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Der Israelit · 1908-06-25 · Heft 26 (25.6.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 26 (25.6.1908)
Date
1908-06-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 8. Nr. 86 _ Richtung hin. die bemerkenswerten Darlegungen, die einer der radikalsten Vorkämpfer der Reform, Rabbiner Dr. Coblenz-Bielefeld, in Nr. 17 vom 24. April 1908 in Ihrer geschätzten Zeitung reproduzierte, und wir berufen uns endlich als Kronzeugen auf die Erklärung des Abgeordneten Cassel in der Sitzung des preußischen Landtages vom 21. Februar, der ausdrücklich hervorhob, das' die Gesamtheit oer preußischen Juden darin einig sei, daß keinerlei Zwang im Religionsunterricht ausgeübt werden soll, und der Unterricht von dem erteilt werde, der den religiösen Anschauungen der einzelnen Gemeinden Genüge leistet." Wir haben diesen Ausführungen, soweit Bayern in Betracht kommt, nur das eine Bedenken entgegenzuhalten, daß in dem Begriffe des „adäquaten Religions-Unterrichtes" einige Fustangeln geborgen liegen. Gewiß wird cs gerade in Bayern den orthodoxen Eltern ohne große Mühe überall möglich sein, religiös zuverlässige und pädagogisch vollwertige Lehrkräfte zu gewinnen. Mein es darf die Entscheidung darüber, ob ein privater Religions-Unterricht dem offiziellen „adäquat" ist, keinesfalls der einen Partei, d. h. dem Rabbiner, überlassen bleiben; vielmehr müßten dafür allgemeine, leicht erfüllbare Normen ausgestellt werden, die keine weiteren Anfechtungen mehr auskommen lassen. Mag dann auch dieser oder jener neolöge Vater soviel Ueberzeugungstreue betätigen, daß er sein Kind dem orthodoxen Religionsunterricht entzieht — uns darf das keinen Augenblick beirren. Nach dem ganzen Geist unserer Zeit ist in religiösen Dingen auch der leiseste äußere Zwang von Uebel, und nur von vollster Freinnlligkeit, von der freiesten Hingebung getragen, kann religiöse Unterweisung in unseren Tagen zunk Segen gereichen. Das überlieferte Judentum braucht diese Freiheit nicht zu scheuen, die Zukunft ist sein, und auch im jüdischen Kreise, unter Neologen und Indifferenten, kann es an - Werbekraft nur gewinnen, sobald der starke Arm des Staates keinen Widerstrebenden mehr ins Lehrhaus zu zwingen vermag. KochmMvöschcm. Kopf und Ber?. Für die Erkenntnis der Wahrheit im Kampf der (Reifter ist es immer ein schlimmes Ding, wenn das Herz dem Kopfe zuvorkommt, und das Gefühl spricht, wo dem Verstände allein das Wort gebührt. Hn Samson stapdael Birscb. Von einem nichtjüdischen Verehrer. Wer für den Glauben kämpft, der ist einJHeld - Ob er in der Arena blut'gem Sande Bon Bestien zerrissen ntederfällt, Ob er in des Gelehrten einfachem Gewände Rastlodurchforscht uralten Wissens Schatz: Sr findet bei den Edelsten den Platz. Stach Kronen äußrer Ehren nie er ringt, Ihn locken nicht des Golds dämon'sche Mächte, Nur unaufhörlich in dem Herzen klingt, Die Sehnsucht, einzutauchen in die Schächte, Wo tief verborgen, stlberklar und hell. Ihm leuchtet jedes Daseins ew'ger Quell. Dies LebenSwasier, trotzend der Gefahr, Heraufzuholen, alles zu erneuen, Zu bieten es der ganzen Menschenschar, Treibt's stetig ihn, ob auch der Tob will dräuen; Denn ihn erfüllt allein der hehrste Trieb Der reinsten Gottes- und der Menschen-Ltebc. Eins ist er mit sich selbst und seinem Gott, Er kennt kein wildes Zweifeln der Gedanken, Ob er der blöden Masse ist ein Spott, Er ringt und sucht und kämpfet ohne Wanken. So wird ein Segen er für sein Geschlecht, Und seine Lehr' ist auch der Zukunft echt. _ Der Israelit __ Wir hatten vor einigen Wochen Gelegenheit, in einem orientierenden Ueberblicke über die st r ategischen Methoden der Neologie auch das Goldschmidt'sihe Buch über das „Wesen des Judentums" als Paradigma heranzuziehen, um daran zu zeigen, wie durch die „wissenschaftliche" Verschleierung tiefer gedanklicher Gegensätze das religiöse Wahrheitsbewußtsein getrübt, und damit das überlieferte Judentum in seinem innersten Kern bedroht werde. Als Antwort auf unsere Ausführungen veröffentlicht Herr Dr. Goldschmidt einen längeren Aufsatz, der nur aufs Neue zeigt, wie gefährlich die von uns gekennzeichnete Methode der „wissenschaftlichen Anfreundung" ist, wenn sie voll einem Manne wie Goldschmidt virtuos gehandhabt wird. Was uns Herr Dr. Goldschmidt übel nimmt, sind drei Dinge: erstens das Wort „strategisch", das auf einen Kampf deute, während es ihm nicht einfalle, die Orthodoxie zu b ekämpfen; zweitens den „burschikosen" Ton, in dem wir seine religionswissenschaftliche Entdeckung behandelt haben und drittens endlich den — von ihm uns insinuierten — Versuch, die Liberalen aus dem Judentum „hinauszudrängen." Man sieht, die Einwände des Herrn Tr. Goldschmidt sind samt und sonders von seinem guten Herzen diktiert, das Orthodoxie und Neologie mit gleicher Inbrunst liebt, und das Himmel und Hölle und den ganzen Apparat wissenschaftlicher Beweisführung in Bewegung setzt, um den beiden geliebten Wesen ihre Individualität und damit ihren unbequemen Mmpsesmut zu rauben! Ist dieses Attentat auf den historisch beglaubigten Charakter einer Weltanschauung kein Kainpf, kein Akt der Feindseligkeit, auch wenn er tausendmal in der edlen Absicht vollzogen wird, das ad usum der Indifferenten zugestutzte orthodox-liberale Judentum dann in heißer Liebe an die Brust zu drücken? Und sollten wir wirklich darauf verzichten müssen, uns dieser Liebe zu erwehren, die uns, d. h. das durchaus eindeutige historische Judentum, mit ihren Umarmungen erdrosselt, um nur ja dem radikalsten Leugner noch die Möglichkeit zu geben, sich „in einem etwas modifizierten Sinne" als „offenbnrungsgläuöiger Jude" zu ftihlen! Nein, verehrter Herr Dr. Goldschmidt! Wir respektieren Ihre Absichten, wir beklagen das tvidrige Geschick, das eitlen Mann von Ihrer sympathischen Geiftesstruktur in ein verkehrtes Fahrwasser getrieben hat -- aber das kann uns nicht hindern, mit aller uns zu Gebote stehenden Schärfe und, wenn es sein muß, auch mit den Waffen des Spottes eine War groß.der Kreis, dem seine Segensgab' Ein neueszEden suchte zu erschließen, Dann glänzt sein Nam' weit übers trd'sche Grab/ ftUnb Flut auf Fluten rastlos sich ergießen M GAus ihm äonenlang aufs arme Menschenland, Wegspülend des Gemeinen öden Sand. Der Gottheit Boten wird er zugezählt, ^Geheiligt klingt sein Name durch die Zeiten, In seiner Lehre findet, der gequält Den Trost, der ihn auf Erden will begleiten. Ihm glaubend, auf ihn hoffend schläft er ein, Er wird sein letztes Wort beim Scheiden sein. Den Größten eint sich auch der schlichte Mann Deß Kreis nur eng war und beschränkt auf Erden. Sein Leben stand im gleichen Ltevesbann, Sein Gang war mühsalreich und voll Beschwerden. Ihn traf der Unverstand, der Neid, der Hohn, Doch blieb er seines Gottes treuer Sohn! Solch eines sei in Dankbarkeit gedacht Am heut'gen Tagfein, der durch ftommen Glauben Auch Tausenden von uns ein Glück gebracht, Das uns kein Lebensansturm je soll rauben Und segnend preise ihn zu jeder Stund' Gesetzestreuer, gläub'ger Juden Mund! Jni Andenken an den mir unvergeßlichen Sohn, der mir ein Freund war, des größeren Baters gedenkend. 28. Juni 1968. Methode zu bekämpfen, die den Worten ihren natürlichen Sinn raubt, die schlichte Wahrheit in Phrase verkehrt, und die mit der unschuldig sten Miene von der Welt tausendjährigen geistigen Besitz — auf Abbruch verschleudert. Und nun zum letzten Borwurf! Herr Dr. Goldschlnidt glaubt, einen Berteidig un gs kampf, nicht gegen die Orthodoxie, wie er sagt, sondern gegen die Angriffe der Orthodoxie führen zu fallen, die es unternehme, die neo logen „Brüder aus dem Vaterhause auszu schließen." Die Nichtigkeit dieses Borwurfes, der zu beu Paradestücken aller modernen Sammlungspolitiker gehört, haben wir wiederholt nach gewiesen. Er beruht auf der beliebten Verwechselung der durch die Geburt erworbenen und um ablöslichen Stammeszugehörigkeit zur Fudenheit und der nur durch Bekenntnis und Tat bewußt zu wahrenden Ehrenstellung eines „g u - ten Juden". Selbst Herr Dr. Goldschmidt wird demjenigen, der seine Kinder, aus Ueberzeugung sogar, taufen läßt, das Prädikat eines „guten Juden" nicht lnehr zugestehen wollen! Schließt er ihn deshalb „aus dem Baterhause" aus? Stehen ihm nicht die Pforten zur Heimkehr bis zum letzten Atemzuge offen, uttb muß nicht nach seinem Religionsgesetze der orthodoxe Jude, so weil an ihm liegt, ängstlich darum bemüht sein, selbst diesen entfremdetsten Bruder, eben weil er Jude bleibt, beispielsweise vor der kleinsten verbotenen Werktätigkeit am Sabbat zu bewahren. Und dennoch. Wenn die Zeit jemals wiederkehren soll . sie wird wiederkehren —, in der das jüdische Volk als “infc '1), als ctu von einheitlichem Geiste beseeltes Ganzes den, Bund mit seinem Gotte erneut, dann kanit dieses Ziel wahrlich nicht dadurch erreicht werden, daß man die Got tcswahrheit je nach dem subjektiven Bedürfnis derjenigen „nrodifiziert", die den „Willen zum Judentum" mit ihrem souveränen Eigen willen ä tout prix zu vereinigen wünschen! Aus solchem Geistedes Entgegenkommens ist in der Frühzeit unseres Volkes — das „goldene Kalb" geboren worden, und die ganze Geschichte des Urchristentums, das ja weiter nichts sein wollte, als eilt „modifiziertes" Judentum, zeigt die ungeheuere Größe der Gefahr, die aus dem enr sigen Schaffen harinonisierungslüsterner Geister für die jüdische Wahrheit zu allen Zeiten erwachsen ist. Scharf und kantig nne das große '"JriK steht diese Wahrheit der alten Offenbarung nicht nm den christlichen, sondern auch den modernen Umdeutungsversuchen gegenüber, und es ist un vermeidlich, daß diese unbequente Spitze hie und da auch manchen wohlmeinenden Freund vor letze. - Ästtgerpensler. Zum Wochenabschnitt. Wie hat sich doch das Bild geändert! Sind das noch die gottgetreuen, Willensstärken Scharen, die den Gottesberg umringten und mit ihrem PVV21 nWV) das Zucken des Blitzes und Rollen des Donners be gleiteten? Sie waren nun schwach und Vertrauensarm geworden, die die 'n nVTlDI mit eignen Augen schauen durften. Das verheißene Land ber Zukunft lag vor ihnen, das Ziel ber Hoffnung war erreicht und der große Augenblick fand ein kleines schwaches Geschlecht. Und doch wäre die Entsendung ber Kundschafter an s i ch nicht gerade verwerflich gewesen, wenn diese im Sinne Gottes, im Sinne Mosts fich ihrer Aufgabe entledigt hätten, wenn die Abgesandten, wie man es von den '33 'IPfcO hätte erwar en dürfen, die ihnen von Moses 'n D by aufgetragene Mission ohne Zweifel und Mißtrauen im Herzen, ohne nach beS Volkes Gunst zu schielen, ohne seinen kleinlichen Bedenken, seiner vorgefaßten Meinung entgegenzukommen, erfüllt hätten.

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