Vater, der dort in strammer Haltung sein Glas empor» chwenkte? Er schien einen Toast ausgebracht zu haben. Gotthold und seine Frau stießen mit ihm au und jetzt auch Edwin und Clementtne. Die beiden letzteren umarmte und küßte er, wahrhafttg, ihre vorwitzige kleine Schwägerin^ auch! Wer das dem Alten zugeträut hätte! Wilder Haß glühte in den Augen der dämonisch schönen Frau, während sie hinüberschaute zu ihren Angehörigen, die in festlichem Gelage die Heimkehr ihres Edwin feierten und in übersprudelndem Uebermut einander hochleben ließen. Wie laut und wie fröhlich sie lachen konnten — ihr Vater am lautesten. Verflucht! — Hätte sie mit ihrem Hauche sie sämtlich vergiften können, sie wäre sofort zu ihnen hinübergeeilt. Doch es begann sie zu frösteln, sie verließ den Bakon, warf die Tür ins Schloß und schellte ihrer Zofe, um sich entkleiden zu lassen. Aber sie verbrachte eine unruhige Nacht, obgleich sie sich früh niedergelegt hatte, war sie doch erst sehr spät eingeschlafen. Stundenlang wälzte sie sich in ihrem Bett, und als sie endlich ein geschlafen war, hatten sinnlose Träume ihrem Schlummer die beruhigende Wirkung geraubt. Als sie am Morgen die Augen aufschlug, stand die Sonne bereits am Himmel und Alex hatte versprochen, im Laufe des Vormittags sie zu besuchen, da mar es schon an der Zeit, sich Mit der Toilette zu beschäftigen. Doch als Lisette nun in das Zimmer trat, reichte sie ihr auf silberner Platte einen Brief. Hastig griff Malwine danach; er trug zwar nicht, wie die Briese des Barons gewöhnlich, das freiherrliche Wappen, doch er kam von ihm,- kein Zweifel, sie erkannte seine Schrift. Während sie dee Zofe Anweisung betreffs der Vorbereitungen zur Toilette erteilte, öffnete sie das Couvert unb entfaltete den Brief. Derselbe lautete; „Geliebte meines Herzens! Hoffentlich hast Du den schweren Schlag, der uns getroffen hat, bereits überwunden. — Wie mußt Du gelitten haben, Geliebte! Wie.muß Dein zartbesaitetes Gemüt geblutet haben, als Du in Deiner Trauerkleidung, - die kindliche Pietät Dir aufgezwungen, Deinem lebenden Vater entgegengetreten bist! Ich kann mir Dein Entsetzen lebhaft denken! Und daß ich nicht bei Dir gewesen bin, daß ich Dich nicht vor aller Welt in meine Arme, an mein Herz schließen konnte, um Dich zu schützen vor all den gemeinen, rohen, schadenfrohen Blicken, das werde ich mir nie verzeihen. Und dennoch, wenn ich alles in ernste Erwägung ziehe, so muß ich es geradezu als göttliche Fügung, die uns zu unserem Ziele führen will, bettachten, daß ich nicht jenen entsetzlichen Moment an Deiner Seite erlebt habe. Meine Gegenwart hätte &j»n Haß Deines Vaters gegen uns verdoppelt, und wir sind jetzt wiederum darauf angewiesen, uns, wenigstens zum Schein, seinem Willen zu fügen. Hoffentlich wird Dein lieber Edwin seinem Gelöbnisse treu bleiben und sobald er das gesetzliche Alter erreicht hat, zu unserer heiligen Kirche übertreten. Dann wirb es ihm auch mit Leichttgkeit gelingen, Deinen Vater zum Uebertritt zu bewegen- Wenn er nur noch ein Jahr unter Leitung des Paters- Anastasius geblieben wäre, so hätte ich nach dieser Richtung hin auch nicht den geringsten Zweifel, d. h. ich zweifle auch so nicht an ein schließliches Gelingen unseres Planes, denn ich habe noch in der Nacht dem Pater Anastasius^ geschrieben, habe ihn von dem schändlichen Spiel, das man mit uns getrieben hat, in Kenntnisgesetzt und habe ihn aufgefordert, seinem Schüler fleißig zu schreiben und schriftlich seinen ganzen Einfluß auf ihn geltend zu machen, damit esihm vielleicht noch vor seinem eigenen Ueberttitt gelänge, Deinen Vater zu gleichem zu überreden. So schwer es uns auch werden mag, Geliebte, wir müssen uns in Geduld fügen und müssen uns vorläufig, wieder, wie früher, mit den trauten Zusammenkünften in der Kaiserstraße begnügen- Heute Abend um sechs Ühr werde ich dort sein und bis um sieben auf das Licht meines Lebens dort harren. Lasse, nicht vergebend harren, Geliebte, ' . . , Deinen bis in den Tod getreuen Alex." (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.