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Der Israelit · 1908-07-02 · Heft 27 (2.7.1908) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 27 (2.7.1908)
Date
1908-07-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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"Seite 8. Nr. 27. Der JSraelit. 2. Juli 1908. entwickelten die Anhänger Dr. Spiros und der Neologen trotzdem eine eifrige Agitation zu seinem Gunsten und trachteten die Rabbinerwahl auf alle mögliche Wege in die Länge zu ziehen. Doch gelang es, auch dieses Ansinnen zu vereiteln. Der Gemeindepräses Herr Györi befolgte den Rat der gesetzestreuen Vorstandsmitglieder und fand im Einvernehmen mit denselben den geeigneten Mann, vor dem alle Einwendungen zurücktreten mußten, in der Person des Tö*?n Svia D3n und hochgebildeten Herrn A. S. Spitzer. Trotz aller verzweifelten Anstrengungen der Neologen erfolgte die Wahl dieses Vna mit 417 gegen 161 Stimmen. Möge mit dem neuen Rabbiner eine neue Aera von min und ntn' v'vv bei uns anbrechen. Rustland. ’ Petersburg, 28. Juni. Auch unsere höchste Gerichtsbehörde,, der Senat steht oft den konrplizierten Rechtsfragen der Juden ratlos Gegenüber. Vor einigen Tagen gelangte im 1. Departement des dirigierenden Senats eine Klage -er jüdischen Handwerker in Woronesh über deren ungesetzliche Besteuerung durch das Woronesher Handwerksamt zur Verhandlung. Dieses Handwerksamt beliebt nämlich Jahr für Jahr die jüdischen Handwerker mit einer erhöhten Steuer gegenüber den anderen Handwerkern zu belegen, ungeachtet des klaren Wortlautes der Art. 459 d. G. B. der von einer Besteuerung „aller Handwerker ohne Unterschied des Gewerbes und der Konfession" redet. Schließlich kam es so weit, daß die Woronesher jüdischen Handwerker, obwohl sie blos V, aller dortigen Handwerker v ausmachen, doch etwa die Hälfte aller Handwerkssteuern zu tragen hatten. Im 1. Departement des Senats kam es in dieser Frage zu Meinungsdifferenzen, und da sich in der Plenarsitzung des Senats keine Majorität erzielen ließ, gelangt die Angelegenheit zur Durchsicht der Konsultation des Justizministeriums. In derselben Sitzung gelangte zur Durchsicht eine Beschwerde des Grafen Konownizyn, des Präsidenten oer Odessaer Abteilung des Russischen Volksverbandes, über das Zirkular des Ministers des Innern vom 22. Mai 1907 tub. Nr. 20, das temporäre Wohnrecht der Juden betreffend, zur Verhandlung. Infolge Meinungsdifferenzen im Senat, ist auch in dieser Angelegenheit keine Entscheidung getroffen worden. Odessa, 23. Juni Der Generalgouverneur Tolmatzow fährt fort, die jüdischen Gemeinde- und Wohltätigkeitsinstitutionen zu reorganisieren. Gestern fand unter seinem Vorsitze eine Sitzung der jüdischen Notablen statt, an der außer den Mitgliedern der Gemeindeverwaltung auch Männer von Ruf wie Awinowitzki, Barbasch, Brodski, Ussischkin u. v. a. teilnahmen. Der Generalgouverneur sagte in seiner Eröffnungsrede, es sei seine Ausgabe, Ordnung in den religiösen und Humanitären Gemeindeeinrichtungen zu schaffen, zu deren Lösung er der Unterstützung der leitenden jüdischen Kreise bedürfe. Zunächst sollte eine geeignete Wahlordnung für die jüdische Gemeindeverwaltung aufgestellt werden. Die Herren Margolies und Ussischkin machten verschiedene auf die Gemeindeautonomie bezügliche Vorschläge, die vom Generalgouverneur nicht gut geheißen werden konnten, weil sie, wie er betonte, nicht genügend auf der Voraussetzung der Gleich berechtig unjg aller Gemeindemitglied, r in. Kultussache» fußten. Er legte seinerseits einen Entwurf für eine jüdische Gemeindeorganisation vor, der von viel Verständnis und Wohlwollen für jüdische Interessen zeugte, aber in seinen Grundzügen kaum dem von ihm selbst vertretenen Prinzipe der Gleichberechtigung entsprechen dürfte. So enthält auch der Entwurf einen Paragraphen, der bestimmt, daß diejenigen, welche eine größere Summe einer wohltätigen Institution zuwenden, ohne weiteres in den Vorstand oder Aufsichtsrat dieser Institution aufzunehmen sind. Ussischkin wies in der Debatte auf die Schäden, die aus dieser Bestimmung und aus anderen dieser Art der Gemeinde und ihren Institutionen entstehen würden. Die Wahlsrage wird in der nächsten Sitzung wieder zur Verhandlung kommen. Bis dahin sind alle religiösen, sozialen und humanitären Institutionen der Gemeinde — 28 an der Zahl — gehalten, ihre Jahresabschlüsse und Budgetaufftellungen dem Generalgouverneur einzurelchen. Sehr energisch sprach sich der hohe Beamte gegen eine von gewisser Seite gewünschte Erhöhung der Koscherfleisch-Steuer (Korobka) aus, und zwar mit Rücksicht auf die arme jüdische Bevölkerung, die ja schon ohnedies 25 Kopeken pro Pfund Fleisch zahlen muß. Man weiß noch nicht recht, was man von all den Bestimmungen und Bemühungen des Generalgouverneurs halten soll. Doch hört man jetzt schon hier oft sagen: Wie schade, daß nicht schon 1905 Tolmatzow Generalgouverneur von Odessa war. Helsingsors, 28. Juni. Herr Georg Brandes hat sein der jüdischen Deputation gegebenes Versprechen, gelegentlich für die Juden Finnlands ein Wort einzulegen, nun auch eingelöst, und. in der dänischen Zeitung „Politiken"^ tatsächlich einen Artikel über die Judenfrage in Finnland veröffentlicht. Vor allem wirft er die Frage auf, wie es wohl kommen mag, daß ein Bglk, wie das finnländische, das doch selbst so sehr unter der Unterdrückung durch ein anderes Volk gelitten und dagegen so energisch protestiert hat, — ein Volk, das in seiner großen Mehrzahl durchaus freiheitsliebend ist, nicht einer kleinen Gruppe von jüdischen Mitbürgern menschliche Existenzbedingungen gewähren' will. „Es ist traurig zu hören, wie ein jüdischer Student, der in Finnland geboren und ausgewachsen ist, sich dahin äußert, daß bloß unter dem Regime von Bobrikow, der keinerlei nationale Unterschiede zwischen Finnen und Juden anerkannte, die Lage der jüdischen Bevölkerung einigermaßen erträglich war. Somit war Bobrikow humaner als der Finnländische Senat." — Brandes meint, das finnische Volk sollte doch von sich aus in erster Linie das für andere tun, was es für sich wünscht. Und fast will es scheinen, als wäre die erst von dem Schriftsteller gehegte Befürchtung, durch solche offene Sprache die Freundschaft seiner lieben Finnen einzubüßen nicht unbegründet. Das hier erscheinende »HufvudstatsMad t“, das erst vor wenigen Wochen sich an Huldigungsartikeln für den großen Brandes kaum genug tuu konnte, führt nun mit ziemlich spitzer- Feder eine Polemik gegen die Aeußerungen Brandes, die zu jenen Lobeshymnen in gar keinem Verhältnis steht. Der Senat bekümmert sich indessen um diesen journalistischen Wortstreit sehr wenig und setzt seine praktische Versolgungsarbeit fort. Die Ausweis ungen der Juden aus Finnland mehren sich mit jedem Tage und bleiben in ihrer drakonischen Ausführung hinter denen im heiligen Mutterreiche und in Rumänien nicht zurück. Amerika. Newyork, 27. Juni. Vor einigen Tagen fand auf der Newyorker Einwanderungsinsel „Ellis Island" eine Konferenz der Haupt-Einwanderungsbeamten Amerikas statt. Es war dies seit vielen Jahren zum ersten Male nicht eine Konferenz zur Erschwerung, sondern zur Erleichterung der Einwanderung. Wie es scheint, haben sich die Einwanderungsbeamten überzeugt, daß es jetzt mit der Einwanderung nach Amerika recht schlecht bestellt sei, da jetzt wenig Menschen einwandern und sie beschlossen daher, die Zügel etwas zu lockern. . Die Konferenz wurde vom Handelsminifter Oskar Straus einberufen. Außer ihm waren an der Konferenz erschienen der General-Einwanderunaskommiffär Sargent, der Newyorker Einwanoerungskommiffär Watchhorn, die Kommissäre von Baüimore, Ppiladelphia, Boston und Montreal, sowie einige Beamte der Sanitätsabteilung des Einwan dernngsamtes. Die Konferenz beriet hauptsächlich über einige Erleichterungen bei der ärztlichen Untersuchung der Einwanderer, sowie über die Einführung einheitlicher Vorgänge bei der Landung der Einwanderer in allen amerikanischen Häfen. Es kamen die vielen tragischen Szenen zur Sprache, welche sich ereignen, wenn eine Familie wegen der Krankheit eines Mitgliedes auseinandergerissen wird. Es kommt z. B. eine Familie, welche allen Anforderungen entspricht, eine gesunde Familie von Feldarbeitern, die in eine spärliche bewohnte Gegend des Westens zu fahren beabsichtigt, um sich dort als Farmer oder Feldarbeiter niederzulassen. In der Familie ist aber ein Kind, das an Trachoma leidet. Laut den gegenwärtigen Gesetzen muß die Familie entweder auseinander gerissen werden, oder samt und sonders zurücksahren Kann die Familie die Kosten erschwingen, wendet sie sich nach Kanada, dort sind die Gesetze in dieser Hinsicht milder. Dort erlaubt man einigen Mitgliedern der Familie in der Einwanderungsstation zu bleiben, bis die Kranken geheilt sind. In den Vereinigten Staaten hingegen wird dies nur dann gestattet, wenn der Vater der Familie schon in Amerika lebt und im Besitze seiner „ersten Papiere" ist. Es wurde ferner konstatirt, daß die Untersuchung selbst auch zu strenge geführt wird. Oft kommt es vor, daß die Aerzte der europäischen Hafenstädte Jemanden nach gründlich gewissenhafter Untersnchung als gesund durchgelassen und derselbe Einwanderer dann von den amerikanischen Einwanderungsärzten für krank erklärt wird. Auch andere ähnliche Angelegenheiten kamen in der Konferenz zur Sprache und es kam der allgemeine Wunsch zum Ausdruck, daß alle diese Härten in der nächsten Zeit gemildert werden mögen. tandelsminister Straus, der wiederholt in >ebatte eingriff, versprach auf allen Gebieten rasche Hilfe. 5. R. Kirsch-Gedenkfeier. Krankknrt a. M., SO. Juni. Anläßlich der hunderssten Wiederkehr des Geburtstages von Rabbiner S. R. Hirsch s. A. fand am 24. Junt in der Aula der Israelitischen Volksschule eine Gedenkfeier statt. Herr Lehrer Mneas hielt die Festrede, worin er die Bedeutung und die Wirksamkeit des großen Rabbiners, des Gründers der Schule schi'derte. Berlin, 25. Juni Trotz der drückenden Schwüle des Sommerabends hatte sich am 24. Juni eine stattliche Schar im Burghotei zu einer Gedenkfeier für S. R. Hirsch anläßlich seines 100. Geburtstages eingefunden. Der Verein jüdischer Akademiker hatte den Ruf zur Ehrung des großen Lehrers ergehen lassen und damit bewiesen, daß er neben Erfüllung seiner besonderen Corpsaufgaben cs auch trefflich versteht, im Dienste der Mlgemeinheit auf der Warte zu stehen. Nach einem von stuä. Hartwig Carlebach gesprochenen Prologe, der in einem Treueschwur zu dem Vermächtnis des Meisters, dessen Bild aus Lorbeergrün herniederschaute, ausklang, ergriff der Festredner Herr Dr. Eduard Biberfeld das Worr. Es gälte, so führte er aus, in der Stunde des Erinnerns, sich vor allem Klarheit darüber zu verschaffen, was der Ausgangspunkt für die erfolggekrönte Wirksamkeit S. R. Hirschs gewesen und wodurch er noch heute mit der ganzen Wucht eines gotterfüllten Sehers zu den Glaubenstreuen spreche. Anerkennung der Thora und der Ueberlieferung in allen ihren verbindlichen Pflichten als einziges Fundament jüdischen Denkens und Handelns aus der einen und die Erkenntnis, daß die Thora von ihren Bekennern zu jeder Zeit mutvolle Opfer verlange, auf der anderen Seite, hat er allen folgenden Generationen als unverlierbares Fundamentalgefetz ausgeprägt. Dieser Geist kraftvollen Erfassens aller Lebensprobleme «ws dem Gesichtswinkel oes Thorajudentums ist der Kernseiner Lebenslehre. Alle in ihrer Art hervorragenden Leistungen Hirsch's in der Schule und Synagoge, auf dem Kampfplätze der Meinungen und rm stillen Smdierzimmer fanden ihren Antrieb in solcher von früher Jugend bis zum späten Alter hingebungsvoll geleisteten Arbeit für die wahrheitstreue Klarstellung und Belebung des auch in neuester „Zeit nichts an Berpflichtungskraft einbüßenden Sinaiwortes. In einigen Probestücken aus Hirschs Werken, von Herrn Dr. Bleichrode mit^sejnem Empfinden MM Bortrag gebracht, landen die Ausführungen des Redners die beste Illustration.

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