Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1908)
- Date
- 1908-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit Hfil Bi EatraUriM tfirias wfiidia JifcHftäTiUI BBHBD li|rlrid M Ir! Lämi h IbiK m^R^i 25. Juni 1908. SranMurta.nl., den 26. stman zöö8. 49. Jahroana. M 2« Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Abonnements r Gewöhnliche Ausgabe Mt. ILO vierteljährlich, HeftauSgabe ans Kunstdruckpa-icr Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für die ' gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn S Kr., Rußland 1 Rno., England S sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,90 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei der Expedition, HeftauSgabe nur direkt. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratmannahme nur durch iuH aasen stein u. Vogler A^G. t Eonto bei der A. R. Postsparkasse Wie» Po. 79605. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Eonto bei der Rigaer Kommerzbank in Riga Lonto bei dem A. Postfparkasfeuamt Budapest Sko. 184*4. und deren Filialen in DwinSk, Libau» Bialystok, Reval und Lodz Her Itadiörutft 9er flrfihel und Correfponöewen Des „Israelit“ if! nur unter genauer Quellenangabe, unö, fomeit es fldi um grviUff MMtze handelt, nur nach norheriger Genehmigung gestattet 'l-jr: '! -r?.- i Obligatorischer Religionsunterricht. Die politischen Ereignisse der letzten Wochen nötigen die jüdische Presse, soweit sie ihre Aufgabe als eine politische auffaßt, iinmer wieder, auf ein „Problem" zurückzukommen, das wirklich nur durch die Verblendung gewisser neologer Kreise zu einem Problem gemacht wird: den obligatorischen Religions-Unterricht, wie er in Bayern, Baden und Württemberg besteht. Man kann es begreifen, daß diejenigen neologen Rabbiner und Führer, die klug genug sind, um die innere Haltlosigkeit und Znkunftslosigkcit ihrer modernen Religion zu erkennen, sich krampfhaft an den vom Staate erzwungenen Religions-Unterricht klammern, daß sie sich der trügerischen Illusion hingeben, durch ihre Katcchismusweisheit das jüngere Geschlecht vor dem völligen Abfall schützen zu können. Wie ernsthafte Männer aber es übers Herz bringen können, ohne jede innere Notwendigkeit, die unterrtchtliche Zwangsgewalt auch über die Kinder orthodoxer Eltern zu beanspruchen, wäre uns ein Rätsel, böte nicht ein Blick auf die Gesamtpolitik unserer Neologen die Lösung. Diese Politik geht nach wie vor darauf hinaus, trotz der „liberalen Bereinigung" und der von ihr gezeitigten programmatischen Erklärungen, das Reformjudentmn als berechtigte Spielart, als Nüance des historischen Judentums hinzustellen und nach der oft von uns gekennzeichneten Methode die Grenzen zwischen Bekenntnis und Leugnung, Treue und Abfall systematisch zu verwischen. Diesem politischen Phantom zuliebe, das ein einheitliches jüdisches „Dogma" träumt, sträuben sich die geistlichen Herren, die Kinder andersdenkender Eltern aus ihrem Unterricht zu entlassen, und überschütten die für die Freiheit des Gewissens eintretenden orthodoxen Kreise mit den unsinnigsten Vorwürfen und Beschuldigungen. Das ist neuerdings insbesondere in einem „Krieg im Frieden" betitelten Aufsatz der „Allg. Ztg. des Judentums" geschehen, in dem unter vehementen Ausfällen gegen die „orthodoxe Kraftzentrale in Frankfurt a. M." die bayerischen Orthodoxen wegen ihrer in den Artikeln „viscite moniti" (Israelit Nr. 19 u. 20) niedergelegten und inzwischen wirksam vertretenen Forderungen des Verrats an den religiösen Interessen der Gesamtheit beschuldigt werden. Wir geben in Folgendem einiges aus.her treffenden Replik Meder, die der Führer der Münchener Orthodoxen daraufhin in dem gleichen Blatte veröffentlicht hat. Es heißt da: „ES ist durchaus unrichtig, das' die Orthodoxie in Bayern „nichts Geringeres will, als die Beseitigung des obligatorischen Religionsunterrichtes in den Mittelschulen". So kurzsichtig und ungeschickt wird denn doch die bayerische Orthodoxie nicht geleitet, daß wir in völliger Verkennung der herrschenden Windrichtung in unseren Regierungstreuen dem obligatorischen Religionsunterricht den Garaus machen wollten. Wir überlassen cs, wie die Geschichte der vorjährigen Kämpfe erwiesen hat, unseren Gegnern, Feldzugspläne ohne Rücksicht aus den herrschenden Kurs zu entwerfen und dadurch die Schlacht zu verlieren, ehe der Kampf begonnen hat. Was aber die betreffs des Religionsunterrichts gegen uns erhobenen Borwürfe anbelangt, so möchten wir daraus Hinweisen, daß das gelesenftc p.ontische Organ Süddeutschlands, die „Frankfurter Zeitung", erst vor wenigen Tagen die Einführung des obligatorischen jüdischen Religionsunterrichtes in den württembergischen Mittelschulen als „orthodoxen Vorst iß" in der Oeffentlichkcit denunzierte, woraus wiederum erhellt, daß es die bösen Orthodoexn ihren liberalen Glaubensbrüdern niemals recht rnach"n tonnen: denn treten sie für den obligatorischen Religionsunterricht in Württemberg ein, so gefährden sie den „Liberalismus und die Aufklärung", nehmen sie aber anderwärts Stellung g egen den obligatorischen Religionsunterricht, so bedrohen sie nach Ansicht Ihres Korrespondenten in Nr. 23 „dir Einheit Israels". Wie sollen wir es nun eigentlich machen? Aber den bayerischen Orthodoexn fällt es auch im Schlaf nicht ein, an dem Prinzip des obligatorischen Religionsunterrichtes rütteln zu wollen. Was lvir verlangen, oder was wir aus dem Wege des Friedens oder des Kampfes auch durchsetzen werden, das ist das Postulat, daß seitens der zuständigen Gemeinderabbiner jene jüdischen Kinder, deren Väter an dem offiziellen gemeindlichen Unterricht aus Gelmssensbedenken Anstoß nehmen, dann von der Teilrrahine an demselben dispensiert werden, wenn sie dem zuständigen Rabbinat gegenüber den Nachweis eines mindestens gleichwertigen jüdischen Religionsunterrichts erbringen. Dies und nichts anderes ist das Verlangen der bayerischen Orthodoxie, und tvenn Ihr Korrespondent die These aufstellt, daß die Berechtigung der orthodoxen Bestrebungen dort aufhören müsse, wo sie das religiöse Leben der Gesamtheit bedroht, so wäre darauf zu erwidern, daß dann in sämtlichen anderen deutschen Bundesstaaten das religiöse Leben der Gesamtheit bereits seit Jahren vernichtet sein müßte; denn das, was wir jetzt verlangen, ist im ganzen übrigen Deutschland bereits Rechtens. Es gibt in Preußen kein: einzige Großgemeinde, in welcher nicht die orthodoxen Mittelschüler auf Grund des Nachweises, daß sie einen adäquaten Unterricht genießen, vom offiziellen Religionsunterricht dispensiert sind. In Baden hat erst vor 14 Tagen die oberste badische Schulbehörde in ähnlichem Sinne entschieden, und in Württemberg, wo bekanntlich im Vorjahre der obligatorische Unterricht in den Mittelschulen zur Durchführung gelangte, hat sich jüngsthin — und zwar auf Drangen der Neologen — die israelitische Kirchenbehörde veranlaßt aesthen, die Dispensation aller Schüler an höheren Lehranstalten vom obttgatvrischeu Religionsunterricht generell fctgK. anszusprechen, wenn deren Eltern den Nachweis erbringen, daß ihre Kinder „irgendwie einen privaten Religionsunterricht erhalten". Man wird in der Tat an die Grachen, die sich über Empörung beklagen, erüWert, wenn gewisse Knlturkampfhähnc oer Neologie von einem angeblichen „Chillul Haschern" fabeln, weil die bayerischen Orthodoexn in loesentlich gemildeter For« eine Ausnahmsbcstimmung urgieren, die die württrmbergischen Neologen der Stuttgarter Kirchenbchördr abgetrotzt haben. Daß uns aber dies: Dispensation, durch welche das Prinzip des ob.igatorischen Religionsunterrichtes schon um deswillen nicht erschüttert wird, weil der Nachweis eines m i n d e st e n s adäquaten Unterrichts beiz n bringen ist, nicht vorcnthalten werden kann, ergibt ficb aus hygienischen, pädagogischen und nicht zuletzt aus religiösen Momenten. Oder führt es nicht zu unhaltbaren Zuständen, wenn Mittelschüler, die bereits einen intensiven drei- bis vierstündigen Unterricht im Jüdischen, in Tenach, Raschi, Mischna usw. gerließen, noch zrveirnal pro Woche einen Weg von 20 bis 25 Minuten von daheim zur Schule und dann wieder von der Schule nach Hause znrücklegen müssen, um nochmals zwei Stunden „offiziellen Religionsunterricht"^ zu genießen, oder richtiger zu — durchschlafen? sollen wirklich derartige Schüler, die vielfach dem Lehrstoff der betreffenden Klasse schon seit vier ooer fünf Jahren entwachsen sind, lediglich um die Fiktion von dem allein selig machenden offiziellen Religionsunterricht aufrecht zu erhalten, nochmals vier Stunden vertrödeln, und kann irgend ein Pädagoge von diesen Schülern eine Teilnahme am Unterricht verlangen, wenn dieselben Schüler, die abends von, ti bis 7 Uhr Mischnajoth lernen, von 5 bis 6 Uhr nachmittags zuhörcn, wie ihre neologen Mitschüler die hebräischen Lesezeichen buchstabieren? Wir möchten den Arzt und den Päda . zogen kennen lernen, der, um „die Einheit Israels zu retten", der Fortdauer d'eser Zustände das Wort reden möchte. Aber zu diesen pädagogischen und hygienischen Momenten ist angesichts der Tatsache, daß die programmatischen Berliner Erklärungen vom 3. Mai nun einmal die Spaltung innerhalb des deutschen Judentums zu einer unüberbrückbaren gestaltet haben, das religio ' t Moment der Gewissensnot getreten und hat di* Lösung der Religionsunterrichtssrage zu einer dringlichen gestaltet. An dem Tage, da der Nürnberger Rabbiner und mit ihm eine Reihe seiner liberalen Ämtsgenossen die Thesen von den „veralteten Vorschriften und aogestorbenen Sitten" des Judentums, von dem „Religionsunterricht, der die gesicherten Resultate der Wissenschaft zu berücksichtigen hat", unterschrieb, haben sie, so hoch wir auch den Mut und die Neberzengungstreue der erwähnten Herren Seelsorger bewundern, ein für allemal das Recht verwirkt, im Sinne der bayerischen Ministerialentschcidung vor: 1863 „Leiter eines Religionsunterrichtes" ju sein, welchem Kinder orthodoxer Eltern zwangsweise unterstellt sind. Hierüber ein Wort zu verlieren, hietze Eulen nach Athen tragen. Wir wissen, daß tit dieser unserer Auffassung zahlreiche neologe, der radikalen Reform zugeneigte Rabbiner mit uns Wort für Wort übereinstimmen und'zitieren nach dieser i )? I 1 i I