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Der Israelit · 1908-06-25 · Heft 26 (25.6.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 26 (25.6.1908)
Date
1908-06-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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4. M. K worden ist. Und die gewollte Vernichtung einer Leiche drückt durch Tat und Handlung das lieblose Urteil aus, daß die entseelte Hülle mit dem Maßstabe der Nützlichkeit zu messen, in den Kreis der Sachen herabgesunken ist, die vernichtet werden, wenn sie nicht mehr ihren Zweck erfüllen. Gegen solche Lieblosigkeit sträubt sich unser Gemüt. Wer je mit zerrissenem Herzen am Grabe eines geliebten Toten gestanden und mit sehnsüchtigem Schmerz den tränenvollen Blick aus das bleiche Antlitz geheftet hat, damit die im Todesfchlas schlummernden, geliebten Züge sich tlef in sein Gedächtnis eingraben, damit sie ihn als letzter treuer Gruß aus dem Grabe durchs Leben begleiten — wer solches je erlebt und empfunden hat, der wird es nie begreifen können, daß Kinder die toten Körper ihrer Eltern der Zerstörung durchs Feuer preisgeben, um dann statt des Andenkens an ein teures Angesicht einen trostlosen Haufen formloser Asche von der Bestattung mit nach Hause zu nehmen. Das Grab verhüllt die entseelte Gestalt,' die Urne zeigt sie in ihrer Vernichtung. Bon dem geschlossenen Grabe begleitet die Trauernden das Erinnerungsbild der treuen Gestalt heim, aus der Urne grinst das Bild des Nichts, der Zerstörung entgegen. Das bergende Grab ist uns die für eine Auferstehung bewahrende Ruhestätte, die Urne mit ihren Knochentrümmern das Prototyp der hoffnungsraubenden Zerstörung. Und wenn nach Jahr und Tag der Trauernde mit milder Wehmut im Herzen das Grab des teuren Verstorbenen aufsucht, dann zaubert ihm die sehnsüchtige Phantasie für kurze, flüchtige Augenblicke das Bild des teuren Toten vor das seelische Auge/ am Grabe fühlt er sich geistig vereint mit der Heimgegangenen Seele und schöpft' neue Kraft für die Ideale, für all das Gute und Herrliche, das er von dem Verstorbenen gehört, das er an ihm geehrt hat. An der Urne ist eine solche erhebende Stimmung unmöglich. Das rauhe Wirklichkeitsbild zerstört jede Regung der Phantasie, stellt immer wieder den Starkbrest vor das Auge hin und scheucht das heißerwünschte Bild von der Seele. Und wenn noch die Urne in Wirklichkeit die Reste des geliebten Toten unlschlöffe! In vielen Fällen aber ist das nur eine Täuschung/ denn, wie Beamte von Krematorien selbst zugeben, ist es bei mehreren aufeinander folgenden Einäscherungen nicht möglich, die Reste der einzelnen Leichen von einander zu scheiden. So erweist sich auch hier: -ayu 'du "'OYi „Ihre Wege find liebliche Wege". Was uns die Thora gebietet, ist unserer innersten Natur, unserem Denken und Empfinden stets angemessen, ist danach angetan, uns besser und edler zu machen. Wie wenig die Leichenverbrennung dem Volks- Wenn ste unS niederwirst mit düstrer Schwere Und vor dem Ungeheuren weicht t er Mut, Was ift'S das auS unwürdig dumpfer Tiefe Dm Mmfchm auf zu freien Tatm riefe? Ein Glaube istS — er läßt die Herzen wallen — Daß, wenn der schlaffe Leib im Tode finkt, Wenn flücht'ge Kräfte ohnmächtig zerfallen Und sich zur Seligkeit der Geist entringt, Daß dienend läßt Erinnrung dann erschallen Dm Ruf, der in dm Se len wiederklingt. Der Große wirb Unsterblichkeit erwerben, Denn eine Welt wird ewig ihn beerben. Und Deine Erben — heut', in diesen Stunden, Riefst Samson Raphael Hirsch Du ihre Schaar, — Mit Deinem Erbe find wir längst verbunden, Und stommer Stolz sein treuer Hüter war. Mit Lorbeer hat es festlicher umwunden Zu Huld und Ehre Dir das tät'ge Jahr/ Denn dm Granit, den Du vom FelS gespaltet, Zur trutz'gm Burg hat ihn die Zeit gestaltet! Als Dämmerung den Horizont umfangen, Und wich der Ideale Zauberbann, AlS Unverstand und ew'ge Wahrheit rangen, Da edler Stem, Dein Siegeslauf begann / Ein Sohn der Sonne, die hinab gegangen Wies scheidend fie Dich ihre Bahn hinan. Du folgtest, und durch wilder Zeit Gefahrm Konntest Du ihr heil'ges Feuer Dir bewahren. L« gMae»» empfinden entspricht, das lehren am besten die Zahlen, die von den Verfechtern dieser Bestattungsart merkwürdiger Weise als Beweis für die werbende Kraft der Einäscherung angeführt werden. In Italien z. B. bestehen 26 Krematorien, und diese 26 Krematorien zusammen verbrennen im Jahre nur vierhundert bis fünfhundert Leichen! Einen besseren Beweis für die Unpopularität der Einäscherung könnte man kaum finden. In der Tat ist die Bewegung für die Leichenverbrennung nicht aus dem Volke heraus entstanden/ die Krematorien verdanken ihr Entstehen nicht einem praktisch gefühlten Bedürfnis. Bei dem Kampf um die Bestattungsart handelt es sich vielmehr in gewiffem Sinne um einen Kampf um die Weltanschauung. Die Leichenverbrennung wird vielfach aufgefaßt als eine. Art Bekenntnis zur Freireligiosität/ sie ist fast zum Schibboleth geworden für nichtreligiös denkende Kreise. Diese Gesinnung leitet viele bei der Bestimmung, daß ihre Leichen dereinst verbrannt werden sollen. Sie erblicken in dieser ihrer Verfügung eine Bekenntnistat, die sie freilich von ihrem, der Religion abgeneigten Standpunkte aus als durchaus verdienstlich ansehen. Um so mehr muß der seiner Religion anhängende Jehudi treu und fest bleiben und mit ganzer Kraft jeden unterstützen, der für das dem PietätsgefüHle so entsprechende Gebot der Beerdigung eintritt. Die Gedenkfeier zun Madtrntta sebmr««- Samson Raphael Rirschs S Vi'icherstiftimg. Frankfurt a. M., 9. Juni. Aus dem Bureau der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: Anläßlich des hundertsten Geburtstages von Samson Raphael Hirsch V'st sind der „Vereinigung zur Pflege jüdischer Lebensanschauung (Nachalath Zwi) Frankfurt am Main", von einem Verehrer des großen Meisters 500 Exemplare von Hirschs Choreb zur Verfügung gestellt worden. Die genannte Bereinigung hat die zweckmäßige Verteilung der Bücher unserer „Kommission für ländliche Wohlfahrtspflege" übertragen. Es sollen bei der Verteilung in allererster Linie jüdische Lehrer auf dem Lande und in kleineren Städten berücksichtigt werden, welche beabsichtigen, die Bücher zu Studienzwecken oder bei Lehrvorträgen Nahmst Du den Führerstab, da- Gotteswort. Prophetisch schautest Du in Kampfeszeiten Der Zukunft schufest Du den Zufluchtsort: Zum Gottesdienst ward Dir bas Menschenstreben, Zum Gotteswort Natur und Bölkerleben. Die Gegenwart verstnkt im Zeitenmeere, Und über Menschenwirlen rauscht die Flut, Doch ehern steht der Gotthett hohe Lehre, Als der Geschlechter weit vererbtes Gut. Und wollt Ihr vretsen Eures Ahnen Ehre? Sein Erbe sei gewahrt in heiliger Hut — Sein Erbe sei die Quelle unserer Stärke! So lebt der Meister ewig in dem Werke! eines euilleton. (Dev Erfinder der Kamera und des Jakobsstabea.) Gar Viele Erfindungen, Von welchen man amrimmt, daß sie das Ergebnis der Forschungen unserer oder doch sehr später Zeit seien, haben schon die Alten gekannt. So ging erst kürzlich eine Notiz butdi die- Blätter, daß der Blitzableiter bereits vor einigen tausend- Jahren den Menschen keine unbekannte Sache gewesen*), daß die alten Egypter wahrscheinlich die Dampstraft gekannt u.s.w. So möchten wrr auch heute ssiM» alten Erfinder wieder zu Ehre» bringert. In Dein Juda wollt dm Sinnenpfad beschreiten, Da wurdest Du der altm Lehre Hort, Zum heil'gen Ziel des Mmfchm eS zu leitm, **£«>1 ’dtid fn DTjnonn p hra ronun (* •(t"o rpo rotr nnoDin) inD p*om ü’Djnn udd om 25. 1908 m benutzen. Wrr bitten demgemäß, biejenigeit Interessenten, welche ein Exemplar des Buches zu besitzen und im Sinne des Stifters zu verwenden beabsichtigen unter genauer Angabe ihrer Adresse sich an das Büreau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" Frankfurt a. M., Schützenftraße u, wenden zu wollen. Der akademische Festakt in Frankfurt a. M. Das war ein Wogen und Stürmen, Stoßen und Drängm? Alle waren fie dem Ruse des T6m= Vereins gefolgt, um dm Meister zu ehren. Immer von neuem mußte die schmucke Ehrenwache die Türen öffnen, um neue Sch arm aufzunehmen, und jeder fand seinen Platz ohne Mühe und Geräusch. Die Türhüter walteten ihres Amtes mühelos, denn es war eine wohl disziplinierte Menge, die mit Wethe und Sttmmung im Herzen gekommen war, um am Feste teilzunehmen, um einmal zu zeigen, wie teuer er ihnen ist und ihren Kindern werden soll, der ihnen Halt und Stütze gegeben, Licht und Sonnenschein gespendet, ihrem Leben Inhalt, ihren, Gerste Stärke und Sicherheit, ihrem Herzen die wahre Freude an der Tauroh eröffnet hat. Etwa 2000 Menschen füllten dm großen Saal und die Galerie des Kaufmännischen Vereins. Bor der mit Blumen geschmückten Bühne, hie auch mit dem großen Bilde des Meisters geziert war, saßen die Ehrengäste: zunächst die Mitglieder der Familie Hirsch, die Kinder, Schwiegersöhne und Schwiegertöchter. Die weiteren Ehrenplätze nahmen ein: die Mitglieder der Verwaltung der Religionsgesellschaft Frankfurt a. M., die Vertreter einer großen Zahl von benachbarten Gemeinden, Atgeordnete der „Freien Bereinigung für die Interessen des ortbo doxen Judentums", des „Verbandes der Sabbathfreunde", des „Bundes gesetzestreuer jüdischer Jugendverein e" des „Bundes jüdischer Akademiker", sowie einer großen Zahl hiesiger jüdischer Vereine. Als weitere Ehrengäste sahen wir in erster Reihe Hrrn Landrabbiner Dr. Loeb aus Emden und Herrn Oberrabbiner Dr. Hirsch aus Zwolle (Holland). Durch Depeschen und Glückwunschschreiben waren vertreten: die Ortsgruppe der „Freien Bereinigung" in Berlin, „Verein Machsike Tauro" in Breslau, die Orthodoxe „Lanoeskanzlei im Königreich Ungarn", sowie die Rabbtnate und Gemeinden in Oldenburg und Nikolsburg. Viele Depeschen von Gemeinden, Rabbinern und Privaten waren noch im Laufe der Feier eing gangen. Punkt 11 Uhr begann die Feier mit einem Eingangsgesange „Herr, o Herr, was ist der Mensch", der vom Mufiklehrer Neumann meisterhaft vorgetragen wurde. Langsam verhallten die letzten feierlichen Klänge des Harmoniums und bereiteten die Stimmung für den Festprolog vor, der von einem Urenkel des A, eisters, Herrn Samson Hirsch, verfaßt und von einer Urenkelin, Fräulein Ernestine Mosbacher, sttmmungs- und wirkungsvoll vors.etragen wurde. Nun erschien auf dem mit Blumen geschmückten Podium der Festredner, Herr Hermann Schwab. Die Rede war von Anfang bis zu Ende ein Meisterstück hochpoetischen Empfindens und künstlerischer Gestaltung, sodaß es unmöglich ist, ihr im Rahmen dieses Berichtes gerecht zu werden. Wir wunderten im Geiste zu den Ureltern und Eltern S. R. Hirschs zurück, sahen Hirsch als Knaben, als Jüngling, als Mann und Greis, sein Hoffen und Ahnen, sein Schaffen und Wirken, sein Leben allen wissenschaftlichen und sonstigen Nachschlagc-Werken sind als die Erfinder der in der Ueberschrift genannten Werkzeuge zwei Gelehrte angegeben. Als der erste Verfertiger der Kamera wird Erasmus Reinhold in Wittenberg 1040 bezeichnet. Der Jakobsstab hingegen, bekanntlich ein astronomisch-nautischer Stab zum Winkelmessen, tvird Johannes Müller, dem unter dem Namen Regiomontan bekannten Mathematiker und- Astrononr (1430—1470) zugeschrieben. Beide Angaben entsprechen nach den neuesten Ergebnissen vertrauenswürdiger Forschung nicht der Wahrheit. Nach ihr ist der Erfinder sowohl des Jalobsstabes ,wie der Kamera, dieses wichtigsten Werkzeuges des Photographen, Levi ben Gerson, der unter dem Namen „Ralbag" bekannte Philosoph, Mathematiker, Exeget und Arzt des 14. Jahrhunderts. Levi, auch Leon de Baunolus oder Leo de Bagnols genannt, wurde 1288' in Bagnols bei Gerona an der spanischen Grenze geboren. Aus seiner Lebensgeschichte wissen wir, daß er ein Abkömmling gelehrter Ahnen war. Sein Vater, Gerson ben Salomo, Tochtersohn des Nachmanides in Arles, war ein kenntnisreicher Mann und Verfasser eines naturwissenschaftlicheu Werkes, er besorgte die Ausbildung seines geistig sehr begabten Sohnes Levi und führte ihn in die Fächer der jüdischen Wissenschaft, Bibel, Talmud, hebräische Sprachforschung u. a. m. ein, hielt ihn zum Studium der Philosophie, Astronomie, und Medizin an . Im Alter von noch nicht 30 Jahren begann Levi mit der Abfassung seines großartig angelegten Werkes : „Milchamoth Ha-Schem". Dieses Werk enthält ein scharf durchdachtes und sorgfältig ausgestelltes Systent der Religionsphilosophie. Das fünfte Buch über Astronomie,, das zugleich die Beschreibung der von ihm erfundenen camera obscura enthält, wurde für den Papst Clemens VI. in das Lateinische über-

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