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Der Israelit · 1908-06-18 · Heft 25 (18.6.1908) · page 64

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 25 (18.6.1908)
Date
1908-06-18
Page
– (sequence 64)
Language
German
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Samson Raphael Hirsch in Holland. Von Justus Tal in Amsterdam. Es ist noch nicht lange her, seit man Rabbiner Hirsch in Holland kennt. Zwar hatte schon 18.37 in den „Israelietische Jaarboeken“ eine lange und ziemlich günstige Rezension der XIX Briefe gesta nden; auf den berühmten Amsterdamer Bücher-Auktionen kamen öfters Choreb und XIX Briefe vor, und 1857 wurde da ein Choreb für M. 5.— gekauft; außerdem soll 1864 einmal einen Augenblick die Rede davon gewesen sein, Rabbiner Hirsch als Oberrabbiner nach Amsterdam zu berufen. Weiter standen im Bücherschränke des Rabbinerseminars einige Jahrgänge des Jeschurun, einige nur, die übrigen fehlten, keiner las etwas darin, höchstens holte dieser oder jeder ein einzelnes Mal einige Ideen heraus, wenn er sie verwenden wollte.und das war alles. Erst in den 80er Jahren änderte sich das Bild. Es waren einige Schüler der Hirsch’sehen Realschule nach Amsterdam gekommen, die in ihrem kleinen Bekanntenkreis einiges über Rabbiner Hirsch’s Arbeiten sprachen und hie und dort auch einiges erreichten. Man fing an sich die Arbeiten anzusehen. Aber an der Pflanzstätte des Holländischen Judentums, dem Seminar, wurden Hirsch’s Arbeiten damals noch mit dem „verdächtigenden Zauberwort“ — wie Dr. Mendel Hirsch es nannte — „unwissenschaftlich“, gekennzeichnet Es ist charakteristisch, daß ein damals noch relativ junger Mann, der dieses angeflogene Urteil sich mit Ueberzeugung zu eigen machte, heute fast alles, was Hirsch geschrieben, treu durchstudiert hat, und daß es augenblicklich keinen Verehrer Hirsch’s in Holland gibt, der mit mehr Begeisterung von ihm und seinen Arbeiten spricht als gerade er. Ja, tempora mutantur et nos mutamur in illis. Denn die Zeiten haben sich geändert. Als im Jahre 1892 der Oberrabbiner Tal seinen Vortrag über Rabbiner Hirsch im Verein Qvn "ppo hielt, da war die Wirkung, die er hervorbrachte, schon ziemlich bedeutend, wenn sich dies auch erst allmählich dem Auge dessen zeigte, der regelmäßig die geistige Physiognomie der Amsterdamer jüdischen Familien beobachten kann. Der Erfolg war, daß der Name und die Schriften Hirsch’s nach und nach in die Gemüter und Häuser eindrangen und mancher auch von den kalten Holländern seine Zuflucht zu Hirsch’s Arbeiten nahm, wenn er junge Gemüter — und auch wohl einmal alte — das Jutentum keni en lehren wollte. Im Jahre 1895 erschien eine Holländische Uetersetzung der XIX Briefe. Es war die Anregung aus diesem Vortrag gekommen; denn als der Redner von den XIX Briefen sprach, hatte er betont, wie bedauerlich es sei, daß sie noch nicht ins Holländische übersetzt seien; viele Holländer lesen kein Deutsch, und gewiß nicht das der XIX Briefe. Sie wurden übersetzt vom jetzigen Rechtsanwalt Dr. Isidore Hen. Neun Jahre später gründeten einige jungen Herren und Damen einen kleinen „Kreis, worin sie sich Vornahmen, zusammen Rabbiner Hirsch-Schriften zu studieren. Sie rannten sich „Rabbiner- Hirsch-Kreis/) Kein Verein, denn einen Vorstand hatte der Kreis nicht und alle zu besprechende Sachen wurden ganz freundschaftlich zusammen abgemacht. Man hat dort zweimal die XIX Briefe im Holländischen gelesen, dann „Aus der Mappe eines wandernden Juden“ in den Ges. Sehr. I, dazu die Holländische Bearbeitung der Kalenderbetrachtungen, in den Ges. Sehr. I; und zum 3. Mal die XIX Briefe, aber in deutscher Sprache. Der Kreis hat diese Kalenderbetrachtungen, für das Holländische Publikum durch einige Mitglieder desselben bearbeitet, herausgegeben, und sie natürlich auch selbst gelesen. Besonders die jüdischen Lehrer haben das Buch viel gebraucht, und das ist doch wenigstens ein Anfang, um die Jugend mit Hirschs Geist zu durchdringen. Der jüdische Literatur-Verein in Rotterdam hat ebenfalls die XIX Briefe gelesen und ihnen drei Wintersemester gewidmet. Danach hat man dort sogar einige Kapitel aus Hirsch’s Pentateuchkommentar behandelt. Auch in dem Vorstädtchen Apeldoorn hat sich vor kurzem ein Rabbiner- Hirsch-Kreis gebildet, der auch mit den XIX Briefen anfängt, dessen Geschichte aber erst beginnt, und dem wir ein herzliches ”p"n zu seinem Eintritt ins Leben zurufen. Vor einigen Jahren hat in Deventer der Lehrer bei seinen Sabbat-Vorträgen regelmäßig Hirsch’s Kommentar zu Grunde gelegt. Doch endeten diese Vorträge mit dem Weggange des betreffenden Lehrers. Viele von den Lehrern im Lande haben aus der Lektüre Hirsch’s reichen geistigen Gewinn gezogen und jetzt kommt auch auf dem Rabbiner- und Lehrer- Seminar Hirsch nach und nach zur größeren Geltung. Viele von den jungen Schülern gehen bei ihm in die Schule und lernen schon, auf dem Wege zu und C'pciE. von ihm sich einen Begriff ihres Judentums bilden. Möge Hirsch immer heimischer unter den holländischen Juden werden und, um mit seinen eigenen Worten zu sprechen *) **) „er ihnen das Juden „tum im Lichtgewande der Bildung und Wissenschaft zeigen, auf daß sie der „Geist durchdringe des ewigen Judentums im Bereiche des „Denkens und Lebens.“ *) Eigentlich „Rabbiner-Hirsch-Gezelschop“. Das deutsche „Gesellschaft“ gibt aber einen ganz anderen Gedanken. **) Aus seinem über Amsterdam geschriebenen, in der Holländischen Zeitschrift „Chorei“ (1888) übersetzten Stück „Aus der Mappe eines wandernden Juden“ III, Ges. Sch. I Seite 443 flg., Jeschurun Jahrg. I Febr. 1855, Seite 270; vielleicht ward nie eine bessere Betrachtung über die Amsterdamer H^np geschrieben. Aphorismen zur Grundlegung der jüdischen Ethik im Geiste Samson Raphael Hirsch’s. Von Jacob Rosenheim in Frankfurt a. M. „Ein Geist! in Allem! von dem Bau der Sprache bis zum Thatenbau des Lebens. — Ein Geist, — angeweht vom Geiste des Alleinen!“ (Neunzehn Briefe.) Wer einen Blick auf die Geistesarbeit Samson Raphael Hirschs wirft, die sich über nahezu sechs Dezennien eines rastlos bewegten inneren Lebens erstreckt, und die in einer kaum zu erschöpfenden Mannigfaltigkeit der schriftstellerischen Formen sich bethätigt hat, der steht vor einer Tatsache vor allem in staunender Ehrfurcht stille: vor der einheitlichen Geschlossenheit dieses geistigen Lebens Werkes. Es ist, als ob in einer gesegneten frühen Jugendstunde sich diesem Genius der Geist des Judentums wie mit einem Zauberschlage offenbart habe, und als ob nun ein ganzes Leben lang es nur noch galt, die tausendfältige Fülle dieser Offenbarung in Begriff und Worte umzusetzen, ihren Widerhall aber herauszuhorchen aus Sprache und Schrift, aus Geschichte und Leben des Judentums. Dieser merkwürdigen Tatsache allein ist es zu verdanken, daß es S. R. Hirsch, trotzdem er kein „System des Judentums“, keine jüdische Dogmatik und keine jüdische Methaphysik, keine jüdische Ethik und keine jüdische Pädagogik geschaffen, dennoch gelang, durch ein langes Leben hindurch als Commentator wie als Zeitungsschreiber, in Broschüren und Schulprogrammen, Predigten und wissenschaftlichen Abhandlungen einem großen Organismus lebendigen Geistes das Dasein zu geben, der durch das Ineinandergreifen seiner Teile, durch die gewaltige Pragmatik seines ganzen Aufbaus für seine eigene innere Wahrheit überwältigendes Zeugnis ablegt. Mir will es scheinen, als ob die Art, in der S. R. Hirsch schon in früher Jugend der hebräischen Sprache gegenübertrat, den Schlüssel bilde zum Verständnis dieser einzig dastehenden, durch ein ganzes Leben reichenden Einheit geistigen Schaffens. Die heilige Sprache bildete das geistige Fluidum, das auf des großen Denkers empfängliches Gemüt wie der „Geist Gottes über den Wassern“ wirkte; aus der Berührung mit der Sprache strömten ihm die Begriffe jüdischer Gotteswahrheit zu, und an dieser Sprache, die ja im täglichen Gebet, beim Lernen und Lehren zum Ohr des Jünglings wie des Mannes in denselben Lauten und Akzenten redete, an dieser Sprache entwickelten sich ihm tausend lebenskräftige Gedankenkeime, die vor dem ernsten Blick des Wahrheitssuchers dann in organischem Wachstum auf jedem Blatte des T’nach, aut jedem Blatte der mündlichen Lehre zu prangender Herrlichkeit sich entfalteten. An dieser Fruchtbarkeit der Sprach-Anschauung bei S. R. Hirsch hat viel weniger die etymologische Betrachtung der äußeren Form der Sprachwurzeln Anteil, als die tiefeindringende vergleichende Untersuchung des Wortbegriffs, und es fällt dabei in den meisten Fällenden herangezogenen lautlich verwandten Wortwurzeln viel mehr die Rolle eines Gedanken anregenden Agens als die einer maßgebenden Erkenntnisquelle zu. Erkenntnisqueile ist der Begriff des Wortes, der, aus seiner Anwendung im Gotieswort ermittelt, durch scharfe Definition in seinem Kerne herausgeschält wird und infolgedessen mit allen seinen Nuancierungen weiterverfolgt werden kann. Unzählig sind die Stellen im in denen diese tiefe Erfassung des Wortbegriffs allein den Zusammenhang zu erschließen vermag, unzählig die Gedankenverbindungen, in denen durch diese Spracherfassung das Bibelwort vom Gerümpel jahrhundertelang bewahrter Uebersetzungs - Trivialitäten befreit, und der sprudelnde Quell Leben weckender göttlicher Wahrheit wie mit dem Mosisstab hervorgelockt wird. Diese Tatsache, für die jedem Kenner Samson Raphael Hirschs die Belege zur Hartd sind, möge es rechtfertigen, wenn im Folgenden der Versuch gemacht wird, an der Hand zweier von S. R. Hirsch vielfach durchforschter Wortbegriffe die Grundideen der jüdischen Ethik zu entwickeln, wenn dann ferner unter Hinzuziehung eines dritten Begriffs die Behauptung gewagt wird, daß diese drei Begriffe in ihrem Beziehungsreichtum die tragfähige Grundlage einer systematischen jüdischen Ethik bilden Es wird sich ergeben, daß diese drei Begriffe in ihrer Zusammengehörigkeit von der Ueberlieferung bereits als Grundlage der Ethik erkannt worden sind, und daß eine auf ihnen sich erhebende ethische Lehre eine Synthese der in den Strömungen der modern-wissenschaftlichen Ethik herrschenden, zumeist einseitigen Prinzipien darstellen würde. I. vnp Die deutschen Worte „heilig“, „Heiligkeit“, Heiligtum“ lösen bei demjenigen, der sie denkt oder hört, im allgemeinen lediglich ein unbestimmtes Empfinden aus, ohne daß sich damit ein umgrenzter, verstandesmäßig bestimmter Begriff verbände. Ob das in der abschleifenden Wirkung des 47

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