Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 65)
- Language
- German
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lebendigen Sprachgebrauchs oder in tieferliegenden Ursachen begründet ist, kann hier unerörtert bleiben. Selbst Lazarus in dem wundervollen, von zartsinnigem Verständnis erfüllten „Heiligungs“-Kapitel seiner Ethik bringt es nicht zu einer präzisen, die verschiedenen Nuancen treffenden Definition, ja er bringt sich von vornherein um die Möglichkeit, zu einem solchen, wissenschaftlich gewiß wünschenswerten Ergebnis zu gelangen, weil er — aus naheliegenden Gründen — eine Scheidung zwischen religiös Heiligem und sittlich Heiligem vornimmt, die den im Kerne durch und durch religiösen Begriff des Heiligen seiner Klarheit beraubt. Was ist nun — nicht heilig — sondern ipnp? Während in den „Neunzehn Briefen“, die ja vorzugsweise Geschichtsphilosophie enthalten, der dem Reiche des individuellen Seelenlebens ungehörige Begriff der n^np naturgemäß nicht erörtert und auch noch im Choreb auf eine tiefere Erfassung des Begriffs verzichtet wird, gelangt er in den „Grundlinien einer jüdischen Symbolik“ (1859) in wenigen lapidaren Sätzen zur Entfaltung und endlich im Pentateuch-Kommentar zur rn'W (rcnpü "NM "J1DD 'D) zu lichtvoller, lückenloser Klarheit. Das dort von S. R. Hirsch Bemerkte muß ich hier als bekannt voraussetzen. Offenbar ist es die Tatsache, daß nicht nur der Mensch, sondern Gott ttnip genannt wird, die als ein zum Nachdenken zwingendes Problem erscheint. Den Menschen läßt sich sagen: „Werdet, seid heilig“ d. h. kämpfet Eure Triebe nieder und nähert Euch dem Zustande des kampflosen Rechthandelns Aber von Gott, bei dem ein Kampf nicht denkbar, also auch der Begriff der „Kampflosigkeit“ durchaus sinnlos ist? Auch der Ausweg ist versperrt, der den Begriff als einen vom Menschen auf Gott übertragenen ansehen wollte. Denn ausdrücklich wird umgekehrt die ntPllp G o 11 es als Quelle, als Ursache, als Gewährleistung der menschlichen Heiligkeit statuirt: tsmp -q DnPVlp DIWIV Und nur wer den wahrhaftigen jüdischen Gottesbegriff in eine unwirkliche „Idee“ aufzulösen sich unterfängt, könnte sich damit zufrieden geben, in der „Heiligkeit“ Gottes ein idealisiertes Abbild der menschlichen „Heiligkeit“ zu erblicken. Die gegensinnige Verwandtschaft von VNp mit tjnp führt auf den Weg Zur Erkenntnis des Sachverhalts: Wie die völlige Hingabe an das Sinnliche, an den Stoff, mit allem was drin lebt und webt, bedeutet, so ist VNp das Gegenteil: die völlige „Freiheit“, die völlige „Losgelöstbeit“ vom Sinnlichen, vom Stoff. Damit sind mit einem Schlage alle Schwierigkeiten gelöst, und alle Konsequenzen in nuce gegeben. Für Gott, den Einzig-einen, ist der Begriff der ntSNIp ein einheitlicher, positiver. Hier heißt Vllp wörtlich: „absolut“ (von absolvere), zu deutsch: „losgelöst“, als reiner Geist erhaben über die Materie, über die Bedingungen ihres Werdens und Vergehens, daher frei, ewig und unsterblich. Für den Menschen, das Doppel wesen, das zwar dem Weltenstoff angehört, in dessen Inneres aber der Schöpfer einen Funken seines Wesens hauchte, gewinnt der Begriff der rittHTp notwendigerweise eine negative und eine positive Nüance. Negativ gefaßt bedeutet nty 11p die Freiheit von der zwingenden Macht der Materie, des Leibes, der Sinnlichkeit (daher vnn □'tsnip — Viin D'BfllD) und die daraus fließende ewige Bereitschaft des sittlichen Wollens zur Vollbringung des Gotteswillens. Positiv Fnl? Wnp) ist's die vollendete Hingabe des über die Sinnlichkeit triumphierenden Gottesfunkens im Menscbeninnern an den ihm wesensverwandien Schöpfer, wie sie hie nie den in den Momenten höchsten sittlichen Vollbringens (siehe den Gegensatz zwischen der negativen n^D und dem positiven tsmp bei min jnD. Jescburun), übiyV aber in der vollendeten Rückkehr des Gottesfunkens sich vollzieht. Der Mensch kann tj^ip werden, kann sich innerlich erheben über seine Sinnen weit, weil Gott tpnp ist, weil Er frei und absolut waltet über dem Stoffe und weil es ja Geist von Seinem Ge ist eist, den Er hineingesenkt in die Menschenbrust. Daher wird gerade bei rps nyip Gott als ttflpb nx: gepriesen und auch in den Psalmen (68,25 und 77,14) Gottes ntSHIp i" Verbindung mit jenem selben Siege des Gottesgeistes über das Naturgesetz am Meere gefeiert, weil die „Absolutheit des Gotteswillens“ (d. i. Losgelöstsein von den Bedingungen des Naturgesetzes) gerade dort epochemachend hervortritt. Daher auch wird es andererseits verständlich, wenn die talmudische Ucberlieferung auch das auf Menschen bezogene tjrnp ohne weiteres mit «unsterblich“ identificiert und im Hinblick auf das Ziel der sittlichen Entwicklung die Worte ausspricht: irvuni |V>jn lütwn mViI □ ■"p D^iy*> Viip no /□^ff'iTa! D"r6 nron bo ib iDtv tcnip ('» prirDD) . □' d " p an yr- „Das Absolute der Sittlichkeit und des Daseins fällt zusammen, weil es aus einer Wurzel stammt.“ Anders gefaßt: In dem Begriffe der nttftTp vereinigt sich die ethische und die metaphysische Würde des Menschen zur höchsten Einheit, der Mensch wird unsterblich — frei, weil er auf dem Wege des sittlichen Handelns auch die letzte Instanz der „Sinnlichkeit“, den Tod, schließlich überwindet; Gott aber kann sich zum höchsten Vorbilde der Sittlichkeit setzen, weil aus ihrer innersten Natur heraus die Gott entstammende, im sittlichen Handeln freigewordene Menschenseele Ihm, ihrem Eigener, dem absolut Freien, entgegenwallt. II. -|VU Die nächstiiegende Beziehung zwischen BOIp und 7)*D ruht in der einfachen Tatsache, daß beide Begriffe unzählige Male im jüdischen Schrifttum von G o 11 ausgesagt werden. Für die vulgäre, vermutlich erst mit dem Erlöschen des lebendigen hebräischen Sprachgefühls entstandene Auffassung, die *pi2 mit „gelobt“ oder „gepriesen“ wiedergiebt, erschöpft sich die Beziehung der beiden Worte damit. Nicht so im Geiste S. R. Hirschs, der schon in den „XIX Briefen“ das Wort konsequent mit „segnen* übersetzt und es S. 23 der 2. Aufl. also definiert: yo heißt segnen, den Verhältnissen eines Andern Gedeihen geben oder anwünschen, m “pa heißt daher Gott segnen, d. h. die Erfüllung seines Willens „gedeihen“ lassen oder ihm Gedeihen „anwünschen“ d. h. seinen Willen erfüllen oder zu solcher Erfüllung Entschluß aussprechen. Daß 1112 in der Tat so wiedergegeben werden muß, hat S. R. Hirsch an anderen Stellen seiner Schriften überzeugend nachgewiesen, und es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die dagegen erhobenen Einwände kritisch zu prüfen. Jedenfalls bildet der Begriff mit Gott als Subjekt und “pa mit Gott als Objekt einen entschiedenen Gegensatz zu trnp. Gott als der „Absolute“, als das unveränderliche Ideal der Sittlichkeit ist keiner irgendwie gearteten Veränderung oder Entwicklung unterworfen, kann überhaupt nicht Objekt menschlichen Tuns werden. Während daher der Ausdruck '.i ttnpo oder ti Dtp trnp nicht eine objektive Erhöhung der „Heiligkeit“ Gottes bedeutet, sondern lediglich die Anerkennung dieser Absolutheit durch Wort (ntpnp .B”ip) oder Tat (Märtyrertod), tritt in eine ganz neue Beziehung des Menschen zii Gott oder wenigstens zum Gotteswillen (da Gott selbst unerkennbar ist) hervor. Dieser Gotteswille will etwas auf Erden, er möchte ein großes Werk, das in der Zeiten Folge sich entwickelt, gedeihen sehen, und eben die bewußte Förderung dieses Gotteswerkes auf Erden, die Mitarbeit an der Realisierung der Gotteszwecke im Kulturprozeß heißt „Gott segnen“. So bildet der Begriff einer geschichtlichen Entwicklung die notwendige Voraussetzung des “pia — Gedankens; nur weil dem freien Spiel der freien Menschenkräfte im geschichtlichen Werden der Jahrtausende hienieden ein Ziel winkt und ein Zweck vorbestimmt ist, weil aus der Summe menschlicher Handlungen manche diesem Zwecke harmonisch dienen, manche ihm entgegenlaufen können, darum vermögen wir durch bewußtes sittliches Vollbringen Gottes Willen, Gottes Werk „Gedeihen zu spenden“, ihn zu segnen. Es ist darum kein Zufall, daß in den „Neunzehn Briefen“ mit ihrer scharfen Frontstellung gegen die Gefühlsethik und deren individuelle „Glückseligkeits- und VoIlkommenheitsMdeale der fundamentale PHp-Begriff vollkommen fehlt und dafür umso kräftiger und häufiger der “piÄ-Gedanke entwickelt wird. Die ganze Tendenz dieser Briefe ist ja darauf gerichtet, geschichtlich zu orientieren, und nichts ist dafür charakteristischer als die Tatsache, daß sogar die Wendung vn*? 2" X21 üb)vb pbn nicht auf die individuelle Seligkeit der zu Gott heimkehrenden Seele, sondern auf jenes xsi obw bezogen wird, das als Endziel der geschichtlichen Entwicklung auf dem Schauplatz der Menschentat hienieden winkt, und das seine äußerste Vollendung in D'nDn rmnn, nicht in PfcJn mxtPi findet. Der T>i2-Gedanke mit seinem durch und durch irdischen Charakter durchdringt unser ganzes jüdisches Leben; selbst im Gottesdienst der Synagoge tritt er als notwendiges Korrelat zu dem Bewußtsein von Gottes wnp und des Menschen nanp-Fähigkeit regelmäßig hinzu und geht mit jenem die mannigfaltigsten, fruchtbarsten Gedankenverbindungen ein. „So heilig, heilig, heilig mszx m auch ist, so bleibt doch die Fülle der ganzen Erde die eigentliche Offenbarung seiner Herrlichkeit“, Und von dieser hieniedigen Stätte seiner Herrlichkeit ist — Engel rufen’s, einer dem andern, zu — des Segens, des endlichen Gedeihens sicher diese Herrlichkeit des rriunn min, des Gottes der Geschichte (icipec rr 1122 “pi2). Es zeugt von dem feinen Empfinden unserer Paitanim, daß in ihren grandiosen Dichtungen, in denen Engelscharen und Menschenchöre im Wettgesange die Offenbarungen des Göttlichen verkünden, regelmäßig jene, die „Geliebten, Lauteren, Starken“ um den Gottesthron, tsnp und wiederum Liip ertönen lassen, diese aber, die „Wackeren, Pflichttreuen, Geraden“ auf Erden mit dem “112-Rufe das Gelöbnis ihrer Lebenstat zum Gottesthron emportragen. Und wenn mit seinem Worte mancher Pflichttreue auf Erden schon Gott gesegnet d. h. Seinen Willen im Kreise der Menschen tatsächlich gefördert oder die Sicherheit dieser Förderung ausgesprochen hat ('1212 ■7121m D’p'iS), so läßt der Gedanke an die überweltliche Hoheit des B>Hp- Ideal; das Wort auf der Zunge ersterben, und nur lief im I n n e r n der Dntnip, tief in der Seele derer, in denen sich zu kampfloser Freiheit der Gottesfunke durchgerungen, erstrahlt in wolkenloser Schöne Gottes ntrnp: 21 p 21 npnr D'ttnip. 48