Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1908)
- Date
- 1908-07-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Kt. 27. Der Israelit. Sette 3. 3. Juli IS«. Bedrängnis zu ihren! Kaiser empor, der sich in sechszigjähriger Regierungszeit als Schutz- und Schirmherr des Rechtes und der Freiheit bewährt hat. Nicht immer drangen die Klagen seiner jüdischen Untertanen bis zu den Stufen seines Thrones, und nicht immer lag es in seiner Macht, Wandel zu schaffen. Namentlich seitdem sich die christlich-soziale Mauer immer enger um den Thron schloß, wurde es den Juden immer schwieriger, den Weg zu ihrem geliebten Herrscher zu finden. Welche Liebe und Treue sie aber trotzdem ihrem Kaiser im Herzen bewahrten, bewiesen die Juden Oesterreichs gerade anläßlich seines sechzigjährigen Jubiläums, das sie in ihrer Weise feierten — durch Millionenstiftungen, durch Errichtung von Wohltätigkeitsanstatten und Bildungsinstitutionen, die alle rauschenden Feste und glänzenden Züge dieser Tage lange, lange überdauern werden. An den rauschenden Festen haben sich die Juden als solche nur wenig beteiligt, beim historischen Festzuge waren sie gar nicht vertreten. Warum? Gewiß nicht aus Mangel an Patriotismus. Den haben sie, wie erwähnt, in schönerer und fruchtbringender Weise bekundet. Aber die Juden wissen aus Erfahrung, wessen sie sich aus diesem Radau- und Hurrapatriotismus, der nicht immer von den reinen Gefühlen der wahren Liebe zu Kaiser und Reich getragen ist, zu versehen haben und blieben fern. Doch nein — ganz fehlte der Jude beim Festzuge nicht, dafür hatten die christlich-sozialen Zugführer gesorgt. Als Glanznummer war die Karrikatur eines Juden in galizisch-jüdischer Tracht eingefügt. Das war mir Rücksicht auf die Zeit der Türkenbelagerung, die der Zug darsteüen sollte, freilich nicht historisch, es war auch dem Charakter des Festes, das als Huldigung für den über allen Parteien und Nationalitäten stehenden Friedensfürsten gedacht war, nicht entsprechend. Indessen, das Ziel war erreicht, der Erfolg war ein glänzender. Die Menge wieherte und wälzte sich vor Lachen und kargte nicht mit Beifallsbezeugungen für die verständigen Arrangeure, die auch über den patriotischen Dusel hinaus die Volksinstinkte und -Gefühle so zu respektieren verstanden. Dieses Vorkommnis wurde auch vom Abgeordneten Dr. Straucher anläßlich seiner großangelegten und kampfesmutigen Budgetrede im österreichischen Abgeordnetenhause am 20. Juni zur Sprache gebracht. Man hatte nicht, sagte er u. a., die Juden, die anno 1648 die von den Schweden bedrohte Brücke bei Prag heldenmütig verteidigten, zur Darstellung gebracht, man zeigte auch nicht die ihnen bei dieser Gelegenheit vom Kaiser Ferdinand III. verliehene Fahne, man Not im Buche Ruth mit MOV bezeichnet, was nach Erklärung der Weisen auf das Schwinden der :i uwrität hindeuten sollte. Man richtete die Richter, man machte ste auf sie Balken in ihren Augen aufmerksam, da sie über andere Splittergerichte abhielten. Und man batte Recht und Grund dazu. Das war ein unglückliches Symptom im Volksleben Israels. Und diese Symptome waren es auch, die später, nicht zu allerletzt, den Untergang des jüdischen Reiches ankündigten. Moses aber sprach: '-di H "WM litt '.1 JTPl lp2 „Laßt es Morgen werden, dann wird Gott kund tun, wer der Seine ist, und wer der Heilige, daß er ihn zu stch nahen lasse." ,,-pa Morgen" nicht aber „mD morgen". Es soll erst die Nacht darüber hingehen. Der Morgen möge erst herankommen. Vielleicht bringt er Klärung und Beruhigung. Und noch Eines. Mit dem Hinweis auf den apa soll nach Ansicht der weisen Lehrer gesagt sein: on# ubm Pl"3pH phll OV 3"iy^>? „Steht Ihr nicht die Grenzen, die Gott in der Natur allüberall gesetzt hat? Hat er doch Licht von Finsternis geschienen, Berg nnd Tal verschiedenarti t gestaltet, mannigfaltig die Natur ausgestattet, so daß sie gerade in dieser Buntheit und Verschiedenheit ein Ganzes und Vollendetes darstelle. Warum sollen die einzelnen Glieder der menschlichen Gesellschaft nicht wie die verschieben gearteten Elemente der Natur stch etnande ergänzen, und zusammen der Vollkommenheit entgegenstreben? *pa Was wäre aber der Morgen ohne vorhergegangene Nacht, die ihn erst in seinem vollen Glanze erscheinen läßt? Wo gäbe es ein Frühlingserwachen, wenn die Natur nicht erst im Winterschlafe erstarrt daläge? Wer würde des Tages süßes Licht zu schätzen verstehen, wenn man es nickt erst in finsterer Nacht embehrt haben würde? So in oer Natur, und so nach in der Menschen-Gesellschast! Eine Anschmiegung vergaß auch, den Juden Joffalowitz, der in den polnischen Befreiungskriegen eine Führerrolle einnahm, in den historischen Zug einzureihen. Aber man zeigte einen galizischen Juden, d. h. seinen Kaftan und seine Schläfenlöckchen, um die Lachmuskeln der Zuschauer in Bewegung zu setzen. Darüber lachten heute noch im Parlamente die Herren Tschechen, Alldeutschen und Christlichsozialen und überzeugten doch wohl Herrn Dr. Straucher davon, daß jeder Kampf, und wäre er noch so edel gedacht nnd geschickt geführt, gegen Verbohrtheit und Bo'sheit vergebens sei. Lrauungen. Unter diesem Titel finden unsere Leser in utiserer heutigen Bolksfreund - Beilage einen längeren Artikel, der an Hand drastischer Beispiele die ganze Unhaltbarkeit des Zustandes darlegt, der aus dem auf dem Lande vielfach vorkommenden rabbinischen „Kurpfuschertum" bei der Vornahme von Trauungen erwächst. Es kann wirklich nur ein Freund des Volkes sein, der mit solch schonenden, aus treuem Herzen fließenden Worten auf einen Krebsschaden aufmerksam macht, der den höchsten Ruhm Israels, die nnDtPDn mno, die ungetrübte Reinheit des Familienlebens, die Israel stets hochgehalten, durch die es, richtiger gesagt, durch der Zeiten Stürme rein und unversehrt erhalten wurde, zu zerstören geeignet ist. Wir halten die Sache für wichtig genug, um auch an dieser Stelle darauf zurü^zukommen, umsomehr als die Liste der nach dieser Richtung zu verzeichnenden traurigen Vorfälle mit den im Artikel aufgeführten Beispielen noch lange nicht abgeschlossen ist. Wer eine heilige Handlung wie ptyvrp nach nttfD m zu vollziehen sich anschickt, ohne mit den darauf bezüglichen oder vorher zu beachtenden Vorschriften des n^D m vertraut zu sein, kann unserer Ueberzeugung nach keinen Anspruch auf religiöse Gewissenhaftigkeit erheben. Es kann sich hier keinesfalls um Fragen der Standesehre handeln. Der jüdische Lehrer, der es mit seiner Aufgabe genau und ernst nimmt, und etwas auf seinen Beruf hält, wird es zu allererst einsehen, daß jede Tätigkeit ein durch geeignete Vorbildung erworbenes Ausmaß von Sachkenntnis erfordert, zumal wenn es sich um solche, in das jüdische Familienleben so tief eingreifende Angelegenheiten wie pü’a und ptnTp handelt. Die Lehrer, die nicht mit Unrecht auf die Fernhaltung ungeeigneter Elemente aus i hrem Stande hinarveiten, müßten konsequenter Weise selber darauf bedacht sein, dem überhand nehmenden Nebel in den eigenen Kreisen entgegenzutreten und gegenseitige Ergänzung, eine Verbrüderung, aber keine absolute Ausgleichung. Euch aber, den durch den Ehrgeiz Korachs Verhetzten nnd Verführten, die Ihr von sozialer Ausgleichung sprechet und vom Schwinden aller Grenzen in der Menschen-Gesellschast schwärmt, Euch sei es gesagt: -pa der Morgen wird Euch eines Besseren belehren und Euch durch das wechselvolle Bild in der Natur zur klaren Vernunft bringen. Wollte aber Kor ach, der Anstifter und Leiter der ganzen Attacke wirklich die Abschaffung der Autorität? Nein, entschieden nicht. Er benutzte sie wohl als Schlagwort und Lockmittel, um damit die in ihrem Ehrgeiz fich gekränkt fühlenden Söhne Rubens zu gewinnen, um aus tue urteilslose Masse Eindruck zu machen, um Datban und Abiram, die überall, wo es Streit und Zank gab, zu finde« waren, nw MJÜ IvMV DlpD ('n Y'D) □TQfcO |m W« anzuwerben. Er aber, Korach, setzte Gut und Blut und Leben ein, nicht gegen, sondern für die Autorität, seine Autorität, die er Moses gegenüber zu behaupten suchte. Auch dieses hat das Prophetenauge Moses durchbltckt und er sprach zu Korach: i-i*) -»d DD*? 3"l „Ihr wollt zu viel, Ihr Söhne Levis. Ist es Euch zu wenig, daß Euch Gott von der Gemeinde Israel ausgeschieden hat, Euch fich naher zu bringen, Euch den Dienst in der Gottes Wohnung verrichten zu lassen, und vor der Gemeinde zu stehen und sie zu bedienen? .... Wollt ihr nun selbst Priestertum?" (Kap. 17, Satz 7 bis 10.) „«pa und an □aY' hier die treffenden, alle Hintergedanken und Schliche Korachs und seines Anhanges durchblickenden und widerlegenden Antworten Moses! „apa" Der herankommende Morgen soll die ganze verführte Masse von den Grenzen, die Gott zwischen Licht und Finsternis in der Natur und in der Menschen-Gesellschast gesetzt hat, überzeugen. und bei ihrem Bestreben, aus durchaus begründeten pädagogischen Rücksichten die Grenze ihres Standes zu bewachen keine Grenzverletzung aus der eigenen Mitte zu dulden, die noch von viel größerer Tragweite ist und zu unberechenbaren Folgen führt. Wir glauben, daß sich da dem „Bunde gesetzestreuer jüdischer Lehrer" ein Arbeitsfeld ergibt, auf dem er seinen Einstuß betätigen und vorbildlich wirken. vas russische viläungsproblem. Vlll. Die neue Aera. Mit der neuen, den Abschluß des Krimkriegs im Jahre 1856 einleitenden Zeit ist auch für die russische Judenheit und ihre Leidensgeschichte eine Wendung eingetreten. Es war ein schweres, von Tag zu Tag sich steigerendes, dreißigjähriges Martyrium, unter dem die russischen Juden bis dahin seufzten. Aber ein kurzer, orientierender Rückblick auf diese trübe Zeit zeigt, daß das Judentum an Kraft gewann, was der Jugend heute an Macht verkümmert wurde. Die Judenheit unterlag, aber das Judentum triumphierte. Alle Lehrhäuser waren damals gedrängt voll mit Lernbefliffenen aller Altersstufen vom Jüngling bis zum Greise} alle Familienväter hatten dem Studium der Thora bestimmte Zeiten gewidmet. Selbst gewöhnliche Leute fanden sich zu bestimmten Zeiten um die Vorträge ihrer Lehrer zu hören, Psalmen zu rezitieren und waren vor allem weit über ihre Verhältnisse hinaus bestrebt das Thorastudium materiell zu unterstützen. In keiner jüdischen Gemeinde fehlte es an Lehrhäusern, die mit reichen Bücherschätzen ausgestattet waren. Die Frauen lieferten freiwillig die Lichter zur Beleuchtung der Bet-Midrasch. Die Wohltätigkeits-Anstalten standen mit allen ihren verschiedenen Zweigen in höchster Blüte. Veranstaltungen für Krankenpflege, Vorschuß-Vereine, Asyle für Obdachlose, Kassen zur Auslösung Gefangener, und zur Bekleidung Armer, Vereine für Wöchnerinnen, u. a. m. waren so allgemein verbreitet und wirkten so segensreich, daß der General-Gouverneur von Kiew in einer dem Kaiser Alexander II. unterbreiteten Denkschrift sagen konnte: „Durch die vielen und mannigfachen jüdischen Wohltätigkeits-Institutionen find die jüdischen Armen auf die staatliche Fürsorge in viel geringerem Maße angewiesen, als die Armen der andern Konfessionen, denen jede Hilfe und Stütze abgeht. (Mitgeteilt in der bereits oben erwähnten Eingabe, welche Margolis im Aufträge jüdischer Notabeln im Jahre 1882 an Kaiser Alexander II. richtete.) Das an" ist aber den Anstiftern und Verführern gewidmet, als das richtige Wort zur Bezeichnung der ehrgeizigen Motive, von denen allein fie geleitet und angestachelt, nun auch die betörte Masse mit ins Verderben reißen. Und allen, die es heute noch glauben, oder glauben machen wollen, daß Zuchtlosigkeit mit Freiheit identisch sei, daß das Schwinden jeder Autorität daS höchste Glück im Leben der Völker bedeMe, ihnen allen sei es gesagt: „Tpa" und „na!? an". Und auch denen in unsrer Mitte, die mit rpta von von purem rftan in den Mantel der Frömmigkeit gehüllt als Ehrenretrer des Judentums erscheinen und gar aus Thora und Talmud, aus der Quelle, die zu verstopfen ste bemüht sind, die Berechtigung für ihr Treiben zu schöpfen angeben, jenen, die in rührender Sorge für die Religion fie zu reformire-r suchen, den Gottesdienst durch moderne Konzert-Einrichtungen interessant und anziehend machen und sich auch mit Hilfe des Staats als Zwingherren des jüdi chen Religionsunterrichts geriren, ihnen allen fei es gesagt: „~|pa" Der Morgen hat es gezeigt. Die Sonne hat es an den T«m gebracht. Die Geschäfte hat es gelehrt, welcher Stab Blüten zu tragen vermag, und welcher welkend, aller Keimkraft entbehrend, dem Verwelken und Untergang auheimfaUen muß. Es find kaum fünf Jahrzehnte her, daß auch der Stab der sog. neuen Richtung im Judentum ins Heiligtum htnetngetragen wurde. Daß der Reformstab keine Blüten gezeitigt hat und keine zu zeitigen vermag, das haoen die Prie»er der Reform erst vor einigen Wochen öffentlich selber bekundet. Tausende und Abertausende, die jedoch das Anbmken des Meisters in diesen Tagen segnen, der den Moses- und Aronsstab so tapfer geführt, legen beredtes Zeugnis ab von den herrlichen Blüten, die dieser Stab zur Zierde Israels, zum Ruhme Gottes und zur Freude der Thora-