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Der Israelit · 1908-07-02 · Heft 27 (2.7.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 27 (2.7.1908)
Date
1908-07-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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3 Juli 1908. Ott A-raeltr. Nr. 37. Seite 5 Der i$raeliti$cb-nngari$cbe Citeraturomin (Z. M Z ll.) Boi: Rabbiner Fischer in Devav&nja. , i (Fortsetzung.) Auch den einen Redakteur dieses Jahrbuches, den Herrn Dr. Mezei, wollen wir mit Vorwürfen verschonen. Der hochgeehrte Herr neologe Kanzleisekretär, der wie wir bald sehen werden, selbst für Mischehen eine Lanze bricht, ist vor derartigen Vorwürfen gefeit. Aber an den anderen Redakteur, Herrn Dr. Wilhelm Bacher, ProWor und derzeitiger Direktor der sogenannten Rabbinerschule in Budapest, wollen wir die bescheidene Frage zu richten uns erlauben, glaubt er denn wirklich, daß die Aufgabe eines sich jüdisch nennenden Literaturvereines darin besteht, Geringschätzung unserer heiligen Weisen und Vorschriften zu verbreiten, daß in der glattzüngigen Persiflierung heiliger Vorschriften unseres göttlichen Thoragesetzes die Mission der jüdischen Belletristik zu suchen sei?! Oder weiß es auch der Bildner und Erzieher künftiger „Rabbiner" nicht, daß hier ein strenges Verbot der nempn mm zur Zielscheibe der Persiflage einer glattzüngigen Schriftstellerin gemacht worden ist? Run, dann wollen wir uns die Mühe nicht verdrießen lassen, und dem Herrn Professor und derzeitigen Direktor der sogen. Rabbinerschule in Pest ein kleines Kolleg hierüber zu lesen uns gestalten. '131 JTmtPSI "11DM 0'11521 OV ntoon tP'Dtprai lautet die Mischnah in Joma 73, b. 'idi iprr6 -nDKV njnoipn inoS pi nmtw *7112 fytt V2D nmtpV .11221 Viya1? in '131 rrmv kodifiziert Maimonides. n"n n"£ ,-wy nn'ntr 'n. an noi 121 V21? ivi'2 1^»^ mi'ß2fi dv nöon tönern '121 hdmVd in mnDKn o'-oin heißt es im Schulchan Aruch (C. Ch. 611, 1.). mtjwn nvMi ,iv'v.i V'vVnn nvM nsn.i 01' '121 .112 tt'.l 1^M2 (S. A. C. CH. 615, 1.) — S. 160 lesen wir in einer „Maskir Neschomoth". Ein Besuch der Gräber von Journalisten betitelten Arbeit vom berühmten ungarischen Schriftsteller Albert Sturm: „Bor kurzem erst haben wir unseren Kranz aus die Bahre des Dr. Paul Zilasch niedergelegt. Wohl stand diese Bahre in einer katholischen Kirche, und vielleicht hat man denselben mit den Worten des Lirenm äeäernvt zu Grabe geleitet, wir haben diesen Pester Juristen dennoch immer für einen der Unserigen gehalten rc.-der besonders wichtig war. Es galt den heute zum gerichtlichen Austrag kommenden Fall „Awromche Mühlstein". „Freikommen?" rief Kalme so laut, daß es bis zu Gitte Ellstein und Rechle Sprendling hinaufdrang und beide veranlaßte, sich noch tiefer herabzubeugen. „Freikommen? Schluß! wenigstens kriegt er drei Chabdoschim Dauses^)! So sicher soll mir die hoch Lott sein!" „Dann bleibst Du 'n Dalsen*), so lang Du lebst," rief Schlome Bär aus der Gruppe heraus. „Du schmutzt wie ein Narr," bestätigte Biniomin Dinkelspiel, der Jedem Recht gab, der dem Zwicker widersprach. Dann kam Beile Karbach, die etwas gebeugt ging, die Gasse herauf und der Zwicker, froh, das Gespräch ablenken zu können, begann, als sage er etwas wichtiges: „Da kommt auch schon Beile Karbach, die hat's auch nicht ruhen lassen." „Ich bin orew (garantiere)," ließ sich jetzt Sandel Blad, der Gänsstopfer, der wie eine gebogene Bogenstange über die andern hinwegragte, vernehmen, „die Beile drängt sich vor bis an die Barrikad," (er meinte damit, bis an die Barritzre), daß ihr chatz w'scholem') kein Wörtchen verloren geht." Beile, eine obwohl achtzigjährige, aber sehr, rüstige Greisin, war der Gruppe nähergekommen, als Sandel sich verschwor, seine schönste Stopsgans, die schon reichlich dreizehn Pfund wiege, gebe er dem Awromchen und Schenchey (Jeanette) zum Besten, wenn beide frcikommen sollten. „Das haben sie schon wegen der ausgestandenen Aengsten verdient!" 3) Monate Gefängnis. *) Armer Schlucker. 5) nur ums Himmels willen. endlich auch den Spaß gemacht, daß er gestorben ist, wodurch auch sein letzter, vor seinem Tode gemachter ernster Schritt bekannt geworden ist, daß er nämlich die Religion seiner Bäter i verlassen hat. Sei ihm leicht die gemeinschaft liche Muttererde." Nein, die jammervolle Erbärmlichkeit, die sich in der 'Tatsache ausspricht, daß solche Worte, die einen schnöden Religionswechsel wie das Wechseln von Hemden behandeln, in dem Jayrbuche eines sich jüdisch nennenden Lüeraturvereins, in einem Jahrbuche, dessen Redakteur Professor und derzeitiger Direktor einer Rabbinerschule ist, veröffentlicht werden, läßt sich tzar nicht genügend brandmarken. Diese Tatsache spricht Bände. Und da will inan noch mit Hilfe dieses Literaturvereins der in der Neologie grassierenden 1VV-Epidemie Einhalt gebieten. Sancta simplicitas! Unter dem Titel „Aus meiner Heimat" liefert der hochmögende Sekretär der neologen Kanzlei Dr. Fr. Mezei eine sentimentale Dorfgeschichte. Eine jüdische Dorfmaid verliebt sich in einen schmucken Bauernsohn und auch vice versa. Tie frommen Eltern des Mädchens wollten aber von einer solchen Verbindung nichts hören. Ta springt nun das verliebte Paar in den großen Brunnen, wo man sie anderen Tages tot herauszieht. Und der hochmögende Verfechter des klangreichen Prinzipes: Es gibt nur Ein Judentum und dessen berufenster Vertreter bin ich, Franz Mezei! — dieser Herr schließt nun seine romantische Erzählung mit folgenden „mystischen" Worten: „Draußen in der großen Welt streitet Man darüber, ob solchen, die der Himmel für einander geschaffen hat, auch die Eheschließung miteinander gestattet werde oder nicht. . Uh wollte blos die Geschichte meiner Landsleute erzählen. Möge dieselbe ein bescheidener Strauch sein, den ich über ihre Aschen Pflanze. Wer weiß, vielleicht wird dieser Strauch noch einmal W urzel greifen undBlumen bringen". (Seite 374.) Und der Mann, unter dessen Präsidium dieses Jahrbuch das Licht der Welt erblicken konnte, war der „ungarische Landesrabbiner" in spe, der neologe Bischof in partibus, Dr. Kohn, Oberrabbiner der neologen Gemeinde in Pest! Wir wundern uns bloß darüber, warum denn eigentlich dieser Herr keine Mischehen in seiner Orgelsynagoge einsegnet?! Was selbst „der Himmel kür einander geschaffen", sollte doch auch ein solch frommer, Gott ergebener Rabbi nicht mutwillig von einander trennen! „Ihr seid der rechte Mann zum Schenken," sagte Beile, die die Beteuerung des Gänsstopfer^ vernommen hatte. Dieser hatte schon eine boshafte Erwiderung auf der Zunge, als einer aus der Gruppe vorbeugend rief: „Jetzt wird's Zeit; wir müssen gehen, sonst kriegen wir keinen Platz mehr." Daraufhin setzte sich die ganze Gruppe in Bewegung zum »Aerichtsgebäude. „Eine Eharbe für die ganze Kille," wandte sich Beile jetzt an den neben ihr herschreitenden Schlome Bär. „Ein Bilbul6), ein Lug, ein Geßel7), antwortete er, „ein braver, frommer Mensch und der Rosenwald, der Maudimbucker (Heuchler), der Schackren (Lügner) und Maußer (Verräter), der diese Medertracht ausgeheckt har, sollte gesteinigt und in den Rhein geschmissen werden." — — — — — — Im Nu war der soeben aufgeschlossene Gerichtssaal von einer sich drängenden und schiebenden Menschenmasse zum Erdrücken voll und das zeitweilig von einer Art Podium herabgedonnerte: „Ruhe! Schweigen! eines Polizisten, blieb völlig wirkungslos. Die Leute schwatzten und lachten, wie es in diesem Saal noch nie gehört worden war. Dem ausgelassenen Benehmen der hier zusammengedrängten Menschen nach zu urteilen, handelte es sich in der bevorstehenden Gerichtsverhandlung sicher um keine tiefernste oder gar tragische Begebenheit, die hier vor dem Richter zum Ausdruck kommen sollte. Vielleicht, daß auch die Nähe der Karnevalszeit, die in den leichtbeweglichen und den meisten Dingen eine fröhliche Seite abgewinnenden Rheinländern, schon wochenlang vor- «) Eine Lüge. 7) Skandal. II. „Jahrb. 1896. Redigiert von Dr. W. Bacher und Dr. Franz Mezey." Aus der in diesem Jahrbuch enthaltenen und der radikalsten Bibelkritik huldigenden Arbeit des Dr. L. Kecskemöti, neologen Predigers in Großwardein: „Der Prophet Hosea und sein Zeitalter" — wollen wir folgende Stilblüten herausheben: „Der Tenor der Weltanschauung ist bei jedem Propheten, wie auch bei Hosea unglaublich subjektiven Ursprunges." (S. 132). — Da hast Du Deine wohlverdiente Ohrfeige, Du abgeschmackter Köhlerglaube der göttlichen Inspiration der Propheten. S. 132 und 133: „Die Form des Bundes zwischen Gott und Israel rc.. .. ist etwas ganz neues bei Hosea. Bis dahin bildete bloß die blinde Furcht das Bindeglied zwischen dem Baal und seinen Anhängernauch Elia ist dasebst stehen geblieben, nur daß erAd . . oi an die Stelle Baals gesetzt rc." Also bis zu Hosea kannte das jüdische Gottesbewußtsein bloß einen „Rachegott", einen griesgrämigen Polterer. Und all die, diese hirnverbrannte Hvpothese Lügen strafenden zahllosen Stellen in der heiligen Schrift, ich verweise bloß auf das unergründlich tiefinnige und unermeßliche Liebe atmende 2^1 'im film mm 7M 'n 121 ion oder auf das erhabenste Wort, welches die menschliche Kreatur je vernommen nK mflKI 'n rc. rc. — sind „selbstverständlich" Interpolationen, Fälschungen, aus späteren Zeiten stammende Erfindungen rc. Wie markant und treffend kennzeichnet doch unser Altmeister Hirsch diese „moderne Weisheit" in einem seiner wunderbarsten Auffätze: „Die Natur und die Bibel in der Hand der materialistischen Weltanschauung" (Ges. Schrift. 1. B. S. 415—436). „Es ist im Grunde dieselbe Leichtfertigkeit, dieselbe kurzsichtige Voreingenommenheit, dasselbe Vorurteil, das in dem Gebiete der Natur wie der Geschichte den Blick verwirrt, die Augen gefiiffentlich schließt, und unter dem Vorgeben, nur aus Tatsachen die Ergebnisse zu folgern, das Ergebnis schon im vorhinein fertig und nur für diejenigen Tatsachen ein Auge hat, die dem Ergebnis bequem liegen, die anderen aber entstellt oder ignoriert und so, statt Tatsachen die Mütter der Schlußfolgerung sein zu laffen, die fertgen Schlüffe sich die Tatsachen wohl oder übel mundgerecht machen läßt." (S. 429.) Und weiter: „Tatsachen, die man nicht assimilieren kann und an denen das System sch eitern könnte, verleugnet man-macht den Monotheismus zum Polytheismus, Moses und die Propheten zu Götzen- und Baals-Verehrern, den mosaischen her den Humor erweckt, die Leute nicht recht ernst werden ließ. Erst als sich eine kleine Seitentüre öffnete, und unter Vorantritt eines uniformierten Gerichtsvollziehers, der Richter, gefolgt von seinem Aktuar und noch einigen Beamten erschien, und der Gerichtsvollzieher mit Stentorstimme rief: „Im Namen seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs!" da trat für einige Augenblick tiefes Schweigen ein. Biele Leute, die bisher ihre Hüte und Mützen ausbehalten hatten, entblößten die Häupter und'die Aufforderung: „Hüt' und Kappe ab'." setteus eines Saalwächters kam schon verspätet. Die Herren vom Gericht setzten sich, ohne Umstände nieder, ihnen gegenüber die Anwälte der beiden Angeklagten: Fräulein Schenchen Werle, und Herrn Awromchen Mühlstein. Die beiden Verteidiger waren, der Rechtskonsulent Adam Wolf, ein Mann, mit wohlgepflegtem blondem Backenbart, peinlich ausrasiertem Kinn, einer blauen Brille aus seiner spitzen, einer Keinen Tüte nicht unähnlichen Nase, und einem breiten Mund, mit breiten langen Zähnen. Manche Leute behaupteten, der Winkeladvokat sehe Maximilian Robespierre frappant ähnlich und sei ganz fraglos ein direkter Nachkomme des blutigen Revolutionshelden. So kam es, daß dem sonst durchaus blutscheuen Rechtskonsulent, uitb am Friedensgericht als Advokat anerkannten unb zugelassenen Rechtsgelehrten und Unschuldsverteidrger der Spitzname Robespierre zugelegt ward. „ _ Man muß die Rechtsverhältnisse, wie sie bis 1866 in einigen süddeutschen Kleinstaaten bestanden, genauer kennen, um zu verstehen, wie Leute, die als Notariats-Gerichtsvollziehers- und Gerichtsschreiber ihre Laufbahn begonnen, an den Friedensgerichten — späteren Amtsgerichten — als Kläger um» Berteidi-

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