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Der Israelit · 1908-07-02 · Heft 27 (2.7.1908) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 27 (2.7.1908)
Date
1908-07-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Rr. 27. Tritt 10. Der Israelit. 2 Juli 19V8 Rabbi Metsel liegt seit mehreren Wochen schwer krank darnieder. Die Liebe der Gemeinde zu ihrem Führer, die stch bei dieser Gelegenheit kundgidt, ist grenzenlos. Die Notablen beriefen auf ihre Kosten den Professor Hildebrand aus Berlin, der zur großen Freude der ganzen Gemeinde dem Patienten die beste Hoffnung gibt. Hälfte der jüdischen Verbrecher steht im Alter zwischen 15 und 20 Jahren, während bekanntlich der größte Teil der jüdischen Einwanderer über zwanzig Jahre alt ist. Wer trotzdem übersteigt die Verhältnisziffer der jüdischen jugendlichen Verbrecher nicht diejenige der christlichen Jugendlichen. London, 28. Juni. Der „Bossischen Zeitung" wird geschrieben: In der Nummer 6 Cecil Street, einem Keinen Wohnhaus in einer schäbigen Seitenstraße von Mile - End Road im Ostende Londons, herrscht heute große Freude. Denn alle Morgenzeitungen berichten, daß der zwanzigjährige Selig Brodelsky, der älteste Sohn des in dem genannten Häuschen wohnenden jüdischen Straßenhausierers, gestern in der Aula des Senatsgebäudes der Universität Cambridge feierlich zum senior vrsngler in den mathematischen Tripos erklärt worden ist. Was ein Wrangler ist und was die Tripos bedeuten, in denen der jüdische Student die vielbegehrte Auszeichnung nach abgelegten strengen Prüfungen erlangt hat, wissen nur die wenigsten Leute, auch im Westende der Reichshauptstadt geschweige die Hausierjuden in der als Slums bezeichnten Nebenstraße im Ostende, von der bo$ heutige „Chronicle" eine Ansicht mit dem Bildnis des jungen akademischen Bürgers darbietet. Es darf zur Ehre Englands hervorgehoben werden, daß es einem gänzlich unbemittelten Ausländer gelungen ist, in einer der ältesten Landeshochschulen die höchste akademische Auszeichnung^ zu erlangen, die Cambridge zu vergeben har. Selig Brodelsky wurde vor 20 Jahren in Olviopol im russischen Regierungs-Bezirk Cherson bei Odessa geboren. Sein Vater wanderie vit: Jahre später nach England aus, da er für sich und seine zunehmende Familie in der russischen Heimat kein Auskommen fand. So arm war damals Brodelsky, daß er zur Zeit seiner Ankunft in England im Jahre 1892 sich nicht über den Besitz der 5 Lstr. hätte ausweisen können, welche das jetzt in Kraft stehende Einwanderungsgesetz von den nach dem Jnselreich reisenden Ausländern verlangt. Aber er hatte einen nach gesetzlicher Vorschrift ausgestellten Paß, ist ein strebsamer, nüchterner Mann, und hatte nach Jahresfrist genug Geld verdient, um seine Frau mit den in Olviopol zurückgebliebenen Kindern nach London kommen zu lassen. Der kleine Selig, der bei seiner Ankunft nur jiddisch sprach, lernte sehr rasch englisch in oer jüdischen Freischule in Bell Lane, die er bis zum Jahre 1900 besuchte. Zwei in der Schlußprüfung erworbene Stipendien ermöglichten ihm die weitere Ausbildung in der Mittelschule in Cowperstreet. Während er diese Schule besuchte, bestand er mit Auszeichnung die Reifeprüfung für die Londoner Universität und bezog im Dezember 1905 mit einem Stipendium von 60 Lstr. das Trinity College in Cambridge. Jetzt ist für das Fortkommen hes jungen Mannes vollauf gesorgt. NewiAork, 25. Juni. Nicht geringes Aufsehen erregte vor einem Jahre die Behauptung des Newyorker Polizei-Oberkommissärs Bingham, daß die eingewanderten Juden das größte Kontingent der Verbrecher in Amerika stellen. Bingham behauptete insbesondere, daß von den 2000 Photographien des Newyorker Verbrecheralbums 1200 Juden darstellen. Ueberdies schrieb der Sekretär Bingham's in einem Briete an den Politiker Barondes, daß von den 189,202 Individuen, welche im Jahre 1906 verhaftet wurden, 35,000 Juden waren. Daß viere Angaben von den Judenfeinden und Gegnern der Einwanderung gründlich ausgenützt wurde, ist selbstverständliche Run hat die Redaktion der „Federation Rewiew", eines Organes der „Federation of Jewisy Societies" sich der Mühe unterzMvn, auf Grund amtlicher Daten die Angaben Bmgham's und seines Sekretärs aus ihre Richtigkeit zu prüfen. Mit der Arbeit wurden die Professoren Jsaac Hurwttz und M. G. Katz betraut und diese haben bald festgestellt, daß die erwähnten Daten nichts anderes als haarsträubende böswillige Entstellungen sind. Die o"i° ziellen statistischen Daten ergaben, daß im Verlause des Jahres 1907 in Newhork im Ganzen 666 Juden angeklagt wurden, was bei einer jüdischen Bevöllerung von über 2/4 Million 0.81 per Mitte ausmacht. Vergleicht man die Zahl der jüdischen Verbrecher mit derjenigen der nichtjüdischen, so ergibt sich Folgendes: Am Ende des Jahres 1907 hatte Newyork etwas weniger als zwei Millionen christliche Einwohner; christliche Angeklagte gab es im Jahre 1907 rund 3910, d. h. 2 per Mille. Mit anderen Worten: die Zahl der jüdischen Verbrecher war im genannten Jahre im Verhältnisse zu ihrer Bevölkerungszifser m:hr als um das doppelte kleiner als die der christlichen Verbrecher. Von den 666 jüdischen Angeklagten wurden 86 im Verlaufe der Verhandlung befreit, 120 Fälle wurden in anderer Weise erledigt und blos 4M wurden endgiltig verurteilt. Betrachtet man die Art der Verbrechen, wegen welcher die 4M Juden verurteilt wurden, so findet man, daß 269 Verbrecher gegen das Eigentum und die übrigen Verbrechen gegen die Person waren. .Interessant ist auch der Vergleich zwischen den jüdischen Arrestanten und den christlichen. Es wurden insgesamt 153 Juden in die staatlichen Gefängnisse gebracht, d. h. 1 :5000, während bezüglich der christlichen Bevölkerung Won auf jede 2000 Personen ein Arrestant entfällt. Wichtig rst auch die folgende Darstellung: Mehr als di« Uereinswesen. Frankfurt a. M 20. Juni. Durch den Verein Lemaan-Zion wurden in Jerusalem im 1. Quartal des Jahres 1908 3234 diverse Kranke und 2069 Augenkranke in der Poliklmik gratis behandelt. In der Apotheke wurden in dem gleichen Zeitraum 4564 Rezepte, zum großen Teil gratis, abgegeben. 1000 Personen, darunter 700 Schüler der diversen Schulen und Talmud-Tauros, wurden anläßlich der anfangs des Jahres ausgebrochenen Blättern-Epidemie gratis geimpft; 345 Kranken werden leihweise die notwendigen Utensilien überlasten. Ferner erstreckte stch die Tätigkeit des Vereins auf Lehrlings-, sowie Krankenunterstützungen, Arbeitßförderungen und Unterstützung russi cker Einwanderer. Seit 1. Mai wurde eine Spezial-Klinik für Augentrankheiten eingerichtet, woselbst Herr Dr. M. Erlanger täglich gratis Sprechstunden abhält. Im Monat Mai wurden an 561 verschiedenen Patienten 1881 Behandlungen vorgenommen. Der Verein sieht stch durch diese außerordentliche Inanspruchnahme des Herrn Dr. Erlanger veranlaßt, sobald als trgrnd möglich, demselben eine geeignete Hilfskraft zur Sette zu stellen. Breven, 26. Juni. Das abseits von der Heeresstraße, fest an der holländischen Grenze liegende Städtchen Vreden prangt nn Festeskleide. Ueberall sieht man Fahnen- und Tannenschmuck, die zu Ehren der Synagoge, welche auf ihr hundertjähriges Bestehen zurückblickt, prangen. Am Schabbos fand während des Hauptgottesdienstes die Vorfeier des Festes statt, bei welcher Herr Lehrer Bär aus Gemen in einer eindrucksvollen Predigt jener Geistesheroen gedachte, die einst an diesem Platze gelehrt und gewirkt haben. Am Sonntag Nachmittag war Festgottcsdienst, zu dem die Behöroen der Stadt erschienen waren. Sr. Ehrwürden, Herr Rabbiner Dr. Marx hielt die Festpredigt. Nach einem Rückblick auf die Zeit, als vor 100 Jahren französische Banden den westfälischen Boden unter ihren Füßen zertraten, schilderte der Redner die schweren Opfer, unter welchen damals das Gotteshaus erbaut wurde. Zweimal wurde die Synagoge wie durch ein Wunder, von Feuersbrünften, die den ganzen Ort zerstörten, verscKmt. Die Geschichte und Geschicke der Gemeinde in den hundert Jahren entrollend, beleuchtete der verehrte Herr Rabbiner auch die Pflichten der Gegenwart. Nach beendetem Gottesdienst fand das Fest in einem schön geschmückten Saal seine Fortsetzung. An dieser Stelle sprachen noch unter anderem der Herr Bürgermeister und der Herr Amtmann aufrichtige und herzliche Worte. Herr O. Löwenstein brachte namens oer mit Vreden eng verbundenen Gemeinde Gemen und als Vertreter des „Vereins zur Wahrung der religiösen Interessen in Westfalen" die Glückwünsche in schönen, kernigen Worten dar. Szornbathelv, 28. Juni. Der Verein „Mewakfche Tauroh", der sich aus der hiesigen gesetzestreuen jüdischen Jugend gruppier!, hielt am 21. Juni seine erste Jahresversammlung ab. Der Präses, Herr Pr. I. Rupendorfcr referierte in seiner Eröffnungsrede über die Tätigkeit des Vereins, welche von der Begeisterung und echt indischen Gesinnung der Mitglieder, die den Verein in den Stand setzten, nach allen Richtungen im Sinne der Statuten seine Aufgabe zu erfüllen, beredtes Zeugnis ablegte. Der beifällig aufgenümmenen Rede schloffen sich die Referate der übrigen Vorstandsmitglieder an. Hierauf hielt der ehrwürdige Rabbiner der hiesigen orthodoxen Gemeinde, Herr M. Benedikt, eine schwungvolle mit Zitaten aus Bibel und Talmud gewürzte Ansprache, welche tiefen Eindruck auf alle Anwesenden machte und ihre Wirkung nich: verfehlen dürste. Nach Ablegung des Kaffenberichtes und Erledigung weiterer Punkte der Tagesordnung, von denen besonders der Beschluß, die Zentennarfeier des Rabbi Samson Raphael Hirsch y'gj würdig zu begehen, hervorzuheben in, wurden die Nruwa'.len getroffen. Zum Präsidenten wurte Herr Pr. Jenö R. gendvrser gewählt. Als weitere Vorstandsmitglieder die Herren: I. Frischmann, H. I. Bresnitz, H. I. Seidl und H. Löwenstetn. Personalien. Oberrabbiner Elia Hazzan Frankfurt a. M, 25. Juni. Wiederum, wenige Monate nach dem Heimgang Rabbi Jechiel Michael Epsteins V'jiT ist es einer der größten unseres Volkes, der die Augen zum letzten Schlummer geschlossen hat: Rabbi Elia Hazzan, der Oberrabbiner von Alexandrien, ein Mann, der zu den -mn gezählt hat. Der Verstorbene war 1845 zu Smyrna geboren, und hat seine hervorragende talmudische Gelehrsamkeit in den Jeschiwoth Jerusalems erworben. Dorthin war er mit seinem Großvater schon als kleiner Junge ausgewandert und hier blieb er als jener zum Chacham Baschi von Jerusalem gewählt wurde. 1861 zum Mitglied des sefardischen Bes-Din in Jerusalem gewählt/ folgte er 1874 einem Rufe der Gemeinde Tripolis, um 1888 das Amt eines Chacham Baschis von Mexandrien zu übernehmen. Rabbi Elia Hazzan, der vom Sultan wiederholt durch Verleihung hoher Orden geehrt wurde, war ein vielseitig gebildeter Mann, der neben seiner profunden jüdischen Gelehrsamkeit fließend Hebräisch. Arabisch, Türkisch, Französisch, Italienisch und Spanisch sprach. Seine bekanntesten Werke sind die Sammlungen 2b mDltyn Pitt NI2V Oberrabbiner Hazzan hat toiederholt Europa bereift und ist einmal auch von Kaiser Franz Josef in Wien empfangen worden. In der internationalen Rabbiner- Konferenz in Krakau 1903 führte er den Vorsitz. n'asün Ber lin, 1. Juli. Soeben ereilt uns die Treuerkünde, daß der namentlich von den rusfisck -polnischen Einwohnern der Reichshauptstadt als Autorität hochverehrte Rabbiner Auerbach /'jh, im Bolkcmund der „Plotzker R aw" genam, plötzlich einem Schlaganfall erlegen ist. Wir kommen auf das Leben und die Bedeutung des Heimgegangene^, der nur 66 Jahre alt geworden ist, in nächster Nummer zurück. Prag, 30. Jnni. Professor Dr. Salomon Ehrenfeld, klassischer Philologe, Sohn des hiesigen Obcrrabbtners, bisher am Gymnasium in Gablonz tätig, wurde dieser Tage vom Unterrichtsminister an das Weinberger Gymnasium in Prag befördert. Merzweilcr 25. Juni. Der Kronenorden vierter Klasse mit der. Zahl 50 wurde dem seit 50 Jahren als Kantor und Religionslehrer an der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde wirkenden Israel Moch vom Kaiser verliehen. Zprecdraal. Vergessen. In der Bewegung, welche von Seiten der Vereine der Sabbatsreunde und zahlreicher anderer jüdischen Kreise angesichts der drohenden Verschärfung und Ausdehnung der Sonntagsruhe eingesetzt hat und welche zahlreiche Eingaben an die verschiedensten Faktoren der Gesetzgebung und der maßgebenden Behörden gezeitigt hat, ist nur von den Interessen der Kaufmannschaft .die Rede. Man hat in den erwähnten Darlegungen nur auf die Schädigung der Inhaber und der Angestellten der kaufmännischen Geschäfte hingewiesen. Es gibt aber einen säst noch zahlreichere Männer beschäftigenden und eine größere Zahl von Familien nährenden Geschäftszweig: den Stand der Viehhändler. Und dieses sehr wichtigen Standes Interessen zu wahren, ist um so ernstere und dringendere Pflicht, als die Viehhändler durchweg bis auf ganz verschwindende Ausnahmen am Sabbath ihr Geschäft streng und gewissenhaft ruhen lassen. Das Biehgeschäft, von welchem ich rede, betrifft Zuchtvieh. Ein großer Teil des Handels wickelt sich am Sonntag in den sreigelassenen fünf Stunden ab. Und zwar auf dreifache Art: 1. Kommen am Sonntag zahlreiche Bauern aus der näheren und ferneren Umgegend, welche an best Wochentagen keine Zeit haben, zu den Handelsleuten in den Statt, um sich Vieh anzusehen und zu kaufen. 2. Erscheinen jüdische Handelsleute bei ihren kleineren Geschäftsfreunden, um diejenigen Stücke, welche diese kleinen Leute während der Woche aus ihren Hausiergängen auf dem Lande erlangt haben, aufzukausen. Diese kleinen Händler sind fast ausschließlich auf den Sonntag angewiesen, weit die'mittleren uno größeren Händler an den anderen Tagen entweder auf dem Markte oder in ihren Kundschaftsorten (Gäu) tätig sind. Würde darum die Sonntagsruhe ausgedehnt, indem die 5 Stunden beschränkt oder gar ganz ausgehoben würden, so wären die Kleinhändler in ihrer Existenz geradezu vernichtet. Denn sie sind aus die mittleren und größeren Händler, welche alles kaufen und bar bezahlen, ausschließlich angewiesen. 3. Handelt es sich am Sonntag auch um sehr günstige Einkaufsgelegenheiten. Es besuchen nämlich die kleineren und mittleren Händler die Großhändler, um bei diesen für sie geeignete Stücke Vieh auszusuichett und zu kaufen. Sie erhalten es zu sehr günstigen Bedingungen, ohne große Mühe und ohne Unkosten und zwar in vorzüglicher Auswahl. Unter der Woche fehlt diese Einkaufsgelegenheit, weil die Großhändler z. T. in großer Ferne abwesend sind. Kämen nun die fünf Geschäftsstunden am Sonntag in Wegfall, so find, wie gesagt, zahlreiche Existenzen und zwar kleine und mittlere Nicht allein in ihrem Erwerbe beeinträchtigt, sondern geradezu mit Vernichtung bedroht. Es handelt sich dabei dann nicht allein um die Handelsleute selbst, sondern auch um die Landwirtschaft treibende Bevölkerung, welche sowohl bei dem Einkauf als auch bei dem Verkauf ihres Viehes auf die Handelsleute angewiesen ist. Mittelbar leiden die Geschäfte in Stadt und Land, welche die handelsmännische Bevölkerung zu Kunden und zwar sehr guten Kunden haben. Denn der Gebrauch der jüdischen Bevölkerung ist verhältnismäßig bedeutend größer» als der der übrigen. Unmittelbar aber sind durch Einschränkung des Geschäftes die Steuereinkünste

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