Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1908)
- Date
- 1908-06-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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LS. Juni 1908. die erhabenen Ziele des Rabbinerverbandes Ausdruck.. In begeisterten und schwungvollen Worten gedenkt dann Dr. -Oppenheim des sechzigjäbrigen Regierungsjubiläums des Kaisers und bringt unter begeisterter Zustimmung ein Hoch aus auf die erlauchte Person des geliebten Herrschers. Hierauf hielt Herr Rabbiner Dr. Kurreiu aus Teplitz seinen Vortrag: „Rabbinismus und Modernismus", der lebhaften Beifall erntete. Das Referat des Dr. Lewy beschäftigte sich mit dem israelitischen Bundestag vom 27. und 28. April und seiner Haltung den Rabbinen gegenüber. Er begrüßte natürlich freudig die Zusammenfassung aller Kräfte in eine Gefamtorganisation. Freilich wird nach Meinung des Referenten die Abgrenzung der Kompetenzen für diese jüdische Behörde unter Wahrung der Autonomie der Gemeinden, keine leichte sein. Ein Fehler wurde schon bei der Zusammensetzung des Komitees begangen, bei der die Rabbiner ausgeschlossen wurden. Entschieden weist der Referent die Behauptung des Dr. Sonnenschein, die Rabbiner seien niemals in früherer Zeit Vertreter des Judentums gewesen, zurück. Dr. Lewy beleuchtete nun eingehend in einem historischen Ueberblick die Entwicklung des Vorsteheramtes von den „Aeltesten" und stellte fest, wie oft Rabbiner und jüdische Gelehrte Führer und Vertreter des Judentums waren. Unter voller Anerkennung der Verdienste der Gemeindevorstände erachtet es Herr Dr. Lewy als Recht und Psticht des Verbandes, eine gebührende Vertretung des Rabbinerstandes zu erlangen. (Anmerkung der Redaktion: Die Wünsche der Herren Rabbiner sind gewiß als durchaus berechtigt anzuerkennen. Viel weniger jedoch der Optimismus, welcher sie von der Gesamtorganisation soviel Heil für die Entwicklung des innerjüdischen Lebens in den Gemeinden erwarten läßt. Wir haben unsere Meinung darüber wiederholt ausgesprochen. Vielleicht kommen auch bald die Herren Rabbiner in Mähren-Schlesien zur Einsicht, daß ein Sitz in der Leitung der Organisation gar kein so erstrebenswertes Ziel sei). Die Prager Srteflhofsangelegenhelf. Prag, 18. Juni 1908. Die Prager Chewra Kadischa Gomle Chassodim gehört, wie allgemein bekannt, zu den wenigen Institutionen "der Gemeinde Prag, die es verstanden haben, die Traditionen ihrer Gründer und somit auch des altüberlieferten Judentums festzuhalten. In alter Erinnerung steht noch der langjährige heroische Kampf, den die Chewra um den ungestörten Bestand ihres alten Friedhofes führte, die außerordentliche Opferwilligkeit, mit der ihr Vorstand als ein Teil des Friedhofes zwangsweise enteignet wurde, die Exhumierung und Wiederbeisetzung der auf diesem Teile gefundenen Gebeine vornahm, wie er es sich nicht verdrießen ließ, um der religiösen Norm und der.Pietät Rechnung zu tragen, mit einem Aufwande von tausenden und abertausenden Gulden von ausschließlich jüdischen und deswegen meist ungelernten Arbeitern das Erdreich bis in eine Tiefe von 5 Metern ausheben zu lassen, wie während dieser monatelang währenden Arbeiten stets ein Vorstandsmitglied oder ein von ihm designierter Stellvertreter die Aufsicht führte, daß ja nur kein Kfy abhanden komme, wie weiter der Vorstand dafür sorgte, daß die Wiederbeerdigung in streng ritueller und würdiger Weise auf demselben Friedhofe ftattfand. Wir Prager speziell haben seit dieser Zeit unsere Anhänglichkeit an unsere Chewra und ihre geradezu ideale Leitung wenn möglich noch gesteigert; die zahlreiche Mitgliedschaft hat dem Borstande alljährlich neue Beweise uneingeschränkten Vertrauens gegeben und alle, auch fernerstehende Kreise, in denen der traditionelle und somit jüdische Standpunkt nicht gerade als Empfehlung gilt, haben der mustergiltigen Leitung uneingeschränkte Anerkennung gezollt. Als daher das Prager Tageblatt am 29. März in einer Notiz zu erzählen wußte, es werde ein Der Israelit. weiteres' Stück des Friedhofes weichen müssenmaß die Oeffentlichkeit diesem „Berichte" gar keirr Gewicht bei und namentlich die Mitgliedschaft ignorierte ihn völlig in ruhigem Bewußtsein, sie könne dem erprobten Vorstande sicher vertrauen. Aehnliche Beachtung fand auch die erste Nachricht in Nr. 14 der hier erscheinenden „Selbstwehr". Ein Herr „S." knüpfte an den erwähnten Artikel des Prager Tageblattes eine poesievolle Reflexion über die letzte Ruhestätte, die „bisher ein unantastbares Heiligtum pietätvoller und „gesetzestreuer Juden" bildete. Er fragt zum Schlüsse „Ist solches möglich? Ist das denkbar?" Und seine Informationen erschöpfen sich wieder in einem Zitate des Prager Tageblattes: „Es ist leider zu befürchten." Schon Nr. 15 der „Selbstwehr" bringt die durchaus sachliche und wahrheitsgetreue Erwiderung des Vorstandes der Chewra Kad., die durchaus nicht fachmännische Art der Fragestellung, die ihre ganze Grundlage in dem nicht authentischen Berichte eines hiesigen deutsche-politischen Blattes zu haben schien, ließ absolut nicht vermuten, daß sich hinter dem Zeichen „S." ein Fachmann verberge; aber kategorisch hatte die Chewra zu den Angriffen Stellung genommen, so detailliert jeden Verdacht wicderlegt, daß die Situation eine noch tiefergehende sachliche Erörterung gar nicht zu erfordern schien und es galt allgemein als Akt weitest ge hendster Loyalität, daß der Ehewravorstand aus freien Stücken versprach, die endgültige Entscheidung der Angelegenheit dem einzig zuständigen Forum, der Generalversammlung der Sekenim (Altmänner) zu übertragen. Und nun kommt die Ueberraschung. Der „S."-Korresp. von Nr. 14 tritt mit einem Male vor die Oeffentlichkeit. Wir lernen in ihm einen Ing. H. Slonitz kennen, dessen Tätigkeit wohl noch aus keinem Gebiete jüdischer Arbeit irgend jemandem bekannt war, der aber - und das muß hervorgehoben werden - als jüdischer Fachmann wohl in hervorragender Weise berechtigt war in dieser Angelegenheit das Wort zu.ergreifen. Sollen wir es aber als Zeichen besonderer Sachkenntnis auffassen, wenn unter einem ganz allgemeinen Schlagwort dem Vorstand, der die Auffindung einiger Skeletteile als unerwartet hinftellt, einfach eine „fälsche" Behauptung angedichtet wird, weil „jeder, auch nur flüchtige Kenner der Geschichte des Friedhofes weiß, daß jedes Fleckchen ausgenützt ist, sodaß man beim Nachgraben überall Ueberreste finden mußte." Der Auffindungsort der fraglichen Gebeine war ja der Baugrund des alten Vereinshauses, auf dem man jetzt die neuen Taharobaulichkeiten aufführt«, und das Vereinshaus war ein Haus für den Parteienverkehr: hätte eine Chewra vom Range der Prager, die gewiß auf Tumas Kohanim zu allen Zeiten Rücksicht nahm, indem sie das alte Bereinshaus auf Friedhofsgrund aufführen ließ, die dort verkehrenden Kohanim unbewußt zur religionsgesetzlichen Tumas Kohanim gebracht? Ja noch mehr, dem Fachmanne Ing. Slonitz ist eine an der dem Friedhofe zugewendeten Mauer des alten Vereinshauses angebrachte allerdings hebräische Inschrift entgangen, die besagt, daß hier ein Terech Kohanim, ein Weg für Priester sei? Dennoch ist es wohl nicht so sonderbar, daß man nicht erwarten konnte, dort Leichen zu finden; ja, man sieht sich direkt zn der Annahme gezwungen, daß, wenn diese Skelettreste wirklich menschlichen Ursprunges sind, sic nicht von jüdischen Leichen herrühren können.*) *) Daß. es sich an dieser Stelle nicht gut um einen Teil des Friedhofes handeln kann, geht schon daraus hervor, daß nur ganz wenige Skeletteile - die höchstens drei Leichen repräsentieren, gefunden wurden. Daß man die Geschichte des Friedhofes nur flüchtig auf.3—4 Jahre.zurückblättern muß, um zn erfahren, daß z. B. ein großer Komplex des' alten Fri^hofes völlig unbenützt war, weiß jedes Mitglied der Chewra, das seine Pietät bei den Beerdigungen der vom zwangsweise enteigneten Teile exhumierten Gebeine betätigte. Denn diese Gebeine wurden unter großer Beteiligung der Chewramitglieder in sieben großen Schächten auf dem sogenannten „Nefelimbrrg", einem völlig unbenützten, nie mit Leichen belegten Teile des alten Friedhofes, beerdigt; es ist also jedenfalls nicht jedes Plätzchen ausgenützt. k Nr. 26. Seite 7. Daß Herr Ingenieur Slonitz gerade den Raum von 5 Quadratklaftern, der zum Bereinshause — nicht wie stets mit Absicht betont, zum Zinshause — herangezogen werden sollte, von dem noch ein beträchtlicher Bruchteil auf das Mauerwerk entfällt, als den ältesten gelten lassen will, ist eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung, deren Beweis wohl kein Historiker wird antreten wollen. Tatsache ist, daß seit Menschengedenken die fragliche Stelle stets Weg war, niemals einen' Grabstein trug. Geradezu böswillig liest es sich aber, wenn Ing. Slonitz uns in diesen! Zusammenhänge erzählt, man müsse vorbeitgen, daß nicht ein künftiger Vorstand den ganzen Friedhof parzelliere und so — erzählt er in Parenthese.„es ist das auch in Prag schon geschehen — alte jüdische Grabsteine als Bausteine verwendet werden. Glaubt nicht der uneingeweihte Leser — und hierzu gehören wohl mindestens 90 Prozent —, es werde hier eine neue Schandtat des ruchlosen Chewravorstandes berichtet, der in fanatischer Zerstörungswut nichts Heiliges, nichts Achtunggebietendes kenne? Und wann ist „auch das in Prag schon geschehen?" Hierauf will ich kurz antworten. Die Juden hatten nach Berichten eines alten Chronisten auf der heutigen Neustadt, in der Gegend der Wladislawgasse von 1244 bis 1478 einen Friedhof. Dieser Friedhof wurde zwecks Ausbaues der Neustadt 1478 von König Wladislaw kassiert: seit dieser Zeit führt die Gasse, die auf einem Teile des Friedhofes erstand, den Namen Wladislawgasse, im Bolksmund wird sie noch immer „der Judengarten" genannt. Als nun vor einigen Jahrzehnten bei der Demolierung der Stadtbastionen Bruchstücke von Mazewos gefunden wurden, ebenso als später bei Neubauten ini sogenannten „Judengarten" Bruchstücke von jüdischen Grabsteinen gefunden wurden, scheute der Ehewravorstand kein Opfer, diese Jahrhunderte hindurch entfremdeten Steine lviederzuerlangen und würdig aufzustellen. Herr Ing. Slonitz — „aber auch jeder flüchtige "Kenner des alten Friedhofes" muß diese meist 500 Jahre alten Trümmer in ihrer ganz aparten und geschmackvollen Aufstellung am alten Friedhofe gesehen haben; ist es ehrlichen Kämpfers Art, seine Worte so unklar zu fassen, daß solches Mißverständnis möglich wird? Und doch! Die Freunde des Herrn Ing. Slonitz rühmen' feinen integren Charakter, alle sind darin einig, daK ihm die bona fides, der Glaube an seine gute Sache zugebilligt werden muß. Aber er ist das Opfer seiner Gewährsmänner, die ihn rücksichtslos auf Grund falscher Informationen in eine Polemik gehetzt haben, die wohl besser im engen Kreise maßgebender Faktoren ausgefochten worden wäre. Obwohl der Rechenschaftsbericht der Chewra, der bereits acht Tage vor der Generalversammlung in den Händen der wahlberechtigten Mitgliedschaft war, die Situation in völlig einwandfreier Weise klarlegte, obwohl der Vorstand der Brüderschaft erklärt hätte, er habe nach nvchmaliger Prüfung der Pläne seinen Architekten mit der Abänderung der bereits bauamtlich genehmigten Pläne beauftragt, sodaß auch nicht ein Fußbreit Friedhofsgrundes tangiert würde, gaben sich die neuerstandenen Retter des Judentums nicht zufrieden. Der „jüdische Bolksverein", dessen Tätigkeit sich sonst so ziemlich auf die Veranstaltung einiger mehr oder weniger gelungener Versammlungen zur Propagierung des Zionismus beschränkt, trat auf den Plan. In seinem blinden Eifer vergaß er sogar des zionistischen Programms, das die „Eroberung der Kultusgemeinden" zur Pflicht macht, er vergaß seine Feindschaft gegen „Kultuspascha" und „Kahal- Uique" und eine Dreimännerdeputation des Vorstandes setzte es durch, daß die gehaßte Kultusgemeinde ihren Vertreter zur Generalversammlung entsandte, der nach der Antwort, die er auf seine lange Rede erhielt, einsehen und zugestehen mußte, daß er falsch informiert sei und sich zufrieden gab. Um so lauter aber wurde dann der wahre Vertreter des Bolksvereins, Dr. Kuh, der in einstündiger Rede eine Resolution zur An-