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Der Israelit · 1908-07-02 · Heft 27 (2.7.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 27 (2.7.1908)
Date
1908-07-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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«eite 4. *t. 17 Der JSraeltt 2. Juli 1908 Ein Hauch reiner, lauterer Heiligkeit verklärte die Sabbate und heiligen Festzeiten in so ergreifender Weise, daß die außerjüdifche Umgebung uns um diese gehobene Feststimmung beneidete und darin den heiligen Gottesgeist erblickte, der in dem Gottesvolke ruhte. Jedes soziale Leid und Weh, alle politische Schmach und Schande, in den gehobenen Freudetagen des Mischen Lebens treten sie zurück, man freute sich am Jom tob, man jubelte am Purim, und die reine Freude mit jeder erfüllten Pflicht, Simcha schel Mizwa, verscheuchte jede Not und jede Sorge, ließ Lied und Sang, Jubel und Jauchzen weit hinaus in' alle Welt klingen! Diese jubelnden Sänger waren nicht mehr die Unterdrückten, durch drakonische Gesetze Verfolgten, in chren heiligsten Menschenrechten Vergewaltigten, es schien als ob sie die Geadelten, Begnadeten, die Reichen und Glücklichen waren, auf deren Mienen der Friede und die Freude leuchteten, welche ihr himmlischer Vater auf sie niederstrahlen ließ. Klaffenunterschiede, eine Scheidung und gar eine Kluft zwischen Armen und Neichen kannte man nicht. An der Schwelle des Bes-Hamidrasch wurden sie abgelegt und ausgeglichen. Wenn man sich zum „Lernen", zum gemeinsamen, intensiven Studium der Thora niedersetzte, da galt nicht Arm und Reich, da galt nur Können, Wissen und die Auszeichnung, mit welcher die reine Gottesfurcht ihre Jungen adelt. Die Ehre, die dem Reichsten entgegen gebracht wurde, galt nicht seinem Reichtum, sondern seinen Kenntnissen oder höchstens einem besonders hervorragenden Wohltätigkeitssinn. Und umgekehrt, hervorragende Meister der Thora, die nicht mit irdischen Gütern bedacht waren und sogar zum Teil in drückender Armut lebten, haben durch diese Armut auch nicht um Haaresbreite von der Hochachtung und Verehrung etwas eingebüßt, welche die Thora in diesem Kreise ihren Kennern sicherte, eine Verehrung, die sich nicht auf die Person beschränkte, sondern auf die ganze Familie und auf Generationen hinaus sich erstreckte. Das war der Stand der Judenheit in der Vergangenheit und der schwere Druck der letzter! dreißig Jahre hatte an diesem Zustand nichts geändert. Glücklich das Auge, dem es vergönnt war, diese Zeit auch selber zu schauen! Sie schließt mit dem Krimkrieg und der Unterzeichnung des Pariser Friedens von 1856. Was bei der nun beginnenden neuen Aera sofort in die Augen fällt, ist der überhand nehmende Einfluß der Gesetzesverächter. Sofort nach dem Kriemkrieg begann Alexander II. seine großen, tiefeingreifenden Reformen. Er ließ Eisenbahnen und Telegraphen anlegen, machte im Jahre 1863 durch Aushebung der treuen aller Länder gezeitigt hat. der herangebrochene Morgen hat es gezeigt und aller Welt kundgetan: vd' -ib>k nw vbtt znpm vnpn nm )b im na Kleines Feuilleton. Der?rei$prncl>.' Von Arthur Kahn. Nur ein ganz besonderes Ereignis, das alle Gemüter erregte, komrte die beiden Nachbarinnen und Todfeindinnen Gitte2) Ellstein und Rechte3) Sprendling veranlassen, zu gleicher Zeit an den offenen Fenstern ihrer gegenüberliegenden Häuser zu erscheinen. In der ganzen Judengasse, vorn alten Rathaus an bis hinab zur Rheingasse, gab es keine Menschen mehr, die sich so grimmig haßten, wie diese beiden Frauen. Kein Jomripur, der doch alljährlich nicht wenige Feindschaften unter den Juden beseitigte und zersprengte Freunde wieder zusammensührte, hatte bisher vermocht, die beiden Frauen miteinander zu versöhnen. „Es ist schon zu lang her," wehrte Gitte jede Vermittlung ab. „Sie hat angesangen mit der Feindschaft, da must *) Tie hier erzählte Begebenheit spielt im Frühjahr 1865. * i Gittel, Gudula. 3') Rechte, Regine, Rosa, auch RosaNe. MW ir» Leibeigenschaft 42 Millionen Bauern frei, ließ sie zu einem neuen Leben erstehen und traf andere bedeutsame Maßnahmen, die der asiatischen Verwilderung, der drückenden Armut, der geistigen und sittlichen Verkümmerung, unter welchem der große Teil des Reiches seufzte, mit großem Erfolge entgegen traten. Für die Juden insbesondere machte sich diese neue Aera in noch nachhaltigerer Weise geltend. Ihre Rührigkeit und geschäftliche Intelligenz, ihre Mäßigkeit und Nüchternheit machten sie zu den geeignetsten Unternehmern für die Kriegslieferungen für Submissionen bei den neuen Bahnbauten, kurz für alle die Gewinn bringenden Pläne, deren Ausführung die Regierung in die Hand genommen hatte. Die Folge davon war ein großer Reichtum, der sich vielfach bemerkbar machte und sogar Millionen erzeugte, eine Erscheinung, die bis dahin im jüdischen Rußland unerhört war. Dieser Wohlstand verbreitete sich über viele Schichten der russischen . Judenheit und wurde nach der drückenden furchtbaren Armut der jüngsten Jahrzehnte doppelt wohltuend empfunden. Dazu kam, daß sechs volle Jahre nach dem Pariser Frieden feine Aushebungen zum Militär stattfanden und daß die Regierung die Schuldenlast, lvelche die jüdischen Gemeinden zu Boden drückte, durch Nachlässe und sonstige Erleichterungen milderte. Das Verbot jüdischer Druckereien, das auf Betreiben unserer „Gebildeten" im Jahre 1838 erfolgte und nur zwei jüdische Buchdruckereien (in Wilna und Sitomir) im ganzen Reiche gestattete, wurde aufgehoben und die Eröffnung neuer Buchdruckeien gestattet. Ebenso wurde die Beschränkung aufgehoben, welche selbst in den von Juden bewohnten Städten sie auf bestimmte Straßen (Ghettos) anwies, und ihnen das Recht in allen Straßen zu wohnen eingeräumt. Diese und andere Erleichterungen hätten jene Zeit wie keine andere qualifiziert, mit diesem neu erwachten Leben auch die Anregung allgemeiner Bildung in die Wege zu leiten, die ja die Anhänglichkeit an das überlieferte historische Judentum ihrer ganzen Natur nach nicht nur nicht zu beeinträchtigen brauchte, sondern sie im Gegenteil fördernd und stärkend beinflußt hätte. Aber an dem instinktiven Haß unserer Bildungs-Fanatiker gegen das positive, überlieferte Judentum scheiterten alle derartige Bestrebungen. Sie wollten eben wie ihre damaligen Vorbilder der jungen deutschen Reform das überkommene Judentum mit der letzten Wurzelfaser aus den Geistern imd Gemütern seiner Bekenner reißen. Das Judentum und die zu seiner Verwirklichung gegründeten Vereine, Institutionen und Anstalten aller Art konnten nur blühen, ja konnten nur existieren, wenn sie sich — wie bereits bemerkt — sie auch erst zu mir kommen," beharrte Rechle Sprendling. „Ich vermisse sie nicht," beteuerte im nächsten Jahr Gitte Ellstein, und Rechle meinte: „Ich kann's ohne die da drüben noch aushalten." Und da blieb denn alles beim Alten, das heißt, bei der Feindschaft. Wenn am Kolnidre die Frauen und Männer in ihren Sterbegewändern in die Schul kamen uuD verfeindete Männer oder entzweite Frauen, bevor das Gebet begann, ernst aus einairder zuschritten und sich die tzände zur Versöhnung entgegenstreckten, da ward es den beiden Frauen wohl gar bänglich zu Mute. Ist es nicht das Wunderbare in diesem altjüdischcn Leben, das die heilige» Schauer dieses Jomkippur allen Haß und jeden häßlichen Gedanken sernhielten und alle, alle, die sich Jakobs Kinder nannten, in Liebe, Vergeben und Vergessen einander wieder nahe brachten und alle, wer sie auch sein und wo sie au ch zur Andacht zusammen trafen, wie mit einem festen Liebesband unlöslich umschlangen? Gitte Ellstein und Rechle Sprendling blieben aber feind, je länger, desto bitterer. Kam schon einmal die Rechte, während Gitte breit und behäbig im offenen Fenster lag, dem ihrigen nahe, dann schnellte Gitte wie ein Pfeil zurück, spuckte mit einem lauten Pfui! auf die Straße, schlug wütend die Fenster zu und mit ihren harten Fäusten auf die Glasrahmen, daß es Häuser weit schabte und die Gardinen förmlich wogten, wie die Wellen des Rheins nach einer Sturmnacht. Zugleich steckte Gitte mit einer gräulichen Grimasse der Nachbarin die Zunge heraus und zeigte ihr die geballte Faust. Rechte quittierte mit einem lauten, höhnischen Lachen. Bei. einer so tief eingewurzelten Feindschaft konnte «mr es der Gitte schon aufs Wort glauben, wenn sie sich verschworlieber am frühen Morgen eine der Aufsicht und ganzen Kenntnis der Regierung entzogen. Das war jetzt durch unsere „Gebildeten" ausgeschlossen. Sie wachten eifersüchtig über die Privilegien der Regierung und denunzierten alles, was an Schulen, Vereinen usw. nur zii denunzieren war. Aus diese Weise war jeder Weg verlegt. Man mußte von Gründung und Erhaltung von Schulen, in welcher Thora und allgemeine Bildung ihre ebenbürtige Pflege fanden, abgesehen, wenn man es nicht Hand in Hand mit diesen jüdischen Zeloten der Aufklärung und unter den Auspizien einer Regierung tun wollte, deren Maßnahmen wir in der Wilnaer Rabbinerschule verkörpert sehen. Dabei war diese Schule noch lange nicht so schlimm, wie ihre Schwester-Anstalt in Sitomir. In Wilna wurde wenigstens etwas hebräisch gelehrt und ebenso einige religionsgesetzliche Bestimmungen nach dem Schulchan-Arnch und Chaje Odom. In Sitomir wurde auch dieses wenige nicht gelernt, die Zöglinge verließen die Anstalt als völlig Unwissende in allen jüdischen Fächern, als komplete Judenfeinde und grausame Beamte, die sich dann in vielen Fallen taufen ließen! Das waren und sind noch bis zum heutigen Tage die offiziellen vom Staate anerkannten Rabbiner der ruffischen Gemeinden, die sogenannten Krons-Rabbiner! Bis dahin hatte der Staat zwar auch einen Rabbiner verlangt, der das erforderliche allgemeine Wissen und soviel Russisch verstand, nm die jüdischen Civil-Standes- Amts-Register zu führen. Die Gemeinden entsprachen dieser Anforderung, indem sie irgend einen Thoragelehrten oder einfachen Lehrer anstellten, der so viel Russisch verstand, daß er als Zivilstandsbeamter zur Not fungieren konnte. Auch ein solcher führte den Titel „Krons-Rabbiner", aber hat niemals eine rabbinische Funktion allsgeübt. Die wirkliche Handhabung des eigentlichen Rabbinats und aller seiner verantwortungsvollen Obliegenheiten lag in den bewährten Händen der von den Gemeinden gewählten und autorisiertell Rabbiner. Aber als seit 1856 die ersten Zöglinge der genanliten Rabbinerschulen als Rabbiner entlassen und fortab nur in diesen Schulen Ausgebildete als Krons-Rabbiner angestellt werden durften, seitdem hat sich an der russischen Judenheit das Wort der biblischen Strafverheißnng erfüllt: „Es werden über euch herrschen euere Feinde," die ich über euch, von euch und durch euch erstehen lasse, wie das erläuternde Wort der Weisen anmerkr. (Fortsetzung folgt.) Spinne zu sehen, was doch sicher aus einen Unglückstag schließen lasse, als ihrer Nachbarin Rechle ver haßtes Antlitz. Rechle wiederum behauptete allen ihren Freunden und Bekannten gegenüber, der Appetit vergehe ihr für den ganzen Tag, wenn sie das Mißgeschick habe, Gittes widerliches Gesicht zu erblicken. Heute friih aber, au einem trüben, wolkenschweren Februarmorgen, sahen die beiden feindlichen Nachbarinnen gleichzeitig ans ihren offenen Fenstern, ohne sich die geringste Beachtung zu schenken. War dies an sich schon verwunderlich, so hätte noch mehr auffallcn müssen, daß sich Niemand hierüber verwunderte, sogar nicht einmal darauf achtete. Heute hatten die Leute sich mit einer viel wich tigeren Sache zu beschästigen und ein Gesprächsstofs, wie der seiner Erörterung harrende, war denn doch von ganz andrer Bedeutung, als die ungewöhnliche Erscheinung zwischen den beiden Nachbarssenstern. Daß etwas Ungewöhnliches vorging, ließ schon die sonst um die frühe Morgenstunde — es war kaum acht Uhr — noch ruhige, heute aber ungewöhnlich belebte Straße vermuten. Bor Kalme Zwickers und des christlichen Barbiers Kratzinger Türe standen Leute in kleinen Gruppen, lebhaft sich unterhaltend, oft i" schallendes Gelächter ausbrechend. Auch die Gruppe der gewohnheitsmäßigen Eckensteher war heute Morgen besonders zahlreich. Bauern und Juden vom Lande hatten sich zu ihnen eingefunden, die neugierig den Wortführenden zuhörten. Kalme Zwicker, — wie sein Name schon andeutcte — der Mann, der den Männern den Bartwuchs mit seiner Schee« korrigierte, war, wie gewöhnlich- Wortführer in der sich immer noch vergrößernden Grupp- Tenn an Schwatzhaftigkeit stand Kalme seinem „Kulleg" Kratzinger keineswegs nach. Dabei galt er für einen Hellen „advokatischen" Kopf, was heute ganz

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