Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 66

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 66)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449324--64633-2507231
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

III. Das Grundproblem der Ethik ist die Frage, unter welchen Bedingungen menschliches Handeln als sittliches Handeln angesehen werden könne, oder mit anderen Worten: die Frage nach dem Maß st ab des sittlichen Handelns. Die Ethik ist ihrer Natur nach eine normative Wissenschaft, d. h. sie begnügt sich nicht mit dem Erkennen und Beschreiben von Erscheinungen, sondern sie will aus diesem Erkennen Norme n,V orschriften für Tun und Lassen, Wollen und Nichtwollen schöpfen, und sie ist darum notwendig auf einen Maßstab angewiesen, der ihr gestattet, in jedem einzelnen Falle zu sagen, was gut und was böse sei. Zur Auffindung dieses Maßstabes sind zwei Methoden denkbar. Entweder es wird der Beweis unternommen, daß im menschlichen Gemüte (wenn wir die Gesamtheit der psychischen Kräfte des Menschen so nennen) als ein angeborenes oder geschichtlich gewordenes Stück Menschennatur ein solcher „Maßstab“ geborgen liege, der dann als sittlicher Geschmack, sittliches Gefühl, praktische Vernunft, Gewissen den kategorischen Imperativ der sittlichen Pflicht erzeugt (Kant, Herbart), oder aber die Norm kommt nicht kausal als Motiv aus dem Menscheninnern, sondern wird durch den Intellekt abgeleitet aus den Zwecken und Zielen des Weltgeschehens, denen die Einzelhandlung sich nur anzupassen hat, um sittlich zu sein. (Schopenhauer, Hartmann, Spencer, Wundt.) Beide Methoden haben offenbar ihre Vorzüge wie ihre Schattenseiten. Die erstere wirkt in der gewaltigen Ausprägung, die ihr Kant gegeben hat, vor allem deshalb so wahrheitskräftig, weil sie den Pf licht gedanken in den Mittelpnnkt stellt, ihn allein als Motiv des Handelns ins Bewußtsein rückt und jeden Ausblick nach Zwecken und Zielen als verschleierten Utilitarismus oder Eudämonismus mit Energie zurückweist. So dringt kein Strahl vorgestellter jenseitiger Glückseligkeit oder hieniedigen sozialen Glücks, die als Zwecke des sittlichen Handelns gelten könnten, in den Ablauf der Vorstellungen und Willensvorgänge, und in voller Majestät lenkt das Sittengesetz, allein in der Form des Gesetzes, Wollen und Handeln des frei gehorchenden Individuums. Allein dem glänzenden Lichte fehlen die tiefen Schatten nicht. Abgesehen davon, daß der kategorische Imperativ der Pflicht, in solch einseitiger Strenge gefaßt, eine innere Verarmung des sittlichen Lebens herbeiführt, daß er trotz aller „Autonomie“ des Sittengesetzes — wie Schiller sich ausdrückt — nur für die Knechte sorgt, nicht für die Kinder des Hauses, gehört dem Grundprinzip der Kantschen Ethik die Zukunft deshalb nicht, weil ihre Voraussetzung immer wieder bestritten wird: eben das Postulat der praktischen Vernunft *) Wer bürgt für die Wahrhaftigkeit jener inneren Stimme, deren historische Existenz zwar durch die Jahrtausende sittlicher Entwicklung bezeugt, deren zeitloser ewiger Wahrheitsgehalt aber — und das allein gäbe ihr Recht und Würde — nimmermehr aus sich selbst zu erreichen ist? So arbeitet denn die moderne Ethik lediglich nach der zweiten Methode. Sittlich ist ihr, was dem Zwecke des Kulturprozesses förderlich ist. Der sittliche Wert einer Handlung wird nicht ausschließlich oder vorwiegend von ihrem Motiv bestimmt, sondern von ihrem Zwecke, ob auch ihr sittlicher Wert unter Umständen durch ein Bewußtwerden des Zweckes in den Motiven wesentlich erhöht werden kann. Da erhebt sich nun die Frage: was ist der Zweck, besser das Ziel des Weltprozesses oder — bescheidener — des Kulturprozesses? Aus dem Gesamtverlaufe des naturgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Geschehens soll erschlossen werden, wohin die Entwicklung zielt, und es sind Monumente gewaltiger Denkarbeit, in denen Männer wie Spencer und Wundt sich gemüht haben, auf diesem Wege den Grund zu einem sicheren Gebäude wissenschaftlicher Ethik zu legen. Welches das Ergebnis dieser Mühen ist, das zu prüfen fällt nicht in den Rahmen unserer Untersuchung. Uns zeigen die ethischen Systeme von Schopenhauer und Hartmann einerseits, Spencer und Wundt andererseits, so gegensätzlich sie in der Auffassung des Weltprozesses zueinander stehen, doch den einen gemeinsamen Zug, daß sie das Wesen des Sittlichen in die bewußte Förderung des Weitprozesses setzen. Dadurch schlägt ihre Ethik kräftige Wurzeln in dem Boden des realen Lebens, sie zieht das Individuum in reichverzweigte soziale Zusammenhänge hinein und stellt ihm das ganze vielgestaltige Leben seiner Gegenwart als sittliche Aufgabe. Freilich fehlt dieser Ethik der entschieden normative, kategorische Charakter und, was schlimmer ist, es fehlt ihr die heilige Würde, die man dem Kantschen Imperativ so wenig absprechen konnte wie dem Sternenhimmel da droben. Denn was ist dieser Weltprozeß, der Leben aus Leben gebiert, um Leben in Tod zu verwandeln? Warum muß ich ihm huldigen, warum in Freiheit mein Leben einem kräftigeren Leben (Spencer), meinen Willen einem hypostasierten Gesamt willen (Wundt) opfern? IV. Was ist der Grundgedanke der jüdischen Ethik? Jeder kleine jüdische Knabe, der aus dem Lehrhaus, der aus der Kinderstube dir entgegenkommt, wird dir die Frage ohne Schwanken beantworten: Ni2v, Gebot, Gesetz, Pflicht. Es bedarf kaum einer näheren Ausführung, weich zentrale Stellung der Pf licht begriff innerhalb der jüdischen Lebensanschauung einnimmt, kaum des Beweises, daß als Motiv für das sittliche Handeln im Geiste der jüdischen Ethik einzig und allein der Gottes¬ *j FOr Herbart gilt mutatis mutandi* derselbe Einwand in verstärktem Maße. wille gelten kann. Dieser Gotteswille äußert sich in der Form des offenbarten Gesetzes, und seine bewußte Erfüllung macht das Wesen alles sittlichen Tuns aus. Nun aber erinnern wir uns, daß eben diesem Gottes willen, der im Gesetze Motiv unseres Handelns wird, innerhalb der individuellen sowohl, als auch der geschichtlichen Entwicklung Zwecke vorschweben, Zwecke, deren konzentriertester begrifflicher Ausdruck uns in den Worten »np und "P"1zu liegen schien. Diese Gotteszwecke zu den unsrigen zu machen, jede Tat unsres Lebens zwar aus dem Motive heraus zu vollbringen, daß Gott sie geboten, aber zugleich in dem Bewußtsein, damit dem individuellen Ziele der inneren Läuterung (tPH) und dem sozialen Ziele der Förderung des Gottes will ens in der irdischen Geschichtsentwicklung ("ph) zu dienen — das bedeutet die Vollendung des sittlichen Handelns auf dem Boden der jüdischen Wahrheit. Ein System der jüdischen Ethik würde unseres Erachtens aus der Orientierung an diesen drei Maßstäben reiche, fruchtbare Antriebe schöpfen und seine volle jüdische Eigenart daran entfalten können. Daß aber in der Tat die Zusammenfassung der drei von uns ins Auge gefaßten ethischen Momente; Motiv: der Wille Gottes, Zweck: einerseits Heiligung des Menschengemütes bis zur völligen wnp», andererseits Förderung der Gotteszwecke auf Erden, kein Traum ist, sondern daß in der Tat die Zusammenfassung dieser drei Momente zu einheitlicher Menschentat den Inbegriff der jüdischen Sittlichkeit bildet, das zeigt ein Blick auf die Institution der rnstDtt ro*i5. Aeußeres mechanisches Vollbringen in das Bereich des sittlichen Handelns zu erheben, das ist recht eigentlich die Absicht dieser Und siehe da, sie bringen uns in der Tat in knapper Kürze die Grundlage des Systems der jüdischen Ethik. 12121 - UBHp - "jrc, so lauten die drei verbalen Gedankenträger in jeder dieser rro"Q, und es ist für denjenigen, dem die Lehre von der jüdischen Gotteswahrheit keine Floskel ist, wahrlich kein Zufall, daß aus diesen lapidaren Sätzen, mit denen die Väter unsres Volkes das jüdische Pflichtleben geweiht, die Synthese alles Wahrhaftigen und Lebensfähigen in den ethischen Systemen der forschenden Menschheit uns entgegenleuchtet. Selbst die Reihenfolge, die Gruppierung der drei ethischen Grundbegriffe des Judentums in den riam ist bedeutungsvoll. Unmittelbar vor der Handlung ist die Beracha zu sprechen, ihr Gedanken- und Gefühlsinhalt soll ja in der gesammelten Kraft der Tat zur Verwirklichung kommen. Da bilden naturgemäß die beiden Ziele des sittlichen Handelns, vnp und die entfernteren Momente, und aus dem unmittelbar wirkenden Motive des 12121 heraus hebt sich die Hand, um den Willen Gottes zu vollbringen, nachdem Intellekt und Gefühl in "pH und vnp geweiht worden. Die jüdische Ethik hat solchergestalt das Problem gelöst, aus der Motivation des sittlichen Willens alles auszuschalten, was dem Pflichtbegriffe fremd ist, dabei aber nichtsdestoweniger die Würde jeder einzelnen sittlichen Handlung in den vorgestellten, frei zu fördernden Entwicklungszielen des Individuums wie der Gesamtheit fest zu verankern. Wenn unsere alten iviv-Bücher «sn nSis im engeren Sinne, also die Rückkehr der Seele zu Gott, und daneben cnon rv^nn das Wiederaufblühen eines vom Gottesgeist erfüllten Menschenlebens auf Erden als Zweck und Ziel der Pflichterfüllung kennzeichneten, so haben auch sie damit nur die beiden äußersten Pole des Pnp-Gedankens und des *p*ia-Gedankens als Hochziele aufgestellt. Denn die edelste Frucht der NVinp ist ja das Freiwerden des siegenden Gottesfunkens, und die Vollendung der durch ^112 gewährleisteten geschichtlichen Entwicklung liegt nicht im Grabe, sondern im gesteigerten Leben, das immer wieder vom Gottesgeist geweckt wird, ob auch Wetten vergehen und entstehen. * * Möchten die Leser dieser Blätter es verzeihen, daß ein Laie in den Hallen der Wissenschaft es wagt, zu den höchsten Problemen des jüdischen Denkens das Wort zu ergreifen. Was ich hier aphoristisch angedeutet, soll ein Huldigungsgruß sein für den großen Meister, ein tastendes Vorarbeiten vielleicht für den Berufenen, der die reichen Schätze der Gedankenwelt Samson Raphael Hirschs endlich mit dem Rüstzeug wissenschaftlich-philosophischen Denkens ergreifen und die Gedankenkeime, die sein Genius in verschwenderischer Fülle ausgestreut, zu dem Aufbau' einer systematischen Philosophie des Judentums verwerten möge. 49

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.